Antonie Buddenbrook (im folgenden Tony genannt) hat sowohl im Roman „Buddenbrooks“ als auch in der Literaturwissenschaft einen festen Platz. Gemeinsam mit ihren Brüdern Thomas und Christian sowie der Schwester Clara bildet sie die Generation, welche den Fall der Familie von Anfang bis Ende miterlebt und zum Großteil auch selbst verschuldet. Alle vier Geschwister stellen auf ihre Weise tragische Figuren dar. Die These der vorliegenden Arbeit ist jedoch, dass Tonys Handlungen anders motiviert sind als die ihrer Geschwister. Die jüngste Schwester Clara muss allerdings aus den Untersuchungen ausgeklammert werden, da über ihre Motive im Roman zu wenig bekannt wird. Den Geschwistern Thomas, Tony und Christian ist gemeinsam, dass sie unter dem massiven Druck des Ehr- und Pflichtgefühls ihrer Familie leiden. Für jede Figur hat dies unterschiedliche Folgen: Thomas bricht unter dem Leistungsdruck zusammen und stirbt schließlich, Christian verbringt die letzten Jahre seines Lebens in einer Psychiatrie. Tony hingegen geht – als Einzige – verhältnismäßig unbeschadet aus den Trümmern des Familienimperiums hervor.
Die These der vorliegenden Arbeit ist, dass Tony, zusätzlich zu dem regulären familiären Einfluss, von den Männern, die sie umgeben, fremdbestimmt wird. Es wird allerdings davon ausgegangen, dass dieser männliche Einfluss keine Erfindung Thomas Manns ist. Vielmehr entspricht er den Traditionen und dem Wertempfinden des frühen 19. Jahrhunderts – also zu der Zeit, in welcher der Roman „Buddenbrooks“ seinen Anfang nimmt. Um diese zweite These zu stützen, wird zu Beginn der vorliegenden Arbeit in den Kapiteln 2. und 2.1 auf die bürgerliche Familie sowie die Rolle der Frau im 19. Jahrhundert eingegangen. In Kapitel 3. werden die gewonnenen Erkenntnisse auf die Familie Buddenbrook angewandt, um deren geschichtliche Wahrheit zu belegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die bürgerliche Familie im 18. und 19. Jahrhundert
2.1. Die Rolle der Frau im 19. Jahrhundert
3. Die geschichtliche Wahrheit der Familie Buddenbrook
4. Die Figur Tony Buddenbrook
4.1 „Tony, courage!“ Tony und ihr Großvater
4.2 „Meine liebe Tochter“ – Tony und ihr Vater
4.3 Steine und Citronensemmeln: Tonys Beziehung zu den Nebencharakteren Hermann Hagenström und Morten Schwarzkopf
4.4 „Was will dieser Mensch von mir-!“ Tony und Bendix Grünlich
4.5 „Ich geniere mich für ihn“ Tony und Alois Permaneder
4.6 „Du machst mir keinen Skandal!“ Tony und ihr Bruder Thomas
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die These, dass die Figur Tony Buddenbrook im Roman "Buddenbrooks" nicht durch ihre eigenen Wünsche, sondern maßgeblich durch die fremdbestimmenden Einflüsse der Männer in ihrem Leben – konkret ihres Großvaters, ihres Vaters und ihres Bruders – geprägt ist. Dabei wird analysiert, wie diese Fremdbestimmung im Kontext der familiären Traditionen und sozialen Normen des 19. Jahrhunderts steht und warum Tony im Gegensatz zu ihren Geschwistern an diesem Druck nicht zerbricht.
- Analyse der bürgerlichen Familienstrukturen und Frauenrollen im 19. Jahrhundert.
- Untersuchung der männlichen Einflussnahme auf Tonys Lebensentscheidungen.
- Vergleich von Tonys Schicksal mit dem ihrer Geschwister Thomas und Christian.
- Diskussion der Identifikation Tonys mit dem Familien- und Pflichtgefühl als Überlebensstrategie.
Auszug aus dem Buch
4.2 „Meine liebe Tochter“ – Tony und ihr Vater
Auch an dieser Stelle ist es sinnvoll, eine schmale Darstellung der Person Jean Buddenbrook vorzunehmen, um das Verhältnis zwischen ihm und seiner Tochter besser nachvollziehen zu können. Das zweite im Roman dargestellte Familienoberhaupt übernimmt die Leitung der Firma Buddenbrook im Jahr 1842, im Alter von 45 Jahren. Zwar zeigt er sich reformfreudig und ist interessiert an der Expansion seiner Firma, dennoch fehlt ihm die vitale Leichtigkeit und Freude, die seinen Vater auszeichnete. „[E]r ist ernst, nervös, ohne das robuste Gewissen seines Vaters“. Dies wird besonders deutlich an dem bereits erwähnten Konflikt mit seinem Halbbruder Gotthold.
Jean aber zerbricht in zwei Gefühlswelten, einerseits will er ein guter Christ sein und die brüderlichen Forderungen nicht einfach zurückweisen, andererseits muss er als Vertreter de[n] geschäftlichen Interessen seiner Firma gerecht werden und die Ansprüche Gotthold verweigern.
Seine starke Religiosität unterscheidet ihn von seinem Vater. Während Johann sen. als ein Mann der Tat mit beiden Beinen in der Realität steht, sucht Jean bei all seinen Taten Gottes Beistand. Diese gefühlsmäßige Zerrissenheit macht ihn vielleicht nicht zu einem schlechteren, jedoch zu einem unglücklicheren Geschäftsmann, als es sein Vater war. Während sich Johann sen. noch durch ein in sich ruhendes Wesen und vor sich selbst reines Gewissen auszeichnet, ist Jean der erste in der Reihe der Buddenbrooks, der einem komplex in sich verschachtelten Abhängigkeitsverhältnis zum Opfer fällt. Er opfert in gewisser Weise sein Lebensglück für Familie und Firma – und erwartet selbiges von seinen Kindern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die These, dass Tony Buddenbrook durch die Erwartungen und den Einfluss der Männer ihrer Familie fremdbestimmt ist.
2. Die bürgerliche Familie im 18. und 19. Jahrhundert: Darstellung der historischen Rahmenbedingungen und der strikten Hierarchie innerhalb des „ganzen Hauses“.
2.1. Die Rolle der Frau im 19. Jahrhundert: Analyse der untergeordneten gesellschaftlichen Stellung der Frau, die sich über den Status des Mannes definiert.
3. Die geschichtliche Wahrheit der Familie Buddenbrook: Einordnung der Familie Buddenbrook in das gesellschaftliche Umfeld des Romans unter Beachtung der traditionellen Rollenverteilung.
4. Die Figur Tony Buddenbrook: Charakterisierung von Tony als naive Überlebenskünstlerin, die das Idealbild einer gutbürgerlichen Frau verkörpert.
4.1 „Tony, courage!“ Tony und ihr Großvater: Untersuchung des prägenden Einflusses des Großvaters auf Tonys späteres Familienbewusstsein.
4.2 „Meine liebe Tochter“ – Tony und ihr Vater: Analyse der autoritären Beziehung zwischen Vater und Tochter sowie des Scheiterns von Tonys erstem Emanzipationsversuch.
4.3 Steine und Citronensemmeln: Tonys Beziehung zu den Nebencharakteren Hermann Hagenström und Morten Schwarzkopf: Analyse der Bedeutung von Feindbild und verpasster Liebe für Tonys Lebensweg.
4.4 „Was will dieser Mensch von mir-!“ Tony und Bendix Grünlich: Untersuchung von Tonys erster Ehe und ihrer Unfähigkeit, sich von der Herkunftsfamilie zu lösen.
4.5 „Ich geniere mich für ihn“ Tony und Alois Permaneder: Betrachtung der zweiten Ehe und Tonys Rebellion gegen das Familienoberhaupt beim Scheitern der Verbindung.
4.6 „Du machst mir keinen Skandal!“ Tony und ihr Bruder Thomas: Untersuchung des komplexen Geschwisterverhältnisses und der gemeinsamen Last der Familientradition.
5. Fazit: Zusammenfassende Erkenntnis, dass die Fremdbestimmung Tonys ihre Charakterentwicklung verhinderte, sie jedoch gleichzeitig vor seelischem Zusammenbruch bewahrte.
Schlüsselwörter
Tony Buddenbrook, Thomas Mann, Buddenbrooks, Fremdbestimmung, Pflichtgefühl, Familiensinn, 19. Jahrhundert, Bürgertum, Familienoberhaupt, Identität, Emanzipation, Geschlechterrolle, Verfall, Ehe, Standesbewusstsein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Charakterisierung von Tony Buddenbrook im Roman "Buddenbrooks" unter dem Aspekt, wie ihr Leben durch die männlichen Familienmitglieder und deren Erwartungen geformt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die bürgerliche Familienstruktur des 19. Jahrhunderts, die Rolle der Frau in dieser Zeit, das Thema der Fremdbestimmung sowie den sozialen Verfall der Familie Buddenbrook.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage untersucht, inwiefern Tonys Handlungen und ihr Scheitern auf die Einflüsse ihres Großvaters, ihres Vaters und ihres Bruders zurückzuführen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die den Roman im Kontext historischer Fakten und sozialer Normen des 19. Jahrhunderts betrachtet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Tonys Beziehungen zu den zentralen Männern in ihrem Leben sowie die Analyse der bürgerlichen Rahmenbedingungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Fremdbestimmung, Familiensinn, Pflichtgefühl, Identität, Bürgertum und die spezifische Charakterentwicklung der Figur Tony Buddenbrook.
Warum konnte Tony sich nicht von ihrer Familie emanzipieren?
Da ihr bereits in der Kindheit und Jugend durch autoritäre Erziehung jeder Freiraum für eigene Entscheidungen genommen wurde, verinnerlichte sie die Familiennormen so stark, dass sie keine eigene Identität außerhalb dieser entwickeln konnte.
Wie unterscheidet sich Tonys Schicksal von dem ihres Bruders Thomas?
Während Thomas unter der Last der Verantwortung an seinem eigenen Anspruch und der familiären Rolle zerbricht, projiziert Tony ihre Konflikte nach außen und findet in der Identifikation mit der Familie ihre psychische Stabilität.
Welche Rolle spielen die Ehemänner Bendix Grünlich und Alois Permaneder?
Beide Ehemänner fungieren eher als Objekte der Pflicht, durch die Tony versucht, der Familienehre zu dienen, wobei sie in beiden Fällen letztlich durch ihr Familienoberhaupt in der Ehe beeinflusst oder gesteuert wird.
- Arbeit zitieren
- Lena Kluth (Autor:in), 2013, Familiensinn und Pflichtgefühl. Eine Charakterisierung der Figur Tony Buddenbrook, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265944