Das Pferd zwischen Ponyhof und Lasagne. Zum medialen Umgang mit Tierschutzfällen am Beispiel des Ponyhofes Staaken und der Reiterin Christine W.


Bachelorarbeit, 2013
60 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis (Quelle: Verf.)

1 Tiere im Zentrum der Aufmerksamkeit

2 Die Entwicklung des Tierschutzes
2.1 Von Jägern und Philosophen
2.2 Die ersten Tierschutzgesetze
2.3 Das Deutsche Tierschutzgesetz

3 Wann und wie kommt Tierschutz in die Medien?
3.1 Fachmeinungen: Seit wann sind Tierschutzfälle interessant und warum?
3.2 Nachrichtenwerttheorie: Tiere sind niedlich
3.3 Skandale – eine Chronologie
3.3.1 Östrogen im Kalbfleisch
3.3.2 Nikotin in Eiern
3.3.3 BSE
3.3.4 Kontaminiertes Fischmehl aus Garnelen
3.3.5 Der Wiesenhof-Skandal
3.3.6 Pferdefleisch in Rinderlasagne

4 Fallbeispiel 1: Der Ponyhof Staaken.
4.1 Die Vorgeschichte zum Ponyhof-Fall
4.1.1 2007 bis 2012: Das Ordnungsamt mahnt
4.1.2 Der Ponyhof wird geräumt: Tiere, die vermutlich sterben werden
4.1.3 Der weitere Verlauf: Gerüchte geistern durch Spandau
4.2 Inszenierung und Instrumentalisierung
4.3 Die Berichterstattung
4.3.1 Der Tagesspiegel
4.3.2 Berliner Morgenpost
4.3.3 Die B.Z
4.4 Fazit der Berichterstattung über den Ponyhof

5 Der Umgang mit Tierschutzfällen in Fachmedien am Beispiel der Pferdefachzeitschrift St. GEORG
5.1 Die St. GEORG
5.2 Tierschutz im St. GEORG
5.2.1 Rollende Folterkammern – Tiertransporte in den USA
5.2.2 Leidensgenossen – Die Sicht des Menschen auf das Tier
5.2.3 Der Pferderipper – Jagd nach einem Phantom
5.2.4 Die „Rollkur“ – Anerkannte Trainingsmethode oder Tierquälerei?
5.2.5 Von Sinti und Roma benutzt und getötet – „Das ist ein Mensch der ein Pferd quält“

6 Fallbeispiel 2: Christine W
6.1 Berichterstattung der St. GEORG
6.2 Berichterstattung in Reaktion auf das Video
6.3 Reaktionen im Internet

7 Was können und sollten Fachmedien leisten?
7.1 Pressekodex und Tierschutz unter einem Hut
7.2 Wünsche und Pflichten der Fachmedien

8 Fazit und Ausblick

Anhang.

Abbildungsverzeichnis (Quelle: Verf.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Tiere im Zentrum der Aufmerksamkeit

Verhungerte Pferde, Hunde in vermüllten Wohnungen und Masthähnchen, die schon lange vor der Schlachtung nicht mehr laufen können – Tierschutzfälle erregen bei den Rezipienten und allgemein in der Bevölkerung schnell große Aufmerksamkeit. Das Mitgefühl mit dem Tier ist groß – und es steigt. Die Medien wissen dies zu nutzen und warten mit dramatischen Bildern und tragischen Schlagzeilen auf.

In dieser Arbeit soll aufgezeigt werden, wie es um den Tierschutz in Deutschland bestellt ist, wie Medien mit Tierschutzfällen umgehen, welche Dynamik zur medialen Verbreitung führt und was Fachmedien tun können und sollten.

Die empirische Basis der Arbeit bilden meine eigenen Recherchen und Berichterstattungen in Tierschutzfällen, unter anderem für die Berliner Zeitung, das Online-Magazin mein-spandau.info und die Pferdefachzeitschrift St. GEORG. Besonders mit den Fällen des Ponyhof Staaken und einer in Linow beschlagnahmten Pferdeherde konnte ich mich in der Vergangenheit intensiv beschäftigen. Auch aufgrund meiner Vorbildung als Pferdewirtin für Zucht und Haltung bin ich an diesen Fällen besonders interessiert. Weitere Grundlagen bilden Gespräche und Interviews mit zuständigen Redakteuren und Tierärzten, die ich unter anderem während meiner Praktika bei der Berliner Zeitung und der St. GEORG führen konnte.

Es gibt unendliche Möglichkeiten sich mit dem Pferd zu beschäftigen. Um diese Arbeit einzugrenzen, wird sie sich im Folgenden zumeist auf den deutschen Turnier- und Zuchtbetrieb rund um die englische Reitweise beziehen. Exotische Rassen, Spezialreitweisen und Show- sowie zirzensisches Reiten werden nicht behandelt.

Der erste Teil meiner Arbeit beschreibt die Entwicklung des Tierschutzes. Dabei soll ein Überblick über die Ursprünge des Tierschutzes bis zum heutigen deutschen Tierschutzgesetz gegeben werden. Es wird aufgezeigt, was die Menschen in den letzten Jahrhunderten dazu veranlasst hat, Tiere zu schützen.

Im zweiten Teil soll ermittelt werden, wann und warum Tierschutz in die Medien gelangt. Außerdem soll sich aus Gesprächen und Interviews die Information ergeben, seit wann Tierschutz für die Medien ein Thema ist. Die mediale Aufmerksamkeit von Tierschutzfällen aus der Vergangenheit wird mit der Nachrichtenwerttheorie von Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge abgeglichen. Da Tierschutz häufig in Verbindung mit Lebensmittelskandalen in den Medien auftritt, wird eine Chronologie von wichtigen Lebensmittelskandalen der letzten 25 Jahre angelegt.

Im dritten Teil wird das erste Fallbeispiel, der Ponyhof Staaken, bearbeitet. Hier soll, nachdem der Fall ausführlich erklärt wurde, analysiert werden, welche Medien zu welchem Zeitpunkt und in welcher Form über den Fall berichteten. Es handelt sich um eine inhaltliche Analyse der Beiträge, da eine reine Zählung der Anzahl der Berichterstattungen weniger interessant wäre.

Als Analysewerkzeug dienen die im vorherigen Teil vorgestellten Nachrichtenfaktoren von Galtung und Ruge.

Der vierte Teil behandelt die Berichterstattung von Fachmedien am Beispiel der St. GEORG. Nachdem die größten Berichterstattungen über Tierschutzfälle in der St. GEORG vorgestellt wurden, folgt das zweite Fallbeispiel, das der Reiterin Christine W.. Damals breitete sich die Berichterstattung von der St. GEORG auf andere Medien aus. Diese Dynamik soll analysiert werden.

Im fünften und letzten Teil folgt dann, auch anhand einer Rede des Chefredakteurs der St. GEORG, Jan Tönjes, eine Analyse darüber, was Fachmedien in Tierschutzfällen tun sollten und was sie leisten können. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und einem Ausblick.

Tiere, und vor allem Pferde, gehören nicht mehr in Form von Nutztieren zu unserem Arbeitsalltag. Heute können wir ohne ihre Ausnutzung leben. Das Interesse, sie würdig zu behandeln kann auch deshalb ständig zunehmen. Es ist also zu erwarten, dass die Berichterstattung in Zukunft häufiger auf dieses Thema eingeht. Auch die Anzahl der Tierschutzfälle in den letzten Jahren wird vermutlich aufgrund des abnehmenden Wissens der Halter angestiegen sein.

Aus den Analysen der einzelnen Fallbeispiele ist anzunehmen, dass die Medien vermehrt auf Emotionalisierung setzen. Auch eine Skandalisierung ist zu erwarten.

Außerdem bietet das Internet einen nahezu rechtsfreien Raum, indem die beiden Fallbeispiele ausführlich diskutiert wurden. Es ist anzunehmen, dass diese unsachliche Behandlung des Themas dem Tierschutz nicht immer dienlich ist.

In dieser Bachelorarbeit werden die Namen von Personen, wenn sie das erste Mal erwähnt werden, sowie Eigennamen, in etwa Zeitungstitel, kursiv im Text hervorgehoben. Möglicherweise unbekannte Fachbegriffe werden direkt in Klammern hinter dem Wort erläutert.

2 Die Entwicklung des Tierschutzes

Der Versuch, Tiere vor der übermäßigen Ausnutzung durch Menschen zu schützen, ist schon sehr alt. Er lässt sich vor allem auf das gespaltene Verhältnis des Menschen zum Tier als Freund und Nahrungslieferant zurückführen. Dennoch war es ein weiter Weg bis zum heutigen Tierschutzgesetz. Angefangen von dem Glauben an Tiergötter, über den Wunsch das Tier nicht zu quälen, um der menschlichen Seele und der öffentlichen Ordnung nicht zu schaden, endete die Entwicklung bei dem Schutz der Tiere um ihrer selbst willen.

2.1 Von Jägern und Philosophen

Bei fast allen früheren Völkern findet sich der Glaube an Schutzgeister und Tierherren, die darüber wachen, dass Tiere nicht mutwillig getötet werden und ihr Fleisch sinnvoll genutzt wird. Häufig mussten Götter vor und bei der Tiertötung besänftigt oder um Verzeihung gebeten werden. Die Methoden die Tiere zu töten waren häufig kultisch festgelegt und die Leiden der Tiere deshalb zumindest eingeschränkt (vgl. Meyer 1992, S. 74).

Auch Religionen bieten erste Ansatzpunkte, wie mit dem Mitlebewesen Tier umzugehen ist. So setzen sich in den asiatischen Religionen vor allem der Buddhismus und der Jainismus für die Tiere ein. Bei letzterem leben die Anhänger nicht nur vegetarisch, sie kehren sogar den Boden vor ihren Füßen, um keine Tiere zu zertreten. Einige tragen sogar einen Mundschutz, um nicht versehentlich Insekten zu verschlucken. Aber auch die drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam schreiben grundsätzlich einen schonenden Umgang mit dem Tier vor. Allerdings wird dem Menschen eine Vorrangstellung vor dem Tier eingeräumt, da die Erde als Geschenk Gottes an die Menschen angesehen wird. So heißt es im Alten Testament:

Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. (Genesis, Kap.1, Vers 28)

Im Neuen Testament wird der Tierschutzgedanke aus dem Alten Testament weitergeführt. Nun wird die Verantwortung des Menschen für die ihm anvertrauten Lebewesen weiter betont. Ein Beispiel dafür ist Folgendes:

Zu ihnen aber sagte er: Wer von euch wird seinen Sohn oder seinen Ochsen, der in den Brunnen fällt nicht sofort herausziehen, auch am Sabbat? (Lukas, Kap.14, Vers 5)

Allerdings stimmte bei der Katholischen Kirche die biblische Lehre oft nicht mit der kirchlichen überein. Schließlich wollte man sich von den heidnischen Religionen mit den Tiergöttern abgrenzen. So verwandte sich vor allem Thomas von Aquin (ca. 1225-1274) dafür, den Menschen vor dem Tier aufgrund seiner Vernunftbegabung als vorrangig anzusehen. Dabei konnte er sich auf Aristoteles (ca. 384-322 v.Chr.) stützen (vgl. Kraemer 2009, S.24).

Aristoteles Theorie gründet sich auf einer „Hierarchie der Wertigkeit von Lebewesen, die auf dem Grad ihrer Vollkommenheit beruht“ (Kraemer 2009, S. 25). Demnach war ein Lebewesen umso vollkommener, je weiter seine Vernunft ausgeprägt war. Tiere verstand er deshalb als Objekte ohne Schutzanspruch.

Etliche Philosophen diskutieren bis heute über die Wertigkeit des tierischen Lebens. Die Ergebnisse reichen dabei vom am Menschen ausgerichteten Tierschutz Immanuel Kants (1724-1804), der sagte, das Verbot grausamer Behandlung der Tiere sei eine Pflicht des Menschen gegen sich selbst, über die Mitleidsethik Jean-Jacques Rousseaus (1712-1778), bis zum am Lebewesen selbst ausgerichteten Tierschutz von David Hume (1711-1776). Je nach Überlegung ist es dem Menschen entweder erlaubt das Tier völlig zu seinen Zwecken zu nutzen oder nicht einmal zu halten, geschweige denn zu verzehren. Es ist jedoch zu beobachten, dass die Tierschutzansichten der Philosophen der näheren Vergangenheit dem Tier immer mehr Rechte einräumen. So sprechen sich Peter Singer (*1946), Tom Regan (*1938) und Ursula Wolf (*1951) dafür aus, Tiere dem Menschen nahezu gleich zu behandeln (vgl. Kraemer 2009, S. 32 ff).

2.2 Die ersten Tierschutzgesetze

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts begann der Mensch wirklich das Tier um des Tieres willen schützen zu wollen, anstatt den Schutz des Tieres von der negativen Wirkung von Tierquälerei auf die eigene Seele und die öffentliche Ordnung abhängig zu machen. Hierbei ist vor allem ein Werk des Dichters Matthias Claudius (1740-1815) hervorzuheben, der ein „Schreiben eines parforcegejagten (Hetzjagd, Anm. d. Verf.) Hirschen an den Fürsten, der ihn parforcegejagt hatte“ verfasste und darin auf die Schmerzen und Leiden des Tieres hinwies. Allerdings lag auch hinter der Tierschutzbewegung des 19. Jahrhunderts wieder der Gedanke der Vervollkommnung des Menschen durch seine ethische Erziehung. Mit dem Tierschutz wollte man der gottgeschaffenen Ordnung der Natur entsprechen (vgl. Meyer 1992).

1822 trat dann – nach mehreren erfolglosen Anläufen – das erste Tierschutzgesetz in England in Kraft. Es sanktionierte mutwillige und grausame Tiermisshandlung – allerdings nur bei Pferden und landwirtschaftlichen Nutztieren. 1838 gab es dann im ersten deutschen Land, in Sachsen, das erste Tierschutzgesetz. Weitere deutsche Länder folgten in den kommenden Jahren. Länderübergreifend wurden die Tiere dann erstmals im Reichsstrafgesetz 1871 geschützt. Allerdings war es für die Strafverfolgung häufig Voraussetzung, dass mit dem Quälen der Tiere öffentliches Ärgernis erregt wurde.

Das bis dato strikteste Gesetz wurde 1933 erlassen. Das rohe Misshandeln und absichtliche Quälen konnte nun mit einer Gefängnisstrafe von bis zu sechs Monaten geahndet werden (vgl. Kraemer 2009, S. 6 ff). Es war das umfassendste Tierschutzgesetz der Welt, das neben Tierquälerei für Filmproduktionen, unter anderem Hetzjagden und das Kupieren von Schwänzen und Ohren bei Hunden verbot, sowie die Betäubung von Fischen vor der Tötung vorschrieb. (vgl. Herzog 2010, S.67). Der Anthrozoologe Hal Herzog schreibt dazu:

Eine bizarre Umwertung der Werte fand vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland statt, die dazu führte, dass eine beträchtliche Anzahl Deutscher sich mehr Sorgen über das Leiden von Hummern in Berliner Restaurants machte als über Völkermord. (Herzog 2010, S. 67)

2.3 Das Deutsche Tierschutzgesetz

Das heutige Tierschutzrecht geht direkt auf das Tierschutzgesetz von 1933 zurück. Es wurde lediglich der ökonomischen Entwicklung, wie zum Beispiel der industriellen Tierhaltung, angepasst. Die Tiere werden um ihrer selbst willen geschützt ohne, dass ein eigenes Recht der Tiere dabei entsteht. Der wichtigste Punkt im Tierschutzgesetz (TierSchG) ist §1, der Zweck des Gesetzes:

Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.

Seit 2002 ist der Tierschutz außerdem als Staatsziel in das Grundgesetz integriert. Hier wurde der Artikel 20a um die Worte „und die Tiere“ ergänzt. Diese Ergänzung erhob den Tierschutz zu einem eigenständigen Verfassungswert (vgl. Tierschutzrecht 2007, Einführung). Es heißt nun:

Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung. (GG, Art 20a)

3 Wann und wie kommt Tierschutz in die Medien?

Etliche Tierschutzfälle werden Monat für Monat bei den zahlreichen Tierschutzorganisationen in Deutschland, sowie bei den Veterinärämtern und Amtstierärzten der Landkreise, Städte und Bezirke gemeldet. Auch Internetforen wie gutefrage.net sind voll mit Fragen von Benutzern, die zusammengefasst wissen wollen: „Wie kann ich meinen Tiere quälenden Nachbarn anzeigen?“ (gutefrage.net, 4.10.2010).

Selbst das TV-Programm in Deutschland spiegelt das Interesse am Tier. Täglich kann sich der Zuschauer zwischen vier und elf Serien am Tag nur mit diesem Thema anschauen. Besonders die Öffentlich-Rechtlichen Sender konkurrieren mit Formaten, die sich kaum unterscheiden. Auch die Namen, von Panda, Gorilla & Co. über Nashorn, Zebra & Co. bis zu Papageien, Palmen & Co., wirken austauschbar. (vgl. tierwebcams.de).

Dennoch schaffen es nicht alle Tierschutzfälle in die Medien. Und das, obwohl das Interesse am Tier Jahr für Jahr steigt und das Haustier – auch dank der Entwicklung der Singlehaushalte, die häufig Tiere als eine Art Kinderersatz halten – in Deutschland an immer größerer Bedeutung gewinnt.

Allein für Hundefutter zahlten die Deutschen 2010 rund 834 Millionen Euro – im Gegensatz zu 556 Millionen für Babynahrung. 2011 stieg der Umsatz mit Hundebedarfsartikeln auf 159 Millionen Euro, das bedeutet eine Steigerung von 2,6 Prozent zum Vorjahr. Die rund fünf Milliarden, die jährlich nur mit der Hundehaltung umgesetzt werden, machen 0,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus, während es die gesamte deutsche Land- und Forstwirtschaft 2011 nicht einmal auf ein Prozent des BIP brachte (vgl. Baurmann, 06.08.2012).

Auch das Spendenaufkommen für den Tierschutz steigt. So verzeichnete der Deutsche Spendenrat für 2012 einen Anstieg auf insgesamt sechs Prozent des gesamten Deutschen Spendenaufkommens von 4,2 Milliarden Euro für den Tierschutz und insgesamt vier Prozent für Umweltschutzorganisationen (Spendenrat, 14.03.2013).

Trotz des gestiegenen Interesses am Tierschutz ist zu beobachten, dass einige Fälle nicht in der aktuellen Berichterstattung landen. Woran liegt das also? Und seit wann ist Tierschutz überhaupt in den Medien ein Thema?

3.1 Fachmeinungen: Seit wann sind Tierschutzfälle interessant und warum?

Bei meinen Recherchen versuchte ich zunächst, im Archiv der Berliner Zeitung alte Tierschutzfälle zu finden. Dabei war ich nicht sehr erfolgreich. Die ersten Artikel waren erst Ende der 90er zu finden. Aber auch danach waren sie sehr rar gesät. „Das hat früher einfach niemanden interessiert“, erklärten mir die Redakteure. Außerdem hänge es auch immer von den Interessen der verschiedenen Redakteure ab, welche Fälle ins Blatt kommen. Fazit: Kein Tierfachmann in der Redaktion – keine Artikel über Tierschutz.

Aber auch bei der St. GEORG begann die reguläre Berichterstattung über Tierschutz erst in den 90er Jahren. Einer der spektakulärsten Fälle war die Berichterstattung über ein Video des Spiegel, in dem zu sehen war, wie für die Performance Sales International Auktion von Paul Schockemöhle und Ullrich Kasselmann (auch heute noch Größen in Pferdesport und –zucht, Anm. d. Verf.) Pferde gebarrt wurden (vgl. Tönjes 2013). Den Tieren werden dabei während des Sprunges Stangen an die Beine geschlagen um sie zum höheren Springen zu veranlassen.

Damit die Pferde die Beine über dem Sprung anheben und nicht wie in diesem Fall hängen lassen, werden sie von einigen Reitern gebarrt. Dabei werden ihnen beim Sprung Stangen an die Beine geschlagen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Pferd über einem Sprung

Außerdem berichtete die St. Georg über Pferdetransporte in den USA. Weitere Tierschutzfälle der St. GEORG werden unter 5.2 vorgestellt.

Um eine weitere Sicht der Dinge zu bekommen, interviewte ich den Amtstierarzt des Kreises Ostprignitz-Ruppin, Matthias Rott, zu dem Thema. Er war es, der im März 2013 dafür gesorgt hatte, dass 160 vernachlässigte Pferde aus Linow ihren Besitzern weggenommen und vom Kreis über Monate versorgt werden konnten. Mittlerweile sind sie alle erfolgreich weitervermittelt.

Der 65-Jährige ist seit 1971 Tierarzt. Rott ist der Meinung, die Öffentlichkeit sei heute einfach sensibler, wenn es um Tiere geht. „Wenn sie mal fernsehen, ist ja jede zweite Sendung über das liebe Tier. Mit der Aufnahme des Tierschutzes ins Grundgesetz gab es außerdem eine Verschärfung der Rechtsbestimmung. Sachen, die wir früher nicht kontrolliert hätten, sind heute geregelt.“ Seiner Ansicht nach war Tierschutz vor dem Ende der 80er in der Öffentlichkeit kaum relevant. „Naja, wer hat sich früher darum gekümmert, wenn der Nachbar die Kätzchen ertränkt hat? Niemand. Heute ist das eine Straftat, die zur Anzeige führt.“

Besonders Städter, die aufs Land zögen und keine Ahnung vom Umgang mit Tieren hätten, seien ein Problem. Einen großen Teil seiner Arbeit machten mittlerweile Anzeigen von Leuten aus, die einfach das Tier nicht verstünden. Zum Beispiel gebe es Anzeigen von Städtern, „wenn Kühe im Winter auf der Weide stehen und auch da im Schnee ihre Kälber bekommen. Dabei ist das ja nun wirklich die natürlichste Haltung, die man machen kann und bei Mutterkuhhaltung durchaus üblich.“

Obwohl die Berichterstattungen in den Medien zugenommen haben, sieht er keine signifikante Zunahme der tatsächlichen Tierschutzfälle. Vor allem die Anzahl der Wegnahmen von Tieren bleibe in etwa gleich. Jedes Jahr gebe es ein paar Fälle, in denen die Tiere gerettet werden müssten. Vor allem Hunde und Katzen aus vernachlässigten Haushalten seien betroffen.

Matthias Rott erteilt gern Auskunft über seine Arbeit. Das ist bei vielen Tierärzten, zum Beispiel beim Ponyhof Staaken, von dem später noch die Rede sein soll, nicht so.

Er war in dem Fall der 160 weggenommenen Pferde zufrieden über die Öffentlichkeit. „Gut, dass meine Arbeit gewürdigt wird. Nicht jeder kann solche Aktionen durchführen. Nicht jeder hat so einen Stadtrat, der hinter einem steht. Außerdem gingen die Beschimpfungen der Leute (der ehemaligen Tierhalter Anm. d. Verfassers) ja bis unter die Gürtellinie. Das tut schon gut, wenn da von den Medien vernünftig informiert wird.“ (vgl. Rott 2013)

3.2 Nachrichtenwerttheorie: Tiere sind niedlich

Schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird an Nachrichtenfaktoren und der so genannten Nachrichtenwerttheorie geforscht. Einer der Kernpunkte dabei ist: „Auswahlkriterien, wie sie von Redakteuren in der Regel angewandt werden, strukturieren und verzerren die Berichterstattung in den Medien“ (Mast 2008, S.58). Die von den Medien geschaffene Realität unterscheidet sich deshalb deutlich von der tatsächlichen. Dies liegt hauptsächlich daran, dass eher über das Abweichende, als über das Normale und eher über neue Dinge als über bestehende berichtet wird.

Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge entwickelten 1965 einen Katalog von zwölf Kriterien für den Nachrichtenwert. Diese Faktoren bestimmen häufig die Auswahl der Journalisten. Je mehr Nachrichtenfaktoren sich auf ein Ereignis beziehen lassen, desto größer ist die Chance, dass es medial beachtet wird (vgl. Mast 2008, S. 58 ff).

Im Folgenden sollen nun die Nachrichtenfaktoren, die sich in Bezug auf den Tierschutz eignen analysiert werden und wenn möglich, Tierschutzfälle aus den Medien zu den verschiedenen Faktoren vorgestellt werden.

Frequenz

Je mehr der zeitliche Ablauf eines Ereignisses der Erscheinungshäufigkeit der Medien entspricht, desto wahrscheinlicher wird das Ereignis zur Nachricht. (Mast 2008, S. 59)

Dieser Faktor trifft vor allem dann auf Tierschutzfälle zu, wenn der Beschuldigte einer Straftat wiederholt vor Gericht erscheinen muss. So war es zum Beispiel im Fall von Christine W., der 2008 in Norderstedt vorgeworfen wurde, ihre Reitpferde während des Trainings zu misshandeln. Von diesem Fall soll allerdings später noch die Rede sein. Ein weiteres Beispiel für diesen Faktor war die in Linow beschlagnahmte Pferdeherde. Im März 2013 wurden, wie bereits erwähnt, in dem brandenburgischen Dorf 160 Pferde vom Amtstierarzt Rott beschlagnahmt, weil die Besitzer wiederholt nicht auf Auflagen zur Verbesserung der Tierhaltung eingegangen waren. In den folgenden Wochen mussten mehrere Pferde eingeschläfert werden.

Die restlichen wurden entwurmt und geimpft, einige Stuten bekamen Fohlen, die Kennzeichnung der Tiere war ohne Pass nur mithilfe von Zuchtvereinen möglich und schließlich mussten die Pferde auch noch ein neues Zuhause finden (vgl. Stamer, 15.03.2013).

All diese Punkte schufen eine Dynamik, die es den Medien ermöglichte, fast täglich eine neue Nachricht über den Fall zu bringen. Allerdings konnte man in vielen Medien – wie auch bei der Berliner Zeitung – feststellen, dass die Nachrichten, vor allem Online, direkt von der dpa übernommen wurden. Eigens nach Linow ins tiefste Brandenburg zu fahren und über den Fall zu berichten, war in vielen Redaktionen offenbar nicht möglich. Vielleicht war auch das Interesse nicht groß genug, denn auch für die Berliner Zeitung wurde das Thema erst interessant als ich erwähnte, wie viel Geld die Aktion den Landkreis kostete.

Bei der vernachlässigten Herde in Linow bestand eine gewisse Frequenz für die Medien, da die Pferde gekennzeichnet und medizinisch behandelt werden mussten. Einige mussten eingeschläfert werden, andere – wie diese ausgemergelte Stute – brachten jedoch sogar gesunde Fohlen zur Welt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Stute mit Fohlen in Linow

Schwellenfaktor (absolute Intensität, Intensitätszunahme)

Es gibt einen bestimmten Schwellenwert der Auffälligkeit, den ein Ereignis überschreiten muss, damit es registriert wird. (Mast 2008, S.59)

Dieser Schwellenwert der Auffälligkeit war gegeben, als ein 59-jähriger Landwirt aus Frauenhagen Ende 2011 in Brandenburg seine Pferde und Rinder so schlecht versorgte, dass einige auf der Weide verendeten. Doch selbst die verhungerten toten Tiere ließ er nicht entsorgen. Sie lagen somit im Schmutz und verwesten unter den Hufen der anderen (Schwers, 29.11.2011). Die besondere Schwere des Falls mit 150 Tieren und die ekelerregenden Bilder der verwesenden Tierkadaver überschritten den Schwellenwert und wurden registriert. Neben der BILD berichteten unter anderem der Berliner Kurier, die Morgenpost, die Märkische Oderzeitung und nordkurier.de über Monate, da es lange dauerte, bis der Betrieb geschlossen werden konnte.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass einige Pferde, sowie ihr Besitzer, Landwirt Peter S, der unter anderem ein Tierhaltungsverbot erhalten hatte, auf dem Hof in Linow aus dem vorherigen Fall Unterschlupf fanden. Dort wurden die Tiere, wie bekannt, weiter vernachlässigt.

Bedeutsamkeit (kulturelle Nähe/Betroffenheit, Relevanz)

Je größer die Tragweite eines Ereignisses ist, je mehr Betroffenheit es auslöst, desto eher wird es zur Nachricht. (Mast 2008, S.59)

Eines haben Tierschutzfälle bei den meisten Menschen sicher: Sie lösen Betroffenheit aus. Welcher, einem Tier freundlich zugewandte, Mensch würde von verwesenden Tierkadavern und blutig gerittenen Pferden nicht betroffen? Allerdings ist festzustellen, dass sich die Berichterstattung über Tierschutzfälle häufig zu sehr auf die Betroffenheit an sich stützt. Diese Art der Anteilnahme werde häufig missbraucht um die Bevölkerung mit Bildern von leidenden Tieren emotional zu beeinflussen, schreibt Alexandra Kraemer in ihrer Arbeit über Tierschutz und Strafrecht. Sie befürchtet, dass die Berichterstattung durch zu viele Emotionen an Sachlichkeit verliert:

„Die PR-Industrie verwendet ebenfalls bevorzugt Abbildungen von „süßen“ Tieren, um ihre Verkaufszahlen zu steigern (sog. Bambi-Effekt). Nur auf den ersten Blick ist dies dem Tierschutz förderlich. Bei näherer Betrachtung kann diese Art der Aufbereitung aber dem Tierschutzgedanken schaden, da sie einer sachlichen Diskussion abträglich ist und auf eine Begründung der These verzichtet.“ (Kraemer 2009, S. 30/31)

Leidende und kranke Tiere, aber auch niedliche, wie zum Beispiel dieses Gallowaykalb, rufen bei den Rezipienten starke Emotionen hervor. Dies kann die objektive Berichterstattung behindern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Gallowaykalb

Konsonanz (Erwartung, Wünschbarkeit)

Je mehr ein Ereignis mit vorhandenen Vorstellungen und Erwartungen übereinstimmt, desto eher wird es zur Nachricht. (Mast 2008, S.59)

Erwartbarkeit lässt sich bei Tierschutzfällen in Medien nur selten voraussetzen. Lediglich im so genannten Wiesenhof -Skandal 2011, als durch Recherchen der ARD und der Tierrechtsorganisation PeTA, sowie einer ehemaligen Pächterin des Wiesenhofes, die schlechten Haltungsbedingungen in Anlagen des Geflügelfleischherstellers Wiesenhof bekannt wurden, war Konsonanz gegeben (vgl. PeTA 2011). Hier konnten Tierliebhaber und Verbraucher sagen: „Das habe ich doch schon immer gewusst. So günstig kann man keinen Hähnchenschenkel herstellen.“ Dass viele ihn trotzdem gekauft haben, und immer noch kaufen, ist wohl auf Verdrängung zurückzuführen. Die PHW Gruppe, zur der auch Wiesenhof gehört, konnte seinen Gesamtumsatz im Geschäftsjahr 2011/2012 um 5,2 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro steigern (agrarheute, 14.02.2013). Da, nachdem die allgemeine Empörung etwas abgeebbt war, nur noch selten berichtet wurde, konnten sich offensichtlich viele Verbraucher wieder schnell mit dem Wiesenhofgeflügel anfreunden.

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Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Das Pferd zwischen Ponyhof und Lasagne. Zum medialen Umgang mit Tierschutzfällen am Beispiel des Ponyhofes Staaken und der Reiterin Christine W.
Veranstaltung
Journalismus und Unternehmenskommunikation
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
60
Katalognummer
V265776
ISBN (eBook)
9783656557166
ISBN (Buch)
9783656557159
Dateigröße
3179 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pferde, Tierschutz, Christine W., Linow, St. Georg, Lebensmittelskandale, Tierschutzgesetz, Pferdesport
Arbeit zitieren
Kirsten Stamer (Autor), 2013, Das Pferd zwischen Ponyhof und Lasagne. Zum medialen Umgang mit Tierschutzfällen am Beispiel des Ponyhofes Staaken und der Reiterin Christine W., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265776

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