L. N. Tolstoj „Der Tod des Ivan Il’ič“. Bedeutung und Gestaltung des Sterbe- und Erkenntnisprozesses


Hausarbeit, 2011
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zusammenfassung der Novelle

3. Sterbeprozess

4. Erkenntnisprozess

5. Definition und Deutung der Krankheit Ivan Il’ičs, ein Versuch

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

„Dies ist die gewaltigste Sterbegeschichte, die jemals geschrieben.“1

So bezeichnet Käte Hamburger Lev Tolstojs 1886 erschienenes Werk „Der Tod des Ivan Il’ič“ (Original: Смерть Ивана Ильича) in ihrer Monographie „Tolstoi“. Eine Aussage, die neugierig macht, das Werk des großen russischen Literaten genauer zu betrachten. Im weiteren Verlauf meiner Hausarbeit werde ich versuchen diese zu belegen und die Gründe hierfür herausarbeiten. Betrachten werde ich im einzelnen zunächst den Sterbeprozess Ivan Il’ičs, im Anschluss daran seinen damit zusammen hängenden Erkenntnisprozess, um abschließend zu einem Versuch der Definition und Deutung seiner Krankheit zu kommen.

Während meiner Arbeit griff ich auf diverse Abhandlungen über Tolstoi direkt, weitere seiner Werke, Fachliteratur zum Thema Tod, sowie der Hilfe zweier Mediziner zurück. Die von mir zu Grunde gelegte Ausgabe der Novelle stammt aus dem Reclam Verlag.

Zusammenfassung der Novelle

In „Der Tod es Ivan Il’ič“ beschreibt L. Tolstoj das private Leben und beruflichen Werdegang des Juristen Ivan Il’ič bis hin zu dessen, nach langer Krankheit eintretenden, Tode. Das Buch beginnt in der Zeit unmittelbar nach dem Ableben, die ehemaligen Kollegen und die Familie des Toten werden gezeigt, wie sie mit der Situation umgehen. Bissig vermag Tolstoj darzustellen, wie alles weiterhin seinen gewohnten Gang geht und ein jeder versucht, die Pflichttermina möglichst schnell hinter sich zu bringen und zum Alltag zurückzukehren. Im weiteren Verlauf erfahren wir mehr über das Leben Ivan Il’ičs, seine familiäre Herkunft, Vater und Brüder. Aus diesen sticht er besonders hervor, wird als „le phénix de la famille“2 tituliert. Sein beruflicher Werdegang geht stetig bergauf, wenn auch nicht geradlinig, sondern mit der ein oder anderen teils längeren Pause. Nichtsdestotrotz steht er schlussendlich dort, woraufhin er immer hingearbeitet hat: als etabliertes Mitglied der feinen Gesellschaft, der er sich schon immer zugetan sah. Er heiratete mehr zufällig denn aus Liebe die ihm standesgemäß erscheinende, aus einem „guten adligen Geschlecht“3 entstammende Praskowja Fjodorowna, die ihm im Verlauf ihrer Ehe vier Kinder schenkte, von denen zwei allerdings früh starben. Auf seinem Wunschposten angelangt, in seiner Wunschwohnung angekommen und ein wünschenswertes Familienleben führend, ist Ivan Il’ič in seinem persönlichen Olymp angekommen4, als ihn im zweiten Teil des Buches das Schicksal der todbringenden Krankheit ereilt. Hierin schildert Tolstoj minutiös den sich erst langsam, dann schneller und schneller verschlechternden Zustand des Kranken und seine sowohl physischen als auch psychischen Leiden. Am Ende des Werkes steht der Tod des Protagonisten, zeitlebens „ein braver Familienvater, ein rechtschaffener Ehegatte, ein guter Freund, ein ordentlicher Beamter, aber im allgemeinen - nichts.“5

Sterbeprozess

Lew Tolstoj geht in seiner Erzählung „Der Tod des Ivan Il’ič“ so detailliert auf den Sterbeprozess eines einzelnen ein, wie in keinem anderen seiner Werke, wie kaum ein anderer Schriftsteller sonst. Er beschreibt das Hinsiechen des Protagonisten in all seinen Facetten sowohl auf physischer, als auch auf psychischer Ebene. Das Buch beginnt, da ist Il’ič bereits verstorben, über die Vorgeschichte hinweg, beginnt ab der 34. Seite des Buches allmählich das Unheil. Nebenbei, fast zufällig, erfahren wir von einem nichtigen Haushaltsunfall Il’ičs, mit keinen erwähnenswerten Folgen. „Die Stelle, an der er sich gestoßen hatte, tat weh, aber der Schmerz verging bald.“6 Der Leser vergisst diesen Vorfall beinahe, da er in all dem Glück und Erfolg des Lebens des Justizbeamten fast vollständig untergeht. Wenige Seiten später hätte Tolstoj seine Novelle bereits beenden können, hätte er ein Happy End im Sinne gehabt. Doch er fährt fort und nach diesem Hoch erscheint der einsetzende Absturz umso drastischer, der Fall umso tiefer. Erstmalig auftauchend auf Seite 39 „Denn das konnte man doch wohl nicht Krankheit nennen, wenn Iwan Iljitsch zuweilen erzählte, er hätte so einen sonderbaren Geschmack im Munde und eine unangenehme Empfindung in der linken Bauchgegend.“7 Erfährt der Leser vom aufziehenden gesundheitlichen Unheil. Von nun an verschlechtert sich sein Zustand progressiv. Zum einen veranschaulicht Tolstoj dies durch immer kürzer werdende Zeitabschnitte der Handlung. Beschreibt er zu Beginn einen Zeitraum von zwei Monaten, gefolgt von einer dreimonatigen Phase, so werden es in den drauffolgenden Kapiteln zwei Wochen, wiederum zwei Wochen, dann drei Tage und schließlich nur noch zwei Stunden. Währenddessen verschlimmern sich sowohl seine Schmerzen, als auch der Geschmack in seinem Mund. Er verliert an Gewicht, an Kraft, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. „Iwan Iljitsch sperrte die Tür ab und begann sich im Spiegel zu betrachten - von vorn wie auch von der Seite. Dann nahm er ein Porträt, das ihn mit seiner Frau zeigte, und verglich dieses Porträt mit dem, was er im Spiegel sah. Der Unterschied war gewaltig.“8 Trotz aller Versuche, sich vom Gegenteil, von einer Verbesserung seiner Lage selbst zu überzeugen - sei es durch Arztkonsultationen, sei es durch die wohlgemeinten Worte seiner Angehörigen - muss er mehr und mehr den Tatsachen ins Auge sehen, dass seine Lage hoffnungslos ist. Als er auch seiner Arbeit am Gericht nicht mehr nachgehen kann, es im unmöglich ist, mit seinen Freunden weiterhin einen Whist zu spielen, verbringt er den Großteil der Zeit zu Hause. Zu anfangs noch unterbrochen von dem ein oder anderen Besuch bei Ärzten, zum Ende hin nur noch an Bett, schlussendlich an den Diwan gefesselt. Er hält seinen Schmerzen nur noch durch die reichliche Gabe von Morphium und Opium aus, selbst die einfachsten Dinge werden zu großen Hindernissen für ihn „Zur Verrichtung seiner Notdurft wurden ebenfalls besondere Vorkehrungen getroffen, und jedesmal war es eine Qual.“9 Die letzten Tage verbringt er auf seinem Diwan liegend, mehr mit sich selbst kommunizierend, als mit seiner Umgebung.10 Nicht nur sein Körper ist angegriffen, auch sein Geist leidet und verfällt zusehends. Gegenüber seinen Mitmenschen verhält er sich aggressiv, voller Sarkasmus „Er sah die Tochter so an, wie zuvor seine Frau und entgegnete ihr auf die Frage nach seinem Befinden trocken, dass er alle bald von seiner Gegenwart befreien würde.“11. Kurze Zeit darauf verschlechtert sich sein Gesundheitszustand weiter, Atemnot tritt ein und das Finale läutet „jener drei Tage lang ohne Unterbrechung währende Schrei ein, der so grauenhaft war, dass man ihn noch hinter zwei Türen nicht ohne Entsetzen vernehmen konnte.“12 Nicht nur die vorhergegangene Phase der Aggressivität wird von ärztlichen Psychologen bestätigt13, auch das letzte Aufbäumen und die darauffolgende Ruhe, Schmerzfreiheit ist typisch für den Sterbevorgang „„Unmittelbar vor dem Tode [mindert sich] das Bedürfnis nach schmerzstillenden Mitteln“, beobachten heutige Ärzte bei Sterbenden.

[...]


1 Hamburger, Käte: Tolstoi. Gestalt und Problem. Göttingen 19632, S.67.

2 (frz.) der Stolz der Familie. Tolstoi, Leo: Der Tod des Iwan Iljitsch. Stuttgart 1965, 1992, S. 18.

3 Ebd. S. 24.

4 Dieser Teil des Buches endet mit „(...) und alles war in bester Ordnung.“, der folgende beginnt mit „Alle waren gesund.“, womit der Leidensweg des I. Il’ic beginnt. Tolstoi 1965, 1992, S. 39.

5 Aldanoff, M.A.: Das Rätsel Tolstoi. Paderborn 1928, S. 69.

6 Tolstoi 1965, 1992, S. 34. Ob dieser Unfall ursächlich für die Krankheit war oder nicht, mehr eine falsche Fährte, auf die Tolstoi führen will, darauf gehe ich im Kapitel Definition & Deutung genauer ein.

7 Tolstoi 1965, 1992, S.39.

8 Tolstoi 1965, 1992, S. 50.

9 Ebd. S. 60.

10 Allein in diesem von Tolstoi beschriebenen Bild, zeigt sich dessen ganze Klasse: „Er kehrt sich, auf der Seite liegend, der Wand zu, eine Hand unter die Wange geschoben und damit instinktiv die alte Stellung der Todgeweihten einnehmend, die mit der Welt und den Menschen abgeschlossen haben. So lagen die Juden des Alten Testaments; an diesen Zeichen erkannte man noch im Spanien des 16. Jahrhunderts die nur oberflächlich christianisierten marranos; so starb auch Tristan: „Er kehrte sich der Wand zu.“. Ariès, Phillipe: Geschichte des Todes. München 200511, S. 734.

11 Tolstoi 1965, 1992, S. 82.

12 Ebd. S. 85.

13 Ariès 2005, S.734.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
L. N. Tolstoj „Der Tod des Ivan Il’ič“. Bedeutung und Gestaltung des Sterbe- und Erkenntnisprozesses
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Slavisches Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V265974
ISBN (eBook)
9783656556848
ISBN (Buch)
9783656556886
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tolstoj, ivan, il’ič, bedeutung, gestaltung, sterbe-, erkenntnisprozesses
Arbeit zitieren
Hannes Blank (Autor), 2011, L. N. Tolstoj „Der Tod des Ivan Il’ič“. Bedeutung und Gestaltung des Sterbe- und Erkenntnisprozesses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265974

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