Emotionsarbeit in der Erotikbranche

Eine qualitative Studie am Beispiel von Webcam-Girls


Bachelorarbeit, 2012

46 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Theoretische Ansätze
2.1 Definition: Sexarbeit
2.2 Goffman: Theoretische Vorüberlegungen
2.3 Hochschild: Emotionen und Emotionsarbeit
2.4 Fragestellung und Feldauswahl

3 Methodologie
3.1 Zur Erhebungsmethode: Das offene Leitfadeninterview
3.2 Zur Auswertungsmethode: Grounded Theory

4 Empirische Befunde
4.1 Die Interviewten
4.2 Die Interviewfragen
4.3 Das Forschungsfeld
4.4 Auswertung der Interviews: Dimensionen der Emotionsarbeit

5 Fazit

6 Bibliographie

1 Einleitung

Das älteste Gewerbe der Welt hat durch den Aufschwung des Internets im 21. Jahrhundert neue Ausdrucksformen hinzugewonnen. Dank zahlloser Erotikseiten steht Pornographie heute jederzeit und allerorts zur Verfügung. Besonders interaktiv ist das seit einigen Jahren aufkommende Angebot an Senderinnen, die live vor einer Webcam per Chat zu erreichen sind. Kernfrage dieser Arbeit ist, inwiefern durch diese „Webcam-Girls“ Emotionsarbeit geleistet wird. In Anbetracht der dem Gewerbe vermutlich zugrunde liegenden Emotionalität bietet sich hier ein interessanter Forschungsgegenstand für die Emotionssoziologie. Allerdings spiegelt sich dies bisher noch nicht in der Literatur wieder. Zwar gibt es sozialwissenschaftliche Arbeiten, die sich mit der Erotikbranche respektive Sexarbeitern befassen1, jedoch existieren bisher keine Veröffentlichungen im deutsch- oder englischsprachigen Raum, die das Element des indirekten Kundenkontakts via Internet in ihre Betrachtungen einbeziehen. Hier setzt diese Arbeit an und bezieht sich in ihrer Definition von Emotionsarbeit vorrangig auf Erving Goffman und Arlie Russel Hochschild. Hinzu kommen Vorüberlegungen zur Erotikindustrie als Teil der Dienstleistungsbranche. Methodische Grundlage für den empirischen Teil der Arbeit, der aus der Primärdatenanalyse dreier offener Leitfadeninterviews besteht, bietet das Arbeitsbuch „Qualitative Sozialforschung“ von Aglaja Przyborski und Monika Wohlrab-Sahr. Die Interviews werden mittels Grounded Theory nach Glaser und Strauss im Hinblick auf die präzisierte Fragestellung ausgewertet. Der Hauptfokus der Untersuchung liegt darauf, wie Emotionsarbeit in dieser Branche funktioniert und ob sie nachgewiesen werden kann.

2 Theoretische Ansätze

2.1 Definition: Sexarbeit

Das Oxford English Dictionary definiert “Sex Work” als “work in the sex industry, esp. prostitution” und Sex Workers als “a person who works in the sex industry, esp. a prostitute” und fügt bei beiden Artikeln folgende Bemerkung an: “usually used with the intention of reducing negative connotations and of aligning the sex industry with conventional service industries” (vgl. Oxford English Dictionary, Online-Version). Zum einen wird hier also auf die negative Konnotation von Prostitution hingewiesen und zum anderen die entsprechende Tätigkeit im Bereich des Dienstleistungssektors verortet. Beiden Vorschlägen möchte ich in meinen Betrachtungen folgen.2

„Sex Work“ und „Webcam Girls“

Ich verwende den Begriff „Sex Worker“ synonym zum Begriff „Sexarbeiter“, um damit eine sehr weite Definition von Sexarbeit gegen eine enge Definition, die ausschließlich klassische Prostitution meint, abzugrenzen. In diese weite Definition von Sexarbeit fallen PornodarstellerInnen, StripperInnen, AnbieterInnen von Tele- fonsex und eben Webcam-Girls3, die im Fokus dieser Arbeit stehen. Tatsächlich gibt es zum spezifischen Forschungsfeld sexueller Dienstleistungen ohne physischen Kundenkontakt bisher extrem wenig empirische Evidenz. Ronald Weitzer bemerkt dazu: „In-depth sociological work on the porn industry and its workers is almost nonexistent […] Likewise, little is known about telephone sex agencies and their employees” (Weitzer 2009: 2). Weitzer stellt in seinem Artikel “Sociology of Sex Work” eine Verbindung zwischen diesem Forschungsfeld und klassischer Prostitution her. Die Auswertung seiner Befragung von Prostituierten ergab, dass einige von ihnen, bevor sie zur „klassischen“ Prostitution übergingen, in anderen Branchen der Sexindustrie gearbeitet haben: „strip clubs, phone sex, online entertainment“ (Weitzer 2009: 3) und daraufhin begannen, mit Prostitution zu experimentieren. Des Weiteren nennt Weitzer positive und negative Aspekte der Sexarbeit, die bei diesen Befragungen genannt wurden. Als negativ wird geschildert, dass die Sexarbeiterinnen in unterschiedlichem Maße erlebten, dass ihre persönlichen Grenzen von Kunden überschritten wurden (vgl. Weitzer 2009: 2). „On the positive side, many dancers find the work exciting, validating, and lucrative. In addition to receiving daily compliments, tips, and gifts from customers, dancers may develop a genuine fondness for some of them, especially the regulars” (ebenda). Er führt aus, dass finanzielle Motive die Hauptmotivation für diese Art von Arbeit sind, unter anderem mit dem Ziel, finanzielle Unabhängigkeit zu realisieren (vgl. Weitzer 2009: 3)4.

Die Begriffe „Webcam Girls“ oder kurz „Senderinnen“ meinen Personen, in der Regel Frauen, die auf Erotikplattformen im Internet ihre Dienste gegen Geld anbieten. Die Tätigkeit ist in jedem Fall dadurch gekennzeichnet, dass das Webcam-Girl mittels einer Webcam für den Kunden live zu sehen ist. Darüber hinaus können sich ihre Handlungen von reinem Chatten oder Tonübertragung via Mikrofon über Striptease vor der Cam bis zur Live-Selbstbefriedigung mit oder ohne Sexspielzeug erstrecken. Es handelt sich also nach Auffassung der Forscherin5 um Sexarbeit im weiteren Sinne, da zwar ein Austausch von Geld gegen „Erotik“ zustande kommt, aber kein physischer Kontakt zwischen Kunde und Webcam-Girl existiert.

Die Erotikplattform dient dabei als Mittler zwischen Kunde und Webcam Girl: Stellt die Internetpräsenz zur Verfügung, übernimmt das Einfordern der Bezahlung von den Kunden sowie die Auszahlung an die Webcam Girls. Diese Auszahlung findet jedoch nicht immer direkt statt, da ein Teil der Webcam Girls in professionellen Webcam- Studios arbeitet, in denen entsprechende Arbeitsplätze mit schnellen Rechnern, hochauflösenden Webcams und Mikrofonen, die meist auf ein Bett ausgerichtet sind, zur Verfügung gestellt werden. Die Bezahlung erfolgt in diesem Falle von der Erotik- plattform an das Webcam-Studio und von diesem an die Webcam Girls. Von dem Betrag, den der Kunde bezahlt, behalten dabei die Erotikplattform und das Webcam- Studio jeweils einen Teilbetrag für ihren Service ein. Die Interviewten in der vor- liegenden Arbeit arbeiten allesamt in solchen Webcam Studios.

Sex als Dienstleistung

Der Begriff Dienstleistung wird im Wörterbuch der Soziologie folgendermaßen umschrieben: „Dienstleistungen, im Gegensatz zur Produktion von Gütern im eigent- lichen Sinne jene Tätigkeiten, die in persönlichen Diensten von Personen bzw. Organisationen bestehen. […] Mit der fortschreitenden Vergrößerung des Tertiären Sektors zum dominierenden Tätigkeitsbereich entwickelt sich die moderne Industrie- gesellschaft weiter zur Dienstleistungsgesellschaft“ (Hillmann 2007: 151). Zum Berufsprofil in Dienstleistungsunternehmen gehört ein stets freundliches Auftreten gegenüber den Kunden. Von Mitarbeitern wird daher neben ihrer Fachkompetenz auch eine effektive Emotionsarbeit erwartet: Gefühle müssen zum Zweck der Kundenbindung gezielt eingesetzt werden. Bei Arlie Hochschild wird der Dienstleistungsbereich wie folgt definiert: „Berufe dieses Typus weisen drei gemeinsame Merkmale auf. Erstens erfordern sie Kundenkontakt von Angesicht zu Angesicht oder von Stimme zu Stimme. Zweitens verlangen sie, dass die Angestellten bei ihren Kunden einen bestimmten Gefühlszustand hervorrufen, wie etwa Dankbarkeit oder Angst. Drittens ermöglichen sie dem Arbeitgeber mit Hilfe von Ausbildung und Überwachung ein bestimmtes Maß an Kontrolle über das Gefühlsverhalten der Angestellten“ (Hochschild 1990: 120).

Aufbauend auf der oben erfolgten Festlegung der Begriffe „Sexarbeit“ und „Webcam Girl“ kann die Sexindustrie im Allgemeinen, und dabei die Arbeit als Webcam Girl im Besonderen, als Arbeit in der Dienstleistungsbranche verstanden werden, in der das Beherrschen von Emotionsarbeit erwünscht und von Vorteil ist. Bevor nun genauer erläutert wird, was mit „Emotionsarbeit“ gemeint ist, folgen noch einige theoretische Vorüberlegungen und Bezüge aus soziologischer Perspektive.

2.2 Goffman: Theoretische Vorüberlegungen

Erving Goffmans erstmals 1959 erschienenes Werk „Wir alle spielen Theater“ ist aus verschiedenen Gründen besonders prädestiniert, die Fragestellung dieser Arbeit theoretisch auszuleuchten (Goffman 2009).

Er ist bekannt für seine „dramaturgische“ Soziologie, in die sich auch sein Zugang zu Emotionen eingliedert. Seine grundlegende Idee ist, dass wir alle „Darsteller“ auf einer „Bühne“ sind, die mit anderen sich darstellenden Personen interagieren. „In den meisten sozialen Situationen, so Goffman, verhalten sich Menschen wie auf einer Bühne und spielen eine Rolle“ (Schäfer 2010: 113). Die Bühne, auf der das Stück gespielt wird, wird durch eine Hinterbühne ergänzt. Dieses Modell von Vorder- und Hinterbühne sowie einige andere Begrifflichkeiten sind hervorragend geeignet, um auf die Situation vor und „hinter“ der Webcam übertragen zu werden. Weiterhin ist Goffman, in der Tradition Simmels und als Vorreiter Hochschilds, einer der wich- tigsten Vertreter der Soziologie der Emotionen. Außerdem bezieht er sich in seinen Ausführungen häufig auf den Dienstleistungsbereich, und wie bereits erörtert, handelt es sich bei der Erotikbranche um nichts anderes. Auf diese drei Aspekte möchte ich in diesem Kapitel kurz eingehen.

Vorder- und Hinterbühne

„Die Darstellung der Einzelnen auf der Vorderbühne kann man als Versuch ansehen, als wollte er den Eindruck erwecken, seine Tätigkeit in dieser Region halte sich an gewisse Normen.“ (Goffman 2009: 100). Mit den gewissen Normen meint Goffman die Regeln der Höflichkeit und des Anstandes. Diese Normen sind als gesell- schaftlich vorgegebene Gefühlsregeln zu verstehen. Die Vorderbühne ist geprägt durch Interaktion, denn die Darstellung auf ihr wird nicht ausschließlich dem Publikum - also der Gesellschaft an sich - gegeben, sondern auch den mitwirkenden Darstellern. Ergänzt wird sie durch die Hinterbühne, die definiert werden kann als „der zu einer Vorstellung gehörige Ort, an dem der durch die Darstellung her- vorgerufene Eindruck bewusst und selbstverständlich widerlegt wird. […] Hier kann sich der Darsteller entspannen; er kann die Maske fallen lassen, vom Textbuch abweichen und aus der Rolle fallen.“ (Goffman 2009: 104-105). Hier ist von einer „Maske“ die Rede, einer Fassade, die auf der Vorderbühne aufrechterhalten werden muss. Die Fassade charakterisiert Goffman, indem er schreibt, dass es sich empfiehlt „denjenigen Teil der Darstellung des Einzelnen ‚Fassade‘ zu nennen, der regelmäßig in einer allgemeinen und vorherbestimmten Art dazu dient, die Situation für das Publikum der Vorstellung zu bestimmen“ (Goffman 2009: 23). Das Individuum tut dies mithilfe eines standardisierten Ausdrucksrepertoires, zu dem auch Mimik, Gestik und Körperhaltung gezählt werden. Wenn in der vorliegenden Arbeit der Begriff Präsentationsfassade fällt, ist von dieser Definition auszugehen. Die Webcam Girls, so die Vorannahme der Forscherin, liefern vor der Cam mittels einer bestimmten Fassade eine Show ab, die „hinter“ der Cam, also wenn diese aus ist, endet.

Goffman zu Emotionsarbeit

Die von Arlie Hochschild ausgebauten und ergänzten Ideen zur Arbeit an den eigenen Emotionen und deren Darstellung finden sich in ihren Grundzügen bereits in Goffmans Werk. Er schreibt: „Man erwartet im Gegenteil von jedem Teilnehmer [der Gesellschaft, Anm. d. Verf.] dass er seine unmittelbaren und tieferen Gefühle unterdrückt und einen Aspekt der Situation ausdrückt, den seiner Ansicht nach die anderen wenigstens vorübergehend akzeptieren können.“ (Goffman 2009: 13). Emotionsarbeit beziehungsweise das Beherrschen der eigenen Gefühle gehört also für Goffman zu den Aspekten, die Gesellschaft überhaupt erst als solche funktio- nieren lassen. Er fährt fort: „Für unsere Analyse derartiger Darstellung wird es sich als nützlich erweisen […] zu untersuchen, wieweit der Einzelne selbst an den Anschein der Wirklichkeit glaubt, den er bei seiner Umgebung hervorzurufen trachtet“ (Goffman 2009: 19). Hier lässt sich bereits eine Beziehung zu der, von Hochschild explizierten, Diskrepanz zwischen „Deep Acting“6 und „Surface Acting“ erkennen: „Glaubt“ der Darsteller seine Darstellung, betreibt er „Deep Acting“, glaubt er sie nicht, betreibt er „Surface Acting“. Welche Form von Emotionsarbeit bei Webcam Girls vorrangig vorliegt, bleibt zu klären.

Goffman zum Dienstleistungsbereich

Erving Goffman bezieht sein Theater-Modell ausdrücklich auch auf den Bereich der Arbeitswelt. Insbesondere im Dienstleistungsbereich sieht er eine erhöhte Anforderung an das Darstellungsvermögen der Arbeitnehmer: „Wir wissen, dass im Dienstleistungsgewerbe Menschen, die sonst aufrichtig sind, gelegentlich gezwungen werden, ihre Kunden zu täuschen, weil diese ein tiefes Bedürfnis danach äußern“ (Goffman 2009: 20). Da die Erotikbranche im Rahmen dieser Arbeit dem Dienstleistungsgewerbe zugeordnet wird, ist davon auszugehen, dass auch hier die Notwendigkeit besteht, „den Kunden zu täuschen“ beziehungsweise eine möglicherweise von ihm erwartete Idealsituation zu evozieren.

Arlie Hochschild kritisiert Goffmans Sicht auf Gefühle folgendermaßen: „Goffman stellt die Nutzung der Gefühle klar heraus; weniger klar bleibt jedoch, wie die Einzelnen ihre Gefühle, unabhängig von der Gruppe, in der sie sich bewegen, handhaben können“ (Hochschild 1990: 171). Sie bemängelt also eine gewisse Oberflächlichkeit seines Blickwinkels: „Um eine Vorstellung vom inneren Handeln entwickeln zu können, benötigen wir ein vorgängiges Konzept eines Selbst mit einem entfalteten inneren Leben. Im Allgemeinen fehlt die Vorstellung eines derartigen Selbst bei Goffmans Akteuren“ (Hochschild 1990: 173). Wie Arlie Hochschild ihren Beitrag zur Soziologie der Emotionen gestaltet, wird im nun folgenden Kapitel ge- zeigt.

2.3 Emotionen und Emotionsarbeit

Arlie Hochschild entwickelte Goffmans Theorie weiter und ist eine der wichtigsten Vertreter der Emotionssoziologie. Ich beziehe mich hier zunächst, um einen Über- blick über ihre Theorie zu geben, auf einen frühen Artikel von ihr, „Emotion Work, Feeling Rules, and Social Structure“, der 1979 im „Journal of Sociology“ (Hochschild 1979) veröffentlich wurde und viele Aspekte aus ihrem ersten Buch „Das gekaufte Herz“ (Original: „The managed heart“; Hochschild 1990) bereits vorweg nimmt und zusammenfasst.

Was sind Emotionen?

Dieser Abschnitt soll die Frage klären, wie Hochschild Emotionen definiert. Sie geht bereits auf der ersten Seite ihres Artikels auf diese Frage ein: „I define emotion as bodily cooperation with an image, a thought, a memory - a cooperation of which the individual is aware.” (Hochschild 1979: 551, im Quelltext Fußnote 2). Das Individuum ist sich also seiner Gefühle, die eine körperliche Antwort auf Gedanken, Eindrücke und Erinnerungen darstellen, bewusst. Im Folgenden stellen sie zwei Blickwinkel dar, aus denen man den Forschungsgegenstand „Gefühl“ betrachten kann: Die or- ganische Sicht reduziert Emotionen auf eine biologisch prädestinierte Instink- treaktion, vergleichbar etwa mit dem Kniescheiben-Reflex. Diese Sicht rekurriert auf Darwin, James, Collins sowie den frühen Freud (vgl. Hochschild 1979: 553-554). Die interaktive Sicht hingegen geht von sozialpsychologischen Faktoren aus, die auf die Emotionen des Individuums einwirken. Zu Theoretikern dieses Standpunktes zählt Hochschild unter anderem Goffman, Lazarus und den späten Freud (vgl. Hochschild 1979: 554). Hochschild schließt sich der interaktiven Sichtweise an. Sie führt dazu aus: “It suggests that normal adults, […] have a considerable capacity to control emotion. It is more control than one might expect from a small child, an insane adult, or an animal, from all of which Freud in his earlier writings and Darwin drew inspiration. But since it is the emotive experience of normal adults we seek to understand, we would do well to begin with the interactive account.” (Hochschild 1979: 555). In der vorliegenden Arbeit wird in allen Punkten von Hochschilds Definition von Emotionen ausgegangen.

Reglungsmechanismen des Emotionsausdrucks

Nun soll gezeigt werden, welche Optionen dem Individuum nach Hochschild zum Emotionsmanagement zur Verfügung stehen. Sie führt aus: „The self as emotion manager is an idea that borrows from both sides - Goffman and Freud - but squares completely with neither“ (Hochschild 1979: 555). Sie geht von einem Individuum aus, dem bewusst ist, wann welches Gefühl unangebracht ist, wenn sie schreibt: „If we are to investigate the ways people try to manage feeling, we shall have to posit an actor capable of feeling, capable of assessing when a feeling is ‘inappropriate’, and capable of trying to manage feeling.” (Hochschild 1979: 557). Hochschilds Theorie zufolge betreibt jeder (sozialkompatible) Mensch „Emotion Work“ (Emotionsarbeit). Hochschild dazu: „To invoke the Freudian vocabulary, the image here is not that of a `runaway id7, but of an ego and superego, acting upon, shaping, nagging, however ineffectively, temporary, or consciously, the id” (Hochschild 1979: 554). Emotionsarbeit definiert Hochschild folgendermaßen: „[…] a human capacity for, if not the actual habit of, reflecting on and shaping inner feelings, a habit itself distributed variously across time, age, class, and locale” (Hochschild 1979: 557). Sie unterscheidet zwischen zwei Typen von Emotionsarbeit: Dem Heraufbeschwören (evocation) und dem Unterdrücken (suppression) von Gefühlen (vgl. Hochschild 1979: 561): „[…] evocation, in which the cognitive focus is on a desired feeling which is initially absent, and suppression, in which the cognitive focus is on an undesired feeling which is initially present.” (Hochschild 1979: 56, Hervorhebungen im Original). Sie geht auf drei Facetten der Emotionsarbeit ein: die kognitive (Veränderung von Gedanken und Ideen), die körperliche (Veränderung von physischen Symptomen) und die expressive Ebene (Versuchen zu lächeln oder zu weinen); (vgl. Hochschild 1979:562). „These three techniques are distinct theoretically, but they often, of course, go together in practice.” (Hochschild 1979: 562). Die Emotionsarbeit wird Gefühlsregeln (“Feeling Rules”) entsprechend geleistet, die von der Gesellschaft vorgegeben sind.

Emotionsarbeit ist laut Hochschild auch intersubjektiv möglich: „Emotion work can be done by the self upon the self, by the self upon others, and by others upon oneself.” (Hoschschild 1979: 562). Man kann also die eigenen Gefühle managen (the self upon the self“), die Emotionen anderer manipulieren („the self upon others“), und die eigenen Emotionen können andererseits Manipulationsversuchen von außen aus- gesetzt sein („others upon oneself“). Dieser Aspekt ist für die vorliegende Arbeit von größter Bedeutung, da vermutlich alle drei genannten Formen bei der Arbeit der Webcam Girls vorkommen.

Emotionsarbeit

Hier bezieht sich die Arbeit nun auf Abschnitte aus Hochschilds erstem Buch „Das Gekaufte Herz: Zur Kommerzialisierung der Gefühle“ (Hochschild 1990), um den Begriff „Emotionsarbeit“ vertiefend zu verdeutlichen. Auch bei Arlie Hochschild ist das „im Griff haben“ der eigenen Gefühle - ähnlich wie bei Goffman - essentiell für das reibungslose Funktionieren von Interaktionen. Sie bemerkt, der Versuch zu fühlen gehöre „zu dem Prozess, der die Dinge, mit denen wir in Berührung kommen und die wir manipulieren, in ein Gefühl oder eine Empfindung verwandelt.“ (Hochschild 1990: 4, Hervorhebungen im Original).

Häufig wird „Emotionsarbeit“ lediglich gleichgesetzt mit dem präsentieren einer für gewisse Berufe erwünschten Fassade. Tatsächlich geht die Bedeutung des Begriffes aber weit darüber hinaus: „Beim Gefühlsmanagement handelt es sich nicht bloß um private Handlungen; sie werden in Tauschsituationen angewandt und richten sich nach allgemeinen Gefühlsnormen, die uns als Richtschnur für die in bestimmten Situationen jeweils erwarteten Emotionen dienen“ (Hochschild 1990: 41-42). Be- sonders tiefgreifend und dadurch erfolgversprechend ist dafür das bereits oben erwähnte „Deep Acting“: „Hier wird die Darstellung zum natürlichen Ergebnis der Gefühlsarbeit. Der Handelnde versucht nicht bloß, glücklich oder traurig zu erscheinen; es geht ihm vielmehr darum, ein selbstinduziertes wirkliches Gefühl spontan zu zeigen.“ (Hochschild 1990: 53). Im Gegensatz dazu wird das „Surface Acting“ vom Subjekt selbst als Fassade wahrgenommen. „Beim Oberflächenhandeln empfinde ich den Ausdruck auf meinem Gesicht oder die Haltung meines Körpers als ‚aufgesetzt‘. Es ist kein ‚Teil von mir‘“ (Hochschild 1990: 54). Hochschild unter- scheidet zwischen durch Oberflächenhandeln gezeigten Gefühlen und den tat- sächlichen Gefühlen einer Person, die im Rahmen dieser Arbeit noch relevant werden wird.

Emotionsarbeit bedeutet also bei Arlie Hochschild nicht nur, dass es Berufe gibt, in denen bestimmte Gefühlsausdrücke gefordert werden. Es meint viel mehr: Das kon- krete Bearbeiten der eigenen Gefühle, das Hervorrufen oder Verdrängen von Emo- tionen, die aufgrund gesellschaftlich geprägter Gefühlsregeln gerade angebracht oder unangebracht erscheinen - und zwar im Allgemeinen, nicht nur in Bezug auf das Berufsleben. Dennoch existieren, allen voran in der Dienstleistungsbranche, Berufe, in denen die Fähigkeit zur erfolgreichen Manipulation der eigenen Gefühle besonders erwünscht ist. Hochschild führt dazu aus: „Ein Unternehmen, das eine

Nachfrage für eine Dienstleistung erzeugen möchte, präsentiert sich mit lachendem Gesicht und sanft bittender Stimme. Hinter dieser Angebotsfassade werden von den Mitarbeiter Gefühle der Sympathie, Vertrauenswürdigkeit und guter Wille verlangt“ (Hochschild 1990: 111). Besonders erfolgreich betreibt nach Hochschild die Mittel- klasse Emotionsarbeit und gibt die dazu benötigten Fähigkeiten im Zuge ihrer Status- reproduktion an ihren Nachwuchs weiter. Sie erläutert dazu: „Eltern, die Gefühls- arbeit berufsmäßig verrichten, werden ihren Kindern die Bedeutung des Gefühls- managements vermitteln und sie darauf vorbereiten, jene Fähigkeiten zu erlernen, die sie vermutlich für ihren künftigen Beruf benötigen“ (Hochschild 1990: 44). Nahe- liegend ist daher die Vermutung, dass Interview-Partnerinnen mit Mittelklasse- Herkunft den Webcam-Job im Vergleich zu Kolleginnen mit anderem Klassenhinter- grund besonders erfolgreich bewältigen.

Abschließend fasst Hochschild den Bezug zwischen Emotionsarbeit und der Dienstleistungsbranche folgendermaßen zusammen:

„Gefühlsarbeit [ist] nicht länger Privatsache; sie wird als Ware angeboten und gekauft. Der Einzelne bestimmt nicht mehr selbst über seine Gefühlsarbeit, sondern er wird dabei von bezahlten Fachkräften angeleitet, die das Personal auswählen, ausbilden und überwachen. […] Gefühlsarbeit, die sie regulierenden Gefühlsnormen und der Gefühlsaustausch werden von einem untergründig eingeführten Profitmotiv beherrscht“ (Hochschild 1990: 110).

Hochschild widmet im Kapitel 8 „Geschlecht, Status und Gefühl“ einen erheblichen Teil ihrer Ausführungen den Geschlechterdifferenzen bei der Gefühlsarbeit und deren Gründen. „Ganz im Allgemeinen wird Frauen unterstellt, dass sie ihre Gefühle besser steuern können als Männer und von dieser Fähigkeit häufiger Gebrauch machen. […] Und weil gut beherrschte Gefühle äußerlich von spontanem Empfinden kaum zu unterscheiden sind, verwechselt man die Eigenschaft ‚stärker von Gefühlen betroffen sein‘ leicht mit Gefühlen, die anlässlich bestimmter Situationen willkürlich beeinflusst werden“ (Hochschild 1990: 134, Hervorhebungen im Original). Sie schildert daraufhin das Phänomen der „Surplus-Gefühlsarbeit“, das für die vor- liegende Arbeit als relevant gelten kann. Es handelt sich dabei um „eine Ge- fühlsarbeit, die das Wohlbefinden und den Status anderer Unterstützt, verstärkt und aufwertet“ (Hochschild 1990: 135). Wie wir sehen werden, spielt die „Surplus-Ge- fühlsarbeit“ auch für Webcam-Girls eine Rolle. Hochschild führt aus, dass in der

[...]


1 Vgl. u.a. Sanders 2004: “Sex Work. A Risky Business”; Brewis 2000: “Sex, Work and Sex Work Eroticizing Organization”; Gall 2006: “Sex Worker Union Organising. An International Study”

2 Unter Prostitution verstehe ich hier „eine erwerbsmäßig betriebene Form des sexuellen Verkehrs, bei der eine Person ihren Körper gegen Entgelt vorübergehend einer anderen Person zu deren sexueller Befriedigung zur Verfügung stellt“ (Hillmann 2007: 711)

3 Tatsächlich gibt es auch Webcam-Boys bzw. gemeinsam sendende Paare. Diese sind allerdings erheblich seltener als weibliche Darstellerinnen. Daher wird von einer durchgehenden Genderung abgesehen.

4 Darauf aufbauend möchte ich beide Aspekte, sowohl den Umgang mit persönlichen Grenzen in diesem Arbeitsbereich als auch die Einkommenshöhe als Motivationsfaktor, in dieser Arbeit prüfen.

5 „Die Forscherin“ steht hier stets für die Verfasserin der vorliegenden Arbeit.

6 Nähere Begriffserläuterung im folgenden Kapitel.

7 Kurzform für „identity“

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Emotionsarbeit in der Erotikbranche
Untertitel
Eine qualitative Studie am Beispiel von Webcam-Girls
Hochschule
Universität Leipzig  (Kulturwissenschaften)
Note
2
Autor
Jahr
2012
Seiten
46
Katalognummer
V265954
ISBN (eBook)
9783656607885
ISBN (Buch)
9783656607861
Dateigröße
2369 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
emotionsarbeit, erotikbranche, eine, studie, beispiel, webcam-girls
Arbeit zitieren
Maria Bischof (Autor), 2012, Emotionsarbeit in der Erotikbranche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265954

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