Faschismus und Gegenaufklärung

Über den Faschismusbegriff in Isaiah Berlins "Joseph de Maistre und die Ursprünge des Faschismus"


Seminararbeit, 2010

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Verzeichnis

1. Einleitung

2. Berlins Portrait von Joseph de Maistre
2.1 Kurzbiographie
2.2. Mensch und Gott
2.3. Vernunft und Wissenschaft
2.4. Politik und Staat
2.5. Zusammenfassung

3. Berlins Einordnung de Maistres
und Interpretation seiner Thesen
3.1. Romantik und Konservativismus
3.2. Aufklärung und Antirationalismus
3.3. Zukunftsträchtiges
3.4. Antiliberalismus – Totalitarismus – Faschismus
3.5 Bewertungen

4. Fazit

1. Einleitung

Dies soll eine Arbeit über Isaiah Berlin sein. Näher: sie soll ergründen helfen, inwiefern der Denker Joseph de Maistre für Isaiah Berlin ein Vorläufer des Faschismus gewesen ist – womit das Ziel angepeilt wird, am Ende etwas über Isaiah Berlins eigenen Faschismusbegriff erfahren zu können.

Dennoch muss es auch eine Arbeit über Joseph de Maistre sein, den Mann, dessen Portrait Berlin in seinem fast 100-seitigen Essay Joseph de Maistre und die Ursprünge des Faschismus[1] so eindrucksvoll nachzeichnet. Dabei gewinnt der Gegenstand seiner Arbeit (nicht zuletzt durch Berlins einnehmenden Stil) eine solche Präsenz, dass der Erzähler dahinter allzu schnell zu verschwinden droht. Diese Tendenz Berlins zur ‚Selbst-Unsichtbarmachung’ wird verstärkt durch die Spärlichkeit eigener Wertungen und Schlussfolgerungen, sowohl was das Studienobjekt selbst, als auch was die mögliche Bekräftigung seiner eigenen These betrifft. Ich werde solche für meine Fragestellung besonders wertvollen Stellen natürlich eingehend kommentieren; dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass die Begründung seiner These zuerst Berlins Portrait de Maistres selbst ist – die expliziten Schlussfolgerungen hat der Leser dann zumeist selbst zu ziehen.

Wenn die Arbeit denn eine Arbeit über Isaiah Berlin sein will, muss sie also zwangsläufig auch eine Arbeit über Joseph de Maistre sein – allerdings ebenso zwangsläufig eine Arbeit über Joseph de Maistre, wie Isaiah Berlin ihn zeichnet. Wenn meine Frage die nach dem Faschismusbegriff Isaiah Berlins ist, muss ich mich auf sein Portrait von de Maistre einlassen – das heisst, die Hauptaufgabe dieser Arbeit kann nicht sein zu untersuchen, ob und inwiefern Isaiah Berlin seinem Gegenstand Joseph de Maistre historisch gerecht oder nicht gerecht geworden ist. Interessant ist, was Isaiah Berlin an einem Denker wie de Maistre für bemerkenswert hält, welche Facetten seines Denkens er herausstreicht – und welche Ideen er damit, will er dem Titel seines Essays gerecht werden, als keimhaft für spätere faschistische Denktraditionen betrachtet.

Ich habe mich für die folgende Arbeit aus Platzgründen auf die Exegese des umfangreichen Essays Isaiah Berlins beschränkt. So interessant die Kontrastierung mit weiteren Faschismustheorien einerseits und ebenso mit anderen Interpretationen des Werks Joseph de Maistres andererseits sein würde – dies soll, wie gesagt, eine Arbeit über Isaiah Berlin und sein Faschismusverständnis sein – und sein Text ist inhaltsreich genug, um eine Arbeit dieses Umfangs gänzlich auszulasten.

Gehen wir also in medias res: warum erklärt Berlin das Denken eines Mannes, der in erster Linie als katholischer Gegenaufklärer, als Reaktionär gilt, zu einem der Ursprünge des Faschismus?

2. Berlins Portrait von Joseph de Maistre

2.1. Kurzbiographie

Joseph de Maistre wurde 1753 im Herzogtum Savoyen (damals Teil des Königreichs Sardinien) geboren. Sein Vater war höchster Justizbeamter des Herzogtums, sein Sohn Joseph besuchte eine Jesuitenschule und wurde Mitglied eines Laienordens. Er sympathisierte zunächst mit den gemässigten und mystisch angehauchten Freimaurern Savoyens, und begrüsste 1789 die Einberufung der Generalstände in seinem Nachbarland Frankreich. Dies änderte sich spätestens, als das revolutionäre Frankreich sein Heimatland besetzte. Der Umschlag der Revolution in die terreur soll ihn entsetzt haben und ein weiteres Schlüsselerlebnis gewesen sein. Er floh zunächst nach Lausanne, dann über Venedig nach Sardinien, wo er „das typische Leben eines verarmten royalistischen Beamten[2] führte. Hier veröffentlichte er 1797 seine erste ausführliche Abrechnung mit der Französischen Revolution, und mit der Ideologie, die zu ihr geführt hatte: der Aufklärung und ihrer ‚philosophes’. Seine Ansichten und Schlussfolgerungen waren radikal, kompromisslos, gnadenlos; er befand sich in einem Kampf um Leben und Tod gegen die „satanischen Kräfte der atheistischen Vernunft[3]. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts war er eine der bekanntesten und die vermutlich grellste Stimme der Gegenaufklärer und Konterrevolutionäre im Kampf um die Deutungsmacht über die Ereignisse rund um die Französische Revolution und ihrer Folgen. Seinen Kampf gegen die Aufklärung führte de Maistre auch als offizieller Repräsentant des Königreichs Sardinien in St. Petersburg fort. Er starb 1821.

Was nun hat de Maistre gelehrt? Ich werde seine Ansichten in ‚aufsteigender’ Reihenfolge zu schildern versuchen: ausgehend von seinem Menschenbild über die Rolle der menschlichen Vernunft hin zu de Maistres eigentlichem Themenfeld: zur politischen Philosophie und Staatslehre.

2.2. Mensch und Gott

Man kann de Maistres Menschenbild kaum gesondert von seinen grundlegenden theologisch-religiösen Überzeugungen untersuchen und verstehen. Obwohl er seiner Argumentation durch empirisch-wissenschaftliche Belege zusätzliche Plausibilität zu verleihen sucht (er nennt hier vor allem Geschichte und Zoologie[4] ), bleibt sein radikaler Pessimismus bezüglich charakterlicher und rationaler Entwicklungsmöglichkeit und -fähigkeit des Menschengeschlechts nur vor dem Hintergrund seiner zugespitzten Erbsündentheorie verständlich. Der Mensch ist seit dem Sündenfall unheilbar schlecht und korrumpiert, und diese metaphysische Verworfenheit macht ihn in jedem Falle untauglich dafür, an seinem (zwar schlimmen, aber wohlverdienten) Schicksal aus eigener Kraft etwas zu ändern. Im Gegenteil: mit jedem Versuch, auf eigene Fähigkeiten und Einsichten zu bauen, verschlimmert er seine Lage nur noch, demonstriert und bestätigt er dadurch doch nur erneut seinen eitlen Hochmut seine Hybris, auf die nach göttlichem Willen und natürlichem Gesetz der Fall und die Strafe zu folgen hat.[5]

Seit dem Sündenfall also ist der Mensch boshaft, unwürdig und dumm.[6] Alle die Unbilden, die er auf der Welt erdulden muss, sind letztlich mehr als verdient. Konflikte sind seit dem Sündenfall das Schicksal des Menschen.[7] Berlin fasst es so zusammen:

„Durch ständige Leiden müssen sie (die Menschen, P.S.) geläutert werden, und sie müssen gedemütigt werden, indem man ihnen ihre Dummheit, ihre Boshaftigkeit und ihre Hilflosigkeit jederzeit vor Augen führt. Krieg, Folter und Leiden sind das unausweichliche Los der Menschen (…). Jene, die zu Herren über sie berufen wurden, müssen die ihnen von ihrem Schöpfer (der die Natur als hierarchische Ordnung geschaffen hat) auferlegte Pflicht tun, indem sie unbarmherzig – auch gegen sich selbst – für die Durchsetzung der Gebote sorgen und ebenso unbarmherzig bei der Vernichtung des Feindes zu Werke gehen.“[8]

Nur durch Schrecken und Unterwerfung unter göttliche Autorität, die durch die katholische Kirche repräsentiert wird, hat der Mensch die Möglichkeit zu überleben, sich vor sich selbst zu retten.[9]

Da der Mensch im allgemeinen also zu böse ist, um frei zu sein[10], sind der Optimismus und die abstrakten Planspielereien der aufgeklärten ‚philosophes’ im besten Falle lächerlich, im schlimmsten desaströs, da sie den Menschen leichtfertig von den Fesseln lösen wollen, in die er in weiser Voraussicht gelegt wurde. Denn sowohl die Geschichte wie auch die Natur zeigen, dass die Welt nicht durch Vernunft geleitet wird, sondern durch dunkle Triebe, Krieg, Blutvergiessen und Tod. Oder wie de Maistre sagt:

„Auf dem weiten Feld der Natur herrscht eine offenkundige Gewalt, eine Art von verordneter Wut, die alle Wesen zu ihrem gemeinsamen Untergang rüstet. (…) Eine verborgene und zugleich offenkundige Kraft oder Macht hat in jeder Klasse eine bestimmte Anzahl von Tieren dazu bestimmt, die anderen zu verschlingen. (…) Über alle diese zahlreichen Tierrassen ist der Mensch gesetzt, und seine zerstörerische Hand verschont nichts von dem, was lebt. Er tötet, um sich zu nähren, er tötet, um sich zu kleiden, er tötet, um sich zu schmücken, er tötet, um anzugreifen, er tötet, um sich zu verteidigen, er tötet, um sich zu belehren, er tötet, um sich zu unterhalten, er tötet, um zu töten. (…) Und welches Wesen löscht (in diesem allgemeinen Schlachten) ihn aus, der alle anderen auslöscht? Er selbst. Dem Menschen obliegt es, den Menschen zu erwürgen. (…) So wird das grosse Gesetz der gewaltsamen Vernichtung aller Lebewesen erfüllt. (…) Die ganze Erde, die fortwährend mit Blut getränkt wird, ist nichts weiter als ein riesiger Altar, auf dem alles, was lebt, ohne Ziel, ohne Mass, ohne Unterlass geopfert werden muss, bis zum Ende aller Dinge (…).“[11]

Der Kampf regiert die Welt – und dies gemäss Gottes unerforschlichem Ratschluss[12]. Aus dieser Sicht auf die Welt folgt für de Maistre auch, dass die aufgeklärte Hoffnung auf ewigen Frieden nicht nur sämtliche Realitäten (der Natur und des Menschen) sträflich ignoriert, sondern recht eigentlich unmenschlich ist. Nicht nur ist der Krieg ein ewiges Gesetz der Welt und damit gottgegeben, der Mensch selbst strebt in seinem Kern gemäss des natürlichen Weltgesetzes nach Opferung – seiner selbst und anderer. Und ein Staat, der diesem Selbstopferungstrieb nicht entgegenkäme, würde einen seiner edelsten Zwecke nicht erfüllen.[13] (Wir kommen darauf im Kapitel ‚Politik und Staat’ darauf zurück).

Trotz aller Hinweise auf empirisch-historische Belege für seine Thesen, muss immer daran erinnert werden, dass de Maistres Ausgangspunkt für seine Anthropologie rein aprioristisch ist und bleibt: sie ruht auf einem religiösen Dogma, dem Dogma der Erbsünde. Das ist umso erstaunlicher, als de Maistre der Aufklärung zuallererst ihren abstrakten, dogmatischen Apriorismus, ihren angeblich von jeder empirischen Welterfahrung unbeleckten Idealismus zum Vorwurf macht. Ebenfalls erstaunlich ist, dass er, obwohl theologisch selbst ein einheitliches Menschenbild lehrend (die gesamte Menschheit als sündige Nachkommenschaft Adam und Evas), den abstrakten Menschheits-Begriff der aufgeklärten Anthropologie mit Spott übergiesst; gegen diese betont de Maistre vielmehr, dass jeder Mensch nur als konkretes Lebewesen in seiner je eigenen Geschichtlichkeit verstanden werden muss - keinesfalls als Mensch an sich ![14] Wenn überhaupt können Menschen laut de Maistre höchstens (und ausgerechnet!) in ihrer Nationalität verallgemeinert werden! Diese für de Maistres Anthropologie zentrale – und wirkmächtige – Stelle lautet:

„Die Verfassung von 1795, ebenso wie ihre Vorgängerinnen, war für ‚den Menschen’ gemacht. Aber auf der Welt gibt es ‚den Menschen’ nicht. Im Laufe meines Lebens sind mir Franzosen, Italiener, Russen etc. begegnet; dank Montesquieu weiss ich auch, dass man Perser sein kann. Aber was ‚den Menschen’ angeht, so erkläre ich, dass ich ihn in meinem ganzen Leben nie getroffen habe; wenn es ihn geben sollte, weiss ich nichts von ihm.“[15]

Dieser Widerspruch macht zunächst stutzig. Doch er wird sich, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, als wichtige Waffe gegen die Vernunft und das Konzept der Menschenrechte erweisen. Gibt es keine Menschheit als solche, ja erweist sich überhaupt alle Abstraktion als leeres Menschenwerk, kann und muss auch die aufklärerische Vorstellung einer ‚allen Menschen’ gemeinsamen Rationalität aufgegeben werden. Und wo keine ‚Menschen’ sind, kann es auch keine Menschen“rechte“ geben.[16]

2.3. Vernunft und Wissenschaft

Nach Joseph de Maistre sind die Aufklärer also unheilbar und völlig verfehlt optimistisch, was Charakter und Entwicklungsmöglichkeiten der Menschen betrifft. Sie sind fälschlich überzeugt, dass die Menschen ihrer Natur nach vernünftige und gesellige Wesen sind, eigene und fremde Interessen erkennen, und Verhaltensgrundsätze befolgen würden, die ihnen ihr gesunder Menschenverstand nahe bringt, wenn sie nicht vorsätzlich getäuscht oder durch falsche Erziehung verdorben werden würden.[17] Gute Erziehung und ein vernünftig eingerichtetes Gemeinwesen könnten diese im Menschen angelegte soziale Verträglichkeit zur vollen Entfaltung bringen.

Gegen diesen Irrglauben kämpft de Maistre an. Erlösung vom Elend kann es, wenn überhaupt, niemals durch die Oberflächlichkeit und Anmassung einer Vernunft geben, die ebenso verdorben ist, wie der Mensch selbst, sondern nur durch Glaube und durch die Unterwerfung unter die geheiligte Tradition.[18] Ansonsten gibt es keinen Fortschritt, keine Freiheit und keine Vervollkommnung.[19] Tatsächlich dürfte in diesem bedingungslosen Angriff auf die Vernunft das Zentrum von Joseph de Maistres Philosophie und Weltanschauung liegen, und damit in der konsequenten Bestreitung zeitloser, universaler Werte und Rechte (moralischer und intellektueller Natur).[20] Denn jede Disziplin und jede Zeit hat laut de Maistre ihre eigene Logik, Sprache und Massstäbe. Hier vergleichen zu wollen, ist unmöglich.[21] Wissenschaft, die auf dieser Illusion einer allgemeinen Vernunft gründet, ist schädlich und unmöglich.

[...]


[1] Zu den Verweisen: ich beziehe mich auf die Ausgabe des Essays ‚Joseph de Maistre und die Ursprünge des Faschismus’ in: Berlin, Isaiah: Das krumme Holz der Humanität: Kapitel der Ideengeschichte, (Hrsg. von Henry Hardy); Frankfurt am Main, 1992. S. 123 – 221. Auch die Zitate aus den Texten Joseph de Maistres entnehme ich dieser Ausgabe.

[2] Berlin, S. 139.

[3] ebd. S. 140.

[4] ebd. S.143.

[5] ebd. S. 133.

[6] ebd. S. 151.

[7] ebd. S. 143f.

[8] ebd. S. 154.

[9] ebd. S. 154.

[10] ebd. S. 193.

[11] ebd. S. 146f.

[12] ebd. S. 180.

[13] ebd. S. 160.

[14] ebd. S. 133.

[15] ebd. S. 133

[16] ebd. S. 173.

[17] ebd. S. 142.

[18] ebd. S. 143.

[19] ebd. S. 143.

[20] ebd. S. 165.

[21] ebd. S. 169f.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Faschismus und Gegenaufklärung
Untertitel
Über den Faschismusbegriff in Isaiah Berlins "Joseph de Maistre und die Ursprünge des Faschismus"
Hochschule
Universität Zürich  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Sir Isaiah Berlin - Leben und Werk
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V265859
ISBN (eBook)
9783656555636
ISBN (Buch)
9783656555735
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
faschismus, gegenaufklärung, über, faschismusbegriff, isaiah, berlins, joseph, maistre, ursprünge
Arbeit zitieren
Patrik Süess (Autor), 2010, Faschismus und Gegenaufklärung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265859

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