Sabina Becker "Literarische Voraussetzungen" [für den Bürgerlichen Realismus]

Bewertung des Forschungsbeitrags


Seminararbeit, 2013
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literarische Voraussetzungen [für den Bürgerlichen Realismus]
2.1. Die Kritik des Jungen Deutschland (1839-1840) und des Vormärz (1840-1848)
2.2. Die Rezeption des Biedermeier (1815-1848)
2.3. Das Verhältnis zu den Klassikern
2.4. Die Kritik an der Romantik
2.5. Vorbilder anderer Nationalliteraturen

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im zweiten Kapitel ihrer Monographie Bürgerlicher Realismus. Literatur und Kultur im bürgerlichen Zeitalter 1848-1900 stellt Sabina Becker die literarischen Voraussetzungen für das Entstehen des Bürgerlichen Realismus in Deutschland vor. Grundsätzlich sei dieser entstanden „als eine Gegenbewegung sowohl zur Romantik als auch zum Jungen Deutschland und zum Vormärz.“[1] Becker greift in ihrem gesamten Beitrag auf den gängigen „literaturhistorische[n] Epochenbegriff für die Zeit von ca. 1850-1900“[2] zurück, der „mit prononcierter Abgrenzung gegen Romantik und Vormärz auf größere Wirklichkeitsnähe drängt.“[3]

Becker beginnt das Kapitel Literarische Voraussetzungen mit einer allgemeinen Begriffsklärung und Einordnung der Epoche des Bürgerlichen Realismus. Es folgen Unterpunkte zu einzelnen Relationen, Rezeptionen sowie zur Beeinflussung des Bürgerlichen Realismus durch andere Epochen und weitere Nationalliteraturen: Die dem Realismus vorangegangenen literarischen Epochen Junges Deutschland, Vormärz, Biedermeier und Romantik trugen maßgeblich zu dessen Ausdifferenzierung bei; Bezüge und Parallelen zur (Weimarer) Klassik werden aufgezeigt; Gemeinsamkeiten, Unterschiede und literarische Vorbilder aus dem französischen, englischen und russischen Realismus werden vorgestellt.

Sabina Becker zieht zur Beantwortung ihrer Frage, welche literarischen Voraussetzungen zur Ausbildung des Bürgerlichen Realismus in Deutschland beitrugen, unterschiedliche Methoden der Germanistik heran. Grundsätzlich zeichnet sich ihr Beitrag durch einen sehr explikativen Charakter aus. Becker stützt sich über große Teile auf die literaturhistorische Einordnung des Bürgerlichen Realismus. Durch die deutliche Abgrenzung - aufgezeigt anhand von Gemeinsamkeiten und Diskrepanzen - zu anderen, vorangegangenen Epochen wird deutlich, wodurch sich der Bürgerliche Realismus definiert. Komparatistische Ansätze durch kurze Charakteristika der französischen, englischen und russischen Ausbildung realistischer Literatur zeigen Vorbilder für den deutschen Realismus sowie

Unterschiede realistischer Strömungen anderer Nationalliteraturen zum Bürgerlichen Realismus in Deutschland auf. Geistesgeschichtliche Aspekte verdeutlichen die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse im Deutschland des 19. Jahrhunderts und stellen Bezüge zur Herausbildung einer neuen Literatur her.

Becker stützt ihre Feststellungen mit relevanten Bemerkungen berühmter Zeitzeugen zur Epoche wie Theodor Fontane, Karl Gutzkow oder Otto Ludwig. Weitere, theoretische Quellen für Beckers Thesen bieten gängige Forschungsbeiträge zum Thema Realismus von u.a. Helmut Kreuzer, Friedrich Sengle oder Gerhard Plumpe. Die folgende Arbeit soll Sabina Beckers Forschungsbeitrag analysieren, indem elementare Thesen ihres Kapitels herausgearbeitet werden und so den Beitrag rekonstruieren. In diesem Zusammenhang wurde die Struktur von Beckers Kapitel weitestgehend beibehalten sowie ihre Teilüberschriften übernommen. Es folgt eine kritische Betrachtung und abschließend im Fazit eine Einordnung von Beckers Forschungsaspekts.

2. Literarische Voraussetzungen [für den Bürgerlichen Realismus]

Sabina Becker beginnt ihr Kapitel Literarische Voraussetzungen mit einer Explikation des Bürgerlichen Realismus. Schon zu Beginn dieses Kapitels lässt sich der explikative, an Lexikastrukturen erinnernde Charakter ihrer Monographie zum Bürgerlichen Realismus erkennen.

Die Benennung der neuen Literaturströmung nach 1848 wurde maßgeblich durch Gustav Freytag und Otto Ludwig geprägt.[4] Bezeichnet wurde mit dem Begriff Realismus die „veränderte Position von Literatur“[5] nach der missglückten Revolution im Jahr 1848. Gewichtige gesellschaftspolitische Prozesse und Veränderungen im Leben der Menschen im Deutschland nach 1848, wie zum Beispiel die Emanzipation des Bürgertums, führten zu einer „Säkularisierung und Materialisierung der Gesellschaft und des Denkens.“[6] Die Auswirkungen der gesellschaftlichen Umbrüche auf die Literatur sind deutlich erkennbar: Nach den durchaus politischen Schriften des Jungen Deutschlands sowie des Vormärz zeichnete sich im Realismus schnell eine deutliche Abneigung gegen theorielastige Literatur ab.

Nach der gescheiterten Revolution von 1848 stand die 'wahre Literatur' im Vordergrund - die Literatur, die reale Begebenheiten widerspiegelte, die vom realen Leben erzählte und die eng mit der Realpolitik Ottos von Bismarck verknüpft war. Philosophische Tendenzen, wie die Hegelsche Philosophie, und idealistische Traditionen wurden ersetzt durch sichtbare Tatsachen und reale Lebensumstände, oftmals gestützt und verdeutlicht durch naturwissenschaftliche Erkenntnisweisen.

Die Bedeutung von 'Idee' im kulturellen Kontext wurde abgelöst durch die Vormachtstellung von 'Materie'; ,,[e]in Bedürfnis nach Praxis, Tätigkeit, Empirie machte sich geltend.“[7] Daran schließt konsequenterweise eine Ablehnung gegenüber allem Spekulativen oder Transzendenten in der Literatur.

Diese Umstände und neu definierte Ziele der Literatur des Bürgerlichen Realismus diskreditierten die Romantik sowie die literarischen Bewegungen des Jungen Deutschlands und des Vormärz.[8]

2.1. Die Kritik des Jungen Deutschland (1839-1840) und des Vormärz (1840­1848)

Becker sieht die gescheiterte Revolution aus dem Jahr 1848 als die wichtigste nicht-literarische Voraussetzung für die Entstehung und Ausbildung des Bürgerlichen Realismus, [sie] markierte zugleich das Ende der Vormärz-Literatur, von der der programmatische Realismus der frühen Phase sich explizit absetzte.[9]

Die Autorin stützt sich an dieser Stelle vor allem auf Inhalte aus Friedrich Sengles Epochendarstellung der Biedermeierzeit. „Biedermeierzeit wurde durch Sengle [...] als Epochenbezeichnung durchgesetzt“[10] und datiert die Literatur der Jahre 1815­1848; einer etwa 30jährigen Zeitspanne, die die vom Bürgerlichen Realismus abgelehnten und kritisierten Epochen des Jungen Deutschlands und des Vormärz einschließt.

Wie bereits angedeutet stand in der Epoche des Vormärz politische, vom Journalismus geprägte, häufig sehr theoretische Literatur im Vordergrund; an dieser Stelle seien Autoren wie Heinrich Laube oder Karl Gutzkow genannt. Das Scheitern der Revolution und „die Notwendigkeit einer realistischen Schreibweise“[11] fernab von politisierten Schriften führte dazu, dass erste Autoren des (programmatischen) Realismus „eine [deutliche] Trennung des öffentlich-politischen und des literarischen Diskurses“[12] verfolgten.

Die Literatur des Realismus kritisiert an Jungem Deutschland und Vormärz auf inhaltlicher Ebene konkret deren „ideologischen und intellektuellen Radikalismus,“[13] sie richtet sich „gegen ihren emanzipatorischen Subjektivismus wie gegen ihre utopistischen und nihilistischen Tendenzen“[14] und distanziert sich vom „Pathos des Genialen, der Zerrissenheit und des Weltschmerzes.“[15] Der Realismus lehnt die vorherrschende, öffentliche Gesellschaftskritik der Literatur von Vormärz und Jungem Deutschland ab. Er erkennt im Gegensatz dazu die gegenwärtigen politischen, gesellschaftlichen und sozialen Strukturen an und akzeptiert diese. Eventuelle Missstände bleiben zwar nicht gänzlich unbeachtet, die Autoren des Realismus sehen allerdings nicht mehr ausschließlich diese negativen Gegebenheiten.[16] Soweit sich zwischen all den politischen, theoretischen Schriften überhaupt der erzählenden Literatur zugewandt wurde, lehnte der Realismus typische literarische Figuren der vorangegangenen Epochen wie

die dekadenten und vermeintlich moralisch verwahrlosten Helden jungdeutscher Literatur, ihre skeptische und ironische Weltsicht, aber auch ihre kritisch-unzufriedene Einstellung zur gegebenen politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit[17]

ab.

[l]m Unterschied zu den breit angelegten [...] Gesellschaftsromanen von Robert Prutz und Karl Gutzkow steht nicht mehr die gesamte Gesellschaft im Fokus; die Literatur des Bürgerlichen Realismus begnügt sich mit einem Ausschnitt, der Blick wird auf das Bürgertum und auf das bürgerliche Individuum verengt.[18]

[...]


[1] Sabina Becker (Hrsg.): Literarische Voraussetzungen. In: Bürgerlicher Realismus. Literatur und Kultur im bürgerlichen Zeitalter 1848-1900, Tübingen/Basel 2003, S. 53.

[2] Gerhard Plumpe: Art. „Realismus2“. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, gemeinsam mit Georg Braungart, Harald Fricke, Klaus Grubmüller, Friedrich Vollhardt und Klaus Weimar, hrsg. von Jan- Dirk Müller, Band III: P-Z, Berlin/New York 2007, S. 221.

[3] Ebd.

[4] Vgl.: Becker: Literarische Voraussetzungen, S. 53.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Helmut Kreuzer: Zur Theorie des deutschen Realismus zwischen Märzrevolution und Naturalismus. In: Realismustheorien in Literatur, Malerei, Musik und Politik. Mit Beiträgen von Klaus L. Berghahn u.a., hrsg. von Reinhold Grimm und Jost Hermand, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1975, S. 51.

[8] Vgl.: Becker: Literarische Voraussetzungen, S. 53 f.

[9] Ebd., S. 54.

[10] Joachim Bark: Art. „Restauration“. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, gemeinsam mit Georg Braungart, Harald Fricke, Klaus Grubmüller, Friedrich Vollhardt und Klaus Weimar, hrsg. von Jan- Dirk Müller, Band III: P-Z, Berlin/New York 2007, S. 275.

[11] Becker: Literarische Voraussetzungen, S. 54.

[12] Ebd.

[13] Ebd., S. 55.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Vgl.: Ebd., S. 56.

[17] Ebd., S. 55.

[18] Ebd., S. 56.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Sabina Becker "Literarische Voraussetzungen" [für den Bürgerlichen Realismus]
Untertitel
Bewertung des Forschungsbeitrags
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Realismus-Forschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V265220
ISBN (eBook)
9783656546825
ISBN (Buch)
9783656547143
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sabina Becker, Realismus, Bürgerlicher Realismus, Forschung, Forschungsbeitrag, Bewertung, Kritik, Voraussetzungen, Literarische Voraussetzungen, Epoche, Epochenmerkmale, Epochenkonstruktion, Epochenbgrenzung, Literaturgeschichte, Literaturhistorie
Arbeit zitieren
Gabriela Augustin (Autor), 2013, Sabina Becker "Literarische Voraussetzungen" [für den Bürgerlichen Realismus], München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265220

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