Der römische Kaiser Flavius Claudius Julianus, kurz Julian, gehörte zu den spannendsten Figuren der Spätantike und möglicherweise sogar der gesamten Antike. Dieser Umstand hängt nicht mit der Dauer seiner kaiserlichen Regentschaft zusammen. Denn besonders im Vergleich zu Augustus oder Konstantin dem Großen, wirken Julians knappe drei Jahre von 360 – 363 als Kaiser sehr gering. Julian ist aus anderen Gründen eine tragende Figur der Antike geworden. Von kaum einem anderen Kaiser hat sich eine vergleichbare Anzahl an eigenen Schriften erhalten. Julian, seine Zeit und seine Motive können deshalb aus erster Hand erforscht werden. Interessanter als seine Schriften ist jedoch Julians Politik. Denn Julian stand für eine radikale Politik gegen Christen und versuchte deren Stellung in der römischen Gesellschaft zu beschneiden. Diese Politik ist besonders vor dem Hintergrund, dass das Christentum von Konstantin dem Großen und seinen Söhnen in den Jahren vor Julian einen gewaltigen Aufstieg bis hin zur Religion des Kaiserhauses gemacht hatte, bemerkenswert.
Julians antichristliche Politik brachte ihm deshalb den Beinamen Apostata, der Abtrünnige, ein.
Eine besondere Stellung in den zahlreichen Fragestellungen um Julian und seine Politik war schon immer dessen Erhebung zu Augustus, beziehungsweise zum Kaiser. Während die meisten antiken, heidnischen Autoren eine ungeplante Krönung unter besonderen Umständen proklamierten, sahen die antiken, christlichen Autoren in Julians Erhebung den Griff nach der Macht eines Antichristen. Bis heute konnte diese Frage nicht eindeutig geklärt werden. Denn neben den antiken Theorien gesellten sich in der Geschichtsforschung des 20. Jahrhunderts immer weitere Thesen und Theorien hinzu. Es lassen sich jedoch, trotz vieler verschiedener Facetten in den Theorien, zwei wesentliche Auffassungen unterscheiden: Die spontane und die geplante Erhebung.1 Mittlerweile geht die Forschung weitestgehend von der geplanten Erhebung Julians aus. Jedoch konnten bislang nicht alle Punkte restlos ausgeräumt werden.
Dies ist auch das Thema der vorliegenden Arbeit – war die Erhebung Julians zum Augustus eine geplante oder spontane Tat?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Erhebung Julians bei Ammianus Marcellinus
2.1. Die Darstellung der Erhebung
2.2. Die spontane Erhebung bei Ammianus
2.3. Probleme bei Ammianus Darstellung
2.3.1. Probleme in der Gesamtdarstellung
2.3.2. Weitere Problempunkte
3. Die Erhebung Julians in anderen Quellen
3.1. Julian
3.2. Libanios
3.3. Gregor von Nazianz
3.4. Eutropius
3.5. Eunapios von Sardes
4. Julians Erhebung in späteren Quellen
4.1. Zosimos
4.2. Weitere Quellen
5. Schluss
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Kontroverse um die Erhebung des römischen Kaisers Julian zum Augustus im Jahr 360 n. Chr. Ziel ist es, kritisch zu hinterfragen, ob es sich dabei um einen spontanen, von Soldaten erzwungenen Akt handelte oder um eine von Julian langfristig geplante Usurpation, wobei insbesondere die historiographische Aufarbeitung in antiken Quellen analysiert wird.
- Historische Analyse der Erhebung Julians im Jahr 360 n. Chr.
- Kritische Untersuchung der Darstellung durch den Historiker Ammianus Marcellinus
- Vergleichende Analyse zeitnaher und späterer historiographischer Quellen (Libanios, Gregor von Nazianz, Eutropius, Eunapios, Zosimos)
- Diskussion der Konzepte "spontane Erhebung" versus "geplante Usurpation"
- Bewertung der Glaubwürdigkeit antiker Überlieferungen und deren politische Tendenzen
Auszug aus dem Buch
2. Die Erhebung Julians bei Ammianus Marcellinus
Die wichtigste Quelle für die Zeit von Julian stammt vom spätantiken Historiographen Ammianus Marcellinus. Von Ammian haben wir die umfangreichste und detaillierteste Beschreibung von Julians Leben im allgemeinen und dessen Erhebung zum Augustus im speziellen. Ob die Schilderung der Ereignisse der Erhebung auch die Zuverlässigste ist, wird in den späteren Abschnitten zu diskutieren sein. Für die Erhebung Julians ist besonders Buch 20 von Ammians Res Gestae von großer Bedeutung. In diesem Buch setzt sich Ammian detailliert mit dem Ablauf der Erhebung auseinander und charakterisiert Julians Ausrufung zum Augustus als einen ungeplanten Akt, welcher hauptsächlich von den Soldaten betrieben wurde. Das 20. Buch der Res Gestae wurde wahrscheinlich in Jahre 398 geschrieben, also knappe 40 Jahre nach Julians Erhebung zum Augustus in Paris. Dennoch gilt der Bericht als verlässlich, da Ammian Julian persönlich kannte, unter diesem als Soldat im Feldzug gegen die Perser diente und wahrscheinlich schon in Gallien mit Julian in Kontakt kam. Hier liegt zugleiche auch das Problem an Ammians Bericht. Die Res Gestae wurden Julian gegenüber sehr positiv geschrieben. Die Forschung hat in den letzten Jahren verschiedene Gründe für Ammians Bewunderung zu Julian herausgearbeitet. Diese Gründe sind hier jedoch nicht Gegenstand, aber die positive Verklärung Julians durch Ammian wird als Prämisse verwendet und wird in späteren Teilen aufgegriffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Person Julian, den historischen Kontext und die Forschungsfrage, ob die Erhebung zum Augustus spontan oder geplant erfolgte.
2. Die Erhebung Julians bei Ammianus Marcellinus: Detaillierte Analyse des Berichts von Ammianus Marcellinus, wobei dessen Zuverlässigkeit und seine Tendenz zur positiven Charakterisierung Julians untersucht werden.
3. Die Erhebung Julians in anderen Quellen: Untersuchung zeitgenössischer Zeugnisse wie Briefe von Julian selbst, Schriften von Libanios, Gregor von Nazianz, Eutropius und Eunapios von Sardes.
4. Julians Erhebung in späteren Quellen: Analyse der Rezeption der Ereignisse durch spätere Historiker, insbesondere Zosimos und weitere spätantike Autoren.
5. Schluss: Zusammenfassende Bewertung der Untersuchungsergebnisse, die gegen die These einer rein spontanen Erhebung sprechen und auf eine geplante Usurpation hindeuten.
Schlüsselwörter
Julian, Augustus, Ammianus Marcellinus, Res Gestae, Usurpation, Spätantike, römische Geschichte, Heerespolitik, Quellenkritik, Constantinus, Libanios, Spontane Erhebung, Kaiseramt, Truppenforderung, Historik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Kontroverse, ob die Erhebung des römischen Kaisers Julian zum Augustus im Jahr 360 n. Chr. durch seine Soldaten spontan erfolgte oder ein von langer Hand geplanter Machtwechsel war.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Mittelpunkt steht die kritische Quellenarbeit. Untersucht werden die politischen Hintergründe, die militärische Situation in Gallien und die Art und Weise, wie antike Historiographen dieses Ereignis interpretierten.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das primäre Ziel ist es, durch einen Vergleich verschiedener antiker Quellen die Glaubwürdigkeit der Darstellung einer "spontanen Erhebung" zu prüfen und zu einer fundierten Einschätzung über den tatsächlichen Charakter der Machtübernahme zu gelangen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Methode der historischen Quellenkritik und Quellenanalyse. Dabei werden die Texte von Ammianus Marcellinus sowie anderen zeitgenössischen und späteren Autoren auf ihre Tendenzen, Motive und historische Plausibilität hin untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine intensive Auseinandersetzung mit Ammianus Marcellinus als Hauptquelle sowie eine systematische Gegenüberstellung mit anderen antiken Quellen (z.B. Julian selbst, Libanios, Gregor von Nazianz), um Widersprüche und Narrative aufzudecken.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Julian, Augustus, Usurpation, Ammianus Marcellinus, Quellenkritik, Spätantike und die Frage nach der Spontanität bzw. Planung der Erhebung.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Historikers Ammianus Marcellinus?
Der Autor erkennt den Wert von Ammians detailliertem Bericht an, weist jedoch darauf hin, dass Ammian eine bewusste Tendenz zur positiven Verklärung Julians aufweist, was seine Darstellung als neutrale Quelle problematisch macht.
Was ist die Schlussfolgerung der Arbeit bezüglich der "spontanen Erhebung"?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die These einer rein spontanen Erhebung historisch wenig plausibel ist. Vielmehr sprechen die analysierten Befunde dafür, dass es sich um eine geplante Usurpation handelte, auch wenn dies von den Zeitgenossen und Julian selbst rhetorisch verschleiert wurde.
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- Sven Wunderlich (Author), 2013, Die Erhebung Julian Apostatas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265574