Napoleon - Ein Mythos im Wandel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

21 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zwischen Verzauberung und Repression – Der kontrollierte Aufbau eines Mythos zu Lebzeiten
1.1 Repression im Öffentlichen Raum
1.2 Verzauberung der Öffentlichkeit

2. Napoleon nach seinen Tod: ein lebendiger Mythos
2.1 Die schwarze Legende: Napoleon als der Despot
2.2 Die goldene Legende: Napoleon der Revolutionär
2.3 Le Bonarpartisme: Die Hoffnung der Rückkehr

3. Napoleon als «Lieux de mémoire?»
3.1 Noras Konzept der «Lieux de memoire»
3.2 Napoleon bei Pierre Nora

Zusammenfassung

Abstract:

Bibliographie:

Einleitung

Es ist als wäre eine Flutwelle der Erinnerung über die Welt hinein gebrochen und hätte überall eine enge Verbindung zwischen der - realen oder imaginären – Treue zur Vergangenheit und dem Zugehörigkeitsgefühl, dem Kollektivbewusstsein und dem individuellen Selbstgefühl, dem Gedächtnis und der Identität geschaffen“

Pierre Nora beschreibt die Globalisierung des Gedächtnisses und gleichzeitig die Problematik für die traditionelle nationale Geschichtsschreibung. In dem von ihm herausgegebenen Werk „Lieux de Memoire“ zeigt der französische Historiker die Geschichte Frankreichs anhand von Fragmenten, deren Symbolik Stück für Stück aufgedeckt wird.

In dieser Arbeit soll es um den Mythos Napoleons als einer der wichtigsten Personen der französischen oder aktueller, der europäischen Geschichte gehen. Wie hat Napoleon selbst dazu beigetragen, einen Kult um seine Person aufzubauen und wie enstand der legendäre Napoleon nach seinem Tod?

Wer sich mit dem Mythos Napoleons beschäftigt, trifft zwangsläufig auf das Problem, mit mindestens zwei Mythen konfrontiert zu sein. Auf der einen Seite der Glanz um seine Persönlichkeit die Napoleon zu Lebzeiten bewußt aufgebaut hat, auf der anderen Seite der Umgang mit Napoleon nach seinem Ableben. 80.000 Bücher sind seit dem Tod Napoleons 1821 über ihn und sein Wirken geschrieben worden. Nicht die faktischen Leistungen im historiographischen Sinne sollen bei der Auseinandersetzung mit Napoleon im Mittel punkt stehen, vielmehr wird diese Arbeit versuchen den Mythos Napoleon im Wandel der Zeit darzustellen.

Im ersten Teil soll auf die Anstrengungen eingegangen werden, die Napoleon zu Lebzeiten unternommen hat, um seiner Person eine Mythos ähnliche Popularität zu verleihen und auf diese Weise seine auf Plebiszite basierende Macht auszubauen. Im zweiten Teil wird dann die Mythosbildung nach dem Ableben Napoleons genauer beleuchtet. Während Napoleon kurz nach seiner Verbannung innerhalb der französischen Gesellschaft fast vollständig negiert und er als größenwahnsinniger Korse in die Geschichtsbücher einzugehen drohte, änderte sich dieses Bild bald zu seinen Gunsten. Eine Jugend, die mit den glorreichen Frontberichten der Grande Bulletins aufgewachsen war, verhalf Napoleon zu erneutem Ruhm. Die auftauchenden angeblichen Memoiren, die Las Casas auf Stankt Helena niedergeschrieben hat, knüpfen an die Bestrebungen Napoleons zu Lebzeiten an, als einzigartiger Herrscher in die Französische Geschichte einzugehen, und trugen zu einer zusätzlichen Verherrlichung Napoleons bei und verklärten zusätzlich die Zeit des Empire als Goldenes Zeitalter.

Im dritten Teil soll dann auf das Konzept der Lieux de mémoire von Nora eingegangen werden. Welche Rolle kann Napoleon als Diktator in Noras Werk spielen.

1. Zwischen Verzauberung und Repression – Der kontrollierte Aufbau eines Mythos zu Lebzeiten

Napoleon ist eine der schillerndsten Personen europäischer Geschichte. Als genialer Stratege verschaffte er Frankreich seine größte territoriale Ausweitung. Da er selber stetig mit an der Front war, blieb er Generationen als der Kriegsheld in Erinnerung. Neben seinen außenpolitischen Erfolgen, die unter anderem durch seine grundlegende Heeresreform möglich geworden sind, schaffte es Napoleon innenpolitische Stabilität in einem von der Revolution erschütterten Frankreich herzustellen. Es gelang ihm, zumindest zeitweise, die sich gegenüberstehenden politischen Strömungen beide für seine Politik zu gewinnen, und dadurch eine innere Befriedung Frankreichs zu erreichen. Um seine Macht zu konsolidieren und um den Anforderungen seiner Zeit nachzukommen, baute er einen modernen Verwaltungsstab auf und läutete das sich schon durch die Revolution andeutende Ende des Feudalstaates ein.[1] Mit dem Code Civil vereinbarte er altes Gewohnheitsrecht sowie kodifiziertes Recht mit dem Revolutionsrecht und schuf so Frankreichs erstes bürgerliches Gesetzbuch. Noch heute ist das französische Erziehungswesen in seiner starken Zentralisierung von den Eingriffen Napoleons geprägt.

Je nach historischer Schule und politischer Richtung wurde das Wirken Napoleons mal als Beendigung der Revolution, mal als ihre Fortsetzung und Verbreitung in Europa betrachtet. Welcher Interpretation man auch folgen mag, Napoleon, konnte die sich durch die Revolution heraus kristallisierenden und seitdem als unvereinbar erscheinende Oppositionen von Kirche und Staat, Bourgoisie und Adel, Republique und Ancien Regime unter sich vereinen und als Basis seiner Macht nutzen.Licht und Ordnung sowie Ruhm und Größe waren die Bedürfnisse Frankreichs jener Zeit, denen Napoleon nachzukommen wusste. Er hatte dazu keine großartigen politischen Ideen oder gar ein in sich kongruentes gedankliches Konzept entwickelt, seine Herrschaft baute er vielmehr spontan durch die geschickte Nutzung des Momentes aus. „… sein System war eines des Momentes, er ließ sich leiten von den Umständen und seinem Ehrgeiz[2], analysiert Annie Jourdan in ihrer Napoleon-Biographie das Erfolgsrezept. Balzac bezeichnete Napoleon einstweilen als „Mann, der alles konnte, weil er alles wollte“ und spielte so ebenfalls auf den Ehrgeiz und ungebrochenen Machtwillen Napoleons an.

So sehr Napoleons Herrschaft eine des Moments gewesen und von seinen ehrgeizigen Bemühungen getragen worden sein mag, so arbeitete er doch kontinuierlich und systematisch daran, die Zustimmung der Bevölkerung für sich zu gewinnen. „Napoleon war zweifelsohne der erste moderne Diktator, der sich in so großem Ausmaß und so permanent der Propaganda bediente.“[3]

Im Nachhinein betrachtet mag der spektakuläre Aufstieg des unbekannten Korsen zum Kaiser Frankreichs und dessen genauso rasanter Fall mit dem jämmerlich wirkenden Ende der Verbannung auf einer einsamen Insel, die Mythenbildung um das Leben dieses Mannes prädestinieren, doch an einer Legende um die Person Napoleons wurde schon seit dem Italienfeldzug von ihm selbst gearbeitet[4]. Der Mythos Napoleon ist also nicht nur das Werk der nachkommenden Literaten und Historiker gewesen; schon zu Zeiten seiner Herrschaft legte Napoleon selbst entscheidende Grundsteine, die eine Verherrlichung des Kaiserreiches im Nachhinein begünstigten. Im Folgenden soll auf einige Methoden eingegangen werden, die Napoleons Popularität zu Lebzeiten sicherzustellen versuchten. Es soll gezeigt werden auf welche Weise es gelang, einen Kult um das Kaiserreich aufzubauen.

Da Napoleon seine Herrschaft auf von Anfang an durch Plebiszite stützte, musste die Demagogie und Propaganda wichtiges Element seiner Politik sein, um die Zustimmung des Volkes zu erhalten. Mit der Revolution entstand in Frankreich eine politisierte Öffentlichkeit, ohne die es von diesem Zeitpunkt an unmöglich erscheint, das Land zu regieren. Folglich blieb die Manipulation des Öffentlichen eine der Hauptaufgaben Napoleons, als Konsul sowie als Kaiser. Er bediente sich im Wesentlichen einer Doppelstrategie: So finden wir die Verzauberung der Massen auf der einen Seite und repressive Maßnahmen auf der anderen Seite. Beide Strategien gehen Hand in Hand und konnten nur in Kombination zu voller Wirksamkeit gelangen und die offizielle Kaiserverherrlichung in der Öffentlichkeit verankern.

1.1 Repression im Öffentlichen Raum

Die Überwachung und Einflussnahme des Öffentlichen machte sich vor allem durch Zensur und eine geschickte Lenkung dessen, was in den öffentlichen Diskurs Einzug finde, bemerkbar. Schon as Konsul verbot Napoleon 60 Zeitungen und führte eine strengere Zensur über alles Gedruckte ein. Der gesamte kulturelle Bereich war den Eingriffen Napoleons ausgesetzt, so untersagte er zum Beispiel die zu seiner Zeit beliebten spontanen Straßentheater und alles, was unter den Begriff „art dramatique“ fiel.[5] Er beinhaltete häufig in fabelhafter Form eine politische Botschaften, die unerwünscht und schwer zu kontrollieren war. Vorstellungen in öffentlichen Theatern, Opern und Balletten wurden durch Berichterstatter, die so genannte Rapports schrieben, überwacht.[6] Besonderes Augenmerk legte Napoleon auf das Opernwesen. Opern sollten eine erziehende, begeisternde und heroisierende Wirkung haben. Dementsprechend legte der Kaiser den Spielplan fest und verzichtete dabei auf religiöse und christliche Inhalte. Die offizielle Literatur des Empire wurde durch das Institut de France klassizistisch geeicht. Gegenläufigen romantischen Strömungen versuchte Napoleon 1810 mit der Einrichtung einer zentralen Kotrollbehörde für das Buchwesen entgegenzutreten.[7]

Neben der institutionalisierten Zensur informierten Berichterstatter über den Verlauf jeglicher öffentlicher Veranstaltungen und trugen somit in großen Teilen dazu bei, das Öffentliche steuerbar zu machen. Ebenfalls zu diesem Zweck baute Napoleons gefürchteter Polizeiminister Fouché ein gut funktionierendes Spitzelsystem auf.

Fouché, der Napoleon schon bei seinem Staatsstreich 1799 wesentlich unterstützt hat, hatte sich schon zu Zeiten Robbespierres einen Namen gemacht. Damals ließ er als Kommissar zehn Tausende Gegenrevolutionäre niederschlagen. Unter Napoleon entwickelte er dann seine überaus effiziente Geheimpolizei, um nicht nur ausländische Staatsfeinde schneller greifen zu können, sondern auch um den öffentlichen Raum in Frankreich besser kontrollieren zu können. Sein Spionagedienst war der erste der Neuzeit und blieb Vorbild für viele nachfolgenden Organisationen dieser Art.

Charakteristisch für das repressive System Napoleons waren also auf der einen Seite die Zensur, durch die er Einfluss auf den öffentlichen Diskurs nahm und geheimdienstliche Überwachung auf der anderen Seite, welche das öffentliche Leben kontrollierte.

1.2 Verzauberung der Öffentlichkeit

Die Manipulation des Öffentlichen beschränkte sich nicht nur auf repressive Maßnahmen. Großes Augenmerk legte Napoleon darauf, seine Errungenschaften und Erfolge dem französischen Volk mitzuteilen. Er verstand es durch unterschiedlichste Mittel, einen Kult um seine Person entstehen zu lassen. Als Selbstdarsteller achtete er beispielsweise peinlichst genau darauf, immer seinen schlichten Hut als Markenzeichen auf allen Abbildungen erscheinen zu lassen. Die feierliche Kaiserkrönung kann als Meisterwerk der Selbstinszenierung Napoleons bezeichnet werden. In diesem Kapitel soll es allerdings weniger um die Details von Napoleons Selbstinszenierung gehen als der Schwerpunkt vielmehr darauf gelegt wird, das System der Inszenierung als ganzes zur Zeit des Konsulats und des Kaiserreiches genauer zu beleuchten.

Napoleon stellte als erstes die Presse systematisch in seinen Dienst. Zu Beginn seiner erfolgreichen Feldzüge gründete er verschiedene Zeitungen und Blätter, die vom Militär gelesen wurden. Er feierte darin nicht nur seine Erfolge sondern sicherte sich auch die Zustimmung und den Gehorsam seiner Truppen.

Später bildeten die Bulletins der Grande Armee[8] bildeten der Herrschaft Napoleons eine wichtige Grundlage seiner Popularität. Sie waren das Medium zwischen der Front und dem Heimatland. Verschönernde Kriegsberichte sollten nicht nur die Moral der Truppen an anderen Orten stärken, man konnte nun mithilfe der Grandes Bulletins in bisher ungekannter Effektivität Informationen von der Kriegsfront weiträumig im französischen Inland verbreiten. In den Bulletins wurden militärische Niederlagen verharmlost, während kleinste Erfolge zu glorreichen Siegen wurden. Ein bürokratisierter Verwaltungsapparat sorgte dafür, dass auch die Bevölkerung in den marginalisiertesten Provinzen, von den Kriegserfolgen in Lodi und Rivoli erfuhr. Außerdem wurden die euphemistischen Frontbereichte in der, ebenfalls von ihm gegründeten Staatszeitung, „Moniteur“ regelmäßig abgedruckt.[9]

Doch nicht jeder konnte Lesen im napoleonischen Zeitalter, es mussten also noch weitere Mittel gefunden werden, um die Bevölkerung zu erreichen. So wurden Theater und alle möglichen Arten von Festen zum Mittel der Propaganda. Jeder Sieg wurde mit einem Fest begangen, Feuerwerke und kostenlose Bankette sollten die Bevölkerung zusätzlich verführen. Der 14. Juli wurde als Feiertag abgeschafft, stattdessen wurde nun der 15. August, Geburtstag Napoleons zum nationalen Feiertag. Komponisten und Sänger wurden aufgefordert Hymnen und festliche Lieder zum Ruhme Napoleons zu komponieren.

Architektur und Bildende Kunst und Literatur wurden ebenfalls in den Dienst Napoleons gestellt. So ließ er beispielsweise in dem damals nach ihm benannten Louvre Beutekunst ausstellen, die er von seinen Feldzügen mitbrachte. Einheimische Werke blieben dem Neoklassizismus verpflichtet und stellten häufig das Zeitgeschehen in heroisierender Weise wieder.[10]

[...]


[1] Vgl: Guerin, Michel: Le mythe de Napoléon, in: Eggs, Ekkehard, Fischer, Hubertus (Hrsg.): Napoleon: Europäische Spiegelungen in Mythos, Geschichte und Karikatur. Frankfurt am Main, 1986, S. 10

[2] Jourdan, Annie: L’empire de Napoléon. Paris, 1998.S.152

[3] Godechot, Jaques: Napoléon – Le Mémorial des Sciècles. Paris, 1969 S. 207

[4] Vgl.:Tulard, Jean, Napoleon oder der Mythos des Retters. Paris, 1982, S. 505

[5] s. Eggs, Ekkehard: Embellissements – Zur Rhetorik und Redekultur des Empire, S. 32 .in: Eggs, Ekkehard (Hrsg.), 1986

[6] s. ebd. S. 34

[7] Vgl. www.napoleon.historicum.net/kultur

[8] z.B:. Bulletins de la Grande Armee du 7 Octobre au 23 Novembre 1806. Berlin de l’impremimerie royale

[9] Vgl. Godechot, Jaques: Napoléon – Le Mémorial des Sciècles. Paris, 1969 S. 202

[10] Vgl. www.napoleon.historicum.net/kultur

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Napoleon - Ein Mythos im Wandel
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Geschichte)
Veranstaltung
Les Lieux de memoire
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V26588
ISBN (eBook)
9783638288774
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kann Noras Konzept der Lieux de memoire auch auf Napoleon angewendet werden?
Schlagworte
Napoleon, Mythos, Wandel, Lieux
Arbeit zitieren
Urte Lützen (Autor:in), 2003, Napoleon - Ein Mythos im Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26588

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