Optimalitätstheorie vs Harmonische Grammatik. Zwei linguistische Theorien im Vergleich


Seminararbeit, 2009

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Optimalitätstheorie
2.1 Einführung in die OT
2.2 Anwendung der OT
2.3 Die Silbenstruktur in der OT

3. Harmonische Grammatik
3.1. Einführung in die HG
3.1.1. symmetrische Trade-Offs
3.1.2. asymmetrische Trade-Offs
3.2. Parallele und serielle HG

4. HG oder OT?
4.1. Die Beziehung zwischen den Theorien
4.2. Die Ähnlichkeiten und Unterschiede
4.2.1. Allgemeine Ähnlichkeiten
4.2.2. Allgemeine Unterschiede
4.2.3. Unterschiede bezüglich der Typologie
4.2.1.1.Beispiel 1
4.2.1.2. Beispiel 2
4.3. Argumente
4.3.1. Argumente für die OT
4.3.2. Argumente für die HG
4.3.2.1. Der Gang-Effect

5. Ein praxisbezogenes Beispiel
5.1. Die Phasen beim Erstspracherwerb des Hebräischen…
5.1.1. Die trochäische Phase
5.1.1. Die intermediale Phase
5.1.2. Die disyllabische Phase
5.2. Graduelles Lernen - Betrachtung durch HG
5.3. Graduelles Lernen - Betrachtung durch OT

6. Schlussfolgerung

7. Bibliographie

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll der Versuch unternommen werden, die Harmonische Grammatik mit der Optimalitätstheorie zu vergleichen, was durchaus eine Herausforderung darstellt, da sich die beiden Theorien, zumindest dem ersten Anschein nach, sehr ähneln. Nach nunmehr über 15 Jahren hat sich allerdings die Optimalitätstheorie in der Phonologie etabliert und dient als Grundlage für viele wissenschaftliche Arbeiten, während die Theorie der Harmonischen Grammatik mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt wurde. Betrachtet man die beiden phonologischen Ansätze jedoch genauer, so beginnt man unweigerlich zu hinterfragen, ob diese Entwicklung berechtigt ist. Kann man die HG als veraltet ansehen, da die OT, zumindest nach der Meinung einiger Sprachwissenschaftler, ihre Weiterentwicklung ist? Ist die Optimalitätstheorie wirklich „optimaler“ und weiterentwickelter als die Harmonische Grammatik? Oder werden durch die Neuerungen, die auf dem Weg von der HG zur OT vorgenommen werden, vielleicht sogar ganz neue Schwierigkeiten erzeugt?

All diese Fragen sollen anhand dieser Arbeit ausführlich diskutiert werden. Um auf diese einzugehen, ist es unumgänglich, die beiden Theorien vorerst getrennt voneinander zu betrachten und ihre Grundzüge zu beschreiben. Den Hauptteil der Arbeit bildet jedoch ein ausführlicher Vergleich. Dabei soll zuerst der Frage nach der Beziehung zwischen den beiden Theorien nachgegangen werden, um schließlich ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede zu untersuchen. An dieser Stelle sollen auch praktische Beispiele aus der Sprachtypologie gebracht werden. Anhand dieser Kenntnisse soll weiters nach Argumenten gesucht werden, die für oder gegen eine der Theorien als die überlegenere spreche und nach einem ausführlichen Beispiel aus dem Hebräischen soll schließlich eine Schlussfolgerung gezogen werden.

2. Die Optimalitätstheorie

2.1. Einführung in die OT

Die Sprachwissenschaftler Prince und Smolensky veröffentlichten im Jahr 1993 eine Arbeit, in der sie erstmals die von ihnen entwickelte Optimalitätstheorie vorstellten (Hall 2000, 333). Seitdem gab es zahlreiche weitere Veröffentlichungen zu dieser einflussreich gewordenen Theorie, die auf phonologische Regeln und deren Hierarchie verzichtet.

In der OT geht man davon aus, dass die Grammatiken aller Sprachen gewisse Tendenzen haben, die in einem Konflikt zueinander stehen. Dieser lässt sich durch Constraints ausdrücken, welche einfache Aussagen beziehungsweise Beschränkungen, die sich auf bestimmte Aspekte der Oberflächenrepräsentation beziehen, sind. Zwei solcher Constraints sind zum Beispiel Markiertheit und Treue. Markiertheitconstraints können etwa besagen, dass Silben offen sind, Sonoranten stimmhaft sind oder vordere Vokale ungerundet sind, während Treuconstraints beispielsweise besagen, dass der Input alle Segmente enthalten muss, die im Output erscheinen und umgekehrt. Alle Constraints betreffen im Grunde die Outputformen. Diese Tatsache ist wichtig im Vergleich zum regelbasierten Modell der Phonologie, wo wir eine abstrakte Hierarchie haben, welche den Oberflächenrepräsentation nicht entsprechen muss. Bei diesem Modell sind die Regeln weiters immer sprachspezifisch, während bei der OT die Constraints universell sind. Unterschiede gibt es nur im Ranking, der Anordnung der Constraints, die sich von Sprache zu Sprache unterscheidet. Diese Constrainthierarchie ist wichtig, denn in manchen Sprachen ist ein Constraint zentraler als in anderen. Eine weitere wichtige Eigenschaft der Constraints ist, dass sie verletzbar sind, das heißt eine Outputform erfüllt bestimmte Constraints nicht. Jede Inputform hat eine unendliche Anzahl von Outputformen, die durch die Funktion Gen generiert werden. Diejenige der unendlichen Outputformen, die am wenigsten Constraints verletzt, wird als optimal gesehen, ausgewählt und erscheint als Oberfächenform. Diesen Vorgang nennt man Evaluation (Hall 2000, 319). Man geht davon aus, dass die Evaluation einmalig ist, das heißt, dass die Daten einmal, und nur einmal anhand der Constraints ausgewertet werden. Deswegen spricht man von paralleler Evaluation. Einige Linguisten, die sich ausführlich mit der OT auseinandergesetzt haben, wie etwa Prince, Smolensky oder McCarthy, schlugen auch ein Modell mit serieller Evaluation vor, das sich allerdings nicht halten konnte (Pater 2008a, 4).

Ein einfaches Tableau in der OT würde wie folgt aussehen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A und B sind die ranghöchsten Constraints und untereinander ungereiht, sprich gleich zentral. Die erste Outputform wird als optimal gewählt, da sie nur A verletzt, während die 2. Form B und auch C verletzt. Die Verletzung von C ist hier ausschlaggebend, und Outputform 2 scheidet an dieser Stelle aus.

Die OT ist aus der generativen Linguistik und dem linguistischen Konnektionismus entstanden. Diese beiden Modelle sind zu wenig restriktiv in ihren Aussagen über die Typologie von Sprachen, aber die OT, die Aspekte aus beiden Modellen verbindet, verfügt über einen Rahmen von Constraints, die in einem Konflikt zueinander stehen, sowie über einen Mechanismus, der diesen Konflikt zu lösen vermag (Pater 2008a, 2). Die Bedeutung der OT ist deswegen sehr weitreichend:

„Die OT wurde zuerst für die Phonologie entwickelt, aber sie stellt einen allgemeine Annahme über alle Bereiche der Sprachen der Welt dar. In den letzten Jahren wurde die OT auch auf andere Bereiche der Grammatik, unter anderem auf Syntax und Morphologie, angewendet.“ (Hall 2000, 322)

2.2. Anwendung

An dieser Stelle soll ein Beispiel aus dem Englischen gebracht werden, und zwar anhand der Pluralallomorphe [z], [s] und [Iz]. Die Verteilung dieser Allomorphe wurde bis dahin durch Epenthese und Assimilation erklärt. In der OT geht man von folgenden Constraints aus:

1) SIBILSIBIL: Eine Folge von Sibilanten am Wortende ist ungrammatisch.
2) STIMSTIMM: Eine Folge aus zwei Obstruenten hat für beide denselben Wert des Merkmals.
3) DEP-IO: Keine Epenthese.
4) IDENT (F): Die Merkmale des Inputsegments sind identische mit den Merkmalen des Outputsegments.

Wir wissen, dass [haets] die richtige Outputform ist, und können die Constraints danach anordnen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine andere Anordnung würde nicht die richtige Outputform ergeben. Das Ranking dieser wenigen Constraints ist charakteristisch für das Englische und wird auch für alle anderen Beispiele die richtige Outputform produzieren. Allein die Anordnung von DEP-IO und STIMMSTIMM ist durch dieses Beispiel noch nicht identifizierbar. Natürlich gibt es noch andere, unendlich viele Outputformen wie [katz], [kats], [katsk], [katskk] usw. Diese werden allerdings gar nicht erst aufgeführt, weil sie so viel mehr Verletzungen aufweisen (Hall 2000, 323-325).

2.3. Silbenstruktur in der OT

Das Silbenanlautgesetz besagt, dass konsonantinitiale Silben wie /tat/ weniger markiert sind als solche, die mit einem Vokal beginnen wie /at/. Nach dem Silbenauslautgesetz sind offene Silben wie /ta/ weniger markiert als geschlossenen wie /tat/. In der OT wird dies durch die Constraints

1) ONSET: Silben haben einen Onset.
2) NOCODA: Silben haben keinen Konsonanten in der Koda.
3) MAX-IO: Keine Tilgung.

ausgedrückt, die es in allen Sprachen gibt. NOCODA ist zum Beispiel im Hawaiianischen, wo es nur offene Silben gibt, undominiert. Im Englischen und Deutschen ist dieses Constraint hingegen eher niederrangierend, da es auch geschlossene Silben gibt.

Ein Beispiel, das hier betrachtet werden soll, stammt aus dem Axininca Campa (Hall 2000, 329). In dieser Sprache hat das Morphem /i/ zwei Allomorphe- [i] und [ti]. Man sieht, dass es zu einer Epenthese mit [t] kommt, wenn sonst eine Silbe entsteht, die mit einem Vokal anlautet. Im Axininca Campa ist ONSET folglich höherrangierend als DEP-IO. Man könnte um das Problem zu lösen auch den letzten Vokal, also [i], tilgen. Aber da dies nicht der Fall ist, wirkt wohl ein Constraint, das besagt, dass es keine Tilgung geben darf, nämlich MAX-IO, welches folglich höher als DEP-IO rangieren muss, wie abschließend dieses Tableau zeigt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Harmonische Grammatik

3.1. Einführung in die HG

3.1.1. Symmetrische Trade-Offs

Ähnlich wie bei der OT gibt es auch in der HG eine Constraint- und eine Outputform, die als optimal betrachtet und ausgewählt wird. Allerdings wird nach einem anderen Prinzip vorgegangen. Die Evaluation und Auswahl ist in der HG nicht ein Ergebnis von Verletzungen oder Nichtverletzungen von Constraints, sondern von Harmonie. Zu diesem Zwecke erhalten die Constraints ein gewisses Gewicht, das durch eine Punktezahl ausgedrückt wird, und Harmonie ist schließlich die Angabe der Summe der Punkte der einzelnen Outputformen. Das bedeutet, was in der OT dem Zusammenzählen der Anzahl der Verletzungen ist, dem entspricht in der HG das Zusammenzählen der Punktezahlen der verletzten Constraints (Pater 2007, 1). In beiden Theorien ist die Struktur der Sprache somit durch die Stärke ihrer Constraints bestimmt. Der Unterschied besteht also lediglich in der Darstellung durch ein Ranking in der OT- das ranghöchste Constraint steht ganz vorne und seine Verletzung ist am fatalsten, und einer Gewichtung- das stärkste Constraint hat am meisten Gewicht und somit mehr Punkte als die anderen (Pater 2008b, 1). Ein übersichtliches Beispiel stellt folgendes Tableau dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

So ein einfacher Fall wird in der HG „Symmetrisches Trade-Off“ genannt. Hierbei verursacht jede Einhaltung von Constraint A genau eine Verletzung von Constraint B, und umgekehrt verursacht jede Einhaltung von Constraint B genau eine Verletzung von Constraint A.

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Optimalitätstheorie vs Harmonische Grammatik. Zwei linguistische Theorien im Vergleich
Hochschule
Universität Wien  (Sprachwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
31
Katalognummer
V265427
ISBN (eBook)
9783656549147
ISBN (Buch)
9783656548829
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
optimalitätstheorie, harmonische, grammatik, zwei, theorien, vergleich
Arbeit zitieren
MMag. Lisa Pfurtscheller (Autor), 2009, Optimalitätstheorie vs Harmonische Grammatik. Zwei linguistische Theorien im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265427

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