Migration, Fremdheitserfahrung und Integration in Sten Nadolnys "Selim oder die Gabe der Rede"


Diplomarbeit, 2013

144 Seiten, Note: 17/20


Leseprobe

INHALTVERZEICHNIS

WIDMUNG

VORWORT

RESUME

ABSTRACT

EINLEITUNG

1. Problemstellung
1.1. Interesse und Motivation
1.2. Zielsetzung

2. Forschungsstand

3. Arbeitsmethode

4. Forschungsschritte

KAPITEL 1: ZUR POSTMODERNE

1. Begriffsbestimmung: Ursprung und Entwicklung

2. Eine postmoderne Literatur?

3. Der postmoderne Roman
3.1. Moderner Roman und Postmoderner Roman
3.2. Merkmale des postmodernen Romans
3.2.1. Die unchronologische und fragmentarische Erzählweise
3.2.2. Die Intertextualität
3.2.3. Die Metafiktionalität
3.2.4. Die Pluralität
3.2.5. Die Ironie

4. Postmoderne Erzählweisen im Roman Selim oder die Gabe der Rede
4.1. Absage der Linearität und fragmentarische Erzählweise
4.2. Die Metafiktion
4.3. Die Pluralität
4.4. Die Intertextualität
4.5. Die Ironie

KAPITEL II: WAS HEISST „FREMDSEIN“?

1. Was ist ein Fremder?

2. Die Entfremdung

3. Die Facetten der Fremdwahrnehmung

1.1. Die drei Begegnungsmodelle nach Theo Sundermeier
1.1.1. Das Gleichheitsmodell
1.1.2. Das Alteritätsmodell
1.1.3. Das Komplementaritätsmodell
1.2. Die Facetten der Fremderfahrung nach Michael Hofmann
1.2.1. Das Fremde als das Unzugängliche
1.2.2. Das Fremde als das noch Unbekannte
1.2.3. Das Fremde als das verdrängte Eigene
1.3. Modi des Fremderlebens nach Ottfried Schäffter
1.3.1. Fremdheit als Gegenbild
1.3.2. Fremdheit als Ergänzung

2. Die Facetten der Fremdwahrnehmung in Sten Nadolnys Selim oder die Gabe der Rede.
2.1. Das Komplementaritätsmodell
2.2. Das Alteritätsmodell

KAPITEL III : ZUR FÖRDERUNG DER DEUTSCH-TÜRKISCHEN INTEGRATION IM ROMAN

1. Zum Werk
1.1. Zum Autor
1.2. Selim oder die Gabe der Rede: Versuch einer autobiographischen Interpretation
1.3. Zeit und Raum des Erzählens im Roman Selim oder die Gabe der Rede

2. Integrationsswierigkeiten

3. Die Vorbedingungen einer gelungenen Integration
3.1. Bereitschaft sich der fremden Kultur anzupassen
3.2. Das Lernen der Sprache
3.3. Die Überwindung von Vorurteilen
3.4. Tapferkeit und Entschluss durchzukommen

4. Die Integrationsstrategien
4.1. Die Integrationswilligen
4.2. Die Gleichgültigen

5. Zur Förderung der türkischen Integration: Ayşe und Selim als Musterbeispiele

6. Alexander in der Türkei: Relativierung der Fremdheit und Dekonstruktionsstrategie des Autors

KAPITEL IV: LITERATUR UND WIRKLICHKEIT : BEZUGS- UND ENTFERNUNGSWEGE

1. Historische Hintergründe und Ziele der Einwanderung türkischer Gastarbeiter in die Bundesrepublik Deutschland

2. Nadolnys Auffassung der Einwanderung im Zuge des Romans Selim oder die Gabe der Rede
2.1. Selbstbereicherung statt Qualifikation und Wiederaufbau
2.2. Die Einwanderung als Abenteuer
2.3. Die türkischen Gastarbeiter als heimatlose Menschen

3. Wirklichkeitsbezüge im Roman Selim oder die Gabe der Rede

4. Bezug der Literatur zur Gesellschaft

KAPITEL V: STEN NADOLNYS SELIM ODER DIE GABE DER REDE: ANMERKUNGEN AUS HEUTIGER SICHT

1. Globalisierung und Weltmobilität

2. Die behandelten Themen

3. Nadolnys Roman als Inszenierung eines interkulturellen Dialogs

4. Didaktische Relevanz der Arbeit

SCHLUSS/ FAZIT

BIBLIOGRAPHIE

RESUME

La migration des Hommes et des biens d’un lieu à un autre est un facteur important de la globalisation. A travers cette mobilité, beaucoup d’Hommes se retrouvent dans des pays autres que les leurs, avec des lois et des cultures différentes. Il se pose ainsi le problème d’intégration de ces étrangers dans leurs pays d’accueil. L’un des défis majeurs de ces migrants est de changer de langue, de culture, bref de tout changer tout en restant soi-même. Telle est la situation des anciens migrants Turques en Allemagne qui constituent la majorité de la population étrangère en Allemagne. A l’heure où le Premier Ministre turque Recep Tayip Erdogan déclare que les Turques ne devraient plus être considérés comme des étrangers en Allemagne, la xénophobie bat son plein dans une société allemande conservative. C’est dans cette mouvance que s’inscrit le présent travail avec pour but de montrer dans quelle mesure le roman de Sten Nadolny Selim oder die Gabe der Rede est un outil fondamental qui plaide pour l’intégration turque en Allemagne. Pour y parvenir, nous allons utiliser la déconstruction d’après Derrida d’une part et De Man d’autre part. Le présent travail peut être considéré comme un plaidoyer pour l’intégration turque en Allemagne.

ABSTRACT

Migration of human beings and properties from one place to another is an important factor of globalization. Through this mobility, many people find themselves in countries other than theirs, having different laws and cultures. As such, the problem of integration of these strangers in their host arises from this situation. The challenge of these migrants is to change their language, culture everything, while being oneself. Such is the situation of former Turkish migrants who constitute the majority of the foreign population in Germany. At the time when the Turkish Prime Minister Recep Tayip Erdogan declares that Turkish should not longer be considered as foreigners, xenophobia is widespread in a conservative German society. It is in that streamline that this work is carried out with the aim of showing in what ways the novel Selim oder die Gabe der Rede of Sten Nadolny is a fundamental tool which advocates for the integration of Turkish in Germany. To attain our goal, we will use the deconstruction according to Derrida on the one hand and according to De Man on the other hand. This work can therefore be considered as a plea for Turkish integration in Germany.

EINLEITUNG

1. Problemstellung

1.1. Interesse und Motivation

Als Sten Nadolny 1980 mit der Lesung des fünften Kapitels „Kopenhagen 1805“ seines damals noch unveröffentlichten Romans Die Entdeckung der Langsamkeit den Ingeborg Bachmann- Preis erhielt, begann das Kind des Schrifstellerehepaares Buckhard und Isabelle Nadolny, die Gunst der Literaturkritik und der Leserschaft zu gewinnen.1.5 Millionen Exemplare dieses Romans wurden verkauft und der Erfolg blieb nicht nur auf Deutschland beschränkt. In diesem ersten Erfolg war die literarische Öffentlichkeit auf die ersten Schritte des damals noch 41jährigen deutschen Schriftstellers gespannt. Dadurch erwirbt er den Ruf, ein vielversprechender Schriftsteller zu sein. Fast ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung dieses erfolgreichen Romans betritt er die literarische Bühne mit einem neuen Roman mit dem Titel Selim oder die Gabe der Rede.

Der Roman Selim oder die Gabe der Rede schildert das facettenreiche Bild einer Generation und vor allem zweier Jugendlichen vom frühen Mannesalter zum Mittelalter. Die Geschichte beginnt im Januar 1965 in Istanbul, in der Türkei. Im Sonderzug nach Kiel sitzt eine Gruppe von Türken, die nach Deutschland reisen, um dort als Gastarbeiter zu arbeiten. Im Mittelpunkt haben wir den Meister im Ringen Selim. Nadolny schildert das Abenteuer des türkischen Gastarbeiters Selim in der Bundesrepublik Deutschland und die Geschichte des deutschen Abiturienten Alexander, dessen Phantasie vor allem um die Frage kreist, wie er ein großer Redner werden kann.

Obwohl Nadolnys Roman eine Fülle von Interpretationen schon hervorgerufen hat, reißt das Deutungsinteresse mitnichten nicht ab. Mit seinem erzählerischen Fabuliersinn interessiert und fasziniert der ehemalige Geschichtslehrer jede neue Generation von Interpreten. Unsere Motivation für die vorliegende Arbeit entsteht aus der Tatsache, dass Sten Nadolny mit seinem Roman zu den wenigen deutschen Autoren gehört, die sich mit der türkischen Integration in Deutschland befasst haben. Er führt die seit 1973 offiziell beendete Einwanderung türkischer Gastarbeiter nach Deutschland in die aktuelle Debatte um die Integration ein. Geschildert wird die Lage und Nöte dieser vor fast 25 Jahren in Deutschland angekommenen Türken, die heute zu einem Teil der deutschen Bevölkerung geworden sind. Mit einer Mischung von Zärtlichkeit und mittels einer bildhaften Sprache verleiht Nadolny somit der Einwanderung eine besondere Aufmerksamkeit und einen verfremdenden Blick. Sein Roman hat nichts an seiner Aktualität verloren. Demzufolge ist dieser Roman von besonderer Relevanz und er ist ein wichtiges Fundament für die aktuelle Debatte um die türkische Integration in Deutschland.

Die Grundhypothese unserer Arbeit ist die Auffassung, dass die türkischen Migranten in die deutsche Gesellschaft integrierbar sind. Daher wollen wir auf die folgenden Fragen eingehen: welches Vorstellungsbild haben die Deutschen von den türkischen Migranten? Auf welche Schwierigkeiten stoßen die türkischen Gastarbeiter bei der Integration in der deutschen Gesellschaft? Welche Faktoren werden vom Autor im Roman eingesetzt, um sich erfolgreich zu integrieren?

1.2 . Zielsetzung

Der Roman Selim oder die Gabe der Rede ist ausgehend von seiner Verarbeitung ein vielfältiger Roman, demzufolge liegt ihm eine Fülle von Interpretationsmöglichkeiten zugrunde. Zu den Themen, die darin behandelt werden, gehören Facetten der Interkulturalität, die Rhetorik, das Erzählen usw. Die vorliegende Arbeit zum Thema: “Migration, Fremdheitserfahrung und Integration im postmodernen Roman. Am Beispiel Sten Nadolnys Selim oder die Gabe der Rede geht auf die genannten Aspekte nicht ein. Unsere Arbeit fokussiert auf die Einwanderung von der Türkei in die Bundesrepublik Deutschland, das Vorstellungsbild, das die Deutschen von den in Deutschland lebenden Türken haben und auf die türkische Integration im Roman. Erklärtes Ziel dieser Arbeit, ist es zu klären und zu beweisen, dass Nadolnys Roman Integrationswege öffnet und dass er ein Appel zur Integration Türkischstämmiger in die deutsche Gesellschaft ist. So geht es darum zu zeigen, dass der Roman eine Förderung der türkischen Integration in Deutschland ist.

2. Forschungsstand

Auf Grund der heftigen umstrittenen Debatten um die Postmoderne und der zeitlosen Diskussion um die Interkulturalität hat die Forschung zu den Werken von Sten Nadolny in den letzen fünfzehn Jahren zugenommen, deshalb findet sein Roman großes Interesse der Literaturkritik. Bei der Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen Publikationen zum Roman Selim oder die Gabe der Rede springt es in die Augen, dass die meisten Forscher sich mehr für das Erzählen, die Postmoderne, die Rhetorik als für die türkische Einwanderung und die türkische Integration interessieren.

Mit seinem Aufsatz betitelt: „Zur Wahrnehmung und Funktion des Redens in einer Kultur des Schreibens: über Sten Nadolnys Selim oder die Gabe der Rede beschäftigt sich der an der Universität Yaoundé I lehrende senegalesische Literaturwissenschaftler Alioune Sow mit der Oralität. Er versucht auf die Relevanz des Redens in einer Gesellschaft einzugehen, wo das Schreiben dominant ist. Sows Untersuchung widmet sich zum einen der Frage, welche Funktion der Rede in diesem Roman zugeschrieben wird, und zum anderen, wie in diesem Roman Reden und Schreiben ineinander verwoben sind. Er versucht auch zu begründen, dass die Sprache ein wichtiger Integrationsfaktor ist. Wenn sie nicht beherrscht wird, nährt sie kulturelle Missverständnisse.

In ihrer Dissertationsarbeit zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie schreibt die Ägypterin Lamyaa Abdelmohsen Osman Ziko zum Thema „Interkulturalität- Erzählformen in den Werken von Sten Nadolny“, in der sie sich mit den interkulturellen Aspekten und den Erzählformen in zwei Romanen des Autors: Die Entdeckung der Langsamkeit und Selim oder die Gabe der Rede befasst. Die Verfasserin untersucht die Ambivalenz des Verhältnisses zwischen Fremdem und Eigenem und greift auf die Problematik der Interkulturalität als Wechselwirkung von Fremdem und Eigenem und ihre erzähltechnische Verwirklichung in den zitierten Romanen.

Die Aspekte interkulturellen Schreibens in Nadolnys Roman Selim oder die Gabe der Rede aufzuzeigen und ans Licht zu bringen, ist Ziel des Aufsatzes Aglaia Blioumis in: „Interkulturalität und Literatur. Interkulturelle Elemente in Sten Nadolnys Roman Selim oder die Gabe der Rede. Dabei analysiert sie das interkulturelle Potential des Romans. Blioumis These ist, dass der Diskurs über Interkulturalität geeignete Kategorien bietet, um die textuellen Verschränkungsversuche zwischen dem Fremden und Eigenen erkenntnistheoretisch und interpretativ zu erfassen. Demzufolge geht sie auf folgende Aspekte im Roman ein: den dynamischen Kulturbegriff, die Selbstkritik, die Hybridität und die doppelte Optik.

Da die Thematik der Fremdheitserfahrung, der Einwanderung und der Integration Türkischstämmiger von den meisten Nadolny –Forschern weniger berücksichtigt werden, will die vorliegende Arbeit diese Aspekte beheben. Im Anschluss an die Arbeit Alioune Sows will unsere Arbeit seine Konzeption fortsetzen, nach der die Sprache ein wichtiger Faktor der Integration ist. Im Hinblick auf die Arbeit der Ägypterin Ziko befassen wir uns mit dem Verhältnis von Fremdem und Eigenem, aber wir beschränken uns nicht auf eine bloße Darstellung der zwischen dem Fremden und dem Eigenem existierenden Verhältnisse, sondern wir versuchen vorzuschlagen, wie die kulturellen und sozialen Barrieren zwischen den beiden Polen überschreitet werden kann. Wir setzen Prioritäten auf die Migration, die Fremdheitserfahrung und die Integration, weil sie aktuellen Bezug haben.

3. Arbeitsmethode

Bei der Analyse eines Werkes liegt eine Fülle von Methoden vor, die je nach dem zu erreichenden Ziel zu gebrauchen sind. Eines der Grundmerkmale und Hauptbedingungen des Erfolgs einer wissenschaftlichen Arbeit ist die Abhängigkeit der Zielsetzungen von dem Methodeneinsatz. Weil wir uns mit einem postmodernen Roman befassen, werden wir die Dekonstruktion als Arbeitsmethode einsetzen, denn diese Methode ist für die Analyse postmoderner Texte geeignet. In unserer Arbeit wollen wir die Dekonstruktion zum einen im Sinne von Jacques Derrida und zum anderen Paul de Man bedienen.

Die Dekonstruktion ist als ein textzentriertes Interpretationsverfahren zu verstehen, wobei zwei Annahmen in den Vordergrund stehen: nämlich der Bruch mit der Vorstellung einer durch Interpretation erschließbaren Wahrheit und die Annahme einer für die Interpretation maßgebenden subjektiven Intention von Autor oder Leser.

Der Ausgangspunkt von Derridas Überlegungen ist eine Aufwertung von Schrift gegenüber dem gesprochenen Wort. Der literarische Text hat kein Denkzentrum. Die Analyse zielt demzufolge nicht darauf ab, eine sich hinter dem Text steckende Intention des Autors wiederzufinden, sondern es gibt viele Analysemöglichkeiten eines literarischen Textes: „Daher lässt sich vom klassischen Gedanken der Struktur paradoxerweise sagen, dass das Zentrum sowohl innerhalb der Struktur als auch außerhalb der Struktur liegt.“(Derrida, 2008:305). Wir stützen uns auf die Dekonstruktion nach Derrida, um zu beweisen, dass der Roman nicht nur vom Erzählen berichtet, sondern es liegt ihm viele Interpretationsmöglichkeiten zugrunde.

Des Weiteren möchten wir uns auch auf die amerikanische Variante der Dekonstruktion von Paul de Man stützen. De Man radikalisiert die Ideen Derridas, indem er das Verständnis eines Textes nur im Akt des Lesens findet. Für De Man sind literarische Texte eigentlich unlesbar. Die Figuralität und die Literalität des literarischen Textes machen ihn „unlesbar“. Die Dekonstruktion besteht in diesem Sinne in der Dekodierung der vom Autor im Text gebrauchten rhetorischen Sprache. So schreibt De Man :„ Was ist gemeint, wenn wir sagen, die Untersuchung literarischer Texte notwendig abhängt vom einem Akt des Lesens [] Zunächst impliziert es, dass Literatur keine transparente Botschaft ist, in der die Unterscheidung zwischen der Botschaft und den Kommunikationsmitteln als gegeben unterstellt werden kann“( De Man, 2008:329). So wollen wir einige Allegorien im Roman und zum Beispiel die Metaphorik der Linkshändigkeit damit entschlüsseln. Die Auswahl dieser werkzentrierten Methode bedeutet aber nicht die Exklusion aller außertextlichen Informationen. Damit Missverständnisse vermieden werden, werden auch textexterne Methoden in unsere Analyse einbezogen, wenn sie sich für unsere Analyse erforderlich erweisen.

4. Forschungsschritte

Um unser Ziel zu erreichen, haben wir unsere Arbeit in fünf Teilen gegliedert. Im ersten Teil befassen wir uns mit der Postmoderne. Es geht uns in diesem Teil darum, die Postmoderne theoretisch umzureißen und zu klären, inwiefern Sten Nadolnys Selim oder die Gabe der Rede als „ postmoderner Roman“ zu betrachten ist. Im zweiten Teil, wo wir uns mit dem Fremdsein befassen, versuchen wir zu klären, inwiefern die Türken in Deutschland als Fremde betrachtet werden. Wir versuchen auch zu klären, ob ein Mensch in der eigenen Gesellschaft fremd sein kann. Im dritten Teil gehen wir zum einen der Frage nach, inwiefern Nadolnys Roman die Integration Türkischstämmiger in Deutschland fördert und welche Integrationsstrategien von den Türken eingesetzt werden, um sich in Deutschland zu integrieren, und zum anderen geht es um die Interpretation des Werkes aus einer autobiographischen Perspektive. Darin antworten wir auf die Frage, inwiefern dieser Roman als Plädoyer für die Integration Türkischstämmiger interpretiert werden kann. Die Beziehung zwischen Literatur und Wirklichkeit zu klären ist Ziel des vierten Teils. Hier versuchen wir die Bezugs- und Entfernungswege zwischen Literatur und Wirklichkeit durch die Thematisierung aktueller Ereignisse aufzeigen. Wir klären in diesem Teil, welchen Beitrag Nadolny zur aktuellen Debatte über Migration leistet. Im engeren Sinne handelt es sich um Nadolnys Auffassung der Einwanderung. Letztlich handelt es sich im fünften Teil um die Aktualisierung des Romans, seine Interpretation aus einer heutigen Sicht.

KAPITEL 1: ZUR POSTMODERNE

Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre vermehren sich - ausgehend von den USA - um das Motto „Anythings Goes( Jeβing/Köhnen, 2007:123)„die Rufe nach vielseitigem, offenem Denken jenseits aller Dogmen “(ebd.S.123). Die neue Denkhaltung umfasst viele Lebensbereiche: Kunst, Architektur, Politik, Religion und Literatur. Die Gesellschaften wurden stark davon beeinflusst. Diese Gesellschaften hat man entschieden, ‚Postmodern‘ zu nennen (Lyotard, 1999:13). Was ist überhaupt die Postmoderne? Wie entsteht diese neue Denkhaltung? Wie kommt man zur postmodernen Literatur und was ist damit gemeint? Was ist ein postmoderner Roman und was kennzeichnet ihn? Und letztlich: inwiefern ist Nadolnys Selim oder die Gabe der Rede ein postmoderner Roman? Dies sind Fragen, auf die das erste Kapitel unserer Arbeit eingehen und antworten will.

1. Begriffsbestimmung: Ursprung und Entwicklung

Eine straffe Bestimmung dessen, was Postmoderne ist, ist nicht vorhanden, denn bis heute befinden sich noch Denker, Literaturwissenschaftler und -kritiker inmitten einer Diskussion um die sogenannte „Postmoderne“. Auch einige der Befürworter der „Postmoderne“ wie etwa der Amerikaner Ihab Hassan, der Italiener Umberto Eco und der Deutsche Wolfgang Welsch haben unermüdlich versucht, die „Postmoderne“ zu definieren und zu beschreiben. Letzten Endes haben sie ihre Unbeschreibbarkeit als eines ihrer Wesensmerkmale gefunden.

Etymologisch ist „Postmoderne“ ein Kompositum aus „post“(aus dem Lateinischen, nach, hinter) und Modern (vom Lateinischen „Modernus“, abgeleitet von „Modo“ bedeutet eben erst, gerade eben).

Damit ist eine neue Epoche gemeint, die nach der Moderne kommt. Es geht demzufolge um den Zustand der abendländischen Gesellschaft, des kulturellen Lebens und der Kunst nach der Moderne. Sie ist vor allem als eine neue Richtung zu verstehen, die sich vor allem gegen die Institutionen, Methoden und Konzeptionen der Moderne wendet. Es ist nicht einfach, die Postmoderne zeitlich abzugrenzen und sie betrifft heterogene gesellschaftliche und kulturelle Aspekte, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben.

Der Begriff umfasst viele Bereiche:1870 (Malerei); 1977 (Philosophie); 1926 (Religion) und 1970 (Architektur).

Aus der weltweiten Diskussion um die Postmoderne ist Jean François Lyotards Buch Das Postmoderne Wissen nicht wegzudenken. Auch wenn Lyotard selbst sein Buch eher als eine Gelegenheitsarbeit sah, ist es zu einem Schlüsseltext für die spätere Diskussion um die Postmoderne geworden. In der Einleitung zu diesem Buch definiert Lyotard das Adjektiv ‚ postmodern‘ folgendermaßen: „postmodern bezeichnet den Zustand der Kultur nach den Transformationen, welche die Regeln der Spiele der Wissenschaft, der Literatur und der Künste seit dem Ende des 19. Jahrhunderts getroffen haben.“ (Lyotard, 1999: 13). Die Postmoderne ist dieser Bestimmung zufolge ein Sammelbecken für die wissenschaftlichen, kulturellen und künstlichen Veränderungen am Ende des 19. Jahrhunderts. Dementsprechend steht sie für die kunstgeschichtlichen und die ästhetisch- kulturellen Konfigurationen der 1960er und Anfang der 1970er Jahre, die ihren Ausgangspunkt in Amerika haben. Es ist aber nicht Ziel der vorliegenden Arbeit, sich gründlich und intensiv mit dem umstrittenen Konzept der Postmoderne zu befassen. Es geht uns vielmehr in diesem überleitenden Teil unserer Arbeit darum, die Rahmenbedingungen der Entstehung der Postmoderne zu klären und zu zeigen, inwiefern Nadolnys Roman Selim oder die Gabe der Rede als postmoderner Roman gilt.

2. Eine postmoderne Literatur?

Schon seit 1934 ist der Begriff „postmodern“ in der Literaturwissenschaft anwesend. Übertragen wurde er vom Literaturwissenschaftler Federico de Onis, der mit „Postmodernismo“ die Zwischenphase der hispanisch-amerikanischen Dichtung zwischen 1905-1914 meinte.

Im engeren Sinne ist die Entstehung einer postmodernen Literatur mit dem Erscheinen von Leslie Fiedlers Essays „ Crosss the burder-close the gap“ 1969 verbunden. Fiedler will damit die Ära der „ klassisch“ gewordenen Moderne durch eine Kunst ersetzen, die sich der kulturellen Massenerfahrung und der Darstellungsformen von Popkultur bedienen soll. Das Ziel Fiedlers besteht darin, eine Verbindung zwischen den sogenannten populären Texten und denen der Hochliteratur herzustellen. „Postmodern“ bedeutet in diesem Sinne die Überwindung elitärer Kunstproduktion. Literatur soll daher nicht nur für die minderwertige Elite reserviert werden. Es geht den postmodernen Schriftstellern nicht darum, Texte zu verfassen, zu denen lediglich Gelehrte Zugang haben sollen, gefordert wird eine Literatur, die die ganze Gesellschaft betrifft. Es geht darum, Werke zu gestalten, damit auch die unteren Schichten diese literarischen Texte ohne große Mühe lesen und verstehen können.

Die Auseinandersetzung mit der Postmoderne in Deutschland beginnt erst Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre, nachdem sie schon in den anderen Ländern diskutiert worden ist. Diese spätere Entwicklung der Postmoderne macht noch eine Bestimmung schwerer, dieses Wort bezieht sich nicht nur auf die Literatur, sondern umfasst andere Bereiche wie die Kunst und die Architektur.

Eine der Erfindungen der literarischen Postmoderne ist der postmoderne Roman. Im folgenden Teil wollen wir uns insbesondere mit dem postmodernen Roman befassen. Vor allem geht es uns darum, auf die Wesensmerkmale des postmodernen Romans einzugehen. Wir versuchen zu zeigen, was dieser Roman von den Romanen anderer Epochen unterscheidet. Zwar beschränkt sich die postmoderne Literatur nicht auf die Prosa, aber wir interessieren uns vielmehr für den postmodernen Roman, weil der Roman Selim oder die Gabe der Rede ein Roman ist, der durch eine gründliche Lektüre als postmoderner Roman bezeichnet werden kann. Eines muss noch geklärt werden. Es soll aber Einstimmigkeit darüber herrschen, dass wir keine theoretischen Kenntnisse über die Postmoderne und den postmodernen Roman schreiben wollen, sondern es geht darum die Merkmale des postmodernen Romans in Selim oder die Gabe der Rede ans Licht zu bringen.

3. Der postmoderne Roman

Der postmoderne Roman ist als eine literarische Erscheinungsform der Postmoderne zu verstehen. Dieser Romantyp ist zeitgenössisch und unterscheidet sich inhaltlich und formal vom modernen Roman. Das bedeutet daher, dass die Bestimmung des postmodernen Romans einer klaren Erklärung bedarf dessen, was unter „moderner Roman“ verstanden wird.

3.1. Moderner und Postmoderner Roman

Der moderne Roman ist eine Erfindung der literarischen Moderne, die auch auf die zivilisatorische Moderne reagiert. Dieser Roman reagiert auf die Industrialisierung und ihre Konsequenzen, den Krieg, die Entfremdung und den Sinnverlust der als Risikogesellschaft (Peter Gross) und Erlebnisgesellschaft (Gerhard Schulze) charakterisierten modernen Gesellschaft. Was den modernen Roman charakterisiert ist der Bruch mit alten Konzeptionen und die Infragestellung der negativen Aspekte der modernen Gesellschaft. Im Zeitalter der Technik und der visuellen Massenmedien erlebt der moderne Roman eine Krise und dies führt zur Toterklärung der Literatur und des Erzählens. Walter Benjamin findet die Erklärung dafür in der Tatsache, dass es den Erzählern an darstellbarer Erfahrung fehlte, denn diese war im Zeitalter der „fortgeschrittenen audiovisuellen und digitalen Medien“( Jessing/Köhnen, 2007:129) nicht mehr erzählerisch mitteilbar. Ein weiterer Grund, der das Erzählen sinnlos machte, war diese Neigung zum Dokumentarischen und zur Faktizität der Allgemeinwirklichkeit. Der postmoderne Roman führt aus dieser Krise des modernen Romans und galt als „einer der Wege, die sich bestimmter Mittel bediente, um das Erzählen wiederzubeleben.“(Ziko,2004:5). Die Entstehung des postmodernen Romans ist also als die Wiedergeburt der seit Jahrzehnten tot erklärten Literatur und des Erzählens zu verstehen. Mit der Einführung außer literarischen Aspekten wie etwa das Mixing von Codes und Montage usw. will der postmoderne Roman das Erzählen wiederbeleben.

3.2. Merkmale des postmodernen Romans

In seinem Sachwörterbuch der Literatur bestimmt der Literaturwissenschaftler Gero von Wilpert den postmodernen Roman als eine:

dichterische Erzählung, die den Blick richtet auf die einmalig geprägte Einzelpersönlichkeit oder eine Gruppe von Individuen mit ihren Sonderschicksalen in einer [] Welt, in der nach Verlust der alten Ordnungen und Geborgenheit die Problematik, Zwiespältigkeit, Gefahr und die ständigen Entscheidungsfragen des Daseins an sie herantreten und die ewige Diskrepanz von Ideal und Wirklichkeit[] Das in das Weltgeschehen eingebettete Schicksal spielt sich in ständiger, erneuerter Auseinandersetzung mit den äußeren Formen und Mächten ab, ist ständige individuelle Reaktion auf die Welteindrücke und –einflüsse und damit ständige eigene Schicksalsgestaltung.(http://de wikipedia.org nachgeschlagen am 22.Dezember 2012)

3.2.1. Die unchronologische und fragmentarische Erzählweise

Eines der Merkmale des postmodernen Romans besteht darin, das Erzählen fragmentarisch und unchronologisch darzustellen. Der postmoderne Roman distanziert sich von der Linearität beim Erzählen. Wegen der fragmentarischen und unchronologischen Erzählweise muss das Geschehen oft vom Leser rekonstruiert werden. Die Lektüre eines postmodernen Romans verlangt demzufolge die Aufmerksamkeit und die Konzentration des Lesers, sonst werden ihm wichtige Informationen des Textes übergehen. Die Geschichten werden nicht bis zum Ende geführt, sondern sie werden von anderen Geschehnissen unterbrochen. Die Negierung der linearen Erzählformen stellt schon die sogenannten „ großen Erzählungen“ in Frage. Das ist ein Beweis für die Tatsache, dass „Postmoderne“ als Ende der „großen Erzählung“ begriffen wird. Das Ende dieser „großen Erzählungen“ wird in der Literatur bzw. im Roman überall dort wahrgenommen, wo die Auflösung von Kohärenz und Kausalität, einheitlichem Plot und totalisierenden Weltentwürfen zugunsten fragmentarischer, mehrperspektivischer und nicht linearer Schreibweisen charakteristisch ist.

3.2.2. Die Intertextualität

Der Begriff „Intertextualität“ ist relativ jung. Es ist aber wichtig darauf hinzuweisen, dass das intertextuelle Verfahren mehr als den Begriff bedeutet. Der Begriff wurde zum zentralen Begriff der Literaturwissenschaft und vor allem der Erzählforschung in den 1970er Jahren. Die Intertextualität ist die Eigenschaft der Konstruktion und Rezeption eines literarischen Textes, wobei dieser sich in seiner Handlung, Begrifflichkeit oder Metaphorik auf andere bezieht. Diese Texte können Texte desselben Autors oder anderer Autoren, Textgattungen und Epochen sein. Um diesen Begriff besser zu verstehen, ist es vonnöten, kurz auf die verschiedenen Literaturtheoretiker einzugehen, die sich mit der Intertextualität auseinandergesetzt haben wie Michael Bachtin, Jacques Derrida, Gerard Genette und Julia Kristeva.

Als zentraler Begriff der Literaturwissenschaft seit den 1970er Jahren wurde der Begriff „Intertextualität“ von vielen Literaturtheoretikern behandelt. Da dieser Begriff sich einer einzigen und einheitlichen Bedeutung entzieht, wollen wir auf die Konzeptionen unterschiedlicher Theoretiker eingehen. Für den zu analysierenden Roman Selim oder die Gabe der Rede, der vielfältig ist, ist es vonnöten, die Standpunkte dieser vier Theoretiker Rechnung zu tragen, weil jeder von ihnen einen Aspekt für ein besseres Verständnis der im Roman zu beschreibenden Intertextualität liefert. Es ist daher erforderlich, auf unterschiedliche Standpunkte über die Intertextualität einzugehen, um die Analyse fruchtbarer und lebhafter zu machen. Die Berücksichtigung einer einzigen Konzeption der Intertextualität wird nicht nur die Analyse beschränken, sondern sie kann Missverständnisse hervorbringen. Erst wenn variable Standpunkte zusammengestellt und im Roman illustriert werden, dann können Widersprüche vermieden und Missverständnisse erhellt werden.

3.2.2.1. Die Intertextualität nach Bachtin

Der russische Literatur- und Kulturwissenschaftler führt die Intertextualitätstheorie ein. Ihm zufolge kann ein literarischer Text sowohl monologisch als auch dialogisch sein. Er weist darauf hin, dass die Wörter, die wir im Sprechen und Schreiben benutzen, schon von den Spuren gedrängt werden, die andere Sprecher schon gebraucht haben. Da ein Sprecher in seiner Rede stets auch die fremden Wörter anderer Sprecher in Betracht zieht, sei daher jede sprachliche Äußerung durch eine Rivalität mehrerer Sprachen bestimmt, so dass eine innere Dialogizität von Standpunkten und Weltsichten entsteht. Bachtin sieht demzufolge im Roman nicht mehr eine monolithische Einheit, sondern eine „künstlerisch“ organisierte Redevielfalt, zuweilen Sprachvielfalt und individuelle Stimmenvielfalt. Er unterscheidet noch ferner das einstimmige Wort der Figuren vom einstimmigen Autorwort, das sich jedoch doppelt, sobald sich der Erzähler einmischt. In seinem Werk Die Ästhetik des Wortes gibt er Folgendes zu verstehen:

Die Redevielfalt, die in den Roman eingeführt wird [] ist fremde Rede in fremder Sprache, die dem gebrochenen Ausdruck der Autorintentionen dient. Das Wort einer solchen Rede ist ein zweistimmiges Wort .Es dient gleichzeitig zwei Sprechern und drückt verschiedene Intentionen aus: die direkte Intention der sprechenden Person und die gebrochene des Autors[] zudem sind die beiden Stimmen dialogisch aufeinander bezogen, sie wissen gleichsam voneinander ( wie zwei Repliken eines Dialogs voneinander wissen und sich in diesem gegenseitigen Wissen entfalten) sie führen gleichsam ein Gespräch miteinander. Das zweistimmige Wort ist stets im Innern dialogisiert. (zitiert nach Schlöβler 2006: 219).

3.2.2.2. Intertextualität nach Jacques Derrida

Ein weiterer Literaturwissenschaftler und Philosoph, der sich mit dem Begriff der Intertextualität auseinandergesetzt hat, ist der Franzose Jacques Derrida. Er begründet mit seiner Theorie des Textes einen Begriff der Intertextualität, der nicht mehr einfach das Verhältnis von zwei vorliegenden Texten zum Gegenstand hat, sondern die Beziehung eines Textes zu einem ihm vorgängigen abwesenden Text. Derrida präzisiert die Verkettung dieses Gewebes ist der Text, welcher nur aus der Transformation eines anderen Textes hervorgeht. Es nicht weder in den Elementen noch im System, dass irgendwann oder irgendwo einfach abwesend wäre. Es gibt durch und durch nur Differenzen und Spuren von Spuren. Es wird demzufolge klar verstanden, dass ein Text immer in Beziehung zu einem ihm abwesenden Vorgängertext steht.

3.2.2.3. Intertextualität nach Julia Kristeva

In Anlehnung an Bachtins Theorie der Dialogizität entwickelt die bulgarische Kulturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva den Begriff der Intertextualität weiter hin und prägt ihn als Zentralkategorie einer umfassenden Textwissenschaft. Sie hält fest, dass das Wort im Text seine Bedeutung erst im Zusammenhang mit einem früheren oder zeitgenössischen Korpus entfaltet: „ Jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes“. Es lässt sich dadurch verstehen, dass jeder Text sich in einem Kosmos von Texten situiert, der prinzipiell offen ist. Texte lagern andere Texte in sich. Gerard Genette hat sich auch mit dem Begriff der Intertextualität befasst.

3.2.2.4. Intertextualität nach Gerard Genette

Der französische Literaturwissenschaftler Gerard Genette hat sich auch mit dem Begriff der Intertextualität befasst.

Ausgehend davon, dass jeder Text intertextuell angelegt sei, entwickelt er ein umfangreiches kategoriales System intertextueller Bezugsrahmen. Ihm zufolge ist die Intertextualität die effektive Präsenz eines Textes in einem anderen. Genettes Klassifizierungsversuche der Transtextualität lassen sich folgenderweise zusammenfassen:

- Die Intertextualität: Hier unterscheidet Genette drei Erscheinungsformen, was das effektive Präsenz eines Textes in einem anderen angeht: das Plagiat, das Zitat und die Anspielung
- Die Paratextualität: Diese Kategorie verweist auf die paratextuelle Bezugnahme. Damit ist gemeint, dass ein Text von anderen Texten umgeben wird, die in Form von Peritexten (etwa der Schutzumschlag, Titel, Gattung, Vor- und Nachwort) oder Epitext (Interviews, Tagebuch) vorhanden sind
- Die Metatextualität : Es geht hier um den Kommentar eines Textes etwa durch einen anderen zum Beispiel in Form von Literaturkritik
- Hypertextualität : Es handelt sich um eine komplette Umformung eines Ausgangstextes und dies entweder durch eine Transformation (Das Thema bleibt ,aber der Stil wird geändert) oder durch Imitation(Veränderung des Themas)
- Die Architextualität: Hier stellt sich die Frage, wie ein Text sich in eine übergreifende Kategorie schreibt zum Beispiel Gattung.

Alle zitierten Literaturtheoretiker befassen sich mit der Intertextualität aus verschiedenen Perspektiven, aber es ist klar, dass alle es gemeinsam haben, dass sie die Intertextualität als einen Begriff definieren, der die Beziehung eines Textes zu einem vorgängigen Text zu beschreiben sucht.

3.2.3. Die Metafiktionalität

Als weiteres Merkmal des postmodernen Romans haben wir die Metafiktionalität. Unter Metafiktionalität ist eine Art Fiktion zu verstehen, bei der ein Werk seinen eigenen fiktionalen Charakter bewusst thematisiert. Die Metafiktion lässt sich somit als eine Literatur begreifen, die von Literatur handelt. Ferner wird sehr oft der Schreibprozess thematisiert. In dieser Hinsicht treten sehr oft Autoren als Romanfiguren oder Figuren als Romanautoren auf. Die Metafiktion ist daher eine Fiktion über die Fiktion, indem der Erzähler die Fiktionalität thematisiert. Metafiktion wird zu einem Sammelbegriff für „fiktionale Erzähltexte, die selbstreflexiv und systematisch die Aufmerksamkeit auf ihren Status als Artefakte lenken, um damit die Beziehung zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu problematisieren“(Waugh Zitiert nach Vogt 1997:296)

3.2.4. Die Pluralität

Weil die Postmoderne in der Literatur als das Ende elitärer Kunstproduktion verstanden wird und sich für eine Massenkultur einschreibt, ist der postmoderne Roman, der alle Gesellschaftsschichten umreißen will, vielfältig. Diese Pluralität drückt sich zunächst einmal in der hohen Zahl der Figuren aus. Außer der Vielfalt der Figuren lässt sich auch der postmoderne Roman durch eine Genremischung und das „Mixing von Codes“ charakterisieren. Dieser Roman lässt sich aus verschiedenen Perspektiven lesen. So kann der postmoderne Roman als Abenteuerroman, Zeitroman oder Entwicklungsroman gelesen werden. Er kennzeichnet sich auch durch Genremischungen, d.h. man kann im Roman andere Gattungen finden (Tagebuch, Kurzgeschichte). Verschiedene Codes werden gebraucht wie z.B. Filmtechniken. Dieser Roman wird sehr oft in Montagetechnik verfasst.

3.2.5. Die Ironie

Charakteristisch für die Erzählweise und Erzähltechnik des postmodernen Romans ist die Ironie. Die Autoren bedienen sich der Ironie in ihren Werken. Vom Griechischen „eironeia“, ‚Verstellung‘ ist Ironie ganz allgemein die komische Vernichtung einer Person, eines Gegenstandes durch Lächerlichmachung unter dem Schein der Ernsthaftigkeit (Rothmann, 1997:137). Postmoderne Autoren machen sehr oft ihre Figuren und die thematisierten Gegenstände lächerlich zum Zwecke der Kritik oder des Abbaus dieser Phänomene.

4.Postmoderne Erzählweisen im Roman Selim oder die Gabe der Rede

Wie wir es an früherer Stelle erwähnt haben, möchten wir uns bei der vorliegenden Arbeit auf die Postmoderne konzentrieren und wir werden die mit ihr verbundenen Aspekte durchnehmen. Deshalb wurden nicht alle, sondern nur einige Merkmale des postmodernen Romans umrissen, um sie im Roman Selim oder die Gabe der Rede zu illustrieren. Wir wollen daher in diesem Teil zeigen, inwiefern dieser Roman als einen postmodernen Roman betrachtet und gelesen wird. Hier werden die im vorigen Teil erwähnten Charakteristika postmodernen Romans im Roman mit konkreten Beispielen illustriert und die im Werk vorhandenen Merkmale des postmodernen Romans ans Licht gebracht.

4.1. Absage der Linearität und fragmentarische Erzählweise

Charakteristisch für den postmodernen Roman ist die Absage der linearen Schreibweise. Stattdessen wird es fragmentarisch erzählt. Liest man Nadolnys Selim oder die Gabe der Rede so springt es in die Augen, dass der Roman in Fragmente geschrieben wird. Schon im ersten Kapitel ist dieses Merkmal sichtbar. Im ersten Teil des ersten Kapitels werden die Geschichten fragmentarisch erzählt. Der Roman dreht sich vorwiegend um die zwei Hauptfiguren, den türkischen Gastarbeiter Selim und den Deutschen Alexander. Im ersten Teil des ersten Kapitels schildert der Erzähler die Reise des Türken Selim, der im Zug von Istanbul nach Kiel sitzt. Er ist aber nicht allein. Mit ihm reisen auch andere Türken: der Sprinter Mesut, der Friseur Ömer, der Bauer Mevlut und der Kurde Niyazi:

In Istanbul regnete es. Kurz vor vier Uhr waren alle Menschen, Kartons und Koffer untergebracht, die Listen und Papiere geprüft. Allein für die Kieler Werft waren sechsunddreißig Männer bestimmt, darunter sogar ein Neunzehnjähriger, der noch nie in der Armee gedient hatte [] An der Abteiltür saß Selim, ein nordwesttürkischer Meister im Ringen, Bantamgewicht, griechisch-römischer Stil, ihm gegenüber Mesut aus Ankara, der Hundert Meter in Zehn Komma zwei Sekunden lief. Mit ihnen fuhr der Friseur Ömer, ebenfalls Ringer. Die Fensterplätze nahmen der kurdische Schäfer Niyazi und der Bauer Mevlut ein. (S.13)

Dies ist die Schilderung des Anfangs des Abenteuers Selims. Unmittelbar hört der Erzähler mit der Darstellung von Selims Geschichte auf. Wir erleben einen Ortwechsel: von Istanbul nach Berlin, wo der Erzähler mit der Schilderung der anderen Hauptfigur Alexander, dem Gegenbild Selims fortsetzt: “Gegen halb sieben kam Alexander aus dem Kino und stapfte durch die verschneite Stadt [] Auf dem Rückweg traf er ausgezeichnet auf der Innbrücke seinen ehemaligen Griechischlehrer, genannt das Nebelhorn“(S.16)

Der literarische Spielplatz im oberen Zitat ist Degerndorf, daher auch Deutschland. Der junge Alexander begegnet seinem ehemaligen Griechischlehrer auf der Brücke über den Fluss Inn in Degerndorf. Es geht um eine Verschiebung nicht nur des Ortes, sondern auch der Geschichte, denn zu der Zeit, wo es erzählt wird, haben Alexander und Selim noch nichts miteinander zu tun. Auch wenn Alexander später an diesem begabten Türken einen geborenen Redner und einen möglichen Lehrmeister entdeckt, kennen sich beide Figuren noch nicht. Der eine ist noch im Begriff sein Heimatland zu verlassen und träumt von einem neuen Leben in Deutschland, der andere überlegt, nachdem er einen Film ferngesehen hat, wie er ein großer Redner werden kann. Das ist keine lineare Erzählweise. Er gibt im postmodernen Roman eine mehrperspektivische Erzähl- und Schreibweise. Die Geschichten werden aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Wir möchten klären, dass die unchronologische oder nicht lineare Erzählweise, wovon wir sprechen nicht temporal ist. Es geht hier vielmehr um die Reihenfolge der erzählten Geschichten. Die Geschichten im Roman werden nicht vom Anfang bis zum Ende erzählt, sondern sie werden durch die Geschichten anderer Figuren unterbrochen. Dies ist der Fall im Selim-Roman. Am Anfang wird die Geschichte der nach Deutschland vordrängenden türkischen Gastarbeiter geschildert. Unmittelbar setzt der Erzähler mit einer anderen Geschichte fort, die des Deutschen Alexander. Es gibt demzufolge keine Linearität, was die Geschichten betrifft.

Im vierten Teil desselben Kapitels wird kaleidoskopisch erzählt. Die Geschichte der verschiedenen Figuren wird global präsentiert, auch wenn diese sich an verschiedenen Orten befinden und jeder von ihnen mit eigenen Problemen beschäftigt ist: „ Der 22.Januar 1965, ein Freitag ging zu Ende. [] In Degerndorf am Inn [] setzte sich ein junger Mann die Kopfhörer auf und hörte mit einem uralten Detektorempfänger die nächtliche Mittelweile durch.“(S.25) Es geht hier um Alexander, der sich zu Hause befindet. Der Erzähler macht mit der Darstellung anderer Figuren weiter: “In einer Villa in Frechen wurde ein siebzehnjähriges Mädchen von seinem Vater beschimpft“(S.26) Dies ist die Geschichte Giselas, die sich auch in Deutschland (Frechen) befindet, aber noch nichts mit Selim, Alexander und mit den anderen Figuren etwas zu tun hat: “ Ein anderes Mädchen, Schweißerin aus den Bergen von Martigny, verbrachte im Rheinland ihre erste Nacht im Kloster.“(S.27) Der Erzähler setzt hier die Schilderung von Genevieve fort. Am Ende kam er zu den Türken zurück.“Bei Plovdiv hielt der Zug aus Istanbul eine Stunde lang [] Mesut sprach von Glück, Selim von Strategie und Taktik“(S.27). Am selben Tag stellt der Erzähler -wie mit der Kamera- alle Hauptfiguren und Protagonisten mit ihren Sorgen dar. Der Erzähler im postmodernen Roman konzentriert sich nicht auf eine Figur, sondern er erzählt aus mehreren Perspektiven. Die Geschichten der verschiedenen Protagonisten werden in Fragmente dargestellt.

Aufgrund der nicht linearen Schreib- und Erzählweise muss der Leser oft das Geschehen rekonstruieren. Eine Tat wird bloß zur Kenntnis gebracht, aber wie dies geschehen ist oder stattgefunden hat, gibt es im Text keine konkreten Hinweise. So erfährt man in Selim oder die Gabe der Rede, dass Selim jemanden ermordet hat, aber wie dies tatsächlich geschehen ist, wird nicht erklärt. Mit dieser Technik des Erzählens wird der Leser angesprochen. Da das Erzählen nicht linear geht, soll der Leser bei der Lektüre sehr oft das Geschehen rekonstruieren.

4.2. Die Metafiktion

Die Metafiktion ist nicht nur als eine Mischung von Fiktion und Realität, sondern auch als eine Fiktion der Fiktion zu verstehen.

Im Roman Selim oder die Gabe der Rede greift Nadolny zwar auf tatsächlich historisch ereignete Fakten, aber er kann sie nicht detailgetreu nacherzählen. Sein Roman ist den geschichtlichen Vorlagen entnommen, aber er verleiht ihnen einen neuen verfremdeten Charakter. Daher gibt es im Roman eine Mischung von Realität (die Einwanderung türkischer Gastarbeiter in die BRD) und von Erfundenem (der Sozialisationsprozess der Türken, ihre Beziehungen zu den Deutschen)

Die Metafiktion versteht sich auch als eine Fiktion der Fiktion. Es wird sehr oft im postmodernen Roman über die Literatur erzählt. Die postmodernen Autoren thematisieren in ihren als fiktional betrachteten Werken die Literatur, das Erzählen, die als Fiktion und Erfindung gelten. So legt Nadolny in diesem Roman seinem Erzähler Wörter in den Mund, um das Erzählen und den Erzähler zu beschreiben.

Im zwölften Kapitel des Romans zieht sich dieses Motiv des Erzählens durch. Das Erzählen ist daher einer der im Roman thematisierten Aspekte. Um den Charakter der Fiktionalität in der Literatur in den Vordergrund zu stellen, thematisieren die postmodernen Schriftsteller oft die Literatur, die Fiktion. Im Roman Selim oder die Gabe wird das Erzählen zu einem Thema, dem ein ganzes Kapitel zuschreibt. Das zwölfte Kapitel „ Leichtes und schweres Erzählen“ hat das Erzählen zum Thema. Darin führt der Autor seine Konzeption des Erzählens durch. Der Erzähler versucht in diesem Kapitel einen ‚Erzähler‘ wie folgt zu beschreiben: „Und jetzt ein Erzähler unserer Tage: er wirkt unkonzentriert, räuspert sich ständig, raucht, fragt: wo war ich stehengeblieben? [] Er hält sich mit Details auf, überlegt des längeren, ob das wirklich an einem Donnerstag war und ob der Mann, von dem er spricht, aus dem Norden oder aus dem Süden kam“(S.40). So beschreibt Nadolnys Erzähler einen zeitgenössischen Erzähler, der die Geschichte mit Details erzählt. Der heutige Erzähler vernachlässigt keine Information. Er erzählt dem Leser alles, was mitteilenswert ist. So führt er mit der Schilderung dieses Erzählers weiter:

Sie denken, ich beschriebe einen schlechten Erzähler? So etwas, sagen sie, könne man sich vielleicht in der Literatur gefallen lassen, aber nicht im Gespräch? []Nein, eben der Beschriebene ist ein geborener Erzähler, der beste, den ich je kennengelernt habe r schafft seinen eigenen Raum, seine eigene Zeit. Verkürzung ist der Tod des Erzählens[]. Die ungeduldigen macht er geduldig, Fragestellern macht er heiter, was ihn selbst interessiert und was nicht- und lehrt sie zuhören. Wer bei ihm Kunst und Brillanz vermisst, der begreift nach einiger Zeit, dass es um die Sache geht, um die eine Sache, die immer der Gegenstand des Erzählens ist: das krause Detail, das scheinbar Unwichtige, Unvorgesehene, das sich aus kleinsten Zufällen summiert und dann über alles entscheidet. (S.410-411)

Dass das Erzählen im Roman thematisiert wird, ist ein Kennzeichen metafiktionalen Erzählens, denn der Erzähler, die als Produkte der Fiktion sind, werden innerhalb der Fiktion thematisiert.

Die Metafiktion als Fiktion der Fiktion spiegelt sich im Roman durch Alexanders Roman. Das ist ein Grundkennzeichnen postmoderner Romane, in denen sehr oft Autoren zu Figuren werden oder die Figuren des Romans werden zu Romanautoren. Dies ist der Fall Alexanders, der als Figur innerhalb des Romans einen Roman schreibt. So wird Alexander zu einem eines Autors im Selim oder die Gabe der Rede in kursiv geschriebenen Roman, so dass es ein Roman im Roman entsteht. Dieses Verfahren, wobei ein Roman im Roman als „ Binnenerzählung“ entsteht, versteht sich als „ mise en abyme“.Unter „Mise en abyme“ versteht man ein Verfahren, bei dem ein Text oder ein Teil von ihm in einen anderen montiert wird. Es geht also um einen ‚Roman im Roman‘, ‚Récit dans le récit‘ , einen Text im Spiegel eines anderen.( Sow, 2008:309)

Das ist eine Technik metafiktionalen Erzählens. So ‚fiktionalisiert‘ Alexander die Fiktion. Schon der Roman Selim oder die Gabe der Rede ist Fiktion und er, dass heißt Alexander ist ein fiktiver Autor. Der Erzähler, von dem der Roman erzählt, ist eine vom Autor erfundene Figur. Als solcher versucht er auch innerhalb Nadolnys Roman, einen Roman zu schreiben. Die erfundene Figur Alexander wird zum Autor eines erfundenen Romans. Beide werden erfunden: Alexander und sein Roman, fiktionalisiert Nadolny die Fiktion. So spiegelt sich die Metafiktion in „Selim oder die Gabe der Rede“.

4.3. Die Pluralität

Die oben angeführten Aspekte sind nicht die einzigen Merkmale postmodernen Romans. Es sind auch andere Merkmale vorhanden, die den postmodernen Roman vom Roman anderer Epochen differenziert und abgrenzt. Der postmoderne Roman unterscheidet sich von den anderen Romanen dadurch, dass er vielfältig ist. was wird mit Vielfalt hier gemeint? In welchen Bereichen drückt sie sich die Vielfalt des postmodernen Romans aus? Auf diese scheinbar einfache Frage wollen wir in diesem Teil eingehen, in dem wir versuchen, die Vielfalt des postmodernen Romans ans Licht zu bringen.

-Die Themen

Ein Kennzeichen der Vielfalt im postmodernen Roman ist die große Zahl der Themen. Da die Postmoderne in der Literatur das Ende elitärer Kunstproduktion bedeutet, versuchen jetzt die Schriftsteller populärer zu gestalten. Daher umfassen ihre Werke sehr oft alle Schichten der Gesellschaft.

Demzufolge behandeln sie viele Themen auf einmal, damit alle Gesellschaftsschichten dargestellt werden. So gibt es im postmodernen Roman kein einziges zentrales Thema, sondern viele Themen werden auf einmal behandelt. Liest man Nadolnys Roman Selim oder die Gabe der Rede, so springt es in die Augen, dass der Roman sich nicht auf ein einziges Thema konzentriert. Der Roman öffnet dem Leser ein breites Feld von Themen.

Als eines der behandelten Themen wird die Problematik der Rede, die Rhetorik, thematisiert. Die Entwicklung dieses Themas kreist vor allem um die Hauptfiguren Alexander und Selim. Beide Figuren haben es gemeinsam, dass sie sich mit der Sprache, mit der Rede befassen. Alexanders wiederkehrender Tagtraum ist es, ein großer Redner zu werden. Die ersten Sätze des Romans, die im Vorspann stehen, drücken wörtlich Alexanders Ziele und seine Zuneigung zur Rhetorik: „1965 Alexander stand auf der Rosenheimer Innbrücke, blinzelte ins Schneetreiben und dachte darüber nach, wie er ein großer Redner werden konnte“(S.7). Das ist das Ziel, das Alexander während 25 fast Jahre zu verwirklichen versucht. Leider fällt ihm nichts schwerer als das freie Sprechen.

Sein Freund Selim ist ein Gegenbild zu ihm. Dieser ist ein geborener und begabter Erzähler, der zwanzig Minuten lang einen Kampf erzählt, der nur zwei Minuten gedauert hat: „Schon ging das Erzählen wieder los, er schilderte zwanzig Minuten lang einen Kampf, der zwei Minuten gedauert hatte.“(S;20). Was, wonach Alexander während seines ganzen Lebens strebt, besitzt der türkische Meister im Ringer seit seiner Kindheit: „ Mit sieben konnte er auch schon lügen“(S.79). Die Lüge ist nicht nur als eine negative Tat zu sehen, sondern es gibt dabei eine Erfindungskraft. Lügen heißt daher etwas nicht Wahres, aber was für möglich gehalten werden kann, erfinden. Selim war daher mit sieben schon ein Erzähler, ein Dichter, der selbst Geschichten erfinden konnte.

Das Thema der Interkulturalität lässt sich anhand der deutschen, schweizerischen und türkischen Personen skizzieren. Der Roman befasst sich mit Jugendlichen fast gleichen Alters, die aber unterschiedlichen kulturellen Sphären entstammen. Alexander ist als der Stellvertreter der deutschen Kultur zu betrachten und die Türken verkörpern die türkische Kultur. Das zufällige Treffen dieser Figuren aus verschiedenen kulturellen Horizonten lässt sich als eine Inszenierung eines interkulturellen Dialogs interpretieren. In dieser Hinsicht können wir die Kulturkontakte im Sinne eines Austausches im Roman bemerken. Die Handlung spielt sich anfänglich auf deutschem Boden: Kiel, Rosenheim, München und vor allem Berlin. Die Veränderung des literarischen Spielplatzes in die Türkei im dritten Teil des Romans ist eine Alternative des Autors, um die Figur Alexander in einer fremden Welt darzustellen, damit er die Fremdheitserfahrung -genauso wie die Türken in Deutschland - erlebt. Erst dann beginnt Alexander einige Verhaltensweisen seines Freundes Selim und anderer türkischer Personen, die jedoch in Deutschland kritisiert wurden, zu verstehen.

Da der Roman von Jugendlichen erzählt, trägt er somit auch die Beschäftigungen dieser Jugendlichen. Zu ihrem Alltag gehören Alkohol, Zigaretten, Drogen im Allgemeinen. Daher wird die Jugendkriminalität im ganzen Roman hindurch thematisiert. Alexander und sein Freund Selim nehmen mehrmals Drogen: “Sie feierten den Sieg in einer Kneipe und sprachen über Angst. ‚Hier‘, sagte Alexander, ‚mir hilft gegen Angst das hier‘. Er raucht einen Joint“ (S.303). Alexander rauchte nicht nur Joint sondern auch Haschisch:“ Alexander wohnt in einem Kreuzberger Hinterhaus. Wenn er nicht mit dem Lexikon unterwegs ist oder sich auf die Taxifahrer-Prüfung vorbereitet, raucht er Haschisch“. Die Hauptfiguren Alexander und Selim sind nicht die einzigen, die Drogen nahmen. Selim begeht unfreiwillig einen Mord, weil er Anna, Hermines Tochter, ein heroinabhängiges Mädchen befreien wollte. Dieses Mädchen starb zwei Wochen später an einer Überdosis Heroin:“ Zwei Wochen später ist Anna- Tanja wieder verschwunden, diesmal für immer, denn eine weitere Woche später lesen Alexander und Selim in einer der Billigzeitungen, dass ein Mädchen namens Tanja an einer Überdosis Heroin gestorben und in einer öffentlichen Toilette gefunden worden sei.“(S.358). Diese verschiedenen Beispiele dienen dazu, zu zeigen, dass die Jugendkriminalität thematisiert wird. Zur Jugendkriminalität kommt der Terrorismus hinzu. Doris, die Mutter von Selims Sohn Haluk verließ ihm das Kind, weil sie eine Terroristin war: “Fast zur gleichen Zeit kommt die Nachricht, dass die Terroristin Doris T. in der Kölner Fußgängerzone gefasst worden ist“ (S.358)

Als zeitloses und sich über alle Zeiten hinweg dehnendes Thema wird die Liebe im Roman thematisiert. Unter diesen Jugendlichen, die zu Beginn des Romans nur als Freunde gelten, entsteht eine Beziehung, die sich über die einfache Freundschaft hinausschweift. So liebt Selim viele Frauen im Roman, Alexander und Genevieve, Ayşe und Erden.

Es gibt im Roman eine Vielzahl von Themen, die alle hier nicht kommentiert werden können. Trotzdem werden wir sie zitierten. Wir haben außerdem als Themen, Migration, Fremdheitserfahrung, Integration, Prostitution, Landstreicherei usw.

Der postmoderne Roman hat kein zentrales Thema. Die Vielfalt des postmodernen Romans lässt sich auch durch die im Werk beschriebenen Figuren erkennen. Gero von Wilpert hat in seinem Sachwörterbuch der Literatur die Art der Figuren im postmodernen Roman zu beschreiben versucht. Ihm zufolge richtet der postmoderne Roman den Blick auf die einmalig geprägte Einzelpersönlichkeit oder eine Gruppe von Personen mit ihren Sonderschicksalen. Daher gibt es im postmodernen Roman keine zentrale Figur, deren Geschichte im Roman erzählt wird. Die Geschichte mehrerer Figuren wird gleichzeitig erzählt, jede Figur mit ihren Problemen und Träumen dargestellt. So lassen sich Alexander und Selim zwar als die Hauptfiguren klassifizieren, aber wir sollen die Entwicklung der Geschichten anderer Figuren nicht vernachlässigen. Die anderen Jugendlichen sollen auch berücksichtigt werden. Es geht im Roman nicht nur um die Beschreibung von Alexander und seinen Träumen oder nur um Selim und seine Erzählgabe, sondern auch um die anderen Jugendlichen.

Erzählt wird die Geschichte Genevieves vom Elternhaus ins Kloster, aus dem Kloster mit den anderen Jugendlichen, bis sie ein Kind zur Welt mit Selim bringt. Daneben haben wir das wegen Generationskonflikten mit Vaters Opel geflohene Mädchen Gisela, die von Hermine geholfen wird und dann aber dem Jungfilmer Olaf begegnet und mit ihm Filme zu drehen versucht. Daneben haben wir auch den Sprinter Mesut und die anderen Landsleute Selims, deren Sozialisations- und Integrationsprozesse beschrieben werden. Wir haben daher viele Geschichten, die mal mit den anderen verbunden, erzählt werden.

Ein weiteres Kennzeichen der Pluralität des postmodernen Romans ist das “Mixing von Codes“. Der postmoderne Roman bedient sich variierter Mittel, um das seit einigen Jahren tot erklärte Erzählen wieder zu beleben. Der Roman wird nicht lediglich mithilfe von Strukturelementen erzählerischer Texte verfasst. Autoren der Postmoderne gebrauchen auch Schreibtechniken anderer Gattungen oder anderer Künste. So werden Aspekte des Dramas, der Lyrik des Films im postmodernen Roman gefunden.

Beim Lesen von Nadolnys Selim oder die Gabe der Rede stellen wir fest, dass der Roman vielfältig ist. Dieser Roman wird in Montagetechnik verfasst. Wir haben bei der Lektüre den Eindruck, dass es sich um einen Film handelt. Die Geschichten der multiplen Personen werden kaleidoskopisch erzählt und daher entsteht der Eindruck, dass der Erzähler mithilfe einer Kamera die Erlebnisse der Figuren präsentiert.

Die Kapitel werden in Teile gegliedert und nummeriert. Jede Nummer steht für eine Sequenz genauso wie im Film. Im zweiten Kapitel haben wir ein Beispiel dafür. Der Anfang trägt die Nummer 6 und schildert Alexanders Rückkehr von Rosenheim nach Degerndorf. Er diskutiert mit seiner Mutter. Auf der Seite 36 steht die Nummer 7, die die Geschichte Giselas erzählt. Mit der Nummer 8 geht man dann zurück auf die Türken. Es wird hier wie im Film dargestellt. Diese Montagetechnik ist nicht das einzige Merkmal der Charakteristika des Films im Roman. Schon am Anfang des Romans sind Merkmale des Films zu finden. Der Roman beginnt mit einem Vorspann. Der Vorspann gehört zum Bereich des Films. Es bezeichnet eine Art Zusammenfassung eines Films, wobei die wichtigsten Handlungen und Hauptereignisse des Films dem Zuschauer kurz präsentiert werden. Der Autor gebraucht den Vorspann und passt ihn der Literatur an, indem die Geschichte im ganzen Roman in kleinen Abschnitten vom Anfang bis zum Ende zusammenfassend geschildert wird. Da die erzählte Zeit zwischen 1965 und 1989 ist, beginnt der Vorspann mit einer kurzen Präsentation der Ereignisse im Jahr 1965. Dies steht für den ersten Teil des Romans, dann 1972 für den zweiten Teil und 1988 für den dritten und letzten Teil des Romans. Außer diesen Informationen, die zu beweisen versuchen, dass Elemente des Films im Roman vorhanden sind, wird innerhalb des Romans einen Film gedreht. Ola, der Gisela im Zug trifft, ist von ihr aufgefallen. Er überredet sie, um zusammen mit ihm einen Film zu drehen. Der Titel dieses Films soll“ Gegenwärtiges Mittelalter“ sein. Olaf ist also Filmregisseur und sammelt jederzeit und überall das Material für die Dreharbeiten seines Films. Als Gisela ihm ihre Geschichte erzählt, übernimmt er diese als eine Sequenz des Films. Die Einführung eines Films im Roman ist durchaus nicht zufällig. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des postmodernen Romans, dass viele Codes gebraucht werden oder gar die Kunst wird thematisiert.

Kennzeichnend für die postmodernen Romane ist auch die Genremischung, die die Vielfalt dieses Romantyps ausdrückt. So ist es nicht erstaunlich, dass man Strukturmerkmale lyrischer oder dramatischer Texte oder sogar anderer epischer Formen in diesem Roman findet. Die Hauptfigur Alexander, der innerhalb des Romans zu einem Romanautor wird, verfasst diesen mithilfe eines Tagebuches. Das Tagebuch ist als eine epische Form zu sehen, in der die wichtigsten Informationen über einen Menschen, Ereignisse getragen werden zum Zwecke einer späteren Verarbeitung. Das im Roman kursiv gedrückte Tagebuch dient Alexander als Anhaltspunkt für den Schreibprozess seines Romans. Zu diesem Tagebuch fügt er Tonbandnotizen auf einer Zugfahrt hinzu, um den Roman weiter zu schreiben.

Der postmoderne Roman öffnet dem Leser breite Lektürezüge. Charakteristisch ist daher die Tatsache , dass er aus verschiedenen Perspektiven gelesen und gedeutet werden kann. So ist Selim oder die Gabe der Rede wegen der Ziele, die die türkischstämmigen Figuren erreichen wollen, als Abenteuerroman zu lesen, wobei wir Selims Odyssee von der Türkei in die Bundesrepublik folgen. Wegen der Arbeit in Deutschland angekommen, verlässt Selim nach einiger Zeit und wegen der harten Arbeitsbedingungen die Kieler Werft früher als vorgesehen, denn ein 12 Monatenvertrag wurde unterzeichnet. Dieser Vertragsbruch bedeutet für Selim und für seinen Mitbürger Mesut auch das Ende des Aufenthaltes auf deutschem Boden. Stattdessen beginnen beide ein Abenteuer, das Selim zuerst von Norddeutschland nach Süddeutschland und von dort in die Hauptstadt Berlin führt. Dieses Abenteuer endet, als Selim bei der Befreiung der heroinabhängigen Anna in den Händen von Räubern, einen Menschen erschließt. Verhaftet und dann ins Vaterland Türkei zurückgebracht, stirbt Selim zusammen mit seinem Sohn Haluk in einem Unfall am Vorabend seines Geburtstages.

Der Roman lässt sich auch als einen Zeitroman lesen. Ziel dieses Romantyps ist es, die Komplexität sozialer, kultureller und politischer Verhältnisse einer Epoche abzubilden. In dieser Hinsicht lässt sich vor allem Selim oder die Gabe der Rede als ein Versuch des Abbaus sozialer und kultureller Verhältnisse der während der erzählten Zeit (1965-1988) geschilderten Gesellschaft der Bundesrepublik interpretieren. Die deutsche Gesellschaft dieser Zeit war besonders von der Anwesenheit Türkischstämmiger auf deutschem Boden geprägt. Der mit einer anderen Denkweise, mit einer anderen Religion und seinen Anforderungen nach Deutschland angekommene Türke wurde als Störfriede wahrgenommen. Daher wurde er sehr oft und dies von den meisten Deutschen marginalisiert und zum Sündenbock aller schlechten Geschehnisse erklärt. Der Roman wird diese alte Konzeption abbauen, indem die Figuren Selim und Ayşe als Musterbeispiele präsentiert werden.

Die Vielfalt der Orte ist auch als ein Kennzeichen der Postmoderne zu interpretieren. Die Geschichte im Roman spielt sich an unterschiedlichen Orten. Zu diesen Orten gehören Istanbul, Kiel, Hamburg, Berlin. Dieser Ortwechsel ist der Ausdruck der Vielfalt, der Pluralität der Postmoderne.

4.4. Die Intertextualität

Der Begriff der Intertextualität entzieht sich einer genaueren und endgültigen Definition. Die Konzeptionen der Theoretiker, die sich damit befasst haben, entfernen sich oft weit voneinander. Trotzdem können wir die Intertextualität als eine Eigenschaft der Konstruktion von Texten definieren, wobei Texte in Beziehung zu andern Texten stehen. Ein Text lagert, sei es in der Sprache einen anderen Text ein.

Um die Intertextualität im Roman Selim oder die Gabe der Rede zu illustrieren, wollen wir uns auf einige Fragmente bedeutender Theoretiker: Kristeva, Derrida und Genette stützen.

Kristevas Grundidee der Intertextualität ist, dass in einem Text Spuren von anderen Texten abzuleiten sind, dass ein Text in Beziehung zu anderen Texten steht. Diese Texte können die Texte desselben Autors oder anderer Autoren sein. Zieht man die erstere Beziehung in Betracht, die auf der Beziehung zwischen Texten desselben Autors beruht, so steht Selim oder die Gabe der Rede in thematischer Hinsicht in Beziehung zum Nadolnys vielgeschätzten Roman Die Entdeckung der Langsamkeit. Die Linkshändigkeit und das Reisemotiv bilden die Bezugswege. Das Reisemotiv läuft die beiden Romane durch. Sowohl in seinem Roman Die Entdeckung der Langsamkeit - wo die Hauptfigur John Franklin eine lange Reise unternimmt - als auch in Selim oder die Gabe der Rede – ,wo die Hauptfiguren Selim und Alexander Reisen unternehmen - ist das Motiv der Reise spürbar. Die Reise wird als wichtigstes Mittel gebraucht, um das Treffen der Figuren zu inszenieren. Die türkischstämmigen Figuren verlassen alle ihr Heimatland, um in der Bundesrepublik arbeiten zu können. Die Reise ist das verwendete Mittel, um die weitere Entwicklung der Handlung zu erlauben. Selim und Alexander trifft sich zum ersten Mal während einer Reise. Ohne die Reise wären viele Hauptereignisse im Roman nicht vorhanden. So steht der Roman Selim oder die Gabe der Rede in thematischer Hinsicht in Beziehung zum vorigen Roman Nadolnys Die Entdeckung der Langsamkeit.

Der Bezug dieses Romans zum vorherigen Roman Nadolnys Die Entdeckung der Langsamkeit lässt sich auch durch das Thema der Linkshändigkeit skizzieren. In den beiden Werken sind die Hauptfiguren Alexander und John Franklin Linkshänder. Die Langsamkeit Franklins lässt sich durch seine Linkshändigkeit erkennen. In einer Gesellschaft, wo die Langsamkeit als eine Schwäche angesehen wird, wird John Franklin von den meisten Leuten als einen Außenseiter gesehen, der aufgrund seiner Langsamkeit nichts unternehmen kann. Trotzdem gelingt es ihm, sein Ziel zu erreichen.

Die Linkshändigkeit Alexanders soll zunächst einmal im weitesten Sinne betrachtet werden. Alexander ist von Natur aus linkshändig, er arbeitet seit seiner Kindheit mit der linken Hand. Da das Linke öfters als das Schlechte gesehen wird, wurde er dazu gezwungen, Rechtshänder zu werden. Dies ist der Ausgangspunkt aller Probleme und Schwierigkeiten Alexanders. Seine Linkshändigkeit drückt sich nicht nur in der Art und Weise aus, wie er seine Hände gebraucht, sondern auch in seinem Verhalten. In der Schule war Alexander ein linkshändiger, aber nicht unintelligenter Schüler. Auch beim Reden gelingt es ihm nicht, eine korrekte Rede zu halten. Wenn er den Mund auftut, entsteht eine Verwirrung in seinem Kopf. Er weißt nicht genau, womit er anfangen soll. In dem Wehrdienst nach seinem Abitur war das auch nicht anders. Alexander war der ungeschickteste Soldat unter den anderen Rekruten.

Um ein weiteres Kennzeichen der Intertextualität im Werk hervorzubringen, werden wir anhand Derridas Theorie zur Intertextualität arbeiten. So Derridas These steht in Beziehung zu einem ihm abwesenden Text oder Diskurs. So ist die Thematisierung der Einwanderung aus der Türkei im Roman ein Diskurs, der in Beziehung zu einem tatsächlichen Faktum der realen Einwanderung steht. Außerdem wird der Roman sehr oft im Kontext der Wiedergeburt des Erzählens analysiert. Zieht man diesen Aspekt in Betracht, dann könnten wir behaupten, dass der Roman Selim oder die Gabe der Rede der Wiederbelebung des seit Jahrzehnten vor seiner Veröffentlichung tot erklärten Erzählens und damit der Literatur dient. Schon mit seinem ersten Roman drückten sich viele Kritiker darüber aus. Nach der Lektüre des Romans sagt ein Literaturkritiker, dass es noch einmal in der deutschen Literatur erzählt wird. Unser Roman ist dieser Vorgabe gerecht, indem nicht nur Nadolnys fabulisierende Erzählweise dadurch spürbar ist, sondern auch, weil das Erzählen zu den in diesem Roman thematisierten Aspekten gehört. Es geht daher in diesem mit fast 500 Seiten geschriebenen Roman um Nadolnys Erzählkunst. Darin gibt er seine Konzeption des Erzählens und bestimmt den Erzähler.

Aus einer anderen Perspektive verbindet der französische Literaturwissenschaftler Genette die Intertextualität mit der Anspielung. Die Anspielung ist für ihn ein Aspekt der Intertextualität und versteht sich als ein rhetorisches Mittel, wobei ein Wort für bestimmte Paradigmen und Gegenstände steht. Die Anspielung wird in Texten durch Sprachspiele realisiert. Im Roman Selim oder die Gabe der Rede kommen sehr häufig die Adjektive „links“ und „rechts“ oder auch „linkshändig“ und „rechthändig“ vor. Dieses Begriffspaar verweist scheinbar nach der denotativen Bedeutung auf einfache Eigenschaften unserer Körperteile. Ein unerfahrener Leser, der den Roman überfliegt, würde nach der Lektüre des Romans einfach sagen, dass Alexander Linkshänder ist, weil er alles mit der linken Hand macht. Das ist zwar im ersten Blick richtig, aber wenn wir diese Begriffe einer tieferen Analyse unterwerfen, dann bedeuten sie mehr als die denotative Bedeutung. Der literarische Text ist unlesbar. Die verwendeten Wörter sind kodiert und das Lesen soll darauf abzielen, die kodierte Sprache zu entschlüsseln. Dies ist sogar der Grund, warum die Dekonstruktion eingesetzt wird. Damit möchten wir einige Metaphern entschlüsseln. Die linke Hand ist stets ein mit negativen Eigenschaften verbundenen Körperteil. Wenn wir jemandem zum Beispiel sagen, er sei linkshändig, dann meinen wir damit, dass er ungeschickt ist. Das Linke oder die meisten mit der linken Hand arbeitenden Menschen werden oft als unintelligente oder schlechte Personen angesehen. Die Konnotation des Adjektivs ist daher in vielen Schichten der Gesellschaft anwesend.

[...]

Ende der Leseprobe aus 144 Seiten

Details

Titel
Migration, Fremdheitserfahrung und Integration in Sten Nadolnys "Selim oder die Gabe der Rede"
Note
17/20
Autoren
Jahr
2013
Seiten
144
Katalognummer
V265402
ISBN (eBook)
9783656552413
ISBN (Buch)
9783656552796
Dateigröße
852 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
migration, fremdheitserfahrung, integration, sten, nadolnys, selim, gabe, rede
Arbeit zitieren
Olivier Tchoing Godje (Autor)Dorimene Cherelle Ngouanet Tsague (Autor)Yingmo Djaoyang (Autor), 2013, Migration, Fremdheitserfahrung und Integration in Sten Nadolnys "Selim oder die Gabe der Rede", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265402

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