Freier Wille und Verhalten ändern


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2011

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Freier Wille und Verhalten ändern

In einem Interview antwortete der bekannte Hirnforscher Wolf Singer auf die Frage ob die Neurowissenschaften das menschliche Selbstbewusstsein und die Menschenwürde kränke: „Wenn man den Himmel leer fegt von lenkenden Göttern, dann nimmt natürlich das Gefühl der Geworfenheit stark zu.“ (Roth & Grün, 2006). In der Tat schlägt einem eine Welle der Kritik und Empörung entgegen, wenn man anfängt die Menschen zu desillusionieren.

Von einem neurobiologischen Standpunkt aus gesprochen, ist der freie Wille – nach strenger Auslegung – eine Illusion. Daran gibt es nach Meinung zahlreicher Hirnforscher (vgl. Roth, 2003) fast keinen Zweifel mehr. Allerdings erscheint es noch zu früh, die Forschungsergebnisse zum Thema Gehirn und Verhalten als ein in Stein gemeißeltes Wissen zu präsentieren. Auch hier tut die scientific community gut daran von Hypothesen zu sprechen, die einer einwandfreien experimentell-methodischen Untersuchung standhalten müssen. Für eine Kritik an dem hier angedeuteten Libet-Experiment und den Folgeexperimenten sei auf die Werke von Tretter und Grünhut (2010) und Schockenhoff (2004) verwiesen. Problemtisch erscheint auch, das neue Menschenbild des homo neurobiologicus etablieren zu wollen, ohne absolute sichere Evidenzen dafür zu liefern. Vorläufig möge es doch ratsamer sein, den Menschen als bio-psycho-soziales Wesen anzusehen. Es muss jedoch klar sein, dass die Basis allen Verhaltens die Neuronen bzw. deren Verschaltungen sind. Ich werde später auf die Problemstellungen und Implikationen der Willensdiskussion näher eingehen. Ein vorbildhafter Überblick zu dieser Debatte aus der Sicht verschiedenster Wissenschaftsexperten bietet der Band von Geyer (2004). Doch zunächst werden wir uns mit den Begriffen wie frei respektive Freiheit, Wille und gewohntes Verhalten auseinandersetzen, bevor ich jene Diskussion zur Willensfreiheit aufgreife. Im Anschluss sollen exemplarisch empirisch abgesicherte Modelle aufgezeigt werden, die eine Verhaltensänderung implizieren. Hierbei ist (a) zu untersuchen, inwieweit der (un-)freie Wille eine Rolle spielt und (b) ist die Frage zu beantworten, was ein gewohntes Verhalten festigt und durch welche Mechanismen es zu verändern ist. Zum Schluss erfolgt ein kurzes Resümee der dargelegten Erkenntnisse.

Begriffsbestimmungen

Wenn wir im Folgenden mit den Begriffen wie frei respektive Freiheit und Wille operieren, so unterliegt ihnen keineswegs ein binärer Code im Sinne von gibt es / gibt es nicht. Ein differenziertes Sprachverständnis muss hier gefordert sein, das Abstand nimmt von Totalbegriffen und einem irreführenden Idealismus. Obgleich es nicht in meiner Macht steht lupenreine Definitionen zu liefern, so soll in dieser Arbeit dennoch ein Vorschlag gemacht werden, der für weitergehende Diskussionen geeignet erscheint.

Zunächst: was ist denn überhaupt der Wille? Eine wie auch immer vorhandene Entität? Ein wissenschaftliches Konstrukt? Oder doch ein unentdecktes Zentrum im Gehirn? Überdies: wen oder was sollen wir hier zu Rate ziehen? Die Metaphysik sicherlich nicht. Sie erweist sich in der heutigen modernen und (hoffentlich) aufgeklärten Welt als obsolet und unbrauchbar. Dann lieber doch die Naturwissenschaften, deren meisten Anhänger die Geschehnisse in der Natur als deterministisch beschreiben würden. Ein absolut gültiges Kausalgesetz vermag aber auch nicht den Willen zu erklären. Ganz im Gegenteil, wie Roth (2003) erkennt: „Eine Willensfreiheit, die eine Wirkung auf Handlungen hat, selbst aber nicht verursacht ist, kann es dann per definitionem nicht geben.“ Die strenge Auslegung des Determinismus muss aber nach derzeitigem Kenntnisstand in Zweifel gezogen werden.

Richten wir unseren Blick also auf die Definition von Wille, wie es Tretter und Grünhut (2010) vorschlagen. Unter Wille verstehen die Autoren ein abwägendes Entscheiden, das auf einem bewussten Reflexionsprozess basiert und somit die Handlung letztendlich initiiert. Zudem sind Zielsetzung und Zielstreben ebenfalls dem Willen zu zuschreiben. Wie diese Prozesse jedoch entstehen wird von den Autoren nicht thematisiert. Um auf das scheinbare Paradoxon des freien Willens zu rekurrieren, sei nochmals auf Tretter und Grünhut (2010) zu verweisen, die ein sog. hybrides Konzept als Ausweg aus dem Dilemma vorsehen. Konkret ist darunter zu verstehen, dass sowohl der Zufall als Wirkgröße als auch die strikte Determination das Bedingungsgefüge von Ereignissen charakterisieren. Das Resultat wäre ein stochastischer Determinismus. Mit anderen Worten ein bedingt freier Wille, der der Wahrscheinlichkeit unterworfen ist. Alternativ könnte man auch von einem chaotischen Willen sprechen, der zwar im Rahmen der Persönlichkeit determiniert ist, aber bezogen auf das Verhalten nahezu unvorhersehbar bleibt. Aufgrund der hohen Komplexität kann in dieser Arbeit nicht weiter auf die Chaostheorie eingegangen werden. An dieser Stelle sei auf Roth (2003) verwiesen, der sich im Kontext von Willensfreiheit und Determinismus näher mit dieser Problematik befasst.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Freier Wille und Verhalten ändern
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V265167
ISBN (eBook)
9783656550426
ISBN (Buch)
9783656547570
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
freier, wille, verhalten
Arbeit zitieren
Sascha Schmid (Autor), 2011, Freier Wille und Verhalten ändern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265167

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