Schweigen ist Silber, Reden ist Gold: Die Bedeutung der Stimme.

Eine quantitative Untersuchung zu Merkmalen von Radiosprechern im deutschen Hörfunk.


Bachelorarbeit, 2013

114 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Hörfunk in Deutschland

3 Die Bedeutung der Stimme von Radiosprechern
3.1 Funktion und Merkmale der Stimme
3.2 Sprechstile und Sprechwirkung

4 Stand der Forschung
4.1 Was kennzeichnet gute Nachrichtensprecher im Hörfunk? (2005)
4.1.1 Methodik
4.1.2 Ergebnisse
4.2 Stimme und Sprechweise erfolgreicher Frauen (2005)
4.2.1 Methodik
4.2.2 Ergebnisse
4.3 What Makes a Good Voice for Radio (2013)
4.3.1 Methodik
4.3.2 Ergebnisse

5 Empirische Untersuchung
5.1 Methodik
5.2 U1: Befragung deutscher Programmdirektoren
5.2.1 Fragebogenentwicklung
5.2.2 Pretest
5.2.3 Datenerhebung
5.3 U2: Nutzer-Befragung
5.3.1 Fragebogenentwicklung
5.3.2 Datenerhebung

6 Ergebnisse und Diskussion
6.1 Ergebnisse der Befragung deutscher Programmdirektoren
6.2 Ergebnisse der Nutzer-Befragung
6.3 Vergleich der Ergebnisse

7 Fazit und Ausblick

8 Quellenverzeichnis

9 Anhang
9.A Fragebögen
9.A.A Fragebogen U1
9.A.B Fragebogen U2
9.B Grafiken
9.B.A Grafiken U1
9.B.B Grafiken U2
9.B.C Grafiken zum Vergleich der Ergebnisse U1 und U2

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Allgemeine Eigenschaften von Radiosprechern

Abb. 2: Spezifische, rollenbasierte Eigenschaften von Radiosprechern

Abb. 3: Item-Konstruktion für die Kategorie Content and Personality

Abb. 4: Item-Konstruktion für die Kategorie Voices that Suit the Actual Station

Abb. 5: Anzahl der kontaktierten Sender(-wellen) in Deutschland

Abb. 6: Unterteilung der kontaktierten Sender(-wellen) in öffentlich-rechtlich und privat

Abb. 7: Anzahl der kontaktierten privaten Sender in Deutschland

Abb. 8: Anzahl der kontaktierten öffentlich-rechtlichen Senderwellen in Deutschland

Abb. 9: U1 - Anzahl der vollständig beantworteten Fragebögen pro Bundesland

Abb. 10: U1 - Anzahl der vollständig beantworteten Fragebögen nach dem Geschlecht der Probanden

Abb. 11: U1 - Alter der Probanden

Abb. 12: U1 - Anzahl der Jahre, die die Probanden im Hörfunk tätig sind

Abb. 13: U1 - Anzahl der Jahre, in denen den Probanden die Aufgabe zuteil ist, Radiosprecher auszuwählen

Abb. 14: U1 - Die Häufigkeit der Anzahl weiblicher Radiosprecher in deutschen Radiosender(-wellen)

Abb. 15: U1 - Die Häufigkeit der Anzahl männlicher Radiosprecher in deutschen Radiosender(-wellen)

Abb. 16: U1 - Das Bildungsniveau der Zielgruppen deutscher Radiosender(-wellen)

Abb. 17: U1 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Content and Personality

Abb. 18: U1 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Easy to Listen to

Abb. 19: U1 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Voices Can Deliver Certain Elements

Abb. 20: U1 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Voices that Suit the Actual Station

Abb. 21: U1 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Conversation with the Listeners

Abb. 22: U1 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Ability to Read

Abb. 23: U1 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Multiskilled

Abb. 24: U1 - Darstellung der Mittelwerte der Sprechergruppe Moderatoren

Abb. 25: U1 - Darstellung der Mittelwerte der Sprechergruppe Nachrichtensprecher/ Journalisten/ Reporter

Abb. 26: U1 - Darstellung der Mittelwerte der Sprechergruppe Station-Voices.

Abb. 27: U1 - Darstellung der Mittelwerte der gemeinsamen Items aller Sprechergruppen

Abb. 28: U2 - Anzahl der vollständig beantworteten Fragebögen nach dem Geschlecht der Radionutzer

Abb. 29: U2 - Anzahl der vollständig beantworteten Fragebögen nach dem Alter der Radionutzer

Abb. 30: U2 - Anzahl der vollständig ausgefüllten Fragebögen nach dem derzeitigen Wohnort der Radionutzer

Abb. 31: U2 - Art des höchsten Bildungsabschlusses der Radionutzer

Abb. 32: U2 - Art der aktuellen Beschäftigung der Radionutzer

Abb. 33: U2 - Art der bevorzugt gehörten Radiosender der Radionutzer

Abb. 34: U2 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Content and Personality

Abb. 35: U2 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Easy to Listen to

Abb. 36: U2 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Voices Can Deliver Certain Elements

Abb. 37: U2 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Voices that Suit the Actual Station.

Abb. 38: U2 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Conversation with the Listeners

Abb. 39: U2 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Ability to Read

Abb. 40: U2 - Darstellung der Mittelwerte der Kategorie Multiskilled

Abb. 41: U2 - Darstellung der Mittelwerte der Sprechergruppe Moderatoren.

Abb. 42: U2 - Darstellung der Mittelwerte der Sprechergruppe Nachrichtensprecher/ Journalisten/ Reporter

Abb. 43: U2 - Darstellung der Mittelwerte der Sprechergruppe Station Voices

Abb. 44: U2 - Darstellung der Mittelwerte der gemeinsamen Items aller Sprechergruppen

Abb. 45: Darstellung des Mittelwertvergleichs für U1 und U2 der Kategorie Content and Personality

Abb. 46: Darstellung des Mittelwertvergleichs für U1 und U2 der Kategorie Easy to Listen to

Abb. 47: Darstellung des Mittelwertvergleichs für U1 und U2 der Kategorie Voices Can Deliver Certain Elements

Abb. 48: Darstellung des Mittelwertvergleichs für U1 und U2 der Kategorie Voices that Suit the Actual Station

Abb. 49: Darstellung des Mittelwertvergleichs für U1 und U2 der Kategorie Conversation with the Listeners

Abb. 50: Darstellung des Mittelwertvergleichs für U1 und U2 der Kategorie Ability to Read

Abb. 51: Darstellung des Mittelwertvergleichs für U1 und U2 der Kategorie Multiskilled

Abb. 52: Darstellung des Mittelwertvergleichs für U1 und U2 der Sprechergruppe Moderatoren

Abb. 53: Darstellung des Mittelwertvergleichs für U1 und U2 der Sprechergruppe Nachrichtensprecher/ Journalisten/ Reporter

Abb. 54: Darstellung des Mittelwertvergleichs für U1 und U2 der Sprechergruppe Station-Voices

Abb. 55: Darstellung des Mittelwertvergleichs für U1 und U2 der gemeinsamen Merkmale aller Sprechergruppen

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: U1 - Darstellung der Mittelwerte der gemeinsamen Items aller Sprechergruppen

Tab. 2: U2 - Darstellung der Mittelwerte der gemeinsamen Items aller Sprechergruppen

1 Einleitung

Die Wichtigkeit positiver Stimmmerkmale im Radio zeigt ein historisches Ereignis der Geschichte. Mitte der 1920er Jahre ist das Radio das politische Kommunikationsinstrument schlechthin. Der britische König George VI. leidet an einer Sprachstörung in Form von Stottern, welche ihn daran hindert Ansprachen – besonders im Hörfunk – mit einer flüssigen Aussprache zu halten und damit auch seine Autorität gegenüber dem britischen Volk schwinden lässt. Erst mit Hilfe eines, zu dieser Zeit ungewöhnlichen, Sprachtrainings, gelingt es ihm 1939 seine erste fehlerfreie und weltweit übertragene Rede zu halten, woraufhin ihn das Volk gebührend feiert (vgl. Hooper, 2010) . Auch der einstige US-Präsident Roosevelt hatte etwas Besonderes in seiner Stimme: „His measured pace and level tone, his paternal timbre, seemed to guarantee American safety, no matter how volcanic the events raging in the world.“ (Karpf, 2013, S. 65). Roosevelt gelang es in öffentlichen Ansprachen mit seiner Stimme der Bevölkerung Sicherheit zu vermitteln, ungeachtet dessen wie turbulent die Situation war

Wie jedes Medium hat sich auch das Radio seit seiner Erfindung enorm weiterentwickelt. Nicht zuletzt betrifft dies die gestiegene Anzahl der verfügbaren Radiosprecher[1]. Waren es zu Beginn des Radios nur einzelne Nachrichtensprecher oder Politiker, die das Radio als politisches Kommunikationsinstrument nutzten, so gibt es heute eine Vielzahl an Sprechern, bedingt durch Privatisierung und Marktentwicklung der einzelnen Sender, und damit unterschiedlichste Stimmen. Deshalb werden Stimmen nach diversen Stimmkriterien für Radiosender ausgewählt. Je nach Stimmfarbe, Moderationsstil, etc. werden die Sprecher in die verschiedensten Formate und Sendungen eingeteilt, z.B. Nachrichten, Morning Show, Sendung am Nachmittag, Sendung am Abend usw

Oft wird das Radio heutzutage als totes Medium geglaubt (vgl. Böckelmann, 2006). Jedoch zeigen aktuelle Analysen der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V., dass gerade bei jungen Berufstätigen das Radio ein häufig genutztes Medium ist und das Nutzungsverhalten sich seit einiger Zeit auf hohem Niveau eingepegelt hat (vgl. agma, 2013b)

Auch wenn das Radio oft nur als Nebenbei-Medium dient, so besteht trotzdem Forschungsbedarf. Das zeigt auch eine australische Studie von Warhurst, McCabe und Madill: In ihrem Artikel What Makes a Good Voice for Radio: Perceptions of Radio Employers and Educators (2013) zeigen sie die Bedeutung der Stimme bei Radiosprechern allgemein und rollenspezifisch auf. Aus den von den Autoren durchgeführten Interviews mit Arbeitgebern und Pädagogen im Hörfunk resultierte ein Modell zu rollenspezifischen Stimmmerkmalen bei Radiosprechern. In der Diskussion ihres Artikels empfehlen sie allerdings eine quantitative Validierung des Modells, vor allem in unterschiedlichen Kulturräumen und mit höherer Probandenzahl

Dieser Empfehlung soll mit der geplanten Bachelorarbeit nachgekommen werden. Wie auch in der Studie von Warhurst et al. (2013) soll dabei der Forschungsschwerpunkt auf den stimmlichen Merkmalen von Radiosprechern allgemein und rollenspezifisch liegen

Daher lautet die von der Autorin gewählte Forschungsfrage:

Welche Stimmmerkmale sind aus Sicht von Programmverantwortlichen und Hörfunknutzern bei deutschen Radiosprechern allgemein und rollenspezifisch wichtig?

Zur Beantwortung dieser Frage werden im theoretischen Grundlagenteil der vorliegenden Arbeit zunächst der Hörfunk in Deutschland mit seiner Entwicklung, Strukturierung und Erforschung sowie die Bedeutung der Stimme von Radiosprechern beschrieben. Darauf folgt die Darstellung des Forschungsstandes zum Thema Hörfunk und Stimme an Hand von drei ausgewählten Studien, einschließlich der Untersuchung von Warhurst et al. Im empirischen Teil dieser Arbeit folgt schließlich die eigene Analyse zu Stimmmerkmalen von Radiosprechern im deutschen Hörfunk mit der Befragung deutscher Programmdirektoren und einer Nutzer-Befragung. Im sechsten Kapitel werden die erhobenen Daten statistisch ausgewertet und beide Befragungen verglichen. Damit soll herausgefunden werden, ob es unterschiedliche Ansichten zwischen Radioproduzenten und Radiohörern bezüglich der Wichtigkeit von Stimmmerkmalen bei Radiosprechern gibt. Zum Schluss werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und ein Ausblick für die zukünftige Forschung gegeben

2 Hörfunk in Deutschland

Der erste deutsche Politiker, der zur Bevölkerung via Radio sprach, war Reichskanzler Wilhelm Marx. Er hielt am 23.12.1923 die erste per Funk übertragene Weihnachtsansprache (vgl. Gethmann, 2006, S. 132). Seitdem hat sich das Radio zunehmend zu einem Medium der Information und Unterhaltung entwickelt (vgl. ebd., S. 121). Nachdem zu Beginn des Hörfunks das freie Sprechen auf Sendung noch untersagt war, ging der Trend bald zu einer „plaudernde[n] Moderationsform“ (Gethmann, 2006, S. 122) über. 1998 schreibt Lindner-Braun, dass das Radio multiple soziale Funktionen, vor allem bei Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren erfüllt und sich unter anderem durch den Musikkonsum soziale Beziehungen bestätigten oder etablierten bis hin zur Herausbildung einer Subkulturzugehörigkeit (vgl. 1998a, S. 43). Es ist jedoch anzunehmen, dass diese „soziale Nutzenfunktion“ (ebd.) nach der Jahrtausendwende nach und nach in den Hintergrund trat. Zwischenmenschliche Beziehungen können sich zwar weiterhin über Musik definieren, das vermittelnde Medium ist nun jedoch nicht mehr hauptsächlich das Radio, sondern eher das Internet. Böckelmann bestätigt diesen Rückgang der Radionutzung in Deutschland zu Gunsten der Internetnutzung bei unter 40-Jährigen im Jahr 2005 (vgl. 2006, S. 198). Bezüglich der Altersgruppen fand Lindner-Braun zudem heraus, dass Jugendliche sowie ältere Menschen über 60 Jahre das Radio gleichermaßen zu Unterhaltungszwecken nutzen, jedoch dient es den älteren Zielgruppen mehr der kognitiven Auslastung als den Jugendlichen (vgl. 1998b, S. 43 ff.). Nach Böckelmann ist die Handhabung des Radios jedoch für alle Alters- und Zielgruppen gleich (2006, S. 11):

Hörfunk ist ein allgegenwärtiges und bewegliches, aber vergleichsweise unauffälliges und einfach zu handhabendes Medium. Um es zu nutzen, müssen wir weder an einem bestimmten Ort verweilen noch den Blick in eine bestimmte Richtung lenken

Hörfunk ist demnach flexibel und kostengünstig. Dennoch hat er nach wie vor eine nachgeordnete Stellung in kommunikationswissenschaftlichen und medienpolitischen Diskussionen (vgl. ebd.). Böckelmann ist allerdings der Meinung, dass das Radio als Nebenbei-Medium wieder in den Fokus und das Bewusstsein aller Nutzer, Produzenten und Veranstalter rücken wird. Für ihn steht der Hörfunk „unter begründetem Zukunftsverdacht“ (Böckelmann, 2006, S. 11)

Seit ca. 1984 existiert in Deutschland das duale Rundfunksystem, in welchem zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern unterschieden wird(vgl. Böckelmann, 2006, S. 42). Die öffentlich-rechtlichen Sender werden dabei von der ARD(2012) und die privaten Sender von der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten (ALM, 2013) organisiert. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind nach Regionen bzw. Bundesländern unterteilt, z.B. Mitteldeutscher Rundfunk (2011) für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Insgesamt umfasst die ARD neun regionale Rundfunkanstalten sowie zwei nationale (vgl. ARD, 2012). Ein Sender wie der MDR beinhaltet zudem verschiedene Senderwellen, wie z.B. die Jugendwelle MDR Sputnik (Mitteldeutscher Rundfunk, 2013b) oder die Kulturwelle MDR Figaro (Mitteldeutscher Rundfunk, 2013a). Die privaten Radiosender der ALM sind bis auf vier nach Bundesländern unterteilt (vgl. ALM, 2013). Zusammenschlüsse fanden zum einen zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein und zum anderen zwischen Berlin und Brandenburg statt. Die privaten Sender sind zudem meist einzeln oder in Senderketten mit mehreren Sendestationen organisiert, wie z.B. Radio Energy für Berlin, Bremen, Hamburg, München, Nürnberg, Sachsen und Stuttgart (vgl. Radio ENERGY GmbH, 2013)

Im Bereich der Mediennutzungsforschung entwickelte Paul Lazarsfeld Ende der 1930er Jahre erstmals die Media Analyse (nachfolgend: MA) als Instrument der Hörerforschung (vgl. Blumers, 1998, S. 83). Mittlerweile wird die MA professionell und kommerziell von der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V. (agma, 2013a) durchgeführt. Die Arbeitsgruppe ARD-Hörerforschung entwickelte 1987 als Pendant zur MA in Zusammenarbeit mit dem ehemals Süddeutschen Rundfunk das SDR-Demometer (vgl. Buß, 1998, S. 17). Die zwei Forschungsinstrumente unterscheiden sich insofern, als dass bei der MA zur Befragung der Hörer über ihre Radionutzung zweimal im Jahr ein Tag in der Woche zufällig ausgewählt wird – wobei an diesem Tag der Hörer womöglich gar kein Radio gehört hat – beim SDR-Demometer jedoch die typischen und durchschnittlichen Hörgewohnheiten monatlich abgefragt werden, unabhängig von einem speziellen Tag oder dem Tag der Befragung (vgl. Blumers, 1998, S. 94 ff.). Die ARD veröffentlichte am 16.07.2013 die Ergebnisse der MA 2013/II (vgl. 2013b). In dem Artikel wird der von Böckelmann (2006) vorhergesehene positive Entwicklungstrend bestätigt:

Die durchschnittliche Hördauer von Radio gesamt hat auf hohem Niveau zugelegt und liegt jetzt bei 198 Minuten. Mit aktuell 79,4 Prozent schalten an Werktagen vier von fünf Menschen ein Radioprogramm ein. Das unterstreicht den großen Stellenwert des Radios als täglicher Begleiter

Nimmt man allerdings die von Böckelmann 2006 ermittelten Zahlen zur Hand, so zeigt sich, dass vor sieben Jahren deutschlandweit 205 Minuten lang Programme der ARD gehört wurden. Insofern handelt es sich hierbei um einen Rückgang der Radionutzung. Allerdings sollten die Daten nicht überinterpretiert werden, da Schwankungen in der Nutzung natürlich sind und ein Unterschied von sieben Minuten nicht maßgeblich ist. Der MA 2013/II zufolge haben jedoch die Sender der ARD gegenüber den privaten Radiosendern einen größeren Vorsprung: 53,1 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab zehn Jahren hören öffentlich-rechtliche Programme, 44,3 Prozent hören kommerzielle Sender, wobei diese im Vergleich zur MA 2013/I auch einen Rückgang in der Nutzung verzeichnen (vgl. ARD, 2013b)

3 Die Bedeutung der Stimme von Radiosprechern

Nur wenige Jahre nach der Einführung des Radios hatten sich erste Sprecherrollen im Radio etabliert: 1926/27 unterschied man zwischen den reinen Sprechern, welche „schöpferische Aufgaben“ (Gethmann, 2006, S. 122) inne hatten und den Ansagern, welche lediglich vorgeschriebene Mitteilungen übermittelten (vgl. ebd., S. 122). Wie auch heute noch teilweise, war die Frau als Sprecherin im Hörfunk unterrepräsentiert, wurde regelrecht abgelehnt. Loviglio erklärt: „In this early period, women’s voices on the air were criticised for lacking the proper authority to present the news, for being shrill (which is to say, both high-pitched and emotionally intense) irritating, and having too much personality“ (Loviglio, 2008, S. 74) . Dass die Persönlichkeit von Sprechern in den Anfängen des Hörfunks unerwünscht war, zeigt sich besonders darin, dass sich die BBC zunächst weigerte, die Namen seiner Sprecher zu nennen (vgl. Gethmann, 2006, S. 136 f.) – im Gegensatz dazu sind heute ganze Sendungen personalisiert und auf die Person des Sprechers abgestimmt (vgl. ebd., S. 130). Nachrichtensprecherinnen waren tatsächlich nur während des zweiten Weltkrieges und dann erst wieder ab den 1970er Jahren tätig (vgl. Wittlinger & Sendlmeier, 2005, S. 76). Heutzutage werden speziell für Nachrichten eher „atypisch tiefe Frauenstimmen ausgewählt“ (ebd., S. 76). Wittlinger und Sendlmeier vermuten zudem, dass dies vor allem auch daran liegt, dass die Medienstimmen vorwiegend von Männern ausgesucht werden (vgl. ebd., S. 77). Dass jedoch eine individuelle Sprecherstimme, mit Merkmalen entgegen aller gesellschaftlichen Erwartungen, im Hörfunk von sehr hoher Bedeutung und Wichtigkeit ist, erkennt Lindner-Braun: „Die menschliche Stimme dient der Wiedererkennung von Programmen. […] 74 Prozent erkennen ein Programm an der Stimme wieder“ (1998a, S. 175). Die Wiedererkennung des Programms über die Sendungen erfolgt nur mit 66 Prozent (vgl. ebd.). Außerdem bemerkt Lindner-Braun, dass die „Rolle der Moderation bei der Bildung eines Gesamteindrucks von Programmen“ (1998a, S. 59) unterschätzt wird

Nachfolgend sollen die Funktionen und Merkmale der Stimme von Radiosprechern sowie die Sprechwirkung der Stimmen auf den Zuhörer erläutert werden

3.1 Funktion und Merkmale der Stimme

Die Funktion der Stimme wird nach Wittlinger und Sendlmeier zunächst als „Zuordnung der sprechenden Person zum jeweiligen Geschlecht“ (2005, S. 72) definiert. Aber nicht nur das Geschlecht, auch Persönlichkeitsmerkmale können durch den Zuhörer intuitiv abgeleitet werden, wobei dies oftmals durch gesellschaftliche Konventionen bzw. Hörmuster beeinflusst wird (vgl. ebd., S. 73). Allerdings können die Merkmale der Stimme je nach Geschlecht des Sprechers unterschiedlich interpretiert werden (vgl. ebd.). In Bezug auf den Hörfunk sieht Lindner-Braun einen Vorteil in der Deutung von Persönlichkeitsmerkmalen eines Sprechers darin, „daß [sic] die menschliche Stimme Aspekte der Persönlichkeit übermittelt, ohne daß [sic] […] der Teilnehmer in die erzwungene und damit peinliche Rolle des Voyeurs gedrängt wird“ (1998a, S. 55). Damit meint sie, dass der Zuhörer durchaus Persönliches über den Sprecher durch die individuellen Stimmmerkmale erfahren kann, gleichermaßen aber nicht unerwünscht in die Privatsphäre des Sprechers eindringt. Gethmann zufolge besteht die Funktion der Stimme im Hörfunkkontext zudem darin, ein Erkennungsmerkmal des aktuellen Radiosenders darzustellen, ähnlich der Musikfarbe des Senders (vgl. 2006, S. 128). Die Mitbegründerin der Hörfunkforschung, Herta Herzog, nennt als eine Funktion der Sprache, welche in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Stimme steht, den Ausdruck (vgl. 1933, S. 301). Jedoch konstatiert sie, dass der Ausdruck erst an Bedeutung gewinnt, „wenn jemand da ist, der etwas als Ausdruck erlebt“ (ebd., S. 302). Die Stimme bzw. Sprache und ihr jeweiliger Ausdruck sind also zwangsläufig vom Zuhörer abhängig. Herzog stützt ihre damalige Arbeit auf Bühlers Axiomatik der Sprachwissenschaften (1933) und macht somit erste Dimensionen der Stimmwahrnehmung fest: In ihrer Untersuchung erkennen die Probanden vor allem Unterschiede in der Stimmhöhe und - schwankungen, im Tempo, der Artikulation, dem Rhythmus und Stimmtimbre (vgl. Herzog, 1933, S. 355 ff.). Bezüglich der Stimmhöhe erwähnen Wittlinger und Sendlmeier speziell den seit vielen Jahrzehnten andauernden europäischen Trend des „allmählichen Tieferwerdens der durchschnittlichen Stimmhöhen“ (2005, S. 72). Generell entwickeln sich Stimmlagen, besonders bei Kindern, jedoch an Hand akustischer Vorbilder, wie Eltern, Lehrer, Erzieher, etc. (vgl. ebd., S. 71;Stock & Suttner, 1991, S. 104 ff.). Vor allem kommt es dabei zu einem „Nachahmen der sozialen Stimmmuster ihrer Geschlechtsgruppe und ihrer Kultur“ (Wittlinger & Sendlmeier, 2005, S. 72). Auch Schubert und Sendlmeier formulieren weitere Stimmmerkmale (vgl. 2005, S. 15 ff.): Die Satzmelodie, welche die Autoren speziell bei Nachrichtensprechern untersuchten, ist vor allem von der Betonung gekennzeichnet. Nachrichtensprecher haben dabei zumeist einen neutralen Sprechstil mit einer ebenen Sprachmelodie und keiner ausgeprägten Betonung. Die Betonung dient dazu „wesentliche Informationen im Satzgefüge hervorzuheben und dem Hörer durch eine Gliederung das analytische Hörverstehen zu erleichtern“ (ebd., S. 16). Schubert und Sendlmeier machen hier eine enge Beziehung zwischen Informationsgehalt und Betonungsstärke aus (vgl. ebd.). Gethmann (2006, S. 115) bestätigt diese Erkenntnisse:

Die Balance zwischen einem neutralen Sprechen der jeweiligen Nachrichten und der Betonung einzelner Teile - ohne ihren Sinn wertend hervorzuheben und ohne eintönig zu klingen - macht die Schwierigkeit des Nachrichtenverlesens im Rundfunk heute noch aus

Weiterhin untersuchten Schubert und Sendlmeier, wie auch Herzog (1933), die Sprechgeschwindigkeit, welche bei Nachrichtensprechern häufig zu hoch und damit rezipientenunfreundlich ist (vgl. 2005, S. 18). In erster Linie ist die Sprechgeschwindigkeit jedoch sprecherabhängig. Als letztes wichtiges Merkmal definieren Schubert und Sendlmeier die Pausen und Atmung. „Pausen […] sind biologisch zwingend“ (ebd., S. 19) und dienen der „zeitlichen Strukturierung des Sprechens“ (ebd.). Damit meinen die Autoren, dass die Sprechpausen überwiegend dazu genutzt werden, um Luft zu holen, aber auch um dem Zuhörer Zeit für die Informationsverarbeitung zu geben. Sendlmeier ergänzt im Vorwort seines Buches Sprechstile – Sprechwirkung in Funk und Fernsehen (2005, S. 1) zudem:

Intonation und Pausengestaltung werden vom Sprecher genutzt, um nicht nur die wichtigen syntaktischen Grenzen oder verschiedene Wortgruppen in einem Text zu markieren, sondern auch um an Hand von Akzentuierungen und Variationen der Sprechgeschwindigkeit wichtige (neue) Informationen gegenüber weniger wichtigen (alten) Informationen hervorzuheben

Gethmann nennt ferner als ein weiteres auffälliges Stimmmerkmal das dramatische Sprechen. Dieses sieht er vor allem als „Folge der Trägheit der Stimme“ (2006, S. 131). Unter dramatischem Sprechen ist demnach eine besonders getragene Stimme gemeint, der durch viele künstlerische Pausen und eine übermäßige Betonung Ausdruck verliehen wird

An dieser Stelle soll die zu Beg inn von Kapitel 3 erwähnte Problematik um die Stimmhöhe bei Medienfrauen noch einmal aufgegriffen werden. Denn Frauenstimmen mit einer tieferen Stimmlage als gewöhnlich müssen nicht zwangsläufig ungeeignet zum Moderieren sein. Das zeigt die hohe Frauenquote des amerikanischen Senders National Public Radio (NPR). Gerade diese männlich klingenden Frauenstimmen machen das Markenzeichen von NPR aus und stehen in enger Verbindung mit der Frauenbewegung der 1960er/ 1970er Jahre. Eine tiefe Stimmlage bei weiblichen Radiosprechern kann also auch gezielt eingesetzt werden, um Alleinstellungsmerkmale von Radiosendern hervorzuheben (vgl. Loviglio, 2008, S. 67 ff.). Bei NPR sind aber nicht nur die Frauenstimmen unerwartet ungewöhnlich, auch männliche Moderatoren sprechen in ungewohnt hohen Stimmlagen, die teils an die Stimmen von Cartoon-Figuren anlehnen (vgl. ebd., S. 70 f.). Durch die unkonventionellen, nicht den gesellschaftlichen Hörmustern entsprechenden, Stimmen können mögliche Fehlschlüsse auf die Sexualität von Sprechern gezogen werden (vgl. ebd., S. 72). Loviglio bemängelt dabei das unzulängliche Verständnis der Zuhörer bezüglich der Beziehungen zwischen Sprache, Kultur und sozialer Identität von Radiosprechern (ebd., S. 72):

This lack of familiarity with talking about the various meanings that can be carried by prosody, and the reluctance to attribute to voice a role in the way in which gender and sexuality are performed, is a symptom of a larger poverty in our understanding of the relationships among speech, social identity, cultural meaning and historical context

Von einer zu hohen Verallgemeinerung von menschlichen Merkmalen, in diesem Fall Stimmmerkmalen, sprechen auchKamachi, Hill, Lander und Vatikiotis-Bateson (2003) im Zusammenhang von Gesichtsmerkmalen, wie z.B. große Augen oder ein rundes Gesicht, welche von einem gewissen Grad an Kindlichkeit zeugen. Besitzt nun ein Erwachsener diese Gesichtsmerkmale, werden ihm im Rahmen der Overgeneralization (Kamachi et al., 2003) automatisch das Verhaltensattribut kindlich und die damit zusammenhängende Verhaltensweisen zugeschrieben. Dies kann somit auch auf die Deutung und Interpretation von Stimmmerkmalen übertragen werden, welche, wie bei Loviglio beschrieben, missverstanden werden können, sofern sie unkonventionell sind

Im folgenden Abschnitt soll noch einmal vertieft auf verschiedene Sprechstile und die damit verbundene Sprechwirkung eingegangen werden

3.2 Sprechstile und Sprechwirkung

Als die zwei hauptsächlichen Sprechstile unterscheidet Gethmann (2006) zwischen freiem und textgebundenem Sprechen. Das freie Sprechen wurde jedoch Anfang 1920 im Radio durch staatliche Regulierung unterdrückt und führte zu mehr Textbindung (vgl. Gethmann, 2006, S. 114). Damit die Zuhörer diese Textualität nicht als solche wahrnahmen, musste die Stimme der Sprecher entsprechend geschult werden und das erfolgte zumeist über das Abhören der eigenen Stimme der Sprecher (vgl. ebd., S. 116). Das Sprechen im Hörfunk hatte aber nicht nur eine Wirkung auf die Zuhörer, auch die Sprecher selbst wurden stark beeinflusst. So war das Bewusstsein, in ein Mikrophon zu einem unsichtbaren Publikum zu sprechen, oftmals ein Hindernis und Natürlichkeit im Sinne des freien Sprechens gelang erst, „indem man also das Mikrophon nur als einen zufälligen Zeugen des mündlichen Berichts wahrnahm“ (Gethmann, 2006, S. 117). Und auch das Sprechtraining durch Abhören der eigenen Stimme bedurfte einer gewissen Gewöhnung, da die Stimme auf Band aufgenommen dem Sprecher selbst nicht vertraut vorkommt, das Radiopublikum diese aber sehr wohl erkennt (vgl. ebd., S. 127). Gethmann beschreibt dieses Phänomen als „Erfahrung der Selbsttäuschung“ (ebd.). Daraus resultiert, dass Sprecher sich mit den „Ohren der anderen“ (ebd., S. 128) hören müssen. Was wiederum durch die Autoren Warhurst et al. (2013, S. 220) bestätigt wird: Auch sie finden in ihrer Untersuchung heraus, dass Sprecher sich selbst gern hören müssen, um wiederum auf den anderen Zuhörer positiv zu wirken

Betrachtet man nun die Sprechwirkung in Bezug auf die Hörer, so definiert Krech diese als „das Resultat der vom Hörer als kommunikative Tätigkeit durchgeführten Verarbeitung von gesprochenen Äußerungen“ (1991, S. 300) . Dies schließt seitens des Zuhörers sowohl emotionale Reaktionen als auch mögliche Einstellungsänderungen gegenüber spezifischen Kommunikationsgegenständen mit ein (vgl. ebd.). Nach Meinung von Schubert und Sendlmeier gibt es jedoch „keine einheitlichen Aussagen darüber, welche Eigenschaft der Stimme oder Sprechweise den stärksten Einfluss auf die Beurteilung des Gesamteindrucks nimmt“ (2005, S. 14). Klar ist lediglich, dass Leistungsdruck und soziale Normen bezüglich des Stimmausdrucks bei Hörfunksprechern eine entscheidende Rolle spielen und sich in der Gesamtwirkung widerspiegeln (vgl. ebd., S. 15). Zudem ändern sich Stimme und Sprechweise je nach gesellschaftlicher Gegebenheit, im Sinne von „Modeerscheinungen“ (Wittlinger & Sendlmeier, 2005, S. 72) . Als Beispiel wäre hierfür der Trend zu nennen, dass deutsche jugendliche Muttersprachler mit türkischem Akzent sowie falscher Grammatik und Satzstruktur sprechen. Würden Radiosprecher sich diese Sprechweise aneignen, hätte dies mit Sicherheit eine andere Wirkung, als eine hochdeutsche und fehlerfreie Aussprache. Jedoch bemühen sich ausgebildete Sprecher, „bewusst oder unbewusst, mit ihrem Stimmklang sozial erwünschtes Verhalten zum Ausdruck zu bringen“ (Wittlinger & Sendlmeier, 2005, S. 75). Es ist also nicht anzunehmen, dass Radiosprecher ihre Sprechweise einer derartigen Modeerscheinung anpassen. Weiterhin nennt Lindner-Braun für die positive Sprechwirkung förderliche Aspekte vor allem eine „verbal angesprochene Lebhaftigkeit“ (1998a, S. 34) und Bildersprache. Bedient sich der Sprecher dieser Elemente, wird nach Lindner-Braun ein hohes Maß an Authentizität vermittelt (vgl. ebd.). Sendlmeier fasst zusammen, dass der Gesamteindruck und die Sprechweise positiv sein müssen, die Stimme angenehm, verständlich und nicht merkwürdig bzw. falsch betonend, um ein Abschalten der Hörer zu vermeiden (vgl. 2005, S. 3). Zum Abschalten bzw. Wechsel des Senders kommt es jedoch erst, wenn die eigentlich unbewussten informationsverarbeitenden Prozesse die Bewusstseinsgrenze des Rezipienten erreichen (vgl. Schubert & Sendlmeier, 2005, S. 14). Dies geschieht vor allem durch auffällig viele Versprecher, eine undeutliche Artikulation und, wie bereits genannt, eine inadäquate Betonung seitens der Sprecher (vgl. ebd.)

Zuletzt soll noch ein interessanter psychologischer Ansatz der Sprechwirkung im Hörfunk genannt werden. Karpf (2013) stieß auf ein Phänomen, dass Radiohörer den Klang ihres Lieblingssenders mit dem Klang nach zu Hause assoziieren. Karpf vergleicht dabei die körperlose Stimme aus dem Radio mit der mütterlichen Stimme, die ein Kind bzw. Säugling vorrangig wahrnimmt, wenn es noch im Mutterleib wächst. (vgl. Karpf, 2013, S. 63). Die Stimme der Mutter hat dabei eine beruhigende Funktion auf das Kind, „[it] has the capacity to contain the child“ (Karpf, 2013, S. 63). Die Autorin erklärt: „Listening to the radio, then, to some extent repeats our earliest listening experience: just as the foetus can hear but cannot see its mother, so the radio presenter cannot be seen by the listener − the radio voice is disembodied“ (Karpf, 2013, S. 65) . Karpf nimmt dabei an, dass die unsichtbare Stimme mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, da der Mensch tagtäglich einer Flut aus Bildern ausgesetzt ist, zu der die Radiostimme ein erholsames, auditives Kontrastprogramm bildet (vgl. ebd.). Karpf gesteht aber auch ein, dass eine Radiostimme, im Gegensatz zu ihrer Beruhigungsfunktion, auf den Hörer penetrant wirken kann und zwar auf Grund individueller akustischer Stimmmerkmale und/ oder entsprechender Persönlichkeits-merkmale des Sprechers (vgl. ebd., S. 70). In diesem Fall könnte sich der Klang nach zu Hause in einen Klang der Fremde umwandeln

4 Stand der Forschung

Die Recherchen der Autorin der vorliegenden Arbeit haben ergeben, dass es im deutschen Hörfunk einen immensen Forschungsmangel gibt (vgl.Karpf, 2013; Böckelmann, 2006;Lindner-Braun, 1998b). Zum Vergleich: Das internationale Magazin The Radio Journal (Intellect, 2010) beinhaltet in zehn Jahren Publikation keinerlei Beiträge zum deutschen Hörfunk. Vor allem aber das Konstrukt der Stimme wurde bisher noch nicht erschöpfend untersucht (vgl. Karpf, 2013). Da es nur sehr wenige aktuelle empirische Untersuchungen gibt, soll das folgende Kapitel an Hand von drei Studien einen Einblick in die Erforschung von Radio und Stimme geben. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der in Abschnitt 4.3 vorgestellten Studie What Makes a Good Voice for Radio: Perceptions of Radio Employers and Educators von Warhurst, McCabe und Madill (2013). Diese soll die Grundlage für die in Kapitel 5 beschriebene Untersuchung bilden. Die Ergebnisse der beiden anderen Studien sollen in Kapitel 6 vergleichend hinzugezogen werden

4.1 Was kennzeichnet gute Nachrichtensprecher im Hörfunk? (2005)

Diese Untersuchung von Schubert und Sendlmeier (2005) beschäftigt sich mit den stimmlichen und sprecherischen Anforderungen an Nachrichtensprecher im Hörfunk. Dafür haben die Autoren eine zentrale Frage formuliert: „Was kennzeichnet einen guten Nachrichtensprecher im Hörfunk?“ (S. 21). In ihren vorangehenden theoretischen Abhandlungen zeigen Schubert und Sendlmeier, dass das Anforderungsprofil für Nachrichtensprecher sehr hoch ist, besonders in Bezug auf Stimme und Sprechweise (vgl. ebd., S. 20). Wie sich diese Anforderungen äußern, wollen die Autoren mittels folgender Detailfragen klären (ebd., S. 20 f.):

- Welche Erwartungen stellen Hörer an einen guten Nachrichtensprecher?
- Sind diese Ansprüche abhängig vom Geschlecht, Alter oder Bildungsgrad?
- Nehmen Hörer Unterschiede bei der sprecherischen Qualität wahr? Wenn ja, wovon sind die differenzierten Sprechwirkungen abhängig?
- Wie stark äußern sich sprecher- und senderabhängige Unterschiede?
- Worin liegen die Besonderheiten der Nachrichtensprechweise?
- Inwiefern bestehen Wirkungsbeziehungen zwischen Hörerurteilen und akustischen Parametern des Sprachsignals?

4.1.1 Methodik

Um diese Fragen zu beantworten, haben Schubert und Sendlmeier ihre Untersuchung in drei Abschnitte unterteilt: eine perzeptive Analyse, eine akustische Analyse und den Vergleich beider Analysen miteinander (vgl. Schubert & Sendlmeier, 2005, S. 21). Für den ersten Teil der Untersuchung wurden Versuchspersonen gebeten, in einem Fragebogen anzugeben, welche Anforderungen ein guter Nachrichtensprecher erfüllen sollte und anschließend Audio-Samples hinsichtlich Sprechweise und Stimme von Nachrichtensprechern zu bewerten (vgl. ebd.). Für die akustische Analyse wurde „das Sprachmaterial der Nachrichtensprecher anhand akustischer Parameter der Stimme und Sprechweise untersucht“ (ebd., S. 21). Als Sprachmaterial der Analysen dienten Aufnahmen der Sprecher im Radio in ihrer natürlichen Sprechsituation, wobei dadurch jedoch keine Übereinstimmung der gesprochenen Texte gegeben war (vgl. ebd. S. 22). Die Autoren Schubert und Sendlmeier erklären, dass sie sich bewusst für die natürliche Sprechsituation entschieden haben, da die Authentizität der gesprochenen Nachrichten in einer Laboruntersuchung womöglich verloren ginge (vgl. ebd.). Demnach erfolgten die Aufnahmen der Nachrichten aus den Programmen der Berliner Radiosender Radio EINS, Deutschlandfunk – beide öffentlich-rechtliche Sender – sowie den privaten Sender r.s.2 (vgl. ebd.). Die Aufnahmen erfolgten an zwei verschiedenen Tagen mit insgesamt N = 10 verschiedenen Nachrichtensprechern (Geschlecht: n = 8 Männer, n = 2 Frauen). An dem Perzeptionstest nahmen N = 39 freiwillige Probanden teil (vgl. ebd., S. 26)

4.1.2 Ergebnisse

In diesem Abschnitt sollen nur die Ergebnisse des Perzeptionstests dargestellt werden, da die Ergebnisse der akustischen Analyse für die folgende Untersuchung in Kapitel 5 nicht weiter erkenntnisbringend sind

Nach Ermittlung der Hör-Präferenzen der Probanden konnten Schubert und Sendlmeier ein „normative[s] Hörmuster“ (2005, S. 62) unter allen Probanden voraussetzen. Zudem ergab sich bei der Auswertung des Präferenzprofils, dass es keine Unterschiede in der Erwartungshaltung bei verschiedenen Bildungsgraden und Altersgruppen gibt (vgl. ebd., S. 30). Es zeigte sich, dass den Hörern die Merkmale deutliche Aussprache, wohlklingend und angenehm am wichtigsten bei Nachrichtensprechern sind (vgl. ebd., S. 36). Bei der Bewertung des Gesamteindrucks schnitten die Sprecher der zwei öffentlich-rechtlichen Sender Radio EINS und Deutschlandfunk deutlich besser ab, als die des privaten Senders r.s.2 (vgl. ebd., S. 62). In ihrer Interpretation versuchen Schubert und Sendlmeier zwar zu zeigen, welche Eigenschaften Einfluss auf den Gesamteindruck haben, jedoch diskutieren sie nicht die kausale Ursache für das schlechtere Abschneiden des privaten Senders. So nimmt die Autorin der vorliegenden Arbeit an, dass bei öffentlich-rechtlichen Sendern mehr Wert auf eine stimmliche Ausbildung bzw. Sprecherziehung gelegt wird als bei privaten Sendern. Denn vor allem damit können die, von den Hörern als am wichtigsten erachteten, Eigenschaften deutliche Aussprache und wohlklingende Stimme, trainiert werden. Weitere Ergebnisse des Perzeptionstests sind u.a., dass bei Nachrichtensprechern tiefere Stimmen seitens der Hörer bevorzugt werden (vgl. ebd., S. 63), jedoch nur 26 Prozent der Probanden tatsächlich Männer als Nachrichtensprecher bevorzugen (vgl. ebd., S. 28). Auf die Darstellung zusätzlicher Ergebnisse der Untersuchung, die zur Beantwortung von Schuberts und Sendlmeiers Forschungsfragen dienlich sind, soll auch an dieser Stelle verzichtet werden, da sie dem weiteren Erkenntnisgewinn dieser Arbeit nicht förderlich sind. Jedoch birgt die Studie insgesamt sehr viel Potenzial in sich, da sie vom Versuchsaufbau her nicht nur oberflächig versucht Informationen zu gewinnen, sondern durch den Einsatz von Perzeptionsanalyse und akustischer Analyse und dem Vergleich der Ergebnisse beider Untersuchungen miteinander das Konstrukt der Stimme sehr tiefgreifend untersucht. Dieser Ansatz von Schubert und Sendlmeier ist ideal, um in einem anderen Umfeld und in größerem Ausmaß repliziert zu werden. Das heißt, eine solche Studie sollte durchaus auch für andere Radiosprechergruppen, wie Moderatoren, mit höherer Probandenzahl und für andere Radiosender in Deutschland durchgeführt werden. Für die vorliegende Arbeit sind vor allem die Ergebnisse der Perzeptionsanalyse interessant und sollen in der Auswertung der in Kapitel 5 durchgeführten Untersuchung vergleichend herangezogen werden

4.2 Stimme und Sprechweise erfolgreicher Frauen (2005)

Eine weitere aufschlussreiche Untersuchung beinhaltet der Beitrag Stimme und Sprechweise erfolgreicher Frauen von Wittlinger und Sendlmeier (2005). Die Autoren gehen dabei von dem Punkt aus, dass weibliche Sprecher in der medialen Öffentlichkeit wie in Führungspositionen unterrepräsentiert sind, weil ihnen auf Grund der höheren Stimmlage im Vergleich zu Männern mangelnde Autorität, Dominanz und Kompetenz zugeschrieben wird (vgl. Wittlinger & Sendlmeier, 2005, S. 73 ff.). Ein weiterer Ausgangspunkt für die Untersuchung der Autoren ist, dass die Stimmlage weiblicher Nachrichtensprecher oder Moderatoren im Laufe ihrer Tätigkeit als solche unbewusst immer tiefer wird und somit unterhalb des Stimmhöhendurchschnitts für Frauen liegt (vgl. ebd.). Die Annahme der Autoren ist demnach: Je tiefer Frauenstimmen sind, desto eher wirken Frauen autoritär, kompetent und dominant (vgl. ebd.). Jedoch gibt es ein Dilemma zwischen dem, was Hörer wollen und der Art und Weise wie Frauen in Führungspositionen oder in den Nachrichten klingen müssen, um sich etablieren zu können: Wittlinger und Sendlmeier behaupten, dass tiefe und eher männliche Stimmen von Frauen bei Zuhörern eher auf Ablehnung stoßen (vgl. ebd., S. 79). Wittlinger und Sendlmeier wollen mit ihrer Studie zudem folgende Fragen klären (ebd., S. 79):

- Wie sprechen Vertreterinnen dieser Berufsgruppen tatsächlich?
- Gibt es Besonderheiten in ihrem stimmlichen Ausdruck und in der Ausprägung einzelner stimmlicher Merkmale?
- [.] wie wirken sie auf ihre Zuhörer?
- Hat […] eine Veränderung der Hörmuster stattgefunden, so dass auch eine Frauenstimme mit Kompetenz und Autorität verbunden werden kann?
- [.] werden Frauenstimmen immer noch als nicht angemessen für öffentliches Sprechen empfunden?

Für die Präsentation der Ergebnisse in Abschnitt 4.2.2 soll in der vorliegenden Arbeit auch wieder der Fokus auf der Sprechwirkung auf Zuhörer liegen, um die Ergebnisse in Kapitel 6 vergleichend heranziehen zu können

4.2.1 Methodik

Die Studie von Wittlinger und Sendlmeier besteht aus einem Wahrnehmungstest mittels eines Polaritätsprofils in einem Fragebogen und einer akustischen Analyse stimmlicher Parameter der weiblichen Sprecher. Beide Analysen wurden bei der Auswertung ebenfalls miteinander verglichen (vgl. Wittlinger & Sendlmeier, 2005, S. 79). In der akustischen Analyse wurden die Parameter Sprechgeschwindigkeit, Sprechstimmlage, Art der Betonungen, Verlauf der Grundfrequenz sowie die Stimmqualität untersucht. Als Sprachmaterial dienten N = 15 Sprecherinnen, die in solchen Berufen bzw. Positionen arbeiten, in denen Kompetenz, Glaubwürdigkeit und Autorität essentiell sind (vgl. ebd., S. 80). Unter den 15 Frauen befanden sich n = 5 Fernsehnachrichten-sprecherinnen, n = 3 Fernsehmoderatorinnen von politischen Diskussionsrunden, n = 3 Fernsehmoderatorinnen von Politmagazinen sowie n = 4 Berliner Geschäftsführerinnen (vgl. ebd.). Am Wahrnehmungstest zur Beurteilung der Sprecherinnen nahmen N = 54 Probanden verschiedenster Altersgruppen teil (vgl. ebd., S. 81)

4.2.2 Ergebnisse

Auch Wittlinger und Sendlmeier konnten in ihrer Studie ein einheitliches Hörmuster unter den Probanden feststellen, d.h. die Beurteilungen der Hörer waren nicht von deren Geschlecht, Alter oder Bildungsgrad abhängig (vgl. 2005, S. 115). Generell wurden die ausgebildeten Sprecherinnen im Gesamteindruck besser bewertet als die Geschäftsführerinnen. Der Gesamteindruck korrelierte dabei jeweils stark positiv damit, wie sympathisch bzw. und angenehm die Stimmen klangen (vgl. ebd., S. 83 ff.). Aus den Ergebnissen der Untersuchung schließen die Autoren, dass die Eigenschaften Kompetenz und Sympathie sich bei der Sprechwirkung nicht gegenseitig ausschließen müssen. So kann eine tiefere Frauenstimme sowohl kompetent wirken und stößt nicht, wie anfangs angenommen, auf Ablehnung bzw. Missfallen bei den Hörern (vgl. ebd., S. 114 f.). Prinzipiell ist weiterhin anzunehmen, dass die Stimmmerkmale, die einen sehr positiven bzw. sehr negativen Gesamteindruck hinterlassen, auch allgemein als sehr wichtige Attribute für Sprecher, speziell Sprecherinnen, betrachtet werden können. Die am besten bewertete Sprecherin, eine Moderatorin, erhielt die höchsten Werte im Polaritätsprofil bei den Eigenschaften sympathisch, melodiös, engagiert, glaubwürdig, angenehm, klar und deutlich (vgl. ebd., S. 86). Die im Gegensatz dazu am schlechtesten bewertete Sprecherin, eine Geschäftsführerin, hatte dementsprechend besonders niedrige Werte bei den Merkmalen sympathisch, melodiös und engagiert (vgl. ebd.). Zusätzlich dazu sprach sie auch sehr langsam und wirkte demzufolge auf die Hörer überhaupt nicht abwechslungsreich. Interessanterweise hatte die am schlechtesten bewertete Sprecherin die tiefste Stimme und wirkte am wenigsten energisch auf die Zuhörer. Dies bestätigt, dass hohe, energische Stimmen durchaus Sympathieträger sein können

Zwar handelte es sich bei den ausgebildeten Sprecherinnen um Fernsehsprecherinnen, jedoch wurden die Sprachbeispiele in reine Audio-Samples umgewandelt, so dass die Ergebnisse auch auf Radiosprecherinnen übertragbar wären. Denn die Sprachmaterialien entstammten teilweise dem Format der Talkshow, welche, unabhängig von den Inhalten, auch im Hörfunk stark vertreten ist, wie beispielsweise die LateLine der ARD (2013a). Da die bestbewertete Sprecherin dieser Studie eine Moderatorin war, bietet es sich an, die zuvor besprochenen wichtigen Merkmale in Kapitel 6 der vorliegenden Arbeit vergleichend hinzuzuziehen. Weiterhin ist die Untersuchung von Wittlinger und Sendlmeier (2005) insofern ertragreich, als dass zukünftig untersucht werden sollte, inwieweit tatsächlich signifikante Unterschiede zwischen Sprecherinnen im Fernsehen und im Hörfunk existieren oder nicht. Da die vorliegende Arbeit keine geschlechtsspezifische Untersuchung zu den Stimmmerkmalen von Radiosprechern vornimmt, müssen die Ergebnisse aus Wittlingers und Sendlmeiers Studie jedoch allgemein betrachtet und dürfen nicht überinterpretiert werden

4.3 What Makes a Good Voice for Radio (2013)

Dieses Kapitel widmet sich speziell der aktuellen Untersuchung What Makes a Good Voice for Radio: Perceptions of Radio Employers and Educators von Warhurst, McCabe und Madill (2013). Das Ziel dieser Studie bestand darin herauszufinden, welche Merkmale einen erfolgreichen Radiosprecher ausmachen, beurteilt aus der Sicht und Wahrnehmung von Arbeitgebern im australischen Hörfunk (vgl. Warhurst et al., 2013, S. 217). Die Besonderheit dieser Studie liegt jedoch nicht nur in ihrer Aktualität, sondern in ihrer bisherigen Einzigartigkeit. So bemerken Warhurst et al., dass bereits vorhandene Literatur zu diesem Thema nicht auf empirischen Befunden basiert oder „those that use the experimental design have had to make distinct assumptions about the salient features of radio performers‘ voices […]“ (Warhurst et al., 2013, S. 217). Zudem bemängeln sie, dass es in der bereits vorhandenen Forschung keine Übereinstimmung oder gar Theorie zu den wichtigsten Merkmalen von Radiosprechern gibt. Das Hauptaugenmerk legten sie dabei auf die Rolle und Bedeutung stimmlicher Merkmale von Radiosprechern (vgl. ebd.). Für ihre Untersuchung haben Warhurst et al. zwei Forschungsfragen formuliert (ebd. S. 217):

1. What do radio employers and educators believe makes a good voice for radio?
2. What do radio employers and educators perceive to be important when employing radio performers, across different speaking roles?

4.3.1 Methodik

Um diese Forschungsfragen zu beantworten führten die Autoren halbstandardisierte Interviews mit N = 9 Probanden, davon n = 3 Pädagogen und n = 6 Arbeitgebern, aus staatlichen und privatisierten Hörfunkeinrichtungen durch (vgl. Warhurst et al., 2013, S. 218). Anschließend wurden die Interviews mittels der qualitativen Grounded Theory -Methode thematisch analysiert (vgl. ebd.)

4.3.2 Ergebnisse

Auf Basis der gebildeten Kategorien konnten Warhurst et al. zwei Modelle aufstellen: eines zu allgemeinen Eigenschaften von Radiosprechern und, darauf aufbauend, eines zu spezifischen, rollenbasierten Eigenschaften von Radiosprechern (vgl. Warhurst et al., 2013, S. 219 f.)

Das Modell zu den allgemeinen Merkmalen (vgl. Abb. 1) beinhaltet acht Kategorien (ebd., S. 219):

1. Content and Personality
2. Voices Can Deliver Certain Elements
3. Voices that Suit the Actual Station
4. Easy to Listen to
5. Conversation with the Listeners/ Sound Real and Natural
6. Different to Radio Voices in the Past
7. Ability to Read
8. Multiskilled

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Allgemeine Eigenschaften von Radiosprechern

(Quelle: Warhurst et al., 2013)

Die erste, dritte und vierte Kategorie besitzen jeweils noch eine Unterkategorie bezüglich Vorwissen der Radiosprecher, ihrer Ausdrucksweise und Dialekt, Geschlecht und ihrer Stimmeigenschaften

Das zweite, rollenspezifische Modell basiert ebenfalls auf den Nennungen der Probanden der Studie von Warhurst et al. (vgl. Abb. 2). Radiosprecher gehören demnach den drei Berufsgruppen „(1) broadcasters and announcers; (2) newsreaders, journalists, and reporters; and (3) character voices and voice-over artists“ (Warhurst et al., 2013, S. 219) an. Für ihr Modell haben die Autoren die zweite Gruppe allein auf die Nachrichtensprecher reduziert. An dieser Stelle kann ein erster Kritikpunkt seitens der Autorin der vorliegenden Arbeit angebracht werden: Warhurst et al. begründen nicht, warum sie die Gruppe der Journalisten und Reporter außen vor lassen. So nimmt die Autorin an, dass zwischen Nachrichtensprechern, Journalisten und Reportern keine reziproke Beziehung besteht. Das heißt, Journalisten und Reporter sind durchaus befähigt Nachrichten zu sprechen; Nachrichtensprecher sind andersherum jedoch nicht zwangsläufig qualitativ gute Journalisten oder Reporter, da sich deren Aufgabenfelder zu sehr unterscheiden (vgl. Gethmann, 2006, S. 122). Dass eine Ausklammerung der Nachrichtensprecher aus der von Warhurst et al. formulierten dritten Gruppe nicht abwegig ist, ist bereits im Pretest der empirisch quantitativen Untersuchung dieser Arbeit zu erkennen (vgl. Kap. 5.2.1). Für ein valides und repräsentatives Ergebnis müssen allerdings die Ergebnisse der vorgenommenen Online-Befragungen berücksichtigt werden (vgl. Kap. 6)

Das dreidimensionale Modell wurde folglich so aufgestellt, dass zwischen allen drei Kategorien Schnittmengen bestehen, aber auch für jede einzelne Sprechergruppe individuelle Merkmale hervorgehoben werden. Das zentrale gemeinsame Merkmal aller Kategorien geht mit der dritten Kategorie, Voices that Suit the Actual Station, aus dem Modell allgemeiner Eigenschaften von Radiosprechern einher. Zudem müssen alle Sprechergruppen in der Lage sein ihren eigenen verbalen Ausführungen aus einer objektiven Sicht zuzuhören (vgl. Abb. 2). Den Kategorien Moderatoren und Nachrichtensprechern haben die Autoren als gemeinsame Eigenschaften Content and Personality, Easy to Listen to und Multiskilled zugeordnet (vgl. ebd.). Die Gruppen Nachrichtensprecher und voice-over artists verbindet wiederum die Fähigkeit zu lesen; voice-over artists und Moderatoren verbindet ein natürlicher und realer Klang (vgl. ebd.). Das individuelle Merkmal der Moderatoren ist vor allem die Konversation mit dem Zuhörer, eine gewisse Kameradschaftlichkeit gegenüber dem Zuhörer sowie ein angemessenes Konversationstempo. Nachrichtensprecher zeichnen sich hingegen durch ihre sofort und klar verständliche Stimme sowie Stimmsenkung am Satzende, theatralische Pausen und die Klarheit ihrer Aussprache aus. Das individuelle Merkmal der voice-over artists – oder auch der im deutschen Hörfunk üblichen Bezeichnung Station-Voices – besteht darin, mittels einer charakteristisch unverwechselbaren Stimme bestimmte Elemente zu vermitteln. Dabei müssen die Stimmen äußerst flexibel und manchmal etwas verrückt und merkwürdig sein (vgl. ebd.)

In der Diskussion ihrer Untersuchung erklären Warhurst et al., „there is no single, inclusive definition of what makes a successful radio performer, although it is likely that radio performers share some common vocal characteristics“ (2013, S. 223). Mit ihrem erstellten mehrdimensionalen Modell können sie zwar ihre zwei Forschungsfragen beantworten, jedoch können sie damit nicht belegen, dass das Modell universell einsetzbar ist. Deshalb schlagen die Autoren selbst vor, mittels quantitativer Datenanalyse und einer größeren Stichprobe, andere Hörfunklandschaften zu untersuchen (vgl. ebd., S. 224)

Mit der vorliegenden Arbeit wird der Vorschlag aufgenommen und es wird versucht im nachfolgenden Kapitel mittels einer empirisch quantitativen Untersuchung herauszufinden, welche Merkmale von Radiosprechern im deutschen Hörfunk wichtig sind

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Spezifische, rollenbasierte Eigenschaften von Radiosprechern

(Quelle: Warhurst et al., 2013)

5 Empirische Untersuchung

Dieses Kapitel beschäftigt sich folglich mit der Überprüfung des mehrdimensionalen Modells zu Merkmalen und Eigenschaften von Radiosprechern von Warhurst, McCabe und Madill (2013). In den folgenden drei Abschnitten wird zuerst die Methodik der Untersuchung erläutert. Anschließend werden jeweils der Pretest, die Fragebogenentwicklung und Datenerhebung der Befragung deutscher Programmdirektoren und der User-Umfrage dargestellt

5.1 Methodik

Mit den beiden Befragungen soll auf Grundlage des Modells von Warhurst et al. (2013) herausgefunden werden, welche Merkmale von deutschen Radiosprechern wichtig sind. Die Methode der schriftlichen Befragung wurde aus verschiedenen Gründen gewählt. Zum einen haben Warhurst et al. eine mündliche Befragung mit N = 9 Probanden durchgeführt. Daher liegt es nahe, ebenfalls eine Befragung zu nutzen. Allerdings ist die schriftliche Befragung nach Sedlmeier und Renkewitz (vgl. 2013, S. 90) aus ökonomischen Gründen zu bevorzugen. Da die gewünschte Zielgruppe für die erste Befragung einerseits sehr spezifisch und geographisch verstreut ist und andererseits eine größere Probandenzahl als bei Warhurst et al. benötigt wird, gestaltet sich die schriftliche Befragung hierbei als weniger aufwändig als eine mündliche. Der ökonomische Aspekt wäre hierbei, dass die Autorin und in diesem Sinne auch Versuchsleiterin bei einer schriftlichen Befragung nur Fragebögen verschicken und nicht zu jedem einzelnen Probanden fahren oder ihn zu sich bestellen muss, um ihn zu befragen. Die Methode der schriftlichen Befragung bringt auch Nachteile mit sich (vgl. Sedlmeier & Renkewitz, 2013, S. 100). So ist zu erwarten, dass die Rücklaufquote der Befragung bei einer so spezifischen Zielgruppe wie den Programmchefs/ -direktoren und Chefredakteuren deutscher Radiosender eher gering ausfällt, da die Umfrage einerseits freiwillig ist und andererseits nicht jeder kontaktierte Proband die Zeit für die Befragung aufbringen kann oder sogar darf. Weiterhin äußern sich Sedlmeier & Renkewitz, zur schriftlichen Befragung folgendermaßen (2013, S. 101):

Ist die theoretische Vorarbeit geleistet, und möchte man generalisierbare Aussagen machen, bieten sich groß angelegte schriftliche Befragungen an, bei denen Anonymität glaubhaft gewährleistet ist. Als Alternative zur konventionellen schriftlichen Befragung könnte hier auch eine Internetbefragung sinnvoll sein

Diese von Sedlmeier und Renkewitz formulierten Aspekte werden von der vorliegenden Untersuchung erfüllt. Deshalb hat sich die Autorin dieser Arbeit für beide Untersuchungsabschnitte für das Forschungsinstrument der Online-Befragung entschieden. Mittels des Survey-Tools SoSci Survey (2013) wurde zunächst ein Online-Fragebogen erstellt und das Modell von Warhurst et al. implementiert. Dieser wurde anschließend an die Programmchefs/ -direktoren oder Chefredakteure der größten Sendeanstalten und Senderwellen eines jeden deutschen Bundeslandes mittels personalisierter Einladungs-E-Mails verschickt. Nach einem Untersuchungszeitraum von 19 Tagen wurde die Umfrage statistisch explorativ ausgewertet. Für die explorative Datenanalyse entschied sich die Autorin dieser Arbeit auf Grundlage dessen, dass der Artikel von Warhurst et al. (2013) keine Hypothesen beinhaltet, die es zu überprüfen gilt. Anschließend soll überprüft werden, ob die Ansichten der Radiomacher mit denen der Nutzer übereinstimmen. Dafür wurde das Modell abermals und in Abstimmung auf die zweite Zielgruppe in einen zweiten Online-Fragebogen implementiert und in einem weiteren Untersuchungszeitraum freigeschaltet. Probanden sind dabei potentiell alle deutschen Hörfunknutzer, je nach Verbreitungsmöglichkeit des Fragebogens. Die zweite Untersuchung soll zeigen, ob Stimmkriterien bei der Auswahl von Radiosprechern seitens der Sendeanstalten mit den Ansprüchen der Radionutzer an einen Radiosprecher allgemein und rollenspezifisch übereinstimmen. Dies erfolgt vor allem durch Mittelwertvergleiche und Korrelationsrechnungen zwischen den erhobenen Daten

[...]


[1]Alle folgenden geschlechtsspezifischen Angaben werden im Sinne einer besseren Lesbarkeit in der männlichen Form geschrieben und schließen bei der Nennung ebenfalls weibliche Personen ein

Ende der Leseprobe aus 114 Seiten

Details

Titel
Schweigen ist Silber, Reden ist Gold: Die Bedeutung der Stimme.
Untertitel
Eine quantitative Untersuchung zu Merkmalen von Radiosprechern im deutschen Hörfunk.
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Medienforschung)
Note
1,5
Autor
Jahr
2013
Seiten
114
Katalognummer
V265443
ISBN (eBook)
9783656552079
ISBN (Buch)
9783656552178
Dateigröße
4047 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stimme, Radiosprecher, Hörfunk, Deutschland
Arbeit zitieren
Marie-Kristin Kirschning (Autor), 2013, Schweigen ist Silber, Reden ist Gold: Die Bedeutung der Stimme., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265443

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