Humor in Russland und seine gesellschaftliche Funktion


Hausarbeit, 2012
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung:

Einleitung Arten von russischem Humor

Hauptteil Die gesellschaftliche Funktion von Humor in Russland

1. Humor im Kiewer Rus. Der mittelalterliche Humor

2. Humor im 18.Jahrhundert. Die russische Renaissance

3. Humor im 19.Jahrhundert. Die russische Klassik

4. Humor im 20.Jahrhundert. Die Anekdote als Spielball der Ideologien

Schluss Humor als Protestform im 21.Jahrhundert

Quellen

Einleitung. Arten von russischem Humor.

Leonid Breschnew sagte: „Lachen ist eine wunderbare Kraft, ein Zeichen des Optimismus, ein Symptom von mentaler Gesundheit.“ (Graham: S.3) „Ein Volk, das lacht, ist nicht auszurotten“, so nennt Valentina Oxen das fünfzehnte Kapitel ihres Werks „Über die Eigenschaft russisch zu sein“, was im Jahr 2001 erschienen ist. In diesem Kapitel geht sie auf verschiedene Besonderheiten des russischen Humors in Kultur und Literatur ein. Valentina Oxen beginnt ihre Ausführungen damit, auf die unterschiedlichen Arten des Lächelns und somit auch auf die des Humors im Allgemeinen, einzugehen. Im Groben gibt es für sie zwei Arten des Lächelns, die des ehrlichen, gütigen, heiteren und offenen Lächelns und die des künstlichen, ausdruckslosen, höflichen Lächelns, welches als Mittel zum Zweck oder auch als Waffe genutzt wird. Nach Oxen bevorzugen Russen das offene ehrliche Lächeln, weswegen Nicht-Russen häufig den Eindruck haben, Russen seien trübsinnig oder schlecht gelaunt. Somit kommt die Autorin zur konkreten Definition des „Lächeln à la russe“. Laut Sternin setzen Russen das Lächeln nicht als Attribution von Höflichkeit ein, sondern lächeln nur aus persönlichem Wohlwollen gegenüber Bekannten und Freunden, anders als zum Beispiel in Japan oder den USA. So kann ein Lächeln von einem Fremden unter anderem als Anmache missverstanden werden. (Oxen 2005: S.879-885) Die Menge der Arten des Lachens basiert auf der Vielfalt der menschlichen Empfindungen, Wahrnehmungen und Beziehungen zueinander. Einen prägnanten Unterschied kann man ausmachen, den des Lachens und den des Auslachens, wobei ein Großteil der Literatur auf dem Prinzip des Auslachen basiert. (Oxen 2005:S.967) Die Verspottung als solche, ist zwar ein allgemein menschlicher Zug, Oxen beobachtet jedoch gewisse nationale Unterschiede. So gilt der Humor der Franzosen als graziler Geist wie bei Anatole France. Nach Gerhard Hauptmann zu urteilen, ist das deutsche Lachen eher schwerfällig und Dickens und Show betrachtend, das Englische teils gutmütig und teils bissig. Nach Gogol oder Gribojedow beurteilt, haben die Russen einen etwas bitteren und sarkastischen Humor. Zu dem gibt es viele Unterschiede des Humors innerhalb eines Volks, zum Beispiel je nach sozialer Schicht. So kann Äußerliches als lächerlich beschrieben werden, doch dies hängt stark von den ästhetischen Werten und Schönheitsidealen der Betroffenen ab. Darstellbar ist dies an Hand von Fettleibigkeit, welche von manchen Gesellschaften als Merkmal für Wohlstand und Reichtum angesehen wird und von manchen als hässlich und ungesund empfunden wird. (Oxen 2005:S.968) Laut einem russischen Sprichwort gilt das Lächeln ohne Grund als Zeichen des Schwachsinns. Auch ist Smalltalk in Russland außerhalb vom Geschäfts- und Diplomatie-Bereich nicht beliebt. Man bevorzugt das Handeln entsprechend der emotionalen Situation, man trauert, weint, trinkt, feiert und lacht, je nach dem wie man sich fühlt. Viele Russen verstehen deshalb nicht, warum zum Beispiel Japaner ihre Trauer bei einem Todesfall in der Öffentlichkeit verbergen. „Er lächelt aus Höflichkeit.“, ist eher Tadel als Lob in Russland, das gilt auch im Dienstleistungssektor. (Oxen 2005: S.879-887)

Im Buch „Russlandknigge“ von Annette Baumbart und Bianca Jänecke heißt es zum Humor in Russland, er spiele eine wichtige Rolle in der russischen Gesellschaft, denn es sei der Humor einer Kultur, der das Äußern von Gefühlen auch im öffentlichen Raum möglich mache.(Baumgart 2005: S.108) Valentina Oxen deutet Humor deswegen als Überlebensstrategie der Russen. Sie ist der Annahme, dass Humor die geistige und seelische Gesundheit eines Volkes stärke. (Oxen 2005: S.888) Zwar sei es bei einem Geschäftstreffen nicht schicklich Witze oder Scherze zur Auflockerung zu erzählen, doch tue man dies in abendlichen Runden, in der Familie oder auch unter Geschäftspartnern sehr gerne, schreibt Baumgart. Eine Stärke des russischen Humors sind politische Witze und Anekdoten. Zwar ist der russische Humor oft sarkastisch, jedoch nicht selbst abwertend oder verletzend. Zynismus liegt den Russen nicht, deswegen sollte man ihn nicht bei Geschäftstreffen anwenden, da er schnell zum Erstarren der Verhandlungen führen könnte. (Baumgart 2005: S.108) Humor ist im allgemeinen ein wichtiger Teil der russischen Mentalität, zum Beispiel als Aufhebung des schweren Alltags, also als auflockernde Komponente. Rjasanow ist der Meinung, dass das russische Volk nie im Wohlstand lebte, aber seine Seele mit Hilfe des Humors erhalten konnte. Dies hing damit zusammen, dass sich selbst auszulachen, Lebensfreude und Vitalität weckt. Witze und Anekdoten bringen die Hoffnung zum Ausdruck, dass schon Morgen alles besser sein könnte. Somit erhalten sie trotz sozialer Differenzierung und Chaos die Solidarität. Gogol sagte zum russischen Humor: „Wir alle besitzen viel Sinn für Humor. Er kommt in unseren Sprichwörtern und Liedern zum Vorschein und was besonders erstaunlich ist, häufig tritt das Lachen ausgerechnet dort in Erscheinung, wo die Seele leidet und eigentlich kaum etwas zum Lachen verleitendes vorhanden ist.“(ebd.) (Oxen 2005: S.949-950) Genau dann ist das Lachen Optimismus verleihende Stütze.

Wenn man Humor historisch untersucht richtet man sich vor allem nach Literatur. So sagte Dobroljubow: "Unsere Literatur fing mit Satire an, wurde durch Einfluss satirischer Vorsätze weiter entwickelt und basiert nach wie vor darauf." Ein Beispiel ist „Der Gaukler Pamphalon" von Leskow. Der Gaukler in der Geschichte ist gottliebend, ehrlich und nach Ewigkeit strebend und im Endeffekt wertvoller als der unehrliche Würdenträger. Neben der Literatur untersucht man Folklore, Liedgut und Sprache darauf, wie Humor seit Jahrhunderten als Überlebensstrategie genutzt wird. Oxen führt einige beispielhafte Sprichwörter an: „Wer in Freude lebt, der braucht sich vor dem Leiden nicht zu fürchten.", „Es gibt nichts zu essen, aber es lebt sich lustig.", „Das lustige Zusammensein ist besser als der Reichtum." Optimismus, erzeugt von Humor, ist ein zentraler Punkt der Theorie „Ein Volk , das lacht, ist nicht auszurotten“, denn Optimisten sind lebensfähiger und beständiger auch in schweren Situationen. Valentina Oxen geht im Besonderen auf die Anekdote ein, welche eine zentrale Rolle im russischen Humors hat. Das Wort Anekdote borgten sich die Russen Mitte des 18.Jahrhunderts von den Franzosen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat es die selbe Bedeutung wie „Witz“. (Graham 2009:S3) Jerofejew sagte, dass der russische Mensch durch und innerhalb der Anekdote lebe und Russland deshalb die Mutter der Anekdote sei. Oxen beschreibt die Anekdote als zeitlos beliebt in Russland. (Oxen 2005: S.889-898) Es gibt Witze über alle Lebens- und Tätigkeitsbereiche des Menschen, wobei die meisten die alten Konflikte zwischen Volk und Obrigkeit aufzeigen. Es gibt oft eine Abgrenzung von „wir“ und „da oben“. Für diese Problematik haben Witze eine Ventilfunktion. Man versucht bestehendes Unheil durch Witze zu bagatellisieren und somit die Hoffnungslosigkeit zu dämpfen. Außerdem vermitteln Witze geltende Verhaltensmuster der Gesellschaft, sowie sittliche und moralische Regeln. (Oxen 2005: S.908-910) Weitere zu nennende Witz-Typen sind Witze über entpersönlichte Gestalten, Witze über fiktive Personen und Witze über berühmte Persönlichkeiten, wie Politiker. Außerdem gibt es Witze über Berufsgruppen und Studentenwitze. (Oxen 2005: S.911-913) Humor-Theoretiker untersuchten warum man über gewisse Dinge lacht und kamen zu drei wesentlichen Theorien. Die erste besagt, dass man aus Überlegenheit lacht. Das Gefühl der Überlegenheit durch das Auslachen und sich über andere zu stellen bereitet Vergnügen und Befriedigung. Diese Theorie ist bereits auf Platon und Aristoteles zurückzuführen und wurde zum Beispiel von Thomas Hobbes weitergeführt. Nach der zweiten Theorie wird auch aus Befreiung und Entlastung heraus gelacht, demnach gibt Humor eine psychische und emotionale Sicherheit in komplizierten Situationen und bei der Überwindung von Angst und Wut etc.. Diese Theorie wurde vor allem von Sigmund Freud geprägt und erörtert. Die dritte Theorie ist die des Missverhältnisses. Hierbei ist Lachen Reflex auf nicht zusammenpassende, widersprüchliche Situationen, aus Überraschung und Absurdität. Diese Theorie wurde von Henri Bergson und Arthur Koestler aufgegriffen, ist aber auch au Descartes, Schopenhauer und Kant zurück zu führen. Alle drei theoretischen Premissen kann man an Hand der Anekdoten belegen. (Graham 2009:S.15)

Auf die genauere Funktion von Witzen will ich im Folgenden eingehen, dabei orientiere ich mich an zeitlichen Etappen und gehe auf den Humor in der Kiewer Rus, im 18., 19. und 20. Jahrhunderts ein.

Hauptteil. Die gesellschaftliche Funktion von Humor in Russland

1. Humor im Kiewer Rus. Der mittelalterliche Humor.

Nun zu einem Ausblick in die Geschichte des Humors und seiner Funktion in der russischen Gesellschaft. Laut Lichatschew ist das Wesen des Witzes international das gleiche, weshalb man Witze aus anderen Ländern im wesentlichen verstehe. Oxen fügt hinzu, dass es aber auch spezifische nationale Unterschiede des Humors gibt, diese hängen unter anderem von sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen ab. Im mittelalterlichen Großreich Kiewer Rus, welches als Vorläuferstaat der heutigen Länder Russland, Weißrussland und Ukraine gilt, wurde der Humor als mittelalterlicher Humor eingeordnet. Charakteristika hierfür sind der Bezug zur Existenz des Menschen, Selbstkritik und das Auslachen von Werten und Dingen die normaler Weise als „Heiligtum“ gesehen werden. (Oxen 2005:S..942-943) So beschrieb Awerintschew die traditionelle russische Einstellung zu Humor als ambivalent, denn es gab stets die Spannung zwischen Lachen und Sünde, heilig und profan, essentiell und nebensächlich. Diese Dichotomie der Kategorien Gedanke und Ausdruck nannte Bachtin „das Ernste“ und „das Komische“. (Graham 2009: S.12-13) Ein Beispiel hierfür sind Helden der russischen Folklore, wie Ivan der Tölpel. Dieser hat die Rolle des Narrs inne, entpuppt sich aber als intelligenter, als sein sich für klug haltender Widersacher. Die Funktion liegt darin, durch das sich selbst Auslachen, die Aufmerksamkeit auf Probleme zu lenken. Diese Art von Selbstkritik wurde in Russland stets akzeptiert, selbst im Bereich der Religion. In Europa geschah es ähnlich, versteckte Kritik an Religion oder Machthabern in der humorvollen Selbstkritik des Witzes zu verbergen. Im mittelalterlichen Europa verfasste man zum Beispiel parodistische Schriften mit kirchlichem Inhalt, „parodica sacra“ genannt. (Oxen 2005:S.944) Bei den Slawen in der Kiewer Rus entwickelte sich die „russische demokratische Satire“. Einige behaupten der vorpetrowsche Humor war naiver, spontaner, intuitiver und unbewusster als später. (Oxen 2005:S.945) Oxen nennt als Beispiel die Anekdote das „Kneipenfest“, da der Verkauf von Alkohol dem Zaren Geld einbrachte, animierte er das Volk zum unablässigen trinken. (Oxen 2005:S.946) Satirische Sprichwörter waren sehr verbreitet, bei diesen richtete sich das Lachen meist nicht, wie heute, auf das Fremde, das Äußere, sondern auf sich selbst. Dieses „Lachen gegen sich selber“ ist typisch für die russische, aber auch deutsche mittelalterliche Literatur. Die dabei oft verkehrt dargestellte Anti-Welt beinhaltete immer auch die reale Welt. (Oxen 2005:S.947) So entstanden zwei parallele Welten, eine voller Angst, Chaos, Trunkenheit und Unsicherheit und eine andere voller Ordnung und Wohlstand: „Die Kneipe ersetzt ihnen die Kirche, ein Gefängnishof dient als Kloster und die Trunksucht tritt an Stelle des Heldentums auf.“ (Oxen 2005:S.348) Vergleichbar ist diese Parallelwelt zu Michail Bachtins Ausführungen zum Karneval.. Ihm zur Folge war die mittelalterliche Karneval-Kultur eine Art Parallel-Welt, außerhalb des Offiziellem, an der alle gleichwertig teilnehmen konnten. Diese virtuelle Allegorie Bachtins wird als Vergleich mit der inoffiziellen Kultur zur Sowjet-Zeit interpretiert. Die Rede ist hier auch vom grotesken Realismus. (Graham 2009:S.16) Diese Antiwelt wird in einigen mittelalterlichen Anekdoten sogar in die Tierwelt übertragen, um auf ihre Unwahrscheinlichkeit aufmerksam zu machen.

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Humor in Russland und seine gesellschaftliche Funktion
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (für Slavistik)
Veranstaltung
Probleme und Aspekte der interkulturellen Kommunikation
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V265480
ISBN (eBook)
9783656551140
ISBN (Buch)
9783656551256
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
humor, russland, funktion
Arbeit zitieren
Hildegard Pank (Autor), 2012, Humor in Russland und seine gesellschaftliche Funktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265480

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