Unschärfe in der Kunst

Am Beispiel von Gerhard Richters Oktober-Zyklus


Bachelorarbeit, 2013
20 Seiten, Note: 5.5 Schweiz / 1.5 Deutschland
S. Müller (Autor)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Vorwort

2 Unschärfe in der Kunst
2.1 Anfänge der Unschärfe in der Malerei und Bildhauerei
2.2 Anfänge der Unschärfe in der Fotografie

3 Gerhard Richters unscharfe Malerei
3.1 Gerhard Richter und die Rote-Armee-Fraktion
3.2UnschärfeimOktober-Zyklus

4 BiographieundWerkübersichtvonGerhardRichter

5 Schlusswort

6 Literaturverzeichnis

Bildverzeichnis

VORWORT

In meiner Arbeit befasse ich mich mit der Unschärfe in der Kunst. Mein Hauptinteresse gilt den unscharf wirkenden Werken von einem der bekanntesten und bedeutendsten lebenden Künstler, dem Deutschen Gerhard Richter. Ich beschränke mich aufseine Arbeit „18. Oktober 1977“, welche er 1988 fertigte. Dieses Oeuvre umfasst 15 Gemälde, welche sich alle um die linksradikale terroristische Rote-Armee-Fraktion drehen.

Ziel meiner Arbeit ist, die Unschärfe in Gerhard Richters Oktober-Zyklus zu untersuchen und aufzuzeigen, weshalb gerade bei diesen Gemälden die Verwischungen thematisch besonders aufschlussreich sind. Zitate von Gerhard Richter und Kunstkritikern sollen die Thematik aus verschiedenen Perspektiven be­leuchten. Weiter soll die Arbeit, beginnend den Anfängen der Unschärfe in der Kunst und abschliessend mit Gerhard Richters Biographie, ein Gesamtverständnis zum gewählten Thema vermitteln.

Ein gemaltes oder gezeichnetes Bild als unscharf zu bezeichnen fällt uns schwer, da der Terminus der Schärfe, beziehungsweise der Unschärfe, zweifellos aus der Fotografie stammt. Aufgetragene Farbe kann weder scharf noch unscharf sein, dennoch wird in der Literatur Schärfe zum Beschreiben von Gemälden angewendet und meint klar abgetrennte Konturen. Bei unscharfen Werken werden Konturen zu Gunsten des Gesamteindrucks vernachlässigt oder gänzlich aufgelöst.[1] 1972 äussert Gerhard Richter in einem Interview diesbezüglich:

„Bilder sind also etwas anderes, sie sind z.B. nie unscharf. Das, was wir hier als Unschärfe ansehen, ist Un­genauigkeit, und das heisst Anderssein im Vergleich zum dargestellten Gegenstand. Aber da Bilder nicht gemacht werden, um sie mit der Realität zu vergleichen, können sie nicht unscharf sein oder ungenau oder anders (anders als was?). Wie sollte z.B. Farbe aufLeinwand unscharf sein können?“2

2 UNSCHARFE IN DER KUNST

Seit einigen Jahren fällt mir auf, dass immer mehr Bilder unscharf sind. Von Kunstfotografie über Bildjour­nalismus bis hin zur Werbung sind unscharfe Bilder weit verbreitet. Teilweise ist kaum etwas zu erken­nen und dennoch interessieren wir uns für diese Art der Bilder.3 Dr. Christoph Vögele, Konservator vom Kunsthaus Solothurn, bringt die Vielfältigkeit und Wechselbezüge der zeitgenössischen Unschärfe auf den Punkt:

„Die Fotografie erinnert an Malerei, die Malerei bedient sich fotografischer Vorlagen, Fotografie und Malerei suggerieren filmische Bewegungen. Die Unschärfe ist darum nicht ein Einzelphänomen, als Tendenz finden wir sie auch in der visuellen Angleichung unterschiedlicher Medien.“4

2.1 ANFANGE DER UNSCHARFE IN DER MALEREI UND BILDHAUEREI

Die Unschärfe erscheint mir aktuell wie ein Trend, ihre Entstehungsgeschichte reicht jedoch zurück bis in die Renaissance. Unscharf wirkende Gemälde finden sich bereits bei Leonardo da Vincis (1452-1519) rauchigem Malstil. „Sein sfumato (ital.verraucht) folgt keinem ästhetischen Prinzip, die Malweise gehorcht der Sichtweise.“5 Bereits bei da Vinci erkennt man, dass die Unschärfe mit genauster Beobachtung der Umwelt einhergeht.

Ende 18. Jahrhundert lebten verschiedene Künstler wie etwa David Caspar Friedrich (1774-1840), Carl Blechen (1798-1840), Wiliam Turner (1775-1851) oder John Constable (1776-1837), welche sich in­tensiv mit Himmel, Wolken und Horizont malerisch auseinandersetzten. Diese Motive wurden gewählt, weil sie thematisch der Weltanschauung der Ro­mantik entsprachen. Hier diente die Unschärfe als Zeichen der Unmöglichkeit die wandelnde Natur und die Komplexität der Welt in einem Bild auszu- drücken. So kommt es, dass verschiedene Ansich­ten und Momente in einem Bild verewigt wurden. Das romantische Verlangen nach Ferne, Wandel, Unerreichbarkeit und Unendlichkeit fand in dieser unscharfen Art der Landschaftsmalerei Ausdruck. Nach Adam Müller, der 1808 „Etwas über Land­schaftsmalerei“ veröffentlichte, fand die Land­schaftsmalerei solchen Anklang, da die Unschärfe am Horizont der menschlichen begrenzten Sehkraft entspreche und sich somit der Betrachter im Bild aufgehoben fühle. Weiter gäbe es keine Ablenkung vom Wesentlichen durch scharfe Details.

Der Impressionismus stellte ein weiterer bedeutender Anhaltspunkt in der Geschichte der Unschärfe dar. Das Interesse an Licht und Luft, sowie für Bewegtes und Flüchtiges, sorgte für einen bewegten, unscharf­wirkenden Duktus. An die Stelle von Konturen traten die sogenannten „taches“, Farbflecken. Hier ent­stand die Unschärfe nicht nur über den Malduktus, sondern auch über eine gewisse Abstraktion des Beobachteten. Der Betrachter wurde somit eingeladen die Ungenauigkeit als eigenen Interpretationsraum zu nutzen.

Pointillisten, wie Georges Seurat (1859-1891) und Paul Signac (1863-1935) trieben diese Malweise auf die Spitze und komponierten Gemälde aus vie­len kleinen Punkten. Diese detaillierte und differen­zierte Art des Bildaufbaus provoziert eine unscharfe Wirkung. Bis anhin wurde die unscharfe Malweise auf Motive wie Natur und Landschaft angewendet, erst Seurat scheute sich nicht davor auch Men­schen so darzustellen.[6]

Alberto Giacometti (1901-1966) kann als nächstes Paradebeispiel für unscharf wirkende Zeichnung und Malerei genannt werden. Seine suchenden Striche versinnbildlichten die Schwierigkeit das Gegenüber „visuell und emotional“[7] zu erfassen. Seine Zeichnungen verfügten nie über eine „richtige“ statische Linie, sondern über vibrierende Strichbündel, die eine einzigartig lebhafte Wirklichkeitsabildung schufen.[8]

Dem italienisch-französischen Bildhauer Meda- ro Rosso (1858-1928) gelang es sogar unscharfe Skulpturen aus Wachs zu kreieren, bei welchen die atmosphärische Wirkung wichtiger als die „räum- lichen-taktilen“[9] Aspekte wurden. Markus Raetz (*1941) fertigte 1992 eine „unscharfe“ Plastik. Das Spiel mit verschiedenen Kopfansichten in einer Skulptur lässt diese unscharf wirken. Schlieren rund um den Kopf, die durch Drehung entstanden sein könnten, erinnern an Bänder, die Augen, Ohren und Mund abdecken. Versinnbildlicht wird so unse­re ungenaue Wahrnehmung.[10]

2.2 ANFÄNGE DER UNSCHÄRFE IN DER FOTOGRAFIE

Fotografie im Zusammenhang mit Schärfe und Unschärfe sind Themen, die seit ihrem Beginn für Diskus­sionsmaterial sorgten. Bereits 20 Jahre nach der Erfindung der Fotografe gab es Ansätze, bei welchen die Schärfe in Frage gestellt wurde. Der Fotograf Alfred H. Wall kritisierte 1859 in einem Vortrag das Ver­nachlässigen von malerisch-atmosphärischen Wirkungen in scharfen Fotografen. Kurz darauf äusserte sich der Fotograf Wiliam J.Newton ebenfalls negativ über die Schärfe und empfahl, scharfe Ränder und plötzliche Begrenzungen zu vermeiden, weil diese das Bild einheits- und wirkungslos gestalten würden. Die Haltung gegen das genau Abgebildete konnte man als Konter gegen die immer wichtiger werdende Naturwissenschaft ansehen. Mehr Detail wurde mit mehr Wahrheit konnotiert. Trotz dieser Stimmen er­schienen um 1865 fotografische Fachzeitschriften, welche laufend Tipps verrieten, wie man Unschärfe vermeiden konnte. Schärfe galt sogar als Bedingung für eine gelungene Landschaftsfotografe. Gleich­zeitig gab es inzwischen eine Vielfalt an technischen Mitteln um Unschärfe zu erzeugen. Sammellinsen, Lochkameras mit grossen oder kleinen Blenden oder gespannter Stoff als Filter vor der Linse, liessen frei­es Experimentieren zu. Aufgrund dieser Verfahren wurde bald den meisten klar, dass ein gutes Foto nicht zwingend scharf sein musste.[11]

Der Symbolismus fand grosses Interesse an un­scharfen fotografischen Abzügen. Meist Frauen, aber auch Räume und Landschaften wurden ger­ne geheimnisvoll angedeutet. Die Betrachter waren fasziniert durch mystische Stimmungen und davon überzeugt, dass so immaterielle Phänomene, wie Energiefelder, Schwingungen und sogar Geister sichtbar gemacht werden konnten.[12]

Zusammenfassend kann ich feststellen, dass sich all diese Künstler mit Wahrnehmungsfragen und ausei­nandergesetzt haben und dadurch zu auflösenden Darstellungen gekommen sind. Unschärfe repräsentiert auch die Kritik an starrer Wirklichkeitsdarstellung. Beim Recherchieren zu diesem Thema fällt mir auf, dass Unschärfe von Anfang an polarisiert. Während sie für die Einen spannende Interpretationsräume öffnet, wird sie von den Andern negativ bewertet, wie etwa vom deutschen Schriftsteller Thomas Mann, der 1954 die Unschärfe „als Masche- und billigste Art von Magie“13 kommentiert. Der französische Kunsthistoriker Robert de laSizeranne warein Befürworter von unscharfen Darstellungen und äusserte Ende 19. Jahrhun­derts diesbezüglich: „Das Unbestimmte ist der Weg zum Unendlichen.14

3. GERHARD RICHTERS UNSCHARFE MALEREI

3.1 GERHARD RICHTER UND DIE ROTE-ARMEE-FRAKTION

Gerhard Richter wuchs in einer besonders schwierigen Zeit auf, ein Jahr nach seiner Geburt ergriff Hitler die Macht. Seine Mutter war kultiviert und interessierte sich für Musik und Literatur. Zu seinem Vater, Horst Richter, hatte Gerhard ein distanziertes Verhältnis. Er wurde als unzugänglicher Beamte der Nationalsozi­alistischen Partei beschrieben. Horst Richter kämpfte an der Ost- und Westfront, nach dem Krieg fand er den Weg in das vorherige Leben nicht mehr zurück und begann Suizid. Richters Onkel fiel an der Front, seine Tante wurde Opfer der Nationalsozialistischen Sterbehilfe, sein Schwiegervater war in der SS. Fotos von diesen Schicksalen sammelte Richter in seinen Fotoalben und dienten später als Malvorlage.[15] Richter schien über das Malen eine Art der Verarbeitung gefunden zu haben, was sich auch auf die RAF Bilder übertragen lässt. Von den Schicksalen der RAF-Extremisten war Richter emotional stark ergriffen.

„Es (was aus den Oktober-Bilder spricht) ist Trauer, aber ich hoffe, man sieht, dass es Trauer um Menschen ist, die so jung gestorben sind, für nichts. Ich respektiere sie, auch ihre Wünsche und die Kraft ihrer Wün­sche. Weil sie versucht haben, etwas gegen die Dummheit der Welt zu tun.“[16]

Die Rote-Armee-Fraktion (RAF), auch Baader-Meinhof-Gruppe genannt, wurde 1970 in der Deutschen Bundesrepublik von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler, Ulrike Meinhof und weiteren Perso­nen ins Leben gerufen. Sie war eine selbsternannte terroristische, linksextremistische Vereinigung, welche insgesamt für 34 Morde, zahlreiche Entführungen, Sprengstoffattentate und Banküberfälle verantwortlich war. Die Vereinigung kämpfte gegen die damaligen Staatsstrukturen der Bundesrepublik Deutschland. Am 18. Oktober 1977 wurden die Anführerder RAF tot in ihren Gefängniszellen gefunden. Richters Serie, auch genannt „Oktober-Zyklus“, umfasst 15 Bilder mit dem Titel „18. Oktober 1977“. Er malte diese zehn Jahre nach dem entsprechenden Vorfall. Abgebildet sind die Toten RAF- Extremisten, ein Jungbildnis von Ulrike Meinhof, Gegenüberstellungen von Gudrun Ensslin, eine Zelle, ein Plattenspieler, zwei Festnahmen und ein Begräbnis. Als Vorlage dienten Richter Polizei- und Pressefotos der Portraitierten.[17]

[...]


[1] Vergl. Ullrich, Wolfgang: Die Geschichte der Unschärfe. 2002, S. 27

[2] Gerhard Richter, zitiert in: Hermsdorf, Daniel: Fotografe in der Malerei von Gerhard Richter. 2002, S.8 1

[3] Vergl. Ullrich, Wolfgang. 2002, Vorwort

[4] Vögele, Christoph: Die Schärfe der Unschärfe. 1998, Vorwort

[5] Ullrich, Wolfgang. 2002, S.8 2

[6] Vergl. Ullrich, Wolfgang. 2002, S. 9-13

[7] Vögele, Christoph.1998, S. 12

[8] Vergl. Vögele, Christoph.1998, S. 12

[9] Ullrich, Wolfgang. 2002, S. 32

[10] Vergl. Vögele, Christoph.1998, S. 14

[11] Vergl. Ullrich, Wolfgang. 2002, S. 22-27

[12] Vergl. Ullrich, Wolfgang. 2002, S. 36

[13] Thomas Mann, zitiert in: Ullrich, Wolfgang. 2002, S. 30

[14] Robert de la Sizeranne, zitiert: in Ullrich, Wolfgang. 2002, S. 39

[15] Vergl. Verhagen, Erik: Gerhard Richter. Gerhard Richters Familienbilder: Eine Ausnahme im Medienfeld. In: Elger, Dietmar (Hrsg.): Köln: Walther König 2011, S. 12-20

[16] Gerhard Richter im Interview mit Gregorio Magnani 1989, zitiert auf: http://www.gerhard-richter.com/quo tes/motive-2/18-oktober-1977-baader-meinhof-11 (18.02.2013)

[17] Vergl. Danchev, Alex: Gerhard Richter. Der Künstler und der Terrorist. In: Elger, Dietmar (Hrsg.): Köln: Walther König 2011, S. 53-55

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Unschärfe in der Kunst
Untertitel
Am Beispiel von Gerhard Richters Oktober-Zyklus
Hochschule
Fachhochschule Nordwestschweiz  (Lehrberufe für Gestaltung und Kunst)
Note
5.5 Schweiz / 1.5 Deutschland
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V265123
ISBN (eBook)
9783656546108
ISBN (Buch)
9783656547006
Dateigröße
3532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
unschärfe, kunst, beispiel, gerhard, richters, oktober-zyklus
Arbeit zitieren
S. Müller (Autor), 2013, Unschärfe in der Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265123

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