Der Versuch eines kulturellen Transfers des preußischen Universitätssystems nach Frankreich in der Folge der französischen Niederlage im preußisch-französischen Krieg 1870/71 soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden.
Die zentrale These der zu unternehmenden Untersuchung lautet dabei:
Der Versuch eines institutionalisierten Kulturtransfers bestimmter Aspekte der deutschen Hochschulkultur, der 1896 in der Neugründung der französischen Universitäten mündete, kann als gescheitert betrachtet werden.
Ausgehend von dieser These soll anhand verschiedener Fragestellungen untersucht werden, wie die deutsche Hochschullandschaft aus französischer Sicht wahrgenommen wurde und welche Aspekte besonders beispielhaft für die französischen Reformer schienen: Welche Charakteristika wollten die Mittler aus dem deutschen in das französische Hochschulsystem „exportieren“? Die französische Auseinandersetzung mit der deutschen Hochschullandschaft bis 1896 wird dabei ebenso aufgezeigt werden, wie auch die Akteure und Institutionen – also die Mittler – des beabsichtigten Kulturaustauschs. Dazu wird es in einem ersten Schritt notwendig sein, die um 1871 bestehenden Universitätssysteme in Frankreich und Deutschland vorzustellen, um daran die französische Faszination für den instituteur prussien herauszuarbeiten. Worin unterschieden sich die deutsche und französische Hochschullandschaft im 18. bzw. 19. Jahrhundert? Anschließend folgt eine kurze Bestandsaufnahme der tatsächlichen Veränderungen der französischen Universitäten nach ihrer Neugründung 1896 als Überprüfung der vorangegangen, von Preußen inspirierten Reformbestrebungen. Was übernahmen die Reformer bei der Rekonstituierung der Hochschullandschaft Frankreichs letztendlich auf welche Weise vom Modell Preußen? In einem weiteren Schritt folgt der eigentliche Kern der vorliegenden Arbeit: basierend auf der angeführten Bestandsaufnahme wird nach den möglichen Gründen gesucht, warum der Transfer des deutschen Bildungsverständnisses in die Hochschullandschaft Frankreichs als gescheitert betrachtet werden kann. Die Beantwortung dieser zentralen Fragestellung wird in Form eines Kulturvergleichs, der die kulturspezifischen Eckpunkte der beiden nationalen Bildungssysteme kontrastiert, schließlich dargelegt werden, bevor die Schlussbetrachtung die erarbeiteten Ergebnisse zusammenfassen und evaluieren wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Die Universitäten in Deutschland und Frankreich bis zum Beginn des 19.Jahrhunderts
2.1 Historie der Universitäten in Deutschland und Frankreich
2.2 Die Krise der Universitäten im 18. Jahrhundert
2.3 Deutsche und französische Antworten auf die Universitätskrise
2.3.1 Napoleons Université impériale
2.3.2 Das Berliner Modell
3 „Der Sieg des preußischen Schulmeisters“ und seine Konsequenzen für den französischen Bildungsdiskurs von 1871 bis 1896
3.1 Vorbemerkung: Bildung im französischen Republikanismus
3.2 Akteure und Institutionen im französischen Bildungsdiskurs von 1871 bis 1896
3.3 Die französische Auseinandersetzung mit dem Berliner Modell – Der Versuch eines Kulturtransfers
3.4 Die französischen Universitäten nach ihrer Neugründung
4 Der gescheiterte Versuch eines Transfers des preußischen Universitätsmodells – Versuch einer Begründung
5 Fazit und Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den gescheiterten Versuch eines institutionalisierten Kulturtransfers preußischer Hochschulideale in das französische Bildungssystem nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Die zentrale Forschungsfrage ist, warum trotz der Bewunderung für das preußische Modell bei der Neugründung der französischen Universitäten 1896 keine erfolgreiche Adaption der deutschen Prinzipien stattfinden konnte.
- Vergleich der Universitätssysteme in Deutschland und Frankreich im 19. Jahrhundert
- Analyse des französischen Bildungsdiskurses zwischen 1871 und 1896
- Untersuchung der Akteure und Mittler des beabsichtigten Kulturaustauschs
- Kulturvergleich der Bildungssysteme (Humboldtsches Ideal vs. französischer Staats- und Nützlichkeitsgedanke)
Auszug aus dem Buch
Die französische Faszination am preußischen Universitätssystem
Frankreich, 1871: Die Schmach der Niederlage im Krieg gegen Preußen saß tief, die politischen und gesellschaftlichen Folgen erschütterten die französische Nation in ihren Grundfesten.
Der Zeitgeist der Grande Nation, die einst mit Louis XIV oder Napoleon Bonaparte die europäische Geschichte nachhaltig geprägt hatte, war nach 1871 gezeichnet durch die Eindrücke der Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 und die daraus resultierenden Regimewechsel zwischen den Deux France, den beiden konkurrierenden politischen Lagern Frankreichs. Unter diesen instabilen Voraussetzungen versuchten die Gründer der noch jungen Dritten Republik nun, sich strukturell zu positionieren und die neue Regierungsform endgültig zu legitimieren, während nicht nur die öffentliche Meinung immer lauter nach den Gründen für das Kriegsdebakel von Sedan fragte.
Im politischen und intellektuellen Diskurs nach 1871 wurden gar Stimmen laut vom „instituteur prussien qui a gagné la guerre“, denn das preußische Bildungssystem unterschied sich grundlegend vom französischen Konzept. Es verbreitete sich der Eindruck einer deutschen Überlegenheit, die der Fortschrittlichkeit der Wissenschaften – insbesondere der Universitäten – geschuldet sein musste. Eine generelle Reform des französischen Bildungswesens schien daher unumgänglich, für die der östliche Nachbar womöglich Modell stehen konnte. Der neue französische Staat sah sich aufgrund dieser Überlegungen veranlasst, seine führenden Wissenschaftler ostwärts über den Rhein zu senden, um mehr über die deutsche Wissenschaftlichkeit zu erfahren und diese möglicherweise für das französische System zu adaptieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Hinführung zum historischen Kontext der französischen Niederlage 1871 und der darauffolgenden Faszination für das deutsche Bildungssystem.
2 Die Universitäten in Deutschland und Frankreich bis zum Beginn des 19.Jahrhunderts: Historischer Überblick über die Entwicklung der Universitäten und die einsetzende Krise im 18. Jahrhundert.
3 „Der Sieg des preußischen Schulmeisters“ und seine Konsequenzen für den französischen Bildungsdiskurs von 1871 bis 1896: Untersuchung der Bildungsdebatten und der Akteure, die einen Kulturaustausch zwischen beiden Nationen befürworteten.
4 Der gescheiterte Versuch eines Transfers des preußischen Universitätsmodells – Versuch einer Begründung: Kontrastierung der bildungsphilosophischen Grundlagen beider Systeme zur Erklärung des Scheiterns des Kulturtransfers.
5 Fazit und Schlussbetrachtung: Zusammenfassung der Ergebnisse und Einordnung der Bedeutung des gescheiterten Transfers für das französische Selbstverständnis.
Schlüsselwörter
Kulturtransfer, preußisches Universitätssystem, Humboldtsches Bildungsideal, Frankreich, Bildungspolitik, Dritte Republik, Wissenschaftsgeschichte, Kulturvergleich, Hochschulreform, Université impériale, Bildungsdebatte, Ideengeschichte, Meritokratie, Laizität, Gelehrsamkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Hausarbeit untersucht, warum der Versuch Frankreichs nach 1871 scheiterte, das als überlegen wahrgenommene preußische Universitätsmodell auf die eigenen Institutionen zu übertragen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die französische Bildungsgeschichte im 19. Jahrhundert, den Vergleich zwischen dem humboldtschen Ideal und dem napoleonischen System sowie die Rolle intellektueller Mittler.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die historische Begründung des Scheiterns eines institutionalisierten Kulturtransfers bestimmter Aspekte deutscher Hochschulkultur nach Frankreich im Zuge der Neugründung der Universitäten 1896.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet die Methode des Kulturvergleichs an, um die unterschiedlichen historisch gewachsenen und bildungsphilosophischen Grundlagen der beiden nationalen Bildungssysteme zu kontrastieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Krise des französischen Systems nach 1871, die Rezeption deutscher Bildungsmodelle durch französische Wissenschaftler und die letztliche strukturelle Unvereinbarkeit der Konzepte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Kulturtransfer, Humboldtsches Bildungsideal, Dritte Republik, Hochschulreform und der deutsch-französische Vergleich.
Welche Rolle spielten die "Mittler" bei dem Reformprozess?
Mittler wie Ernest Lavisse oder Michel Bréal trugen durch ihre Berichte in der „Revue Internationale de l’Enseignement“ maßgeblich zur Wissensverbreitung über deutsche Verhältnisse bei und beeinflussten den französischen Diskurs.
Warum konnte das deutsche Modell nicht erfolgreich in Frankreich adaptiert werden?
Das Scheitern wird auf fundamentale Unterschiede zurückgeführt: Während das preußische Modell auf Freiheit der Forschung und Unabhängigkeit vom Staat setzte, war das französische System zentralistisch, staatlich gelenkt und primär auf utilitaristische Elitenbildung durch die „Grandes Écoles“ ausgerichtet.
Was versteht man unter dem „impossible modèle allemand“?
Dieser Begriff von Christophe Charle beschreibt die strukturelle Unmöglichkeit, das deutsche Wissenschaftsverständnis in das durch den Zentralstaat und die „Grandes Écoles“ geprägte französische System einzupassen, ohne die logischen Grundlagen des französischen Modells zu zerstören.
Inwieweit hatte die Reform 1896 dennoch eine Wirkung?
Obwohl das preußische Modell nicht kopiert werden konnte, führten die Debatten zu einer Selbstreflexion und internen Modernisierung des französischen Systems, die Frankreichs nationale Erziehung maßgeblich beeinflusste.
- Arbeit zitieren
- Carolin Behrens (Autor:in), 2013, Die französische Faszination am preußischen Universitätssystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265834