Das sizilianische Schweigen

Eine historisch-soziologische Untersuchung der Omertà als Machtstütze der sizilianischen Mafia


Zwischenprüfungsarbeit, 2013
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kriminelle Organisation: Die Entstehung der Mafia

3. Wirtschaftliche Struktur des Mezzogiorno: der „Nährboden“ der Mafia
3.1. Das Nord-Süd-Gefälle und der Assistenzialismo
3.2. Der Aufstieg der Mafia im Mezzogiorno

4. Traditionelle Aspekte: Familismus und Clientelismus
4.1. Das System der amici degli amici
4.2. mafia als Attitüde

5. Rolle der omertà in der Mafia-Ideologie

6. Schluss

7. Literaturnachweis

1. Einleitung

“Cu e surdu, orbu e taci, campa cen'tanni 'mpaci.“[1] lautet eins von vielen sizilianischen Sprichwörtern, das die Verschwiegenheit der Sizilianer als eine Weisheit ansieht. Diese sogenannte omertà ist in der Kultur der süditalienischen Gesellschaft fest verankert und nicht zuletzt ein Teil des Wertesystems der dort herrschenden Mafia.

Bis die ersten pentiti[2] vor Gericht aussagten, gab es kaum Informationen über das Wesen der Mafia. Im Maxi-Prozess, der 1986-87 in Palermo gegen mehr als 450 Mafiosi geführt wurde und zur Verurteilung von hunderten Angehörigen der sizilianischen Cosa Nostra führte, gab es die ersten Aufklärungserfolge zu verzeichnen. Um das Phänomen der Omertà, das Gesetz des Schweigens, als wichtige Stütze in der Machtsphäre der süditalienischen Mafia zu erklären, müssen die Umstände betrachtet werden, unter denen es den Mafiosi gelang, zum wesentlichen Machtfaktor des Mezzogiorno zu werden. Denn die Mafia ist nicht nur eine kriminelle Organisation, sondern auch die spezifische Form einer Sozialorganisation, die sich unter bestimmten sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen in Süditalien entwickelt hat.

Für diese Analyse soll auf einer historisch-soziologischen Ebene die Entstehung, die Entwicklung und Modernisierung der Mafia im Vordergrund stehen, speziell die der sizilianischen Cosa Nostra, da sie die bekannteste unter der kriminellen Organisation Italiens ist. Die Gesellschaft des Mezzogiorno, in der die instrumentelle Freundschaft sowie gegenseitige Gefälligkeiten eine große Rolle spielen, muss dabei ebenfalls Eingang in meine Ausarbeitung finden. Weniger Beachtung wird der Zusammenbruch der Mafia im Zweiten Weltkrieg, die internationale Ausbreitung sowie die Anti-Mafia-Bewegung finden. Die Omertà wird den ausschlaggebenden Aspekt meiner Untersuchung darstellen, da die Mafia ohne sie kaum ein so großes kriminelles Machtpotenzial hätte aufbauen können. Der Anteil der organisierten Kriminalität am BSP des Süden wurden in den letzten Jahren auf 25 - 40% geschätzt, dabei stand Palermo im Jahr 1989 beim Pro-Kopf-Anteil an 70. Stelle, beim Konsum jedoch an 7. Stelle Italiens (Stand 2006).[3] Das Schweigen der sizilianischen Gesellschaft, der Mafia-Mitglieder sowie der italienischen Regierung und wirtschaftlichen Unternehmen, die „in odore di mafia“ stehen, zeigt sich als typisches Phänomen des Mezzogiorno, das ich in dieser Arbeit analysieren möchte.

2. Kriminelle Organisation: Die Entstehung der Mafia

Gemäß den letzteren Forschungsergebnissen liegen die Ursprünge der Mafia im landwirtschaftlichen Sektor des 18. Jahrhunderts, in dem es zu Spannungen zwischen den gabellotti[4], dem Adel und den Bauern in Nord- und Innersiziliens kam . Durch die Aufhebung der Leibeigenschaft benötigten die Großgrundbesitzer durchsetzungsfähige Männer, damit diese, unter Druck- und Gewaltanwendung auf die Bauern, die Bestellung der Latifundien gewährleisten konnten.[5] Um 1890 festigte sich die Stellung der Gabellotti in der Gesellschaft, sodass sie immer stärkeren Druck auf die Großgrundbesitzer ausübten und an Macht gewannen. Im Zuge ihrer willkürlichen Herrschaft zahlten sie eine geringere Pacht, bis sie später gänzlich das gesamte Latifundium dem Eigentümer abnahmen. Sie führten zunehmend Polizeiaufgaben und Gerichtsbarkeit durch, vorrangig mit Gewalt.

Die Bauern wurden gezwungen, einen Teil ihrer Ernte als Gebühr abzugeben und erhielten dafür den Schutz der Gabellotti. Diese feudalen Rechte erhielten sich bis in das 20. Jahrhundert, sie sind der traditionelle Vorläufer des heutigen Schutzgeldes (pizzo[6]), das nach wie vor als mafiotische Bereicherung dient. Die erpresserischen Methoden wurden im Folgenden durch die nächsten Generationen in den Städten fortgeführt, z.B. wurden Obst- und Gemüsemärkte und später Geschäfte für vorgetäuschte Leistungen ausgebeutet.[7] Um die Gabellotti bildete sich eine loyale cosca (Familie) aus Verwandten und Freunden. Wie auch die heutzutage genannten „Mafiosi“, versuchten die Gabellotti als Mittelsmänner zu wirken, um die „Bindeglieder zwischen den verschiedenen Gruppen und Segmenten der Gesellschaft zu kontrollieren und zu monopolisieren“[8]. Während die Mafiosi also einerseits die Spannungen zwischen den sozialen Sphären verschärften und sich zunutze machten, wendeten sie andererseits mit Hilfe von Gewalt Aufstände und Unruhen ab und boten Protektion an.

Die einst traditionelle Mafia wurde ab 1950/60 von der modernen, unternehmerischen, profitorientierten Mafia abgelöst, die immer öfter mit einflussreichen Personen und Politikern zusammenarbeitete. Durch den Wirtschaftsaufschwung entdeckte die Mafia ihre Geschäftsmöglichkeiten im Baugewerbe, mit der Nutzung (oder besser gesagt mit dem Missbrauch) von EU-Fördergeldern und bei der Ausschreibung öffentlicher Aufträge (appalti). Im heutigen Italien sind vor allem die Cosa Nostra in Sizilien, die Camorra in Neapel, die N‘drangheta in Kalabrien und die Sacra Coròna Uníta in Apulien aktiv. Doch nicht alle dieser kriminellen Organisationen können zur „Mafia“ gerechnet werden. BLOK betrachtet „Mafia“ unter dem Gesichtspunkt der privaten Anwendung von Gewalt als Mittel der Kontrolle und erkennt das ambivalente Verhältnis zwischen Mafia und Staat:

„Auf der einen Seite mißachten Mafiosi das formale Gesetz und wissen sich dem Zugriff der Justiz- und Verwaltungsmaschinerie zu entziehen. Auf der anderen Seite agieren Mafiosi mit stillschweigender Duldung der formellen Obrigkeit und ‚legalisieren‘ die von ihnen ausgeübte Kontrolle durch geheime und pragmatische Beziehungen zu den formellen Amtsinhabern.“[9]

Die Mafia als Geheimgesellschaft unterscheidet sich demnach von Banditen- oder anderem Gangstertum durch die Symbiose mit der Regierung, wodurch deren Machtsphäre sich nicht „in offenem Gegensatz zu den Machtsphären des Staates“[10] befindet. Durch die Androhung und Anwendung von Gewalt sichern sich die Mafiosi diese Mittlerposition.

Die neapolitanische Camorra wird von der Presse oft mit der Mafia gleichgesetzt, jedoch handelt es sich dabei nicht um eine Geheimgesellschaft, da sich die Gruppen nicht auf lebenslängliche Bindungen verpflichten und der Familienzusammenhalt fehlt. Es handelt sich hierbei um städtische Bandenbildung, deren Mitglieder nicht als uomini d’onore gelten. Eine Zusammenarbeit mit ihnen ist für Mafia-Mitglieder verboten und wird durch die Mafia selbst mit dem Tod bestraft. Die Eigenbezeichnung Cosa Nostra („Unsere Sache“) steht, gemäß den Aussagen des pentito Antonio Calderone für die „Gesamtheit aller in Gruppen organisierten uomini d’onore“[11]. Der Begriff uomo d’onore leitet sich aus onorata società („geehrte Gesellschaft“) ab, ein „Ehrenmann“ wird ein Mitglied erst durch einen formellen Initiationsritus.

Im Legge Rognoni-La Torre von 1982 wird die Mafia schließlich wie folgt definiert:

„Eine Vereinigung ist mafiosen Typs, wenn diejenigen, die ihr angehören, sich der Einschüchterungskraft der Gruppe und der Unterdrückung und der daraus entstehenden Omertà bedienen, um Verbrechen zu begehen, um auf direkte oder indirekte Art die Führung oder Kontrolle über wirtschaftliche Aktivitäten, Konzessionen, Genehmigungen und öffentlich Aufträge zu erlangen oder zu verwirklichen.“[12] (Artikel 416 bis)

Dieses Anti-Mafia-Gesetz führte die Mafiamitgliedschaft als Straftat ein und somit die strafrechtliche Verfolgung typischer Mafiamethoden über die tatsächlich begangenen Straftaten hinaus. Zudem genehmigte es die Konfiszierung der Güter eines verurteilten Mafioso.

Nach dieser Ausführung über das Wesen einer kriminellen Organisation, soll untersucht werden, unter welchen Aspekten sich die Mafia gerade im Mezziogiorno entwickeln konnte. Im Mittelpunkt stehen dabei die wirtschaftliche Disparität von Nord- und Süditalien und die einhergehenden unterschiedlichen Lebensbedingungen.

3. Wirtschaftliche Struktur des Mezzogiorno: Der „Nährboden“ der Mafia

3.1. Das Nord-Süd-Gefälle und der Assistenzialismo

Die Anfänge der ungleichen Entwicklung sind bereits im 19. Jahrhundert zu finden, als die damaligen jeweils eigenstaatlichen Fürstentümer und Regionen der Halbinsel (die beiden Königreiche Siziliens, Sardinien-Piermont und die kleineren Regionen des Nordens) 1861 zu einem Königreich vereint wurden. Als dieses 1946 in die Repubblica Italiana überführt wurde, zeigte sich bereits ein starkes Nord-Süd-Gefälle bezüglich des freien Wirtschaftswachstums. Die Menschen im Mezzogiorno sehen den Grund dieser regionalen Disparität in der Ausbeutung durch die Industrieländer, während es die Norditaliener als Folge des „mediterranen Schlendrians“[13] auffassen.

Tatsächlich lassen sich die Ursachen für die ungleiche wirtschaftliche Struktur bereits im 19. Jahrhundert finden, als der italienische Staat nach seiner nationalen Einigung 1861 hauptsächlich von den europaorientierten Gebieten Norditaliens geführt und kontrolliert wurde und das südliche Italien zu einem „kolonieartigen Anhängsel mit anderer Geschichte, Bevölkerung, Kultur, Mentalität, Sprache und Wirtschaft“[14] geriet. Die weit entfernte, in Rom residierende Regierung zeigte wenig Interesse an den verarmten Gebieten des Mezzogiorno. Die Loyalität der süditalienischen Bevölkerung gegenüber dem Staat wurde somit zunehmend labiler, da sie sich einer fremden, fernen Staatsmacht unterworfen sah, nicht zuletzt durch die Einführung der Wehrpflicht und des norditaliensichen Steuersystems. Als Sizilien 1946 den Status einer autonomen Region mit Sonderstatut und damit ein eigenes Parlament, eine Regionalverfassung und eine größere politische sowie administrative Autonomie erhielt, verlagerten sich fortan die Entscheidungs- und Kontrollbefugnisse der nationalen Regierung in Rom auf die Regionalregierung in Palermo.

Das Misstrauen gegenüber dem Staat verstärkte sich, sodass sich die Mehrheit der Süditaliener mehr denn je auf Selbsthilfe angewiesen fühlten. Die Familienverbände gewannen an größerer Bedeutung, die einen großen Teil der Arbeitslosigkeit auffingen. Die Bindung an die eigenen Leute wurde wichtiger als die Anweisungen des fernen Staates. In diesen schwachen staatlichen Strukturen fand die Mafia ihre Funktion als Stütze der Gesellschaft, die sie mit erschreckender Brutalität gegen die staatliche Obrigkeit ausübte. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1950er Jahre entwickelten sich organisierte Banden, deren Werte und Strukturen sich in den darauffolgenden Jahrzehnten etablierten. Auch heute noch ist das Misstrauen gegenüber dem Staat in der süditalienischen Gesellschaft fest verankert. Gemäß einer demoskopischen Untersuchung über die Staatsverdrossenheit der Italiener, durchgeführt vom Centro di ricerche Makno in den 80er Jahren, misstrauten 56,4 % der Bevölkerung der Institution Parlament, 73,4 % den politischen Parteien und 71,2 % den Politikern (Stand 1985).[15]

[...]


[1] Dt.:„Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.“, u.a. in: Brunner, E.: Ehrenwerte Leichen. Die Mafia hinter Gittern, in: Zeit Online, vom 04.04.1986.

[2] Pentito = Reuiger; geständiger Mafioso, der das Gesetz des Schweigens bricht

[3] Vgl. Hausmann, F.: Kleine Geschichte Italiens. Von 1943 bis zur Ära Berlusconi. Aktual. und erw. Neuausg., Berlin : Wagenbach 2006, S. 208.

[4] Landpächter, die einem abwesenden Großgrundbesitzer unterstellt waren und die auf den Latifundien arbeitenden Bauern dirigierten

[5] Vgl. Arlacchi, P.: Mafia von innen. Das Leben des Don Antonino Calderone. Frankfurt/Main : Fischer 1993, S. 236.

[6] sizilianischer Dialektausdruck: pizzu, abgeleitet von bagniusi u pizzu“, Vgl. Arlacchi, P., S. 329.

[7] Vgl. Arlacchi, P., S. 236.

[8] Blok, A.: Die Mafia in einem sizilianischen Dorf 1860 – 1960. Eine Studie über gewalttätige bäuerliche Unternehmer. Frankfurt/Main : Suhrkamp 1980, S. 10.

[9] Blok, A., S. 22.

[10] Ebd.

[11] Arlacchi, P., S. 325.

[12] Müller, P.: Die Mafia in der Politik. München : C.H. Beck Verlag 1990, S.101.

[13] Ebd., S.10.

[14] Müller, P., S. 10.

[15] Vgl. ebd., S. 21.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das sizilianische Schweigen
Untertitel
Eine historisch-soziologische Untersuchung der Omertà als Machtstütze der sizilianischen Mafia
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Romanische Sprachen und Literaturen)
Veranstaltung
L'Italia del XX secolo / Storia culturale e sociale
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V265328
ISBN (eBook)
9783656549611
ISBN (Buch)
9783656548157
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mafia, Omertà, Sizilien, Palermo, Cesare Mori, Familismus, Clientelismus, amici, kriminelle Organisation, Mezzogiorno, Cosa Nostra, Schweigepflicht
Arbeit zitieren
(Staatsexamen Gymnasiallehramt) Solveig Höchst (Autor), 2013, Das sizilianische Schweigen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265328

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