Rückblickend auf die Vergegenwärtigung des Geistes in Aufklärung und Revolution schrieb der alte Hegel: „Eine erhabene Rührung hat in jener Zeit geherrscht, ein Enthusiasmus des Geistes hat die Welt durchschauert...“. Diese einmalige Durchschauerung ist das Urerlebnis, von dem aus die preußischen Reformer und die preußischen Philosophen entschlüsselt werden können. Die Aufklärung hatte letztendlich nicht den Durchblick gehabt, hatte die Welt nicht durchschaut. Das Stichwort heißt „durchschauern“. Es fehlt dem Gemüt in Deutschland die cartesianische Tradition des Rationalismus, für einen Franzosen ist es klar, dass die Aufklärung die Dinge durchschaut habe, es gibt in der französischen Sprache nicht einmal das dyonisische Wort „durchschauern“.
In Frankreich gibt es die mächtige Tradition der ratio, zugleich gleichwertig das besonders durch Helvétius verbreitete Wissen, dass der Mensch von Bedürfnissen gesteuert wird, dass die Leidenschaften die Welt in Bewegung halten, ja dass der Mensch dadurch manipulierbar ist, was in jakobinistischen Prozessmanipulierungen ansatzweise auch versucht worden war als Kombination beider Stränge. Fatal war nur, dass die Revolutionäre sich gegenseitig unter die Guillotine manipulierten, die Revolutionsjustiz bekam Vorgaben. Der Einfluß von Helvétius ist von Scharnhorst auf seinen Schüler Clausewitz weitergegeben worden, denn bei ihm finden wir den Satz, dass die meisten Menschen nur durch unsichtbare Hebel auf der Sandbank ihrer Vorurteile flottgemacht werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Scharnhorst - Ein General des Fortschritts?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Publikation analysiert das Wirken von Gerhard von Scharnhorst als preußischer General und Heeresreformer, wobei insbesondere die dialektische Verschränkung von militärischen Erneuerungen, sozioökonomischen Bedingungen und der theoretischen Einbettung in den Kontext der Aufklärung und der napoleonischen Ära untersucht wird. Die Forschungsfrage fokussiert auf die Ambivalenz zwischen reformerischem Geist und royalistischer Bindung sowie auf die langfristige Bedeutung seines Konzepts der allgemeinen Wehrpflicht und des Generalstabs.
- Die soziale Herkunft Scharnhorsts und ihr Einfluss auf sein Reformdenken
- Die Analyse der französischen Revolutionskriege als Impulsgeber für preußische Reformen
- Die Etablierung des Generalstabs und der Militärakademie als Orte moderner Theoriebildung
- Die Rolle der allgemeinen Wehrpflicht und des Volkskriegs in der preußischen Strategie
- Die ideologische Auseinandersetzung mit Zeitgenossen, Philosophen und dem zeitgenössischen Personenkult
Auszug aus dem Buch
Die Dialektik des Krieges und die Rolle Scharnhorsts
Die kriegerische Aktivität der ungeübten Soldaten aus der levée en masse war zunächst limitiert, in kleinen Gefechten wurde ihnen unter Ausnutzung natürlicher Geländebegebenheiten immer mehr Kriegstauglichkeit angewöhnt. Dieses Ausnutzen ist zwar durch die bürgerliche Art, Krieg zu führen, immer obligatorischer geworden, zeichnet diese aber dadurch nicht besonders aus. Dieses Ausnutzen ist so alt wie das Kriegführen selbst. „Les petits cuissons épars dans ce tarrain, étaient d‘un usage merveilleux pour lacher des Corps de Cavallerie, qui venaient tomber à l‘imprévu sur l‘ennemie et le mettaient en déroute“. („Kleine, über die ganze Gegend verstreute Waldstücke dienten vortrefflich zur Verbergung von Kavallerieabteilungen. Sie fielen aus ihrer Deckung unvermutet über den Feind her und brachten ihn in Verwirrung“)...schrieb Friedrich der Große zur Schlacht von Liegnitz. Schon der alte chinesische Kriegsweise Sun Tzi wußte: „Vergiß nicht: Wenn der Feind steile Anhöhen vor dir besetzt hat, darfst du ihm nicht folgen, sondern mußt dich zurückziehen und ihn fortlocken“.
Es gibt gewisse Kriegsweisheiten, die eine relative Allgemeingültigkeit behalten, so Suns: „Erkenne Dich selbst und den Feind - Hundert Schlachten ohne Schlappe“, so Clausewitzens Erkenntnis, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. Das „Ausnutzen natürlicher Geländebegebenheiten“ gehörte und gehört immer mehr dazu. Und dann der Kern des Krieges überhaupt, der darin besteht, sich selbst zu erhalten und den Feind zu vernichten. Diese gewiss nicht vollständig angeführten Elementarien durchwalten die ganze Kriegsgeschichte und sind auch nicht durch die Vertiefung des Epochenbegriffes zu erschüttern, durch den die Kriege unterschieden und auseinandergehalten werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Scharnhorst - Ein General des Fortschritts?: Das Kapitel führt in die soziale Herkunft Scharnhorsts ein und beleuchtet seine frühe Prägung durch die Aufklärung sowie seinen Werdegang vom Kleinbauernsohn zum General, wobei die Spannung zwischen seiner autodidaktischen Bildung und den Widerständen des preußischen Adels im Vordergrund steht.
Schlüsselwörter
Gerhard von Scharnhorst, Preußische Heeresreform, allgemeine Wehrpflicht, Napoleonische Kriege, Generalstab, Aufklärung, Volkskrieg, Militärwissenschaft, Preußen, Klassenkampf, dialektische Philosophie, Clausewitz, Militärakademie, Partisanen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die militärtheoretische und praktische Arbeit Gerhard von Scharnhorsts im Kontext der preußischen Reformen nach den Niederlagen gegen Napoleon.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Militärreformen, die allgemeine Wehrpflicht, die Rolle des Generalstabs sowie der Einfluss der Aufklärung und der französischen Revolution auf das moderne Kriegswesen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die kritische Würdigung von Scharnhorsts Reformen unter Berücksichtigung der sozioökonomischen Bedingungen und der Ambivalenz zwischen konservativem Royalismus und fortschrittlichem Militärdenken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer historisch-dialektischen Analyse, die sich auf Scharnhorsts Schriften, Denkschriften sowie zeitgenössische und spätere Interpretationen stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die militärischen Reformschritte, die Bildungseinrichtungen, das Verständnis des Volkskrieges und die philosophischen Strömungen, die Scharnhorsts Denken beeinflussten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Scharnhorst, Heeresreform, Wehrpflicht, Aufklärung, Generalstab, Napoleon und der Einfluss von Clausewitz.
Wie bewertet der Autor das "Krümpersystem"?
Das Krümpersystem wird als notwendiges Instrument gewertet, um die durch den Frieden von Tilsit erzwungenen Beschränkungen der Armeestärke zu umgehen und dennoch kontinuierlich ausgebildete Soldaten bereitzuhalten.
Welche Rolle spielt Clausewitz in dieser Publikation?
Clausewitz wird als engster Schüler Scharnhorsts und als dessen theoretischer Erbe betrachtet, wobei der Autor auch die Unterschiede in ihrer philosophischen Herangehensweise und deren politische Implikationen diskutiert.
- Arbeit zitieren
- Heinz Ahlreip (Autor:in), 2013, Scharnhorst, ein General des Fortschritts?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265528