"Die Haut, in der ich wohne" von Pedro Almodóvar: Eine Filmanalyse

Die Einflüsse und Zusammenhänge innerhalb menschlicher Verhältnisse und ihre Einflussfaktoren auf Täter- und Opferrollen


Hausarbeit, 2013

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Cast and Credits

3. Narrationsstruktur
3.1. Handlung
3.2. Die Struktur im Detail

4. Interpretationsebene
4.1. Die Charaktere und ihre Beziehungen
4.2. Wichtige Filmaussagen
4.3. Interpretationsperspektive

5. Mis-en-scéne und editing

6. Filmmuster
6.1. Handlungsentwicklung
6.2. Details, (Personen-)Symbolik und Zitate

7. Fazit

8. Quellenverzeichnis
8.1. Digitale Quellen
8.2. Internetquellen
8.3. Bildquellen

1. Einleitung

“Die eigenwillige Herangehensweise, die extravagante Geschichte und auch die teilweise verwirrende Erzählstruktur sind sicher nicht für jeden geeignet. Aber letzten Endes fügt sich alles ausgezeichnet ineinander und es gelingt dem Film einen sehr starken Eindruck zu hinterlassen. Die Haut, in der ich wohne ist somit sicherlich ein hochinteressanter und vor allem mutiger Film, den man gesehen haben sollte - denn die Faszination des Films lässt sich durch Worte nur sehr schwer erläutern.” (www.filmering.at)1, so lautet das Fazit eines Zuschauers über Almodóvars Film Die Haut, in der ich wohne aus dem Jahre 2011. Der heutige Kinokenner weiß genau wofür Pedro Almodóvar bekannt ist. Groteske Filme die sich in der Regel immer um die selben Themen drehen: Missbrauch, Sexualität, Geschlechterrollen und - rollenfindung und die daraus resultierenden Verhältnisse und Konflikte. Dies wird auch in vielen seiner vorgehenden Werke bereits im Titel deutlich. Schon immer begeisterte und empörte Almodóvar das Publikum mit Filmen wie La mala educación

- Schlechte Erziehung (2004), Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs (1988) oder Allesüber meine Mutter (1999).

In der vorliegenden Arbeit soll Die Haut, in der ich wohne unter einem bestimmten Aspekt analysiert und ausgewertet werden, auch wenn es schwierig ist in Almodóvars Werken das Augenmerk nur auf eine Interpretationshypothese zu beschränken. Wie bereits erwähnt, handeln seine Filme oftmals von Missbrauch. In der Regel hat Missbrauch einen Täter und ein Opfer. Doch an diesem Film soll diese Zuweisung genauer betrachtet werden. Das Verhältnis von Protagonist und Antagonist soll unter folgender Hypothese ausgewertet werden: Täter- und Opferrollen sind keine beständigen Zuweisungen. Innerhalb einer zwischenmenschlichen Beziehung und des ständigen Einflusses ihrer Umwelt, wechseln sich Opfer- und Täterrollen oftmals ab und bedingen sich gegenseitig. Es ist ein kausaler Zusammenhang, in dem ein Opfer durch den Täter selbst zum Täter werden kann, wie auch andersrum. Gleichzeitig sind es auch gesellschaftliche Umstände, prägende Ereignisse und äußere Faktoren unserer Lebenswelt, die unsere Rolle zwischen Täter und Opfer variieren lassen. Dieser kontinuierliche Wandel wird in Die Haut, in der ich wohne durch die Ausgangslagen, ihrer Veränderungen und dem zwischenmenschlichen Verhältnis der beiden Hauptcharaktere deutlich.

2. Cast and Credits

Die Haut, in der ich wohne, ein Film von Pedro Almodóvar (Drehbuchautor und Regisseur), feierte unter dem Originaltitel La piel, que habito im September 2011 seinen Kinostart in Spanien. Einen Monat später wurde er in deutscher Sprache veröffentlicht. Almodóvars Bruder, Agustín Almodóvar, wirkte bei der Produktion mit. Die Musik stammt von dem spanischen Komponisten Alberto Iglesias. Der Film hat eine Länge von 121 Minuten und ist, laut FSK, für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet. Das Drehbuch Almodóvars basiert auf dem Roman Mygale (1984), geschrieben von dem französischen Schriftsteller Thierry Jonquet. ´

Die Besetzung imüberblick:

Robert Ledgard: Antonio Banderas

Marilia: Marisa Paredes

Vera: Elena Anaya

Vicente: Jan Cornet

Zeca: Roberto Álamo

Norma: Blanca Martinez Suárez

3. Narrationsstruktur

3.1. Handlung

Toledo, im Jahre 2012: Der verwitwete Chirurg Robert Ledgard lebt alleine auf seinem Anwesen, welches ebenfalls eine private Klinik beinhaltet. Mit unter dem selben Dach, Vera, eine bildhübsche junge Frau, die rund um die Uhr per Überwachungskameras beobachtet wird. Seiner Haushälterin Marilia gegenüber, bezeichnet Robert sie als gewöhnliche Patientin. Marilia tritt Vera jedoch mit Misstrauen gegenüber und betont auch immer wieder ihre optische Ähnlichkeit mit Roberts verstorbener Frau Gal. Aber Vera ist keine gewöhnliche Patientin, sondern dient dem Chirurgen als Versuchsobjekt für seine Forschungen an der menschlichen Haut, von denen er wie besessen scheint. Er schafft es Vera eine Haut zu verschaffen, die sich als unzerstörbar erweist. Es wird oft gezeigt, wie Robert in seinem Labor forscht, experimentiert und jede kleinste Verletzung an Veras Körper (z.B. nach ihrem Selbstmordversuch) heilt um die Haut narbenfrei zu hinterlassen. Seine Kollegen schöpfen bereits Verdacht. Eines Tages taucht Marilias Sohn Zeca auf dem Anwesen auf und offenbart ihr unmoralische Pläne gegen Robert, die von seiner Mutter sofort abgelehnt werden. Als er jedoch Vera über einen Überwachungsbildschirm erblickt, verwechselt er sie mit Gal und räumt sich den Weg in ihr Zimmer frei. Vera, die Chance zur Flucht ergreifend und Zeca überhaupt nicht kennend, spielt mit und widerspricht Zeca nicht. Dieser bringt es bis zum Geschlechtsakt, den Vera als schmerzvolle Vergewaltigung empfindet. Robert beendet das Szenario, in dem er Zeca erschießt. Am selben Abend erzählt die Haushälterin Vera die grauenvolle Vergangenheit der Familie Ledgard. Marilia ist nicht nur Zecas, sondern auch Roberts leibliche Mutter und hütet dieses Geheimnis. Roberts Frau Gal verbrennt beinah zu Tode bei einem Autounfall, in den sie und Zeca auf gemeinsamer Flucht verwickelt werden. Zwar gelingt es Robert sie zu retten, jedoch stürzt sie sich selbst in den Tod, als sie durch Zufall ihren, durch das Feuer gezeichneten, Körper erblickt. Norma, die Tochter des Ehepaar Ledgards, begeht einige Jahre später ebenfalls Selbstmord. Die folgende Nacht verbringt Vera im Bett des Chirurgen. Nachdem beide in den Schlaf sinken, wird die Vergangenheit der beiden dargestellt, in einer Art Traumsequenz. Es wird gezeigt wie Robert, auf einer Hochzeit eines befreundeten Paares, seine bewusstlose und halb ausgezogene Tochter im Garten des Anwesens vorfindet. Vicente, ein junger Mann der ebenfalls Gast auf der Hochzeit ist, vergewaltigt beinah die schüchterne Norma und ergreift daraufhin die Flucht. Jedoch findet Normas Vater Vicente, entführt ihn und hält ihn in seinem eigenen Haus gefangen. Später erwacht Vicente auf einem Operationstisch. Robert, in Operationskleidung über ihn gebeugt, offenbart ihm die Wahrheit über den Eingriff. Vicente wurde einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Daraufhin verbringt Vicente sein Leben im Hause Ledgard und wird nach und nach, operativ und hormonell in eine Frau verwandelt. Nebenbei betreibt Robert Forschung und perfektioniert Vicentes Haut. Den Namen Vera wählt der Witwer aus, als Vicentes Gesicht zarte, weibliche Züge erhält. Nach lang anhaltenden Rasereien und Wutanfällen gewöhnt sich Vera scheinbar an ihr neues Dasein und findet sich, ohne eine Wahl zu haben, mit ihrem Schicksal ab. Am nächsten Morgen, nachdem die beiden erwacht sind, tritt Vera Robert als liebende und fürsorgliche Partnerin gegenüber. Robert, der anfangs ihren Verführungsversuchen widersteht, ist nun hin und weg von der jungen Dame. Am folgenden Nachmittag erhält er Besuch von einem Kollegen, der ihn mit der Geschlechtsoperation an Vicente vor sechs Jahren konfrontiert und sein Misstrauen äußert. Er verdächtigt Robert die Operation nur durch Gewalt am Patienten ermöglicht und an ihm Experimente zur Hautforschung durchgeführt zu haben. Robert regelt die Situation, in dem er seinen Kollegen mit einer Pistole bedroht. Vera, die gerade vom Einkaufen wiederkommt, bestätigt ihm, dass sie freiwillig im Hause Ledgard ist und bereits immer eine Frau gewesen ist. In der folgenden Nacht werden sie und Robert intim. Vera verlässt das Zimmer um Gleitgel zu holen. Jedoch kehrt sie nicht nur mit diesem, sondern auch mit einer Pistole zurück und erschießt Robert. Auch Marilia, die vom Schuss wach wurde, wird von Vera tödlich getroffen. Noch in der selben Nacht verlässt Vera das Anwesen und kehrt in das Kleidergeschäft ihrer Mutter zurück, in dem sie, noch als Vicente, gearbeitet hat.

3.2. Die Struktur im Detail

Die Handlung in Die, Haut in der ich wohne läuft nach dem Alternationsmuster ab. Grob kann man den Filmverlauf in drei große Teile einteilen (in der Grafik farblich gekennzeichnet): Gegenwart (1.-2.): Lebenssituation im Hause Ledgards und Zecas Besuch Ü bergang: Marilias Erz Ählung (3.1.-3.2.)

Flashback (4.1.-4.7.): Die Vergangenheit von Vera und Robert und der Weg zum aktuellen Entwicklungsstand ihres Lebens und Verhältnisses.

Gegenwart (5.-8.): Folgen der Vergangenheit und das Beenden der aktuellen Lebenssituation

Die Verbindung zwischen der Gegenwart und dem Flashback wird durch Marilias Erzählung geknüpft. Diese und der Rückblick in die Vergangenheit bilden den Hauptteil des Films. Er wird ummantelt von den aktuellen Geschehnissen in der Einführung und am Ende. Der Flashback umfasst das vergangene Geschehen und erläutert die vorerst verwirrende Situation in der Einführung und Zecas Besuch.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Narrationsstruktur

In der vorliegenden Abbildung werden die einzelnen Handlungen im Verlauf kurz genannt und zeitlich dargestellt. Die Einführung (1.) in die Handlung umfasst hierbei den Einblick in Veras und Roberts Leben, im Jahre 2012. Man sieht die Wohnsituation der jungen Frau, ihre Beschäftigungen im Tagesverlauf und ihren Kontakt zur Außenwelt. Robert wird als zielstrebiger Chirurg und Forscher dargestellt, der in seinem Milieu eine angesehene Position hat. Erste Verwirrungen über das Verhältnis der beiden tauchen auf, wie auch über ihrer Ziele und Motive. Warum versucht Vera sich umzubringen? Wieso zeigt Robert Neigungen ihr gegenüber, die er jedoch unterdrückt? Welches Ziel verfolgt Robert mit den medizinischen Eingriffen an Vera und wieso soll sie sich als “fertig betrachten” (00:19:37) können? Wer als Protagonist bezeichnet werden kann, bzw. ob einer der beiden den Antagonisten darstellt, ist an dieser Stelle ebenso unklar. Das Auftauchen Zecas (2.) setzt einen prägnanten Punkt in der Einleitung des Films. Dem Zuschauer wird ein Szenario geboten, dass deutlich nach einer Erklärung für die Vergangenheit der Hauptpersonen verlangt. Veras Identität wird in Frage gestellt und sie scheint Zeca bekannt zu sein. Robert erschießt Zeca ohne Vorwarnung. Dann wird deutlich, wie viel Angst er um Vera hat. Zecas Tod beendet die Einleitung und löst Marilias Erzählungen über die Vergangenheit (3.) aus. Diese bildet den Übergang zwischen der aktuellen Handlung und dem Flashback. Die Erzählung ist kombiniert mit kurzen Sequenzen. Es stellt eine Mischung aus Flashbacks und mündlichen Einblicken in die Vergangenheit dar. Marilia berichtet, dass Robert und Zeca eigentlich Brüder sind und unter welchen Umständen sie zur Welt kamen (3.1.). Darauf folgt die Aufklärung über Roberts familiäre Situation, seine untreue Frau Gal, die durch einen Autounfall mit Zeca beinah verbrennt und sich anschließend das Leben nimmt. (3.2). Der Grund für den Selbstmord seiner Tochter wird nicht erläutert. Norma wird jedoch als kleines Mädchen gezeigt, wie sie den Leichnam ihrer Mutter sieht. Durch diese Erzählungen wird nun in die Vergangenheit eingeleitet und es beginnt die große Phase der Flashbacks (4.), nach dem Vera und Robert gemeinsam zu Bett gehen und der erste Versuch von Intimität fehlschlägt. “Sechs Jahre zuvor” (00:46:09) lautet die Einblende, die auf dem Bildschirm erscheint. Sie leitet die Rückblende ein. Somit beginnt die Handlung innerhalb dieser im Jahre 2006. Nun erhofft sich der Zuschauer die Aufklärung der gesehenen Geschehnisse. Es wird eine Hochzeit von Roberts Freunden gezeigt (4.1), unter anderem befindet sich seine Tochter Norma unter den Gästen, welche inzwischen zu einer jungen Frau geworden ist. Robert sieht einen jungen Mann auf einem Moped flüchten und findet darauf hin seine Tochter bewusstlos im Garten. Dieser Flashback wirft noch weitere Fragen auf. Was ist Norma auf der Feier zugestoßen und welche Verbindung haben diese Geschehnisse zur der Gegenwart? Der zeitliche Abstand zwischen Gals Tod und der Hochzeit beträgt ebenfalls sechs Jahre. Kurzzeitig wird der Flashback unterbrochen und man sieht Robert verschwitzt im Bett erwachen. Die Rückblende wird fortgesetzt (4.2)., in dem der Zuschauer Einblick in ein Kleidergeschäft in Spanien erhält. Dort arbeitet der junge, den Drogen zugeneigte, Vicente. Durch freundschaftliche Kontakte erhält er die Möglichkeit Gast auf der Hochzeitsfeier zu sein. Es folgen Vicentes Erlebnisse auf dieser, wie er Bekanntschaft mit der jungen Norma macht und sie nach kurzer Zeit anfängt zu bedrängen, in der Annahme, dass sie sich freiwillig auf Intimitäten einlässt. Jedoch wehrt Norma sich und Vicente schlägt sie bewusstlos. Aus Angst ergreift er die Flucht. Dies gibt nicht nur Einblick in die Vergangenheit, sondern erläutert auch den vorhergehenden Flashback (4.1.). Im darauffolgenden Part (4.3.) sieht man Vicente im Kleidergeschäft seiner Mutter arbeiten, eine Woche ist nach der Hochzeit vergangen. Er beschließt eine Runde mit seinem Moped zu drehen. Ab der Abfahrt vor dem Kleidergeschäft wird er von einem dunklen Van verfolgt. Außerhalb der Stadt wird er außer Gefecht gesetzt, im Van entführt und erwacht darauf hin angekettet in einem Kellergewölbe. Ein Besuch bei der Polizei von Vicentes besorgter Mutter wird gezeigt. Ihre Bitten um die Fortsetzung einer Suche nach ihrem Sohn werden abgelehnt, da man vom Tod oder einer freiwilligen Abreise Vicentes ausgeht. Ebenso ist auch Robert um sein Kind besorgt. Man sieht, wie er seine verstörte Tochter in einer Klinik besucht, sie jedoch jegliche Annäherungsversuche seinerseits ablehnt. Der nächste Teil des Flashbacks (4.4.) eröffnet dem Zuschauer die unmenschlichen Bedingungen, unter denen Vicentes Gefangenschaft abläuft. Robert offenbart sich ihm zum ersten Mal sichtbar als Entführer. Vicente ist völlig unklar warum man ihn der Freiheit beraubt. Von jeglicher Sozialisation abgeschottet, verbringt Vicente im Kellergewölbe einige Zeit. Das nächste Szenario spielt sich auf einem Friedhof ab (4.5.). Es ist die Beerdigung von Norma, die offenbar ihrer psychischen Erkrankung erliegt und den Freitod wählt. Kurz darauf, am selben Tag (4.6.), wird Vicente von seinem Entführer erneut außer Gefecht gesetzt und auf eine Operation vorbereitet. Robert fälscht die Papiere für diese und führt sie gemeinsam mit seinen Kollegen durch. Als Vicente nach dem Eingriff erwacht, erfährt er von Robert, dass er einer Geschlechtsumwandlung unterzogen wurde. Nun beginnen für Vicente sechs Jahre bei Robert, in denen er eine neue, körperliche Identität erhält. (4.7.). Im Haus erhält er ein eigenes Zimmer, wird jedoch trotzdem in seiner Freiheit eingeschränkt. Erst nach mehreren Wochen, wenn nicht sogar Monaten (Zeitraum ist nicht definiert) offenbart Robert ihm, dass er Normas Vater ist. Vicente wird nach und nach in eine, optisch vollständige, Frau verwandelt. Neben diesen Behandlungen dient er auch als Versuchsobjekt für Roberts Hautforschungen. Während dieser Zeit versucht Vicente ebenfalls seinem Schicksal zu entfliehen. Es wird gezeigt, wie es zu einem gewalttätigem Konflikt mit Robert und einem anschließenden Selbstmordversuch Vicentes kommt. Jedoch schafft der Chirurg auch diese Wunde narbenfrei zu heilen. “Einige Wochen später”, (01:27:51), nach diesem Vorfall, benennt Robert Vicente in Vera um. Aus dem jungen Mann ist eine makellose Frau geworden, das Ergebnis zahlreicher medizinischer Prozesse. Daraufhin folgen Veras Wutanfälle und die Verarbeitung des eigenen Identitätskonfliktes. So vergehen die Jahre, bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Der große Abschnitt der Flashbacks endet hier. Mit den Worten “Zurück in der Gegenwart” (01:36:32) kehrt die Handlung zu den aktuellen Geschehnissen zurück. Im nächsten Teil der Geschichte (5.) wird der Morgen nach der ersten gemeinsamen Nacht dargestellt. Robert und Vera sind offensichtlich ein Paar geworden, Vera erlangt ihre langersehnte Freiheit. Marilia fährt mit ihr in die Stadt zum Einkaufen, trotzdem ist die Haushälterin immer noch voller Skepsis der jungen Dame gegenüber. Robert bekommt währenddessen Besuch von seinem Kollegen (6.), der bei der Operation vor sechs Jahren dabei war. Er verdächtigt Robert den operierten Mann entführt und an seiner Haut Experimente durchgeführt zu haben. Vera kehrt aus der Stadt zurück und versucht den Verdacht des Kollegen zu entkräften. Sie stellt sich bewusst als Frau vor und beteuert dass sie auf freiwilliger Basis im Hause Ledgard ist und keinerlei Zwang durch Robert besteht. Sein Kollege verschwindet daraufhin wortlos. Die nächste Sequenz beginnt mit der folgenden Nacht (7.). Robert und Vera werden erneut intim. Kurzzeitig verschwindet Vera nach unten um ein Gleitgel zu besorgen. Sie kehrt mit einer Pistole wieder und erschießt Robert. Marilia wird von dem Schuss geweckt und Vera ist gezwungen sie ebenfalls zu töten. Endlich gelingt Vera die lang erhoffte Flucht aus dem Hause ihres Entführers. Am nächsten Morgen betritt die junge Dame das Kleidergeschäft, in dem sie als Vicente gearbeitet hat (8.). Mit Tränen in den Augen offenbart sie der damaligen Arbeitskollegin ihre wahre Identität und erzählt kurz was passiert ist. Die Mutter tritt zu den beiden weinenden Frauen, und der Film endet mit dem Satz “Ich bin Vicente.” (01:53:34), den Vera leise äußert.

Nach der genauen Analyse der Erzählstruktur wird deutlich, welche Funktion die Flashbacks innerhalb der Handlung haben. Mit einer Länge von 50 Minuten bilden sie nicht nur den Hauptteil des Films, sondern erläutert dem Zuschauer chronologisch die Abläufe in der Gegenwart, die in der Einleitung und am Ende dargestellt werden. Die Geschichte wird rückblickend erzählt. Almodóvar bietet ein anfänglich verwirrendes Szenario und klärt erst im Laufe der Rückblenden das Geschehen auf. Eine Alternationsstruktur, mit welcher der Kultregisseur die Zuschauer in Ahnungslosigkeit und darauffolgendes Staunen versetzt und somit anfängliche Fragen beantwortet, z.B. die nach den Zielen und Motiven der Hauptpersonen. Die Rollenverteilung (Protagonist, Antagonist) soll später im Interpretationsansatz diskutiert werden.

4. Interpretationsebene

4.1. Die Charaktere und ihre Beziehungen

Robert Ledgard, ein erfolgreicher Chirurg mit Neigung zur Hautforschung. Von dieser scheint er besessen zu sein, da er für die Durchführung auch illegale und unmoralische Schritte geht. Sein Leben ist geprägt durch den Verlust seiner Familie. Er handelt professionell, präzise und vorsichtig. Emotionen versucht Robert zu unterdrücken und bewahrt Ruhe in Konflikten, bzw. beendet diese (gewaltsam), ohne Diskussion. Oft sind in seinem Gesicht Hass, Verzweiflung, Zuneigung und Angst erkennbar. Roberts Kleidung symbolisieren eine gehobene Persönlichkeit und Wohlstand, wie auch seine zwar ruhige, jedoch standhafte Art. Anzüge sind fester Bestandteil seiner Garderobe.

Vicente ist 27 Jahre alt und arbeitet im Kleidergeschäft seiner Mutter. Er hat eine Neigung zum Drogenkonsum. Sein Wohnort langweilt ihn und er spricht oft davon diesen zu verlassen. Bei dem Übergriff auf Norma und der darauffolgenden Flucht ist auch zu sehen, dass Vicente eigentlich keine gewaltsamen Absichten hat und selbst Angst bekommt. Möglicherweise war ihm dieser Vorfall sogar eine Lehre, da er seit dem keine Drogen mehr konsumiert. Selbst eine Woche nach der Hochzeit beschäftigt ihn seine Tat. Somit sieht man, dass er kein gewaltsamer Sexualverbrecher ist, sondern ein verantwortungsloser junger Mann, der aus Leichtsinn gehandelt hat. Sein Kleidungsstil ist bunt und jugendlich, eventuell eine bildliche Untermalung seiner mangelnden Reife. Gegen seinen Willen wird Vicente in eine Frau verwandelt, zu Vera. Ihr Ziel ist es aus dem Hause Ledgard zu flüchten. Während der medizinischen Behandlungen entsteht bei Vera eine Suizidgefährdung. Mit der Zeit findet sie jedoch zu ihrer geistigen Identität durch Yoga und künstlerische Aktivitäten. Vera geht am Ende geduldig und geschickt vor, um ihre Freiheit zu erlangen. Für die anschließenden Morde an Robert und Marilia verspürt sie Reue. Die junge Frau ist beinah durchgängig in Bodies gekleidet, welche auf keine Geschlechtsidentität schließen lassen. Dies symbolisiert ihre Identitätskrise. Erst am Ende, als sie Robert eine liebevolle Partnerin vorspielt, sieht man sie in Frauenkleidern.

Marilia, die Haushälterin, ist misstrauisch und hast Angst um ihren Sohn Robert. Man merkt deutlich, dass Marilia Robert Zeca vorzieht, obwohl beide ihre Söhne sind. Sie gibt sich jedoch selbst die Schuld dafür, dass beide einen eigenen Wahnsinn besitzen.

[...]


1 Föls, Michael (2011): Die Haut, in der ich wohne (2011). www.filmering.at

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
"Die Haut, in der ich wohne" von Pedro Almodóvar: Eine Filmanalyse
Untertitel
Die Einflüsse und Zusammenhänge innerhalb menschlicher Verhältnisse und ihre Einflussfaktoren auf Täter- und Opferrollen
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
35
Katalognummer
V265238
ISBN (eBook)
9783656550099
ISBN (Buch)
9783656548508
Dateigröße
916 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
haut, pedro, almodóvar, eine, filmanalyse, einflüsse, zusammenhänge, verhältnisse, einflussfaktoren, täter-, opferrollen
Arbeit zitieren
Alina Gert (Autor), 2013, "Die Haut, in der ich wohne" von Pedro Almodóvar: Eine Filmanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265238

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