Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe": Durchlebt die Hauptfigur Inge Lohmark eine Wandlung?


Hausarbeit, 2013

24 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Figurenanalyse
2.1. Inge Lohmark

3. Figurenkonstellation
3.1. Inge Lohmark und Wolfgang10
3.2. Inge Lohmark und Claudia
3.3. Inge Lohmark und ihre Schüler
3.4. Inge Lohmark und ihre Kollegen

4. Durchlebt Inge Lohmark eine Entwicklung

5. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis und Internetquellen

1. Einführung

„Setzen“, sagte Inge Lohmark, und die Klasse setzte sich. Sie sagte „Schlagen sie das Buch auf Seite sieben auf“, und sie schlugen das Buch auf Seite sieben auf, und dann begannen sie mit den Ökosystemen, den Naturhaushalten, den Abhängigkeiten und Wechselbeziehungen unter den Arten, zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt, dem Wirkungsgefüge von Gemeinschaft und Raum.[1]

Der 2011 erschienene Roman Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky erzählt ein halbes Jahr aus dem Leben der fünfundfünfzigjährigen Inge Lohmark. Bereits seit dreißig einhalb Jahren unterrichtet sie die Fächer Sport und Biologie an einem ostdeutschen Gymnasium. Die neunte Klasse, deren Klassenlehrerin Lohmark ist, wird die letzte der Schule sein; sobald die zwölf Schülerinnen und Schüler in vier Jahren ihr Abitur abgeschlossen haben, schließt die Bildungsstätte. Weil die Schülerzahlen sinken, steht die Schule kurz vor dem Aus. In Mecklenburg Vorpommern gibt es keine Arbeit, keine Perspektiven - die Zukunft findet woanders statt. In dieser aussterbenden Gegend überlebt tatsächlich nur der, dem die Kargheit nichts anhaben kann.

Im Rahmen des Seminars „Was bleibt? Wende und Ende der DDR in Erzähltexten“ möchte ich in dieser Arbeit eine Figurenanalyse der Hauptfigur Inge Lohmark vornehmen. Besonderes Augenmerk soll dabei auf eine mögliche Entwicklung der Figur gelegt werden. Durchlebt Inge Lohmark eine Wandlung, verändert sie sich im Laufe der Erzählung? Wenn ja, wie verändert sie sich und lassen sich diese Veränderungen anhand ihres Denkens und/ oder ihres Handelns manifestieren?

Um im späteren Verlauf der Untersuchung konkret auf die Ausgangsfrage eingehen zu können, beginne ich mit der Charakterisierung der Hauptfigur. Es soll hierbei der Ist-Zustand der Figur betrachtet werden. In diesem Teil werden primär das erste und zweite Kapitel des Romans, sowie Textpassagen, die sich auf die Vergangenheit der Hauptfigur beziehen, für die Untersuchung herangezogen.

Im darauffolgenden Schritt wird Inge Lohmark in den Kontext anderer Figuren gestellt. Alle für die Erzählung wichtigen Figuren sollen dabei in ihrer Beziehung zu Lohmark beleuchtet werden.

Im dritten Teil wird der Frage nachgegangen, ob Inge Lohmark während der Erzählung eine Wandlung durchlebt. Besonders die Ereignisse des dritten Kapitels „Entwicklungslehre“ dienen hier als Untersuchungsgegenstand.

In der abschließenden Schlussbetrachtung werde ich die Ergebnisse zusammenführen und im Gesamtkontext der Arbeit auswerten.

2. Figurenanalyse

Ein zentrales Motiv des Romans Der Hals der Giraffe ist die Entwicklung. Das vorpommersche Hinterland befindet sich im demographischen Wandel und auch Inge Lohmarks biologische Weltanschauung fordert die Anpassung der Individuen an die aktuellen Bedingungen.

Passt auch sie sich dem kontinuierlichen Wandel an oder stagniert sie wider all ihrer Maßstäbe? Um diese Frage beantworten zu können, soll im Folgenden eine Charakterisierung der Hauptfigur Inge Lohmark vorgenommen werden.

Die drei Kapitel des Romans: „Naturhaushalte“, „Vererbungsvorgänge“ und „Entwicklungslehre“ erzählen nicht nur jeweils einen Tag aus dem Leben der Hauptfigur, sie entsprechen außerdem drei Unterrichtseinheiten für das Fach Biologie einer neunten Klasse in Mecklenburg Vorpommern.[2] Die erzählte Zeit begrenzt sich ungefähr auf ein halbes Jahr, die Ereignisse werden in chronologischer Abfolge geschildert. Zu großen Teilen findet die Erzählung in der Schule statt, nur ein geringer Teil der Handlung ereignet sich auf dem Arbeitsweg oder im Haus der Hauptfigur.

Schalansky gewährt dem Leser nur ab und an einen Blick in die Vergangenheit der Protagonistin. Die rar gestreuten Informationen lassen häufig nur Mutmaßungen über Inge Lohmarks Biografie zu. Durch zahlreiche Analepsen werden Szenen oder kurze Erinnerungen an die Vergangenheit in die Erzählung eingeflochten – Kindheitserinnerungen oder Reisen mit ihrem Mann sind zentrale Themen.

Der Moment beim Baden, damals als sie sich zum ersten Mal diese Frage stellte. Auf dem Küchentisch in der ovalen Zinkwanne. Das heiße Wasser aus der Ofenröhre, kaltes aus der Leitung. Von Mutter abgeschrubbt. Der harte Waschlappen hinterm Ohr, zwischen den Zehen. Im grünen Badewasser das Holzboot, ein Indianerkanu, das Vater ihr von einer Dienstreise mitgebracht hatte. Was gab es anderes als das Hier?[3]

So distanziert und abgeklärt Inge Lohmark sich an die Situation aus Kindheitstagen erinnert, so nüchtern ist auch der Erzählstil. Kurze, elliptische Sätze unterstreichen die negativ behaftete Erinnerung.

Die Erzählung wird größtenteils von einer extradiegetisch-heterodiegetischen Erzählinstanz geschildert, dabei liegt eine interne Fokalisierung[4] vor, welche an die Hauptfigur Inge Lohmark gebunden ist. Die Erzählinstanz impliziert einerseits eine große Nähe zur Hauptfigur, verwehrt aber andererseits die Sicht des Erzählers und eine Fremdsicht anderer Figuren auf Inge Lohmark. Während der Leser durch die erlebte Gedankenrede[5] stetigen Einblick in die Gedankenwelt der Lehrerin erhält, fehlt die objektive Außenperspektive. Lediglich die Textstellen der direkten Rede und die Reaktion anderer Figuren auf Inge Lohmark lassen auf eine Außenwahrnehmung schließen. Vorwiegend dienen Lohmarks Binnensicht, ihre Handlungen und Äußerungen zur Erfassung des Charakters.

Bevor ich die Protagonistin in Bezug auf eine mögliche Entwicklung untersuchen werde, möchte ich zunächst den Ist-Zustand betrachten. In welchem Lebensabschnitt befindet sich die Hauptfigur, wodurch wird ihr Denken und Handeln ausgezeichnet.

2.1. Inge Lohmark

Inge Lohmark, fünfundfünfzig Jahre alt, ist Lehrerin für Sport und Biologie. Am Charles Darwin Gymnasium, der Name der Schule geht nicht zufällig auf den britischen Naturforscher Charles Robert Darwin zurück, ist sie Klassenlehrerin einer neunten Klasse mit zwölf Schülern: sieben Mädchen, sechs Jungen. Nicht nur die Schülerzahlen, auch die Einwohnerzahlen in Mecklenburg Vorpommern schrumpfen; die zwölf Schüler spiegeln regelrecht die Degeneration der Region wider. Das Mecklenburgische Hinterland, Sitz der Schule und Heimat der Hauptfigur, wird geprägt durch Rückbau, Landflucht und unaufhörlichen Wandel.

Geboren und aufgewachsen ist Inge Lohmark in der DDR. Ihre Mutter hat Lohmark als kalte, einfältige Frau, eine „Eiskönigin“[6], in Erinnerung. Nie hatten die beiden ein gutes Verhältnis zueinander. Ihr Vater, der sie häufig mit in den Wald nahm, um Tiere zu beobachten oder Pilze zu sammeln starb früh. Weder damals noch heute kann Inge Lohmark Verständnis für die Ehe ihrer Eltern aufbringen.

Auch an ihre Schulzeit hat Inge Lohmark keine positiven Erinnerungen, sie ist selbst nie gerne Schülerin gewesen, verbindet sogar beinahe traumatische Erlebnisse mit der Schule. Immer noch schleichen sich bedrohliche Erinnerungen in ihren Alltag ein.

Sie träumte immer wieder von ihrer Schulzeit. Vor allem von der Abiturprüfung. Wie sie dastand und ihr nichts einfiel. Und beim Aufwachen dauerte es immer eine Weile, bis ihr ganz klar wurde, dass sie keine Angst zu haben brauchte. Sie war auf der andern, der sicheren Seite.[7]

Inge Lohmark ist Lehrerin für Biologie – binnen weniger Seiten wird klar, sie lehrt die Gesetzte der Naturwissenschaft nicht nur, sie lebt sie. Im Herzen glaubt Lohmark an den Darwinismus, ihr Nachname aber verweist auf den französischen Naturforscher Jean-Baptiste Lamarck (1744-1829). Als einer der ersten Wissenschaftler prägte er den Begriff ‚Biologie‘. Indem er Wirbeltiere und Wirbellose voneinander abgrenzte, führte er ein neues System des Tierreichs ein.[8] Der enge Bezug zwischen der Protagonistin und der von Lamarck entworfenen Evolutionstheorie wird im späteren Verlauf der Analyse noch von Bedeutung sein.

Sich an die beständigen Regeln der Wissenschaft klammernd, wendet Inge Lohmark diese immer wieder auf Ereignisse ihres Lebens an und versucht sich die Welt und den Menschen anhand biologischer Grundregeln zu erklären. Sie betrachtet, kommentiert und bewertet ihre Umwelt. Kaum jemand – weder Schüler und Kollegen, noch die eigene Familie – bleibt von ihren zynischen, oftmals bösartigen Kommentaren verschont.

Während Region und Menschen einem stetigen Wandel unterzogen sind, ist die Biologie die letzte Konstante im Leben Inge Lohmarks. Eine Lehre, die sich nicht verändert, die nach Jahren des Fortbestehens immer noch anwendbar ist.

Aber die Biologie. Die war Tatsache. [...] Hier wurde Wissen vermittelt, das gesichert war und durch keine Umstellung auf ein anderes politisches System hinfällig wurde. Die Welt ließ sich allein aus sich heraus beschreiben und erklären. Und die Gesetze, der sie unterworfen war, hatten uneingeschränkte Gültigkeit. Darüber gab es nichts abzustimmen. Das war echte Diktatur![9]

Schon seit Jahrzehnten hält Inge Lohmark an diesen Naturgesetzen fest. Mit ihrem selbstkonstituierten Welterklärungsmodell versucht sie sich den Wandel der Region vom Leibe zu halten und ein überzeitliches Denken zu manifestieren.[10] Der Gedanke an die Ewigkeit, der Gedanke, dass die Natur stärker sein werde als alle menschliche Kultur, tröstet sie über die Tristesse der Region hinweg.[11]

Was war schon Zeit? [...] Der Mensch war ein flüchtiges Vorkommnis auf Proteinbasis. Ein zugegeben recht erstaunliches Tier, das diesen Planeten für kurze Zeit befallen hatte und schließlich genau wie ein paar andere wundersame Wesen, wieder verschwinden würde. [...] Die Pflanzen aber blieben. Sie waren vor uns da, und sie würden uns überleben. [...] Nicht der Verfall würde diesen Ort heimsuchen, sondern die totale Verwilderung. Eine wuchernde Eingemeindung, eine friedliche Revolution. Blühende Landschaften.[12]

So sehr sie sich auch bemüht, störenden Gedanken kann die Lehrerin nicht gänzlich entkommen. Immer wieder treten irritierende Erinnerungen auf, deren emotionaler Wirkung sich Inge Lohmark nicht gewachsen fühlt. Unangenehme Gedankenfetzen, etwa an ihre Kindheit oder die Sehnsucht nach einem Enkelkind werden unmittelbar verdrängt und durch Sätze substituiert, die aus einem Biologiebuch stammen könnten. Biologische Naturgesetzte werden als Schutzmechanismus eingesetzt, immunisieren die Protagonistin vor ihren eigenen Gefühlen. Über Jahre hinweg hat sich Inge Lohmark ihren eigenen Sozialdarwinismus gebastelt.

Sie sehen, niemand – kein Tier kein Mensch – kann ganz für sich allein existieren. Zwischen den Lebewesen herrscht Konkurrenz. Und manchmal auch so etwas wie Zusammenarbeit. Aber das ist eher selten. Die wichtigsten Formen des Zusammenlebens sind Konkurrenz und Räuber-Beute-Beziehung.[13]

Für beinahe alles findet Inge Lohmark eine Analogie in den Gesetzmäßigkeiten der Natur, die sie unermüdlich auf ihre Umgebung überträgt. Mal ist es die Vererbungslehre, mal sind es die Gesetze der Evolution, immer wieder sind es Fakten aus der Tier- oder Pflanzenwelt, die sie als Interpretationsraster über ihre Umwelt legt.

Die Erzählung entschlüsselt nicht, ob die Dominanz der biologistischen Weltwahrnehmung sich aus der neuen Erfahrung kapitalistischer Konkurrenz und einem sozialen "Survival of the fittest" ergibt, oder ob es sich dabei um ein nachwirkendes Resultat des materialistischen Denkens im Sozialismus handelt. Hinter dem Plot werden die Umbrüche der Zeitenwende deutlich, das ausgetauschte System mit seinen Konsequenzen: Sozialismus gegen Demokratie. Ein langer Weg, der tradierte Inhalte zur bloßen Form erstarren lässt, bevor auch die letzten Überbleibsel aus DDR-Zeiten endgültig verschwinden.[14] Inge Lohmark ist in der DDR aufgewachsen und ausgebildet worden, sie betrachtet die Gegend, in der sie lebt, als ihre Heimat. Dennoch musste sie miterleben, wie ihre zu DDR-Zeiten gewonnenen Lebensmaßstäbe nach der Wende untauglich wurden. ............ Wie genau die DDR-Vergangenheit der Protagonistin ausgesehen hat, bleibt weitestgehend im Unklaren. Nur vage lässt sich vermuten, dass Inge Lohmark eine gewisse Zeit für die Stasi tätig war. Die Tatsache, ihren damaligen Mann Klaus bespitzelt zu haben, scheint sie nicht weiter zu belasten. „Andere hatten auch unterschrieben.“[15] Immer wieder wird deutlich, dass Inge Lohmark stark durch die politische Vergangenheit geprägt wurde: „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen. Das prägte einen fürs Leben.“[16]

[...]


-[1] Schalansky, Judith: Der Hals der Giraffe, Bildungsroman. Berlin: Suhrkamp 2012, S. 7.

-[2] https://www.buechergilde.de/interview-judith-schalansky.html

-[3] Schalansky: Der Hals der Giraffe S. 217.

-[4] Lahn, Silke/ Meister, Jan Christoph: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart/ Weimar: ........J.B. Metzler 2008, S. 258.

-[5] http://www.li-go.de/prosa/prosa/erlebtegedankenrede.html

-[6] Schalansky: Der Hals der Giraffe S. 123.

-[7] Schalansky: Der Hals der Giraffe S. 23.

-[8] Brockhaus, Enzyklopädie in 30 Bänden, Band 16, F.A. Brockhaus, Leipzig/ Mannheim 2006, ..vgl. S. ..245.

-[9] Schalansky: Der Hals der Giraffe S. 49.

-[10] vgl. http://www.zeit.de/video/2011-10/1220816308001/literatur-gespraeche-zur-buchmesse- ............. . judith-schalansky

-[11] vgl. ebd.

-[12] Schalansky: Der Hals der Giraffe S. 70f.

-[13] ebd. S. 7.

-[14] vgl. http://mobil.landeszeitung.de/blog/935/judith-schalansky-stellt-ihren-roman-vor/

-[15] Schalansky: Der Hals der Giraffe S. 92.

-[16] ebd. S. 138.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe": Durchlebt die Hauptfigur Inge Lohmark eine Wandlung?
Hochschule
Universität Hamburg  (Germanstik)
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
24
Katalognummer
V265235
ISBN (eBook)
9783656550105
ISBN (Buch)
9783656548515
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
judith, schalanskys, hals, giraffe, durchlebt, hauptfigur, inge, lohmark, wandlung
Arbeit zitieren
Annkatrin Klückmann (Autor), 2013, Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe": Durchlebt die Hauptfigur Inge Lohmark eine Wandlung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265235

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