Die Motivation für die Erschaffung des Nouchi ist klar: « Nous l’avons crée pour nous retrouver entre nous, pour empêcher d’autres personnes de comprendre ce que nous disons » Kouadio 2005, 189) und « […] ca nous plaît/c’est un amour pour nous aussi parce qu’on est dans la rue/parce que d’autres s’expriment en intellectuels tu vois non ? ya des catégories parce que tu es enfant de la rue tu t’expliques en langage de la rue » (N’guessan 1999, 102 zitiert nach Kouadio 2005, 189). Die Sprecher des Nouchi grenzten sich sozial von den Gebildeten, die nicht aus der Schule geworfen wurden und gute Chancen auf sozialen Aufstieg hatten, ab, und drückten diese Abgrenzung auch durch ihre Sprache aus. Aber durch das Zouglou und durch die Verwendung des Nouchi von der Mehrzahl der populären ivorischen Musikgruppen, sowie durch die Bildungseinrichtungen und Medien und die für das Nouchi sehr offene Schicht der ungebildeten Jugendlichen, fand die Sprachform sehr schnell weite Verbreitung (Kube 2004, 111). Es wurde popularisiert, so dass nun im Grunde eine Koexistenz der ursprünglichen, sehr verschlüsselten Sprache der Kleinkriminellen, Straßenkinder, Arbeitslosen etc., und einer popularisierteren Form des Nouchi besteht. Weiters ist bereits ein Eindringen von Elementen des Nouchi ins Französisch der Elfenbeinküste gegeben (Queffélec 2007, 53).
Auf Grund seiner Beliebtheit und Verbreitung ist durchaus möglich, dass das Nouchi sich zu einer nationalen Sprache mit identitätsbildendem Charakter wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Mehrsprachigkeit in der Elfenbeinküste
1.2. Die Ausbreitung von Französisch – das FPI
1.2.1. Linguistische Merkmale des FPI
1.3. Das Französisch der Elfenbeinküste
1.3.1. Linguistische Merkmale des Französisch der Elfenbeinküste
1.4. Mischsprachen
1.4.1. Bedingungen für das Entstehen einer Mischsprache
1.4.1.1. Allgemeine Mehrsprachigkeit
1.4.1.2. Keine afrikanische Verkehrssprache mit nationaler Ausbreitung
1.4.1.3. Zweisprachigkeit: Französisch / afrikanische Verkehrssprache mit regionaler Ausbreitung
1.4.1.4. Unsicherheit der Sprecher
1.4.1.5. Wunsch nach nationaler Identität
1.4.1.6. Wunsch nach eigener Identität einer Generation
1.4.1.7. Wunsch nach sozialer Positionierung
2. Kurze Geschichte des Nouchi, einem Fall von Sprachmischung in der Elfenbeinküste
2.1. Entstehung des Nouchi
2.2. Ausbreitung des Nouchi
2.3. Die Unterscheidung von FPI und Nouchi und dessen Platz im Kontinuum
3. Das Lexikon des Nouchi
3.1. Zusammensetzung des Vokabulars
3.2. Die Herkunft der „unbekannten Wörter“ des Nouchi
3.2.1. Morphologische Motivation
3.2.1.1. Deformierung
3.2.1.2. Suffigierung
3.2.2. Semantische Motivation
3.2.2.1. Metaphorisierung
3.2.2.2. Metonymie
3.2.2.3. Bedeutungserweiterung
3.2.2.4. Bedeutungsveränderung durch Veränderung der Konnotation
3.2.3. Neologismus
4. Die Wortarten des Nouchi
4.1. Nomen
4.2. Verb
5. Syntax des Nouchi
5.1. Wortstellung
5.2. Lexematische Besonderheiten
5.3. Tempus
5.4. Akzentuierung im Satz
5.4.1. Vokaldehnung
5.4.2. Wortfinale Aspiration
5.5. Assimilation
6. Orthographievorschläge
6.1. Das Online-Wörterbuch des Nouchi
6.2. Wichtige Prinzipien bei der Orthographieerstellung
6.2.1. Laute
6.2.1.1. Vokale
Konsonanten
6.2.2. Orthographie von französischen Morphemen
6.2.3. Orthographie von Wörtern aus europäischen Sprachen
6.2.4. Orthographie der zusammengesetzten Wörter
6.2.5. Syntax
6.2.5.1. Elision
6.2.5.2. Bindung
6.2.5.3. Akzentuierung einzelner Silben
6.2.5.4. Aspiration
7. Das Nouchi als Nationalsprache?
8. Konklusion
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die Entstehung, Entwicklung und linguistische Struktur des Nouchi, einer in der Elfenbeinküste entstandenen Mischsprache, zu untersuchen und dabei dessen Potenzial als identitätsstiftende Nationalsprache kritisch zu bewerten.
- Soziolinguistische Entstehungsbedingungen des Nouchi
- Abgrenzung von FPI und Standardfranzösisch
- Morphologische und semantische Mechanismen der Wortbildung
- Syntaktische Besonderheiten und Tempussystem
- Herausforderungen einer einheitlichen Orthographie
- Die Rolle des Nouchi für eine ivorische nationale Identität
Auszug aus dem Buch
1.1. Mehrsprachigkeit in der Elfenbeinküste
Die Elfenbeinküste weist eine starke Mehrsprachigkeit auf. Wenngleich die Anzahl der Sprachen nicht mit denen von Nigeria (500 Sprachen) und Kamerun (300 Sprachen) mithalten kann, gibt es immerhin 60 Sprachen, welche alle zu der Sprachfamilie Niger-Kongo gehören und sich weiter in Kwa (42%), Mande (24%), Kru (16%), und Gur (15%) einteilen lassen (Kube 2004, 89 f.). Für 80% der Kinder der Elfenbeinküste ist eine afrikanische Sprache die Erstsprache, wobei jedoch in nur 14% der Familien ausschließlich eine afrikanische Sprache gesprochen wird. Weiters kommunizieren nur 15% ausschließlich in ihrer Erstsprache mit den Geschwistern, ein Drittel mit den Eltern, aber kaum jemand mit Freunden, was daran liegt dass die Kinder in den Schulen verschiedene Muttersprachen haben.
Es wird geschätzt, dass ungefähr eine Million der 18,5 Millionen Ivorer Dioula als Erstprache haben und weitere drei bis vier Millionen Sprecher diese Sprache als Handelssprache verwenden (Kube 2004, 91). Aber auch das Französische wird vermehrt in Domänen verwendet, die früher nur dem Dioula vorbehalten waren. Französisch ist die offizielle Landessprache, wenngleich es keine einheimische Sprache ist. Grund dafür war, dass man nach der Unabhängigkeit 1960 dachte, keine ivorische Sprache könne die Verwaltungs- und Kommunikationsbedürfnisse des jungen Staates erfüllen (Kube 2004, 92). In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Situation jedoch grundlegend verändert- 30 Sprachen sind mittlerweile von der ILA (Institut de linguistique appliquée) und der SIL (Société international des langues) linguistisch beschrieben worden. Trotzdem bleibt Französisch dominant. Es ist dabei unmöglich, die genaue Anzahl der Sprecher zu nennen, denn die Situation des Französischen in der Elfenbeinküste ist sehr komplex „ weil das, was mit ‚Französisch in der Côte d’Ivoire‘ scheinbar eindeutig bezeichnet ist, in der tatsächlichen Sprachverwendung gerade im afrikanischen Kontext kein homogenes Gebilde beschreibt“ (Kube 2004, 95). Es besteht keine Definition des Frankophonen, vielmehr kann man die Sprecher nach ihrer Kompetenz einteilen, wobei es sechs Niveaus gibt, die sich an der Dauer des Schulbesuchs orientieren (vgl. Kube 2004, 95 f.). Es gibt um die 30 000 französische Muttersprachler im Land, die Zahl der Zweitspracherwerber ist jedoch unbekannt. Es wird geschätzt, dass ungefähr zwei Drittel der Menschen ab sechs Jahren sich in irgendeiner Form auf Französisch verständigen können ().
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet die komplexe Mehrsprachigkeit der Elfenbeinküste und die dominante, wenn auch nicht identitätsstiftende Rolle des Französischen.
2. Kurze Geschichte des Nouchi, einem Fall von Sprachmischung in der Elfenbeinküste: Dieses Kapitel zeichnet die Ursprünge des Nouchi als Kriminellensprache in Abidjan nach und beschreibt seine spätere Popularisierung durch Musik und Jugendkultur.
3. Das Lexikon des Nouchi: Hier werden die verschiedenen Quellen des Nouchi-Wortschatzes sowie die morphologischen und semantischen Prozesse analysiert, die neue Begriffe entstehen lassen.
4. Die Wortarten des Nouchi: Der Abschnitt erläutert die verschiedenen Wortklassen im Nouchi und stellt dabei besonders die Flexionsarmut beim Verb heraus.
5. Syntax des Nouchi: In diesem Kapitel werden die satzbaulichen Abweichungen vom Standardfranzösischen, wie Wortstellung und Tempusgebrauch, detailliert dargestellt.
6. Orthographievorschläge: Dieses Kapitel diskutiert die Notwendigkeit und praktische Umsetzung einer einheitlichen Rechtschreibung für das Nouchi anhand von Lauten und Morphemen.
7. Das Nouchi als Nationalsprache?: Abschließend wird evaluiert, inwiefern das Nouchi die Kriterien für eine nationale Identitätssprache im Vergleich zu Französisch und anderen ivorischen Sprachen erfüllt.
8. Konklusion: Die Arbeit fasst zusammen, dass das Nouchi eine dynamische Entwicklung durchlaufen hat und trotz seiner kriminellen Wurzeln ein starker Kandidat für eine zukünftige ivorische Nationalsprache ist.
Schlüsselwörter
Nouchi, Elfenbeinküste, Französisch, Mehrsprachigkeit, Sprachmischung, FPI, Soziolinguistik, Identität, Nationalsprache, Lexikologie, Syntax, Orthographie, Jugendsprache, Abidjan, Dioula.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entstehung und Verbreitung des Nouchi als Mischsprache in der Elfenbeinküste sowie seine linguistische Struktur und soziale Bedeutung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die mehrsprachige Situation der Elfenbeinküste, die Evolution des Nouchi von einer kriminellen Argot-Sprache hin zu einer populären Jugendsprache sowie dessen orthographische Standardisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Nouchi linguistisch zu beschreiben und die Frage zu beantworten, ob es das Potenzial hat, die Rolle einer landesweit akzeptierten Nationalsprache einzunehmen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine tiefgehende Literatur- und Quellenanalyse, insbesondere auf soziolinguistische Studien, empirische Erhebungen von Kube sowie orthographische Konzepte von Ahua.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Geschichte des Nouchi, die Analyse seines Lexikons, seiner syntaktischen Besonderheiten, seiner Wortarten und konkrete Vorschläge zur Verschriftlichung (Orthographie).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Nouchi, Elfenbeinküste, Mischsprache, Soziolinguistik, nationale Identität und Sprachwandel charakterisiert.
Warum wird Nouchi oft mit Kleinkriminalität assoziiert?
Der Begriff „Nouchi“ leitet sich vermutlich von „voyou“ (Gauner) ab, da die Sprache ursprünglich absichtlich als kryptischer Code von Kleinkriminellen in Abidjan kreiert wurde, um sich vor Außenstehenden zu verschlüsseln.
Inwiefern beeinflusst das Nouchi heute das Französisch der Elfenbeinküste?
Es zeigt sich ein zunehmendes Eindringen von Nouchi-Elementen in das lokale Französisch, was auf die weite Verbreitung und gesellschaftliche Akzeptanz des Nouchi durch Musik, Medien und Jugendkultur hindeutet.
Warum lehnen Schüler Französisch als nationale Identitätssprache ab?
Da Französisch als exogene, koloniale Fremdsprache empfunden wird, fehlt vielen Ivorern die notwendige emotionale Bindung, die sie in einer „eigenen“ Sprache suchen würden.
- Arbeit zitieren
- MMag. Lisa Pfurtscheller (Autor:in), 2012, Französisch in Westafrika. Das Nouchi der Elfenbeinküste, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265429