Familien gelten bei Soziologen wie Politikern, als eine der grundlegenden sozialen Einrichtungen der Gesellschaft, die in dieser vielfältige Funktionen erfüllen und wichtige Leistungen für die Gesamtgesellschaft erbringen. Dies gilt mit Blick auf die modernen Gesellschaften ebenso, wie für die nicht-modernen. Etliche soziale Verbände, die für verschiedenste Gesellschaften wesentlich sind, wie Stämme, Clans oder chiefdoms (Häuptlingstum) bilde(te)n sich häufig durch Rückgriff auf familiäre Kriterien. Allzu gern wurde in der Vergangenheit innerhalb der Familiensoziologie die Familie als Urinstitutionen bezeichnet. Der (Kern-)Familie haftete in der theoretischen Diskussion lange Zeit etwas Universales an. Über diese Universalität der Kernfamilie lässt es sich unter Soziologen ausgiebig streiten (Vgl. Hill/Kopp 2013), jedoch über die (enorme) gesellschaftliche Verbreitung der Institution Ehe und Familie, deren mannigfachen Auftretungsformen und der zentralen Rolle bei der Entwicklung menschlicher Gesellschaften scheint ein gewisser Konsens zu herrschen. Betrachtet man die Entwicklung der Institution Familie im Längsschnitt, angefangen bei den steinzeitlichen Jägern und Sammlern, den sesshaften Garten- und Ackerbaugesellschaften, bis hin zu den Familien der industrialisierten Welt von heute, scheint aus soziologischer wie historischer Perspektive ein Bruch der Familienform vom 18. zum 19. Jahrhundert erkennbar zu sein. Zumindest vermittelt dies ein Großteil der Literatur (Münch 1998, Sieder 1987, Hondrich 1982, Mitterauer 1992, et al.). Um diesen Bruch erkennen und bewerten zu können, muss zunächst geklärt werden, wie die Institution Familie sich zuvor und in Folge dieser angeblichen Veränderung zusammensetzte. Eine Untersuchung, bzw. Gegenüberstellung der Familienstrukturen bis zum Ausgang des 18.
Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird zum einen das, von Historikern und Soziologen präferierte Bild der vorindustriellen Familie wenn nicht revidieren so aber zumindest relativieren. Zum andern gibt die Betrachtung der Familienkonstellationen, im Kontext der gesellschaftlichen Machtordnung der frühen Neuzeit, Einblick in den ökonomischen wie sozialen Kern der frühneuzeitlichen Alltags- und Lebenswelt. Dies dürfte zugleich auch wesentlicher Bestandteil der Nachforschung in dieser Arbeit ausmachen, die nach der Paradigma-Funktion der frühneuzeitlichen Familienhierarchien für die (Macht-) Ordnung der ständischen Gesellschaft jener Zeit fragt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Familie, das neue „Haus“
2.1 Das frühneuzeitliche Haus
2.2 Das „Ganze Haus“
2.3 „Hausväterliteratur“
2.4 Markteinbindung des „ganzen Hauses“
3 Die „Heilige Ordnung“ der Männer (?) - Patriarchalische Hierarchie
3.1 Zusammensetzung und Größe der Hausgemeinschaft
3.2 Die „Hausherrschaft“ – eine Patriarchalische Hierarchie
4 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das frühneuzeitliche Konzept des „ganzen Hauses“ unter Berücksichtigung soziologischer und historischer Perspektiven, um die dort herrschenden Familienstrukturen und Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen und den Wandel der Institution Familie einzuordnen.
- Historische Einordnung des Konzepts „ganzes Haus“
- Empirische Analyse der frühneuzeitlichen Hausgemeinschaft
- Untersuchung der patriarchalischen Herrschaftsstrukturen
- Kritische Betrachtung der ökonomischen Marktverflechtungen
- Vergleich zwischen theoretischem Ideal und gelebter Realität
Auszug aus dem Buch
2.1 Das frühneuzeitliche Haus
Aus seinem soziokulturellen Kontext heraus versteht der Mensch des 20. und 21. Jahrhunderts unter dem Begriff Haus, zunächst das materielle Konstrukt, das auch heute in seiner einfachsten Form aus vier Wänden, einem Dach darüber, Fenstern und Türen besteht. Durch die „Brille“ eines Zeitgenossen der Frühen Neuzeit betrachtet, bedeutet das gezimmerte bzw. gemauerte Haus, wie auch heute, Schutz vor Kälte, Nässe und äußerer Gewalt. Zwar erkennt auch der „moderne Brillenträger“ die Wohnstätte hinter dem Begriff Haus, was aber für seine Augen befremdlich erscheinen mag, jedoch bis ins 18. Jahrhundert „gang und gäbe“ war, ist die simultane Funktion des Hauses als Arbeitsstätte. Ein bäuerliches Haus umfasst die Stallungen samt den darin lebendem Vieh; und was dem Bauern Vieh und Stall, ist dem Handwerker die Werkstatt und Arbeitsgeräte. Die Häuser der Kaufläute enthielten zugleich Laden, Speicher und Warenlager und auch bei den Adligen umfasst das Haus immer auch Wirtschaftsgebäude. Diese Verbindung von Wohn- und Arbeitsstätte unter einem Dach ist jedoch kein einmaliges oder neues Phänomen der Frühen Neuzeit, sondern besteht schon seit der Antike.
Der „Oikos“, die Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft im antiken Griechenland und dessen Lehre, die sogenannte Ökonomik, umfassen nach Otto Brunner „die Gesamtheit der menschlichen Beziehungen und Tätigkeiten im Hause, das Verhältnis von Mann und Frau, Eltern und Kindern, Hausherrn und Gesinde (Sklaven) und die Erfüllung der in Haus- und Landwirtschaft gestellten Aufgaben.“ An dieser Stelle wird klar, dass das „Haus“ mehr als nur die Gemeinschaft aller unter einem Dach zusammenlebender Menschen, die (Nutz-) Tiere, Arbeitsgeräte und das Gebäude in dem sich die Interaktion abspielt, sein muss. Das soziologische Konzept „Haus“ oder des „ganzen Hauses“ deckt auch die (Wechsel-) Beziehungen und (Macht-) Verhältnisse der einzelnen Mitglieder untereinander, inklusive aller zugehöriger Regeln und Normen ab.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der Familie als soziale Einrichtung ein und thematisiert den historischen Bruch der Familienform zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert.
2 Familie, das neue „Haus“: Dieses Kapitel erläutert den Begriff des „ganzen Hauses“ als frühneuzeitliches Konstrukt, das Lebens- und Produktionsgemeinschaft vereint.
2.1 Das frühneuzeitliche Haus: Hier wird das Haus als materielle Wohnstätte und simultane Arbeitsstätte im Kontext der frühneuzeitlichen Lebenswelt beschrieben.
2.2 Das „Ganze Haus“: Das Kapitel diskutiert das Leitmotiv des „ganzen Hauses“ in der Forschung, insbesondere unter Rückgriff auf die Vorstellungen von Otto Brunner und Wilhelm Heinrich Riehl.
2.3 „Hausväterliteratur“: Es wird die Rolle der „Hausväterliteratur“ als ideologischer Ratgeber für Haushaltsführung und patriarchale Ordnung analysiert.
2.4 Markteinbindung des „ganzen Hauses“: Dieses Kapitel untersucht die wirtschaftliche Vernetzung des Hauses und kritisiert das Ideal der autarken Einheit durch aufkommende Marktstrukturen.
3 Die „Heilige Ordnung“ der Männer (?) - Patriarchalische Hierarchie: Das Kapitel beleuchtet die hierarchische Struktur und das Machtgefüge innerhalb der frühneuzeitlichen Hausgemeinschaft.
3.1 Zusammensetzung und Größe der Hausgemeinschaft: Es wird dargelegt, dass in der Frühen Neuzeit primär die „Kernfamilie“ vorherrschte und die ländliche Großfamilie als Mythos zu betrachten ist.
3.2 Die „Hausherrschaft“ – eine Patriarchalische Hierarchie: Hier wird die Rolle des „Hausvaters“ als legitimierte Herrschaftsfigur innerhalb der göttlichen Ordnung diskutiert.
4 Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse zusammen und relativiert das Bild des autarken „ganzen Hauses“ sowie die absolute Natur der patriarchalen Machtstellung.
Schlüsselwörter
Ganzes Haus, Frühe Neuzeit, Familie, Hausvater, Hausgemeinschaft, Patriarchat, Sozialgeschichte, Ökonomik, Hausväterliteratur, Kernfamilie, Marktverflechtung, Familiensoziologie, Herrschaftsstruktur, Lebensgemeinschaft, Produktionsgemeinschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das soziologische und historische Konzept des „ganzen Hauses“ in der Frühen Neuzeit und hinterfragt die traditionellen Vorstellungen von Familienstrukturen und Machtverhältnissen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Zusammensetzung der Hausgemeinschaft, die wirtschaftliche Verflechtung der Haushalte, die „Hausväterliteratur“ und die patriarchalische Hierarchie als gesellschaftliches Ordnungsprinzip.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das durch Historiker wie Otto Brunner geprägte Idealbild des „ganzen Hauses“ durch empirische Erkenntnisse zu relativieren und ein differenzierteres Bild der frühneuzeitlichen Lebenswelt zu zeichnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine historisch-sozialwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die zeitgenössische Quellen, statistische Daten und moderne Sekundärliteratur vergleichend auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Definition des „ganzen Hauses“, der Rolle des Gesindes, der Marktintegration agrarischer Haushalte und der patriarchalen Autorität des Hausvaters.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind „Ganzes Haus“, Patriarchat, Kernfamilie, Ökonomik, Sozialgeschichte und Hausvater.
Warum wird die Vorstellung der ländlichen Großfamilie als Mythos bezeichnet?
Empirische Auswertungen, etwa von „Seelenregistern“, zeigen, dass bereits in der Frühen Neuzeit meist die Kernfamilie das Zentrum bildete und die „Großfamilie“ kein historisch belegter Standard war.
Inwiefern war das „ganze Haus“ tatsächlich autark?
Das Ideal der Autarkie wird durch Forschungsergebnisse widerlegt, da Haushalte in der Frühen Neuzeit bereits in komplexe Marktbeziehungen eingebunden waren und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit stark variierte.
- Arbeit zitieren
- Johannes Stekeler (Autor:in), 2013, Das Konzept "Ganzes Haus". Zur paradigmatischen Funktion der Herrschaftsverhältnisse im frühneuzeitlichen „Haus“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265126