Probleme mit Hunden lösen – aber richtig

Das Handbuch für Hundebesitzer


Fachbuch, 2013
171 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. VORWORT

2. GRUNDLAGENWISSEN, EIN ÜBERBLICK
2.1 Lernen bei Hunden
2.2 Motivation
2.3 Tücken physischer Bestrafung oder „Warum kann körperlicher Strafeinsatz im Training mit Hunden nicht effektiv sein?“
2.4 Verhaltensstörung oder störendes Normalverhalten?

3. WICHTIGE SIGNALE UND VERHALTENSKETTEN ALS VORAUSSETZUNGEN UND NÖTIGE „WERKZEUGE“ FÜR DAS TRAINING AN PROBLEMATISCHEN VERHALTENSWEISEN
3.1 Markersignal oder sekundärer positiver Verstärker
3.2 „Freundlicher“ Verhaltensabbruch für „kleinere“ unerwünschte Verhaltensweisen..
3.3 Abbruchsignal mit Alternative/„Lass es“
3.4 Rückorientierung - gemeinsam unterwegs
3.5 „Wir gehen“ - die Blitzwendung oder das Umkehrsignal
3.6 „Zeigen und Benennen“
3.7 Überlagern und Überschreiben von Erregung
3.8 Entspannung/Absenken der Erregung
3.9 Target/Handtarget
3.10 Alternativverhalten/Ersatzverhalten
3.11 Distanzvergrößerung/Distanzverkleinerung

4. DIE EINSTELLUNG DES HUNDEHALTERS - VORAUSSETZUNGEN FÜR DIE ARBEIT AM PROBLEMVERHALTEN
4.1 Emotionen bei Hunden
4.2 Freundlichkeit und Geduld
4.3 Konsequenz
4.4 Klare und eindeutige Kommunikation (Ja-Nein-Kommunikation)
4.5 Souveränität
4.6 Gelassenheit
4.7 Situationsanalyse
4.8 Trainingstagebuch

5. DIE HÄUFIGSTEN PROBLEME
5.1 Vor der Arbeit am Problemverhalten (der Checkup beim Tierarzt)
5.2 „Leinenaggression“ (Hund-Hund-Aggression)
5.3 Jagdverhalten
5.4 Angstprobleme
5.5 Unruhe und Aufregung - Überaktivität und Hyperaktivität
5.6 Forderndes Verhalten
5.7 Territorialverhalten
5.8 Abnorm repetitives Verhalten
5.9 Markierverhalten und Unsauberkeit

BILDNACHWEIS

1. Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

meiner Meinung nach gibt es nur sehr wenige Hundebücher, die konkrete Anleitun- gen zur Arbeit an problematischen und störenden Verhaltensweisen von Hunden enthalten. Diese Anleitungen möchte ich Ihnen bieten, denn die meisten Ratgeber sind nur sehr oberflächlich gehalten. Das Training in Ihrem persönlichen Umfeld können nur Sie mit Ihrem Hund leisten und genau hier kann mein Buch ansetzen. Mir ist besonders wichtig, dass Sie theoretische Hintergründe zum Wie und Warum erhalten, denn nur durch Wissen können Sie Ihren Hund verstehen und erfolgreich mit ihm arbeiten.

Natürlich kann und will ich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Außer- dem setze ich voraus (und bitte Sie inständig), dass Sie sich bei gefährlichen oder auch hartnäckigen Verhaltensweisen bzw. bei starker Angstproblematik immer pro- fessionelle Hilfe holen.

Bitte lassen Sie immer einen tierärztlichen Check-Up bei Ihrem Hund durchführen, bevor Sie dieses Arbeitsbuch benutzen. Es gibt zahlreiche organische, also körperli- che Ursachen für Verhaltensprobleme, die unbedingt ausgeschlossen werden sollten (Schmerzen, Schilddrüsenprobleme, Leberstörungen, Nierenprobleme, einge- schränkte Sinnesleistungen, um nur ein paar Möglichkeiten zu nennen). Liegen jedoch medizinische Probleme vor, so ist der erste Schritt einer erfolgreichen Ver- haltenstherapie, dass diese behandelt werden. Insbesondere bei schmerzhaften Pro- zessen sind Verhaltensprobleme im Zusammenhang mit Aggression (sowohl gegen- über Artgenossen als auch gegenüber Personen) sehr häufig. Lassen Sie deshalb Ihren Hund vorher unbedingt untersuchen, denn ein Training wird wenig bringen, wenn die Ursache der Probleme bestehen bleibt.

Auch starke Angstprobleme, gefährdende Aggression und in hohem Maße auch abnormal repetitive Verhaltensweisen, d. h. Zwangsstörungen, gehören unbedingt in fachliche Betreuung. Arbeiten Sie hier bitte nicht alleine, sondern ziehen Sie einen Tierarzt für Verhaltenstherapie oder einen kompetenten Hundetrainer hinzu, der gewaltfrei arbeitet. Zwangsstörungen, aber auch Angststörungen und Formen der Kognitiven Dysfunktion müssen je nach vorliegendem Stadium unbedingt mit Psychopharmaka behandelt werden. Hier sollte der auf Verhaltensmedizin speziali- sierte Tierarzt kontaktiert werden, denn durch ein alleiniges Training können oft keine ausreichenden Verbesserungen erreicht werden.

Alle Verhaltensweisen, die einen Leidensdruck beim Tier erzeugen, verpflichten Hundebesitzerinnen und Hundebesitzer, dem Hund zu helfen. Und Sie würden die- ses Buch nicht in den Händen halten, wenn Ihnen Ihr Hund nicht sehr am Herzen läge.

Aber ich kenne auch Ihre Probleme als Hundehalter: Meist unterliegen auch Sie einem starken Leidensdruck - daher möchte ich versuchen, Ihnen Kraft und Rü- ckendeckung durch mein Buch zu vermitteln. Geben Sie nicht auf! Sie und Ihr Hund haben es verdient, wieder Freude miteinander zu haben. Also nicht jammern, son- dern anpacken! Die jeweilige Anleitung finden Sie im passenden Kapitel. Dennoch ist es sinnvoll, auch die ersten Kapitel zu lesen, denn dort finden Sie die notwendi- gen „Werkzeuge“. Viel Spaß beim Lesen!

Zu meiner Person:

Seit ich denken kann, habe ich mich um die Haustiere in meiner Umgebung ge- kümmert, seien es die Hunde und Katzen im elterlichen Haus oder auch nur der arme Kettenhund der Tankstelle. Aufgewachsen bin ich in der bayerischen Provinz und durfte nicht nur mit Katzen und Hunden groß werden, sondern habe auf dem benachbarten Hof meines Onkels auch mit vielen anderen Tierarten Umgang gehabt. Nach dem Abitur ging es in die große Stadt zum Studium der Tiermedizin. Dort habe ich relativ bald eine Faszination für die Verhaltenskunde und Verhaltensmedi- zin entwickelt und bin nach meiner Approbation auch im entsprechenden Institut der LMU München „hängen“ geblieben. Nach der Doktorarbeit verschlug es mich in eine Kleintierpraxis, aber auch dort waren die Innere Medizin und die Verhaltens- medizin meine liebsten Bereiche. Parallel arbeitete ich in der tierärztlichen Hunde- schule einer Kollegin, was mir ebenfalls sehr viel Freude bereitete, so dass ich selbst mit dickem Schwangerschaftsbauch und auch nach der Geburt unserer Kinder weiter dort Hunden und ihren Haltern geholfen habe. Vor einigen Jahren zogen wir dann nach Niedersachsen und hier ließ ich mich 2006 mit meiner Praxis für Verhaltens- therapie nieder. Auch die dazugehörige Hundeschule wurde im selben Jahr eröffnet. Seither darf ich vielen Tierbesitzern beim Training Ihrer Hunde, aber auch bei Ver- haltensproblemen und Verhaltensstörungen aller Haustiere helfen. Ich bilde mich ständig fort und darf immerzu weiter lernen, was ich sehr genieße. Und es wird nie langweilig, es ist ein sehr schöner Beruf!

2. Grundlagenwissen, ein Überblick

Jeder, der mit Hunden arbeitet, sollte über ein gewisses Grundlagenwissen verfügen.

Wenn Ihnen nicht bekannt ist, wie Hunde lernen und was Hunde motiviert, dann können Sie auch nicht effektiv mit Ihrem Hund trainieren. Meist beruht ein Training ohne Grundlagenwissen auf Angst, Zwang und Druck. Diese „Gesellen“ sind Gift für das Lernen und für Lernerfolge. Es ist besonders wichtig, zu wissen, wann und in welcher Form bereits Zwang ausgeübt wird - nicht jedem Menschen ist klar, dass schon ein Spritzer Wasser aus einer Wasserpistole und somit ein Erschrecken des Hundes einen sehr aversiven Reiz für den Hund darstellen kann.

Das Thema Strafe bzw. die Vermeidung von Strafreizen werde ich im Kapitel 2.3 detaillierter erklären, denn körperliche Strafen und Schreckreize sollten unbedingt vermieden werden.

In Kapitel 3 werde ich Ihnen eine ausführliche „Toolbox“, also eine Sammlung sinnvoller Signale für die Arbeit am Problemverhalten des Hundes vorstellen. Gleichzeitig möchte ich Ihnen einen Überblick über das Lernverhalten von Hunden sowie deren Motivation verschaffen und Ihnen erklären, weshalb Sie bestimmte Trainingsformen vermeiden sollten. Das Allerwichtigste für ein effektives und zeitgerechtes Training ist ein gut aufgebautes Marker- oder Brückensignal - Näheres hierzu im Kapitel 3, „Wichtige Signale und Verhaltensketten“.

Auf die allgemeinen Signale und Kommandos werde ich nicht näher eingehen, hierzu gibt es zahlreiche gute Bücher sowie viele gute Hundeschulen und Hundetrainer. Was Ihr Hund und Sie beherrschen sollten: Rückruf, Sitz, Platz, Bleiben sowie das Gehen an lockerer Leine.

Sollte im Bereich der Grundsignale und des Alltagstrainings bei Ihnen und Ihrem Hund noch Arbeitsbedarf bestehen, so empfehle ich Ihnen, die Basics in einer ge- waltfrei arbeitenden Hundeschule im Gruppen- oder Einzeltraining zu erlernen oder mittels guter Literatur im Privaten zu trainieren. Die Grundsignale sind für das Ar- beiten am Problemverhalten nicht essentiell, aber sie erleichtern den Alltag unge- mein und können in die Übungsrituale mit eingebaut werden. Es lohnt sich!

2.1 Lernen bei Hunden

Das Thema Lernen bei Hunden füllt ganze Bücher, die Kognitionsforschung läuft auf Hochtouren und wir werden in naher Zukunft immer mehr erhellende Einblicke in die Köpfe unserer Hunde erhalten. Für das Arbeiten an problematischen Verhal- tensweisen Ihres Hundes sollten Sie einen Überblick über die geistigen Möglichkei- ten Ihres Hundes haben.

Es besteht die Möglichkeit, dass Hunde zu umfangreichem kognitivistischem Lernen in der Lage sind - vielleicht viel stärker, als wir es bislang annehmen. Leider sind wir Menschen bis heute nicht in der Lage, diese Art des Lernens beim Vierbeiner direkt und unter Nutzung der menschlichen Sprache fördern zu können - es fehlt schlicht die Möglichkeit der sprachlichen Kommunikation. Wir müssen deshalb einen Weg finden, unseren Hunden mitzuteilen, was wir von ihnen möchten, diese Verhaltensweisen dann unter Signal stellen und entsprechend abrufbar machen. Wir sollten also so kommunizieren, dass unsere Hunde problemlos lernen können.

Lernen ist eine Reaktion eines Lebewesens, die dazu führen soll, bestimmte Situationen so optimal wie möglich zu gestalten (also mit dem größten Nutzen für das Lebewesen) - es ist im engeren Sinne immer eine Anpassung an Gegebenheiten, die durch Verhalten und Verhaltensveränderungen erreicht wird. Tiere lernen nicht, um anderen zu gefallen, sondern immer nur für sich selbst - es geht also um den persönlichen Vorteil und den Erfolg des Verhaltens für das Lebewesen!

Lernen findet immer statt, in jedem Moment des Lebens - die Voraussetzungen sind bei den meisten Hunden gegeben: Gehirn, Augen, Ohren, Nase und andere Sinnes- organe sowie Muskulatur, um das Verhalten auszuführen. Wie wir Menschen lernen Hunde auch außerhalb gezielter Trainingssituationen, das Gehirn kennt kein „Stand- by“. Allerdings ist immer ein Wechsel zwischen Wiederholungen bzw. Anwendung in verschiedenen Situationen und Pausen notwendig, um die neuen Informationen zu speichern und auch zu verarbeiten. Nur so kann die Information aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis „rutschen“ und durch die Wiederholungen an unterschied- lichen Orten und Zeiten gefestigt werden.

Bedenken Sie bitte, dass ein Hund auf Signal immer nur das Verhalten zeigen kann, das Sie ihm beigebracht haben. Dass ein Hund sich so benimmt, wie wir es gerne hätten, ohne dass wir es ihn gelehrt haben, ist leider Wunschdenken. Hunde bleiben Hunde und können nur wie Hunde wahrnehmen und reagieren. Sie haben andere Prioritäten als Menschen, werden manchmal von scheinbar unwichtigen Reizen zutiefst verängstigt und reagieren darauf mit Verteidigung oder Flucht. Hunde können keine Gedanken lesen und wissen nicht, was in einer bestimmten Situation aus menschlicher Sicht erwünscht ist, wenn es nicht trainiert und in genau diesen Situationen geübt wurde. Noch öfter ist es sogar so, dass sich der Mensch keine genauen Gedanken darüber gemacht hat, welches Verhalten sein Hund in einer Situ- ation zeigen soll. In der Arbeit höre ich häufig, wenn ich nach den persönlichen Trainingszielen des Hundebesitzers frage: „Er soll dieses Verhalten einfach nicht mehr zeigen!“ Damit ist es in der Regel nicht getan, denn das Alternativverhalten sollte genau definiert werden - sonst macht ein Training wenig Sinn.

Bitte halten Sie sich immer auch vor Augen, dass Hunde nicht über ein Sprachzent- rum wie wir Menschen verfügen und dass Hunde kein Wortverständnis besitzen. Platt gesagt: Hunde können kein Deutsch - damit ist gemeint, dass Hunde unsere gesprochene Sprache nicht wie wir Menschen verstehen. Worte haben für Hunde primär keine Bedeutung. Jetzt werden Sie vermutlich denken, dass die Hunde doch Kommandos befolgen können - ja, aber diese einzelnen Signale werden (hoffent- lich) sorgfältig konditioniert, sie sind mit einer Signalwirkung verbunden, ver- gleichbar mit einer roten Ampel für uns Menschen. Ein Wortverständnis selbst liegt nicht vor, es ist vielmehr eine Reiz-Reaktions- oder Reiz-Verhaltenskoppelung, die nur dann zum Erfolg für den Hund führt, wenn er das richtige Verhalten auf das Signal hin zeigt. Dies muss der Hund jedoch erst erlernen - er muss „Vokabeln büffeln“. Es hilft also nicht, den Hund mit Kommandos zu überfordern, wenn wir uns nicht die Zeit genommen haben, dem Hund beizubringen, was das Signalwort bedeutet bzw. welche Reaktion wir auf das Signalwort erwarten. Immer lauter zu werden oder Signalworte gar zu brüllen, sorgt lediglich für Angst und Stress beim Hund, was vermieden werden sollte.

Neurobiologisch kommt es im Gehirn bei Lernprozessen zu zahlreichen komplexen Verschaltungen zwischen Nervenzellen und Nervenbahnen sowie Kontaktstellen und zur Beteiligung von Gehirnbotenstoffen und Hormonen. Durch diesen Umbau von Strukturen findet Lernen statt.

Hunde lernen auf mehrere Arten:

2.1.1. Habituation/Gewöhnung

Wenn ein Reiz keine Folgen hat bzw. auf diesen Reiz keine Konsequenz folgt (egal, ob angenehm oder unangenehm), so wird sich der Hund an diesen Reiz gewöhnen und diesem speziellen Reiz keine weitere Beachtung schenken. Gewöhnung ist also ein stetes Nachlassen einer Antwort auf einen Reiz. Der (in diesem Falle nicht das Leben bedrohende) Reiz wird „überhört“ und dies hat keine weiteren Konsequenzen. Die Habituation ist reizspezifisch, d.h., die Gewöhnung findet nur an diesen einen Reiz statt.

Habituation entsteht meist auf unbelebte Umweltreize - würde der Hund jedes Mal auf das laufende Radio oder auf den laufenden Fernseher reagieren, käme es rasch zur Reizüberflutung. Auch wir Menschen sind an Umgebungsreize gewöhnt. Es wäre fatal, wenn jeder Reiz zu einer Wahrnehmung bzw. Reaktion führen würde - wir (und auch die Hunde) würden vermutlich verrückt werden. Deshalb ist Habitua- tion gut und notwendig, sie ist eine Sparmaßnahme des Gehirns und findet ohne bewusste Wahrnehmung statt; sie ist durch den Hund selbst nicht zu steuern. Natür- lich dürfen die Reize für eine Gewöhnung nicht allzu auffällig sein oder gar als bedrohlich wahrgenommen werden, zusätzlich müssen sie häufig und wiederholt präsentiert werden (im Idealfall unterhalb der Reaktionsschwelle).

Tücken der Habituation: Vorsicht, ein Hund kann sich auch an ständig wiederholte Kommandos gewöhnen: Wenn diese Kommandos zum stetigen Hintergrundge- räusch werden, ohne dass das entsprechende Verhalten oder eine Konsequenz folgt. Dieses Phänomen nennt man auch „erlernte Irrelevanz“. Prädestiniert hierfür ist der Rückruf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hunde sollten schon im frühen Welpenalter an alle Erfordernisse des Alltags gewöhnt werden.

2.1.2. Sensibilisierung/Sensitivierung/gesteigerte Reizempfindlichkeit

Bei einer Sensibilisierung kommt es nicht zu einer Gewöhnung an einen Reiz. Das Individuum hat diesen Reiz als bedrohlich oder gefährlich eingestuft - die Reizant- wort wird verstärkt. Es kommt nicht zur Habituation, sondern meistens zu Angstre- aktionen. In der Regel kann das Tier der angstbehafteten Situation nicht entfliehen. Auch zunächst ganz neutrale Reize (z. B. ein bestimmter Geruch, wie Citronella- duft) können in einer als äußerst unangenehm empfundenen oder Angst auslösenden Situation (z.B. bei Anwendung eines Citronella-Sprühhalsbandes) so verknüpft werden, dass sie zu übersteigerten Reizantworten führen. Dieser Prozess findet nicht willentlich statt und ist vom Hund selbst nicht zu beeinflussen. Meist liegen erhöhte Erregungslagen vor, so dass das Lernen in solchen Situationen stark eingeschränkt ist. Sensibilisierung ist etwas sehr individuelles, der eine Hund verträgt sehr viele oder intensive Reize, der andere ist bereits nach zehn Minuten und leichter Reizstär- ke massiv gestresst und wird sensibilisiert. Die Sensibilisierung ist weniger reizspe- zifisch als die Habituation. Meist finden nach einer Sensibilisierung auf einen Reiz auch Reaktionen auf andere ähnliche Reize statt. Es kommt zu einer gesteigerten Bereitschaft, auch auf andere Reize zu reagieren. Grundlegende Untersuchungen zur Sensitivierung wurden von Davis im Jahre 1974 durchgeführt.

2.1.3. Klassische Konditionierung

Bei der klassischen Konditionierung kommt es zu einer Assoziation von Auslöserei- zen mit vom Hund/Lebewesen nicht bewusst zu steuernden Reaktionen (i.d.R. Re- flexe) oder Emotionen. Die Verknüpfung fördernd wirkt einzig die enge zeitliche Koppelung des vormals neutralen Reizes mit einem angeborenen oder reflexauslö- senden Reiz, so dass der ursprünglich neutrale Reiz nach einigen Wiederholungen auch den Reflex oder die Emotion auslösen kann. Emotionen können somit ebenfalls klassisch konditioniert werden, auch negative Emotionen! Alle Personen, deren Hunde leinenaggressiv sind, sollten daran denken, dass der Anblick des anderen Hundes nach einigen Wiederholungen zum Auslöser extrem negativer Emotionen werden kann, wenn die Hunde mit Strafen für das unangemessene Verhalten „trai- niert“ werden. Unbewusst, unter Umgehung des Gehirns, wird das Auftauchen eines anderen Hundes mit Angst, Unwohlsein und Furcht vor Schmerzen assoziiert, weil in vorherigen Situationen mit Strafen gearbeitet wurde.

Die klassische Konditionierung wird schnell verallgemeinert (orts- und situa- tionsungebunden) und läuft ebenfalls nicht bewusst oder gezielt vom Lebewesen steuerbar ab.

Grundlegende Erkenntnisse wurden von Iwan Pawlow um die Jahrhundertwende gewonnen, die Untersuchungen wurden im Jahre 1920 von Watson und Rayner weitergeführt (Little Albert-Experiment).

2.1.4. Operante Konditionierung

Die operante Konditionierung ist eine Art des Lernens, bei der das Lebewesen1 den Verlauf der Situation durch sein Verhalten beeinflussen kann. Ein Verhalten kann gezeigt werden, oder auch nicht - dies ist immer abhängig von den Konsequenzen, die das Verhalten bislang hatte. Beim operanten Konditionieren wird erwünschtes Verhalten vom Menschen so bestärkt, dass es später vom Hund auf Signal gezeigt wird.

Experimentelles operantes Konditionieren (Schlagwörter: Black Box; Behavioris- mus) führt zunächst zu einer spontanen Verhaltensreaktion des Individuums durch entsprechende Konsequenzen. Nach Abschluss des Konditionierungsprozesses wer- den die Verhaltensweisen wieder fast reflektorisch gezeigt. Signalworte werden im Grunde nur dann „perfekt“ und spontan umgesetzt, wenn der Hund beim Hören des Signalworts nicht mehr nachdenken muss. Somit erreicht man, dass das Verhalten zum Instrument wird, einen bestimmten Verstärker zu erreichen bzw. zu vermeiden. Ein anderer Begriff für operantes Konditionieren ist instrumentelles Konditionieren.

Was der Hund bei operanter Konditionierung lernt, ist abhängig von der Anzahl an Wiederholungen und dem empfundenen Erfolg - bringt die Handlung Vorteile oder hat sie Freude bereitet, so wird der Hund das Verhalten wieder zeigen bzw. die Handlung häufiger wiederholen. War die Konsequenz eine unangenehme, so wird das Verhalten seltener gezeigt. Die meisten Signalworte für Verhaltensweisen bei Hunden werden auf dem Wege der operanten Konditionierung trainiert. Wir Men- schen können das Verhalten unserer Hunde über den Einsatz von Verstärkern oder „Strafen“ gezielt verändern.

Beim operanten Konditionieren gibt es immer auch Einflüsse aus dem Bereich der klassischen Konditionierung; es kommt zur Erzeugung von Emotionen in Abhängigkeit von der (angenehmen oder unangenehmen) Konsequenz auf das Verhalten. „Pawlow (der Erforscher der klassischen Konditionierung) sitzt Ihnen also immer auf der Schulter“ (Bob Bailey).

Anmerkung: Die Begriffe „positiv“ und „negativ“ sind im Folgenden nicht wertend zu verstehen, sondern mathematisch im Sinne von positiv: etwas wird hinzugefügt („plus“) und negativ: etwas wird entfernt („minus“).

Eine Belohnung ist, wenn wir dem Verhalten des Hundes in engem zeitlichen Zusammenhang:
- etwas Angenehmes hinzufügen (= positive Verstärkung/Belohnung):
Futter, Zuwendung, Spiel, Umweltbelohnungen, vom Hund am liebsten getätigte Handlungen etc. Übrigens kann nur der Hund entscheiden, was für ihn belohnend und angenehm ist. Dies ist nicht immer deckungs- gleich mit dem, was wir annehmen würden. Sie müssen also individuell die beste Belohnung für Ihren Hund und die Situation finden.
- etwas Unangenehmes entfernen (= negative Verstärkung/Belohnung):
der Hund verspürt Erleichterung. Hier könnte als Beispiel das Nachlas- sen des Zuges am Halsband aufgeführt werden oder beispielsweise eine Vergrößerung der Distanz zu einem bedrohlichen Objekt, nachdem der Hund zuvor ruhig hingesehen hat und nicht in unangemessenes Verhal- ten gefallen ist2.

Eine Bestrafung ist, wenn wir dem Verhalten des Hundes in engem zeitlichen Zusammenhang:
- etwas Unangenehmes hinzufügen (positive Strafe), z.B. Schimpfen, Schlagen, Zwicken, Rucken an der Leine, Kneifen etc. Positive Strafe sollte nicht eingesetzt werden.
- etwas Angenehmes wegnehmen (negative Strafe), z.B. unsere Aufmerk- samkeit durch das Ignorieren oder eine Auszeit. Diese Methode funkti- oniert bei einer guten Beziehung und Bindung und kann kurzfristig ge- zielt eingesetzt werden (ca. 30 Sekunden, mit Fehlersignal bzw. Ankün- digung im Moment des Fehlverhaltens), ohne körperlich werden zu müssen oder den Hund in Angst zu versetzen. Natürlich kann ein Ent- zug der Aufmerksamkeit nie eine alleinige Trainingsmethode sein - ein dauerhaftes Ignorieren steigert die Frustration und es müssen Alternati- ven für den Hund aufgezeigt werden.

Die Verstärker oder Strafen müssen jeweils unmittelbar auf das Verhalten folgen, sonst kann der Hund den Zusammenhang nicht erkennen. Im Idealfall schafft man es in einer halben bis einer Sekunde, alles andere kann schon zu spät sein. Bedenken Sie, dass Ihr Hund in zwei Sekunden vielleicht schon wieder etwas anderes macht und Sie verstärken dann das falsche Verhalten.

Das operante Lernen findet immer situativ statt, es muss verallgemeinert werden - Hunde lernen orts- und situationsbezogen und Emotionen wirken immer mit (siehe klassische Konditionierung). Deshalb kann einerseits nicht ausgeschlossen werden, dass der Hund etwas, was er in diesem Moment sieht oder hört in das Training mit verknüpft (dies ist insbesondere beim Strafeinsatz von Bedeutung) und andererseits muss das Trainierte an verschiedenen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Situationen wiederholt werden. Weiterhin sind die Ablenkungen im Training nur langsam zu steigern und der Belohnungsrhythmus sowie die Qualität der Belohnungen sollte nach der Festigung variiert werden. Weitere Informationen finden sich auch im Kapitel „Motivation“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Abwenden von ungewohnten Reizen (z.B. ein Jogger) kann durch operante Konditionierung mit Belohnungen aufgebaut werden

2.1.5. Lernen durch Beobachtung/Nachahmung

Beobachtungslernen oder Modelllernen ist auch bei Hunden möglich. Eine andere Bezeichnung hierfür ist sozial-kognitives Lernen. Hierbei wird davon ausgegangen, dass Hunde als hochsoziale Lebewesen in der Lage sein müssen, durch soziale Stimuli zu lernen. Dementsprechend können Hunde durch Beobachtung lernen, ohne dass sie selbst die Konsequenzen eines Verhaltens erfahren müssen.

Die Theorie wurde 1965 von Albert Bandura für menschliches Lernen erforscht, bei Tieren gab es Studien mit Papageien und mittlerweile auch zahlreiche Untersuchun- gen an Haushunden. Auch dieser Weg des Lernens funktioniert den Studien zufolge sehr gut.

Für Hundebesitzer ist das Modelllernen insofern von Bedeutung, dass sich Hunde meist für den Halter sehr unangenehme Verhaltensweisen von Artgenossen abschau- en. So kann beispielsweise die Jagdleidenschaft eines Hundes regelrecht geweckt werden (denn vorhanden ist sie ja bei einem Fleischfresser und Raubtier bereits mit der Geburt), wenn er mit einem anderen Hund, der bereits unkontrolliertes Jagdver- halten zeigt, auf Hatz geht. Auch das Territorialbellen kann relativ schnell von ei- nem anderen Hund abgeschaut werden.

2.1.6 Was muss beachtet werden, wenn man effektiv mit Hunden trainie- ren will?

Merke: “Reinforce behavior you want, ignore behavior you don’t want and manage behavior you can’t ignore”3. Übersetzt: Verstärken Sie Verhalten, das Sie sehen möchten, ignorieren Sie Verhalten, das Sie nicht wünschen, und verhindern Sie Verhalten, das Sie nicht ignorieren können. Im Idealfall läuft Ihr Training über die erste Komponente: Möglichst viel erwünschtes Verhalten verstärken, so dass Sie die anderen Komponenten kaum einsetzen müssen.

Belohnen Sie erwünschtes Verhalten möglichst zeitnah (0,5 bis eine Sekunde) - alles, was später kommt, senkt den Lernerfolg deutlich.

Die Ablenkung sollte nur langsam gesteigert werden. Bringen Sie unterschiedliche Orte, Zeiten und Situationen in das Generalisierungssschema mit ein. Ihr Hund kann das Verhalten nur in den Situationen/an den Orten ausführen, in denen/an denen Sie es mit ihm geübt haben.

Bei allem Training ist wichtig: Denken Sie bitte an die Gewöhnung! Wiederholen Sie die Signale nicht ständig, denn unter Umständen wird Ihr Signal durch stete Wiederholung innerhalb bestimmter Situationen ein bedeutungsloses Hintergrundge- räusch (gelernte Irrelevanz) oder Sie bringen Ihrem Hund bei, dass das Kommando immer erst fünfmal gesagt werden muss. Er lernt dann die einzelnen Signalworte in einer bestimmten Anzahl als komplettes Signal! Geben Sie das Kommando nach einer deutlichen Pause (5 bis 10 Sekunden) erneut und markieren Sie das Nicht- Ausführen des Kommandos zeitnah mit einem neutralen (!) „Fehlersignal“ (ein so genannter Non-Reward-Marker, der für den Hund bedeutet: „Jetzt gehst du leer aus, es passiert gar nichts mehr, z.B. das Wort „Schade“).

Wortsignale sollten immer mit einer kleinen Pause von ca. einer halben Sekunde VOR den Handzeichen gegeben werden, denn sonst überschattet das für den Hund natürlich auffallendere und somit leichter zu „lesende“ visuelle Signal Ihr gespro- chenes Wort. Sie möchten jedoch, dass Ihr Hund auf das Signalwort reagiert. Sie sollten Ihr Wortsignal „wichtiger“ machen, indem Sie es vor das Handzeichen stel- len, damit es gesondert wahrgenommen werden kann. Wenn Sie sich sicher sind, dass Ihr Hund nicht auf Ihr Signal reagieren wird, so geben Sie bitte in dieser Phase des Signalaufbaus auch keine Signale (Gefahr der Habituation), sondern verändern Sie die Situation, damit Ihr Hund Sie besser wahrnehmen kann und geben erst dann das Signal, wenn Sie die Aufmerksamkeit Ihres Hundes erlangt haben.4

Wenn ein Hund ein Signal nach Beachtung der oben angegebenen Regeln nicht befolgt, so ist er nicht dumm und stur, sondern er hat das Signal vermutlich noch nicht verinnerlicht. Gründe dafür könnten sein: zu seltenes Training, zu schnelle Steigerung der Anforderungen, versehentliche Variation beim Wort oder Klang usw. Oder aber die Folge des geforderten Verhaltens war bislang nicht so gut, dass sie die Motivationslage des Hundes beeinflussen konnte. In diesem Fall sollten Sie die Belohnungsqualität und -technik an den Schwierigkeitsgrad anpassen. Ein anderer Grund könnte sein, dass Ihr Hund das Verhalten im Moment aus körperlichen Grün- den nicht ausführen kann oder die Situation es nicht zulässt. Ein Beispiel hierfür wäre ein geforderter Rückruf, wenn der Hund sich gerade in beschwichtigender Haltung gegenüber einem anderen Hund befindet.

Ein schlecht trainiertes Signal wird übrigens durch stetes Wiederholen oder gar Brüllen nicht besser. Hunde können sozusagen Mäuse laufen hören. Es ist nicht notwendig, laut zu werden, wenn Ihr Hund auf Sie achtet und gerne mit Ihnen arbei- tet!

2.2 Motivation

Für alle Lebewesen gibt es Gründe, bestimmte Ziele erreichen zu wollen. Diese Gründe sind Motive für Verhaltensweisen. Aus diesen einzelnen Gründen ergibt sich der Antrieb für ein Verhalten. Für Hunde sind besonders Neugierde, Belohnung und soziale Elemente starke Motive.

2.2.1 Kernemotionen und Motivationslagen

Panksepp hat in seinen Untersuchungen zu menschlichen und tierischen Emotionen seit den 60er Jahren sieben spezielle neuronale Netzwerke5 ermittelt: Neugier- de/Suchsystem, Wut, Angst, Lust, „care“/sich kümmern, Panik und Spiel. Diese grundlegenden Emotionen erwachsen nicht aus der Großhirnrinde (dem Bereich für komplexe Gedanken), sondern entstehen in entwicklungsgeschichtlich älteren Ge- hirnbereichen, insbesondere im Hypothalamus und der Amygdala (Mandelkern).

Vor allem die Neugierde, die das „Suchsystem“ oder „Seeking System“ aktiviert, ist an der Motivationslage von Lebewesen stark beteiligt. Das „Seeking System“ beeinflusst aber auch Bewegungsmuster und das Interesse des Tieres. In diesem System notwendige Gehirnbotenstoffe sind Dopamin, Glutamat und Opioide. Dopamin wird uns bei der Belohnungstechnik noch einmal begegnen.

Man unterscheidet intrinsische (von innen kommende) und extrinsische (von außen kommende) Motivation. Bei intrinsischer Motivation entsteht der Antrieb für Ver- halten im Lebewesen selbst. Neugierde hat einen intrinsischen Ursprung und ent- steht im Hundekopf, es wird das „Seeking System“ aktiviert. Belohnungen und soziale Elemente sind Antriebe, die von außen auf das Lebewesen einwirken, man spricht von extrinsischer Motivation. Natürlich ist der eigene innere Anreiz, ein Ziel zu erreichen, stärker, als Anreize, die von außen geschaffen werden.

Für Hundehalter bedeutet dies, dass Sie versuchen sollten, die Neugierde und das Interesse Ihres Hundes, also die intrinsische Motivation, hoch zu halten.

Dieser Mechanismus kann auch bei extrinsischer Motivation mit Belohnungen genutzt werden, indem bei den Belohnungen in Art und Menge variiert wird, sodass auch hier keine Langeweile entstehen kann.

2.2.2 Wie sieht es mit der Motivation von Hunden aus?

Von Menschen wird oft impliziert, dass der Hund aus „Respekt“ vor seinem Besitzer lernen und arbeiten solle. Es wird keinerlei Belohnung oder Motivation für den Hund geschaffen. Tiere brauchen jedoch Gründe und Anreize für ihr Verhalten. Hunde sind Opportunisten und versuchen immer, einen Nutzen aus ihren Verhal- tensweisen zu ziehen. Hunde müssen also motiviert werden, um mit uns zu arbeiten. Wir Menschen können die Motivationslagen von Hunden durch die eingesetzten Verstärker und Belohnungen für Verhaltensweisen stark beeinflussen.

Auch wir Menschen brauchen einen Anreiz, zur Arbeit zu gehen. Kaum einer von uns würde jeden Morgen pünktlich im Büro erscheinen, nur um es dem Chef recht zu machen („aus Respekt“). Wir arbeiten, weil wir für unsere Tätigkeit Geld erhal- ten und damit Essen kaufen können, ein Dach über dem Kopf haben und uns ab und zu etwas Luxus leisten können. Es handelt sich hierbei um extrinsische Motivation6.

Motivation ist etwas ganz individuelles - jeder Hund wird durch andere Elemente motiviert bzw. situationsabhängig ganz unterschiedlich auf ein bestimmtes Motivationsmittel reagieren. Meist besitzen Umweltfaktoren wie zum Beispiel visuelle Reize und Handlungen wie zum Beispiel rennen das stärkste Potential, eine Motivation für ein bestimmtes Verhalten zu erzeugen.

Motivation kann bei Hunden auch im Training am einfachsten und gezieltesten mit einer Belohnung für erwünschtes Verhalten erzeugt werden. Ist die Folge der Hand- lung oder des Verhaltens angenehm, wird die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht, dass ein Verhalten wieder gezeigt wird. Wenn für den Hund nicht gleich ersichtlich ist, was genau als Belohnung eingesetzt wird und wenn nach einem stabilen Aufbau eines Verhaltens auch noch die Belohnungstechnik und -häufigkeit variiert wird, so entsteht zusätzlich eine starke intrinsische Motivation durch die Neugierde und das Unvorhersehbare.

Merke: Eine Belohnung und somit Motivationsgrundlage muss nicht immer ein Leckerchen sein.

Belohnen ist also kein sinnloses „Vollstopfen“ des Hundes mit Keksen und Würst- chen, sondern ein gezielter Einsatz von Futter, Handlungen oder Umweltbelohnun- gen, um die Motivation für ein bestimmtes Verhalten zu erhöhen. Eine Belohnung kann nur dann motivierend wirken, wenn sie nicht stetig zur Verfügung steht, son- dern gezielt eingesetzt wird.

Das Premack-Prinzip besagt, dass ein weniger erstrebenswertes Verhalten durch das Zulassen oder Erlauben eines hoch erwünschten und attraktiven Verhaltens belohnt werden kann. Sie setzen Premack vielleicht bereits bei Ihren Kindern ein: „Räume erst dein Zimmer auf, danach kannst du spielen gehen“. Das Spielen ist die Beloh- nung für das Aufräumen. In der Hundeerziehung kann Premack sehr sinnvoll einge- setzt werden, denn nichts motiviert einen Hund so stark wie ein bestimmtes, in die- sem Moment hoch erstrebenswertes Verhalten auszuführen. Dann liegt eine hohe intrinsische Motivation zugrunde. Im Praktischen können Sie beispielsweise ein Wegsehen von der Nachbarskatze damit belohnen, dass Sie das Wegsehen loben und nach Ihrem Lob ein paar Schritte mit Ihrem gesicherten (!) Hund in Richtung Katze gehen (Sie können natürlich nicht erlauben, dass Ihr Hund die Katze hetzt!).

Ein anderes Beispiel: Der Hund kommt auf einen Rückruf aus einem fröhlichen und entspannten Spiel mit anderen Hunden zu Ihnen. Loben Sie ihn, geben Sie ihm vielleicht noch einen Belohnungshappen und schicken ihn dann als „absolute“ Belohnung wieder ins Spiel zurück. Das vom Hund erwünschte Verhalten ist in der Regel die stärkste Belohnung, die man als Hundebesitzer einsetzen kann. Das PremackPrinzip wird uns noch in Kapitel 3 und 5 begegnen.

2.2.3 Schnelle, kraftvolle Ausführung vs. präzise und ruhige Ausführung von Signalen

Für den Hundebesitzer ist es wichtig, zu wissen, dass er mit seiner Belohnungstechnik einen unbewussten Teil des Nervensystems seines Hundes beeinflusst - das so genannte vegetative oder autonome Nervensystem.

Ein bestimmter Bereich dieses Nervensystems - der „Sympathikus“ - kann beim Hund besonders gut über den Spielzeugeinsatz zur Belohnung, aber auch durch Bewegung angesprochen werden. Eine Aktivierung dieses eher anregenden Teils des autonomen Nervensystems sollte für alle Verhaltensweisen, die mit Schnelligkeit und Kraft verbunden sind, in Betracht gezogen werden. Ein Beispiel ist der Rückruf: Hier ist eine Spielbelohnung sinnvoll und es stört nicht, wenn der Hund ein wenig aufgeregt ist7.

Das sympathische Nervensystem wird vor allem über Spielbelohnungen, aber auch durch Bewegungen aktiviert. Es ist verantwortlich für Leistung und Aktivität. Der hauptsächlich wirkende Botenstoff im Körper ist Adrenalin8.

Der andere Bereich des vegetativen Nervensystems ist der „Parasympathikus“. Er sorgt als Gegenspieler zum anderen System für Entspannung, Ruhe sowie Regenera- tion und wird bei Hunden besonders gut über Futterbelohnungen angesprochen. Ein Ausnutzen der beruhigenden Wirkung von Futterbelohnungen ist insbesondere für Verhaltensweisen von Nutzen, die ruhig, konzentriert und präzise ausgeführt werden sollten. Ein Beispiel wäre das Gehen an lockerer Leine in Tempo und Richtung des Besitzers. Der in diesem Bereich ausgeschüttete Botenstoff ist Acetylcholin.

Stellen Sie sich vor, Sie wollten das Fuß gehen mit einem Ball in der Hand trainie- ren, um den Hund nach einem schönen Abschnitt mit einem Spiel zu belohnen. In diesem Fall bewegt sich kein Hund ruhig und präzise, sondern hopst vermutlich aufgeregt neben der Hand her. Das ist jedoch weit entfernt von einem schönen Ge- hen an lockerer Leine. Es gibt Hunde, die durch den ständigen Einsatz von Spiel- zeug und Bällen zur Belohnung eine fast zwanghafte Objektfixierung auf diese ent- wickeln. Bestimmte Hundetypen neigen zu schnell erhöhten Erregungslagen und Ball„junkie“tum. Gerade hier sollten Hundebesitzer besonders aufpassen, dass der Ball oder das Stöckchen nicht zur Manie wird.

Hunde mit problematischen Verhaltensweisen sollten vor allem über Futterbeloh- nungen, aber auch über Distanzvergrößerung oder andere Handlungen trainiert wer- den. Essen beruhigt und ist geeignet, eine unangenehme Situation durch besonders schmackhaftes und beim Hund beliebtes Futter emotional umzubesetzen. Man kann unangenehme Reize „schönfüttern“, wenn das Futter schmackhaft genug ist und wenn man unterhalb der Reaktionsschwelle bleibt. Mehr Informationen zur Beloh- nungstechnik bei Problemverhalten finden Sie in den entsprechenden Unterkapiteln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Training ist es wichtig, ruhig und eindeutig zu handeln. In dieser Situation ist eine Futterbelohnung angemessener als Spiel, da der Hund lernen soll, ruhig durch die Situation zu gehen.

2.2.4 Belohnungsmöglichkeiten oder die Motivation steigern

Wie wir bereits gelernt haben, können verschiedene Dinge für einen Hund belohnend und somit motivierend sein:

- eine Handlung durchführen dürfen,

- Aufmerksamkeit des Besitzers,

-Spiel mit anderen Hunden,

- Spiel mit dem Besitzer,

-in Mäuselöchern buddeln,

- rennen,

- baden

und vieles mehr, aber eben auch Futter. Jedes Lebewesen benötigt Nahrung. Sie können den Hund mit Teilen seiner täglichen Ration aus der Hand füttern und ihn für sein Futter arbeiten lassen. So werden Lernprozesse deutlich beschleunigt. In den meisten Haushalten wird für ein einfaches Sitz in der extrem ablenkungsarmen Um- gebung der Küche gleich ein ganzer Napf Futter gegeben - so haben Sie zirka 50 bis 100 einzelne Belohnungshappen mehr oder weniger verschwendet. Der volle Napf ist meist in zwei Minuten geleert, aber die Nahrungssuche und -aufnahme könnte für eine artgerechte Haltung von Hunden einen größeren Teil der Tageszeit in Anspruch nehmen. Wir nehmen unseren Hunden mit gefüllten und vollen Näpfen eine sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeit.

Studien haben ergeben, dass Hunde viel stärker durch den Einsatz von Futterbeloh- nungen zu motivieren sind als durch Sozialkontakte mit Menschen. Gerade bei Prob- lemverhalten ist es deshalb sinnvoll, wenn Sie vornehmlich mit dem Einsatz von schmackhaften Futterbelohnungen arbeiten. Sie müssen Ihren Hund überzeugen, ein bestimmtes Verhalten nicht auszuführen und stattdessen ein anderes, besseres Ver- halten zu zeigen. Das klappt definitiv nicht mit ein paar Streicheleinheiten. Beson- ders schwieriges und „teures“ Verhalten, wie beispielsweise ohne Aggression auf einen Artgenossen zu reagieren, sollte auch entsprechend hoch honoriert werden!

Stellen Sie eine Belohnungs-Prioritäten-Liste für Ihren Hund auf, mit allen Dingen, die er besonders gerne mag und tut. An oberster Stelle steht die am stärksten beloh- nende Handlung. Bei manchen Hunden ist dies eine wirkliche Handlung (z.B. ren- nen), bei anderen hat ein bestimmtes Futter (z. B. Wurst) den höchsten Motivations- charakter. Solch eine hochwertige Belohnung gibt es natürlich nur für außerordentli- che Leistung. Bei Streichelbelohnungen ist zu bedenken, dass manch ein Hund nicht wirklich was vom Streicheln hat, für einen anderen Hund kann dies eine stärkere Belohnung sein. Streicheln und Berührungen wirken meist nur in entspannter Stim- mung angenehm und belohnend, in Situationen mit großer Ablenkung stellen sie für Hunde, die nicht gezielt auf ein Entspannungssignal konditioniert sind, eher eine Ablenkung und einen Störfaktor dar. Oft streicheln Hundebesitzer in Form von Klopfen und Patschen mit der flachen Hand - das ist nicht besonders angenehm für Hunde und demnach nicht stark belohnend.

Haben Sie keine Angst vor Futterbelohnungen, denn diese sind sehr einfach einzusetzen und bei den meisten Hunden auch äußerst effektiv. Sie geben Ihrem Hund sozusagen einen Job. Falls Sie einen Teil des Futters nicht im Training benötigen, geben Sie den Rest einfach aus dem Napf.

Über Hunde, die bei Aufregung nicht fressen können, werde ich später in der Toolbox noch informieren.

2.2.5 Belohnen und Motivieren vs. Bestechen

Alles, was Sie als Belohnung einsetzen wollen, sollte nie dauerhaft als Lockmittel9 eingesetzt werden. Zu Beginn des Aufbaus einer Verhaltensweise oder eines Signals kann durchaus ein paarmal gelockt werden. Fortgeschrittene Hundebesitzer können aber ohne Locken über „freies Formen“ in Kleinstschritten mit sehr hoher Beloh- nungsrate trainieren, um das Signal zu etablieren. Danach sollte eine Belohnung für die erwünschte Handlung nach dem verbalen Lob gegeben werden. Das stete Lo- cken ist ein häufiger Trainingsfehler. Werden Belohnungen als Lockmittel einge- setzt, so folgt ein Hund auf Dauer nur dann, wenn er auch eine Belohnung in der Hand sieht - das ist Arbeiten mit „Bestechungen“. Hier läuft das Training falsch und wird nur schlechte Resultate bringen. Für den Hund soll das Signal seines Menschen oder die Ausführung eines bestimmten Verhaltens relevant sein und nicht, ob der Mensch ein Futterstück in der Hand hält. Hier sollten Sie bitte ein wenig Vorsicht walten lassen. Bitte holen Sie das Spielzeug oder das Futterstück erst nach dem mündlichen Loben aus der Tasche und halten es nicht ständig in der Hand.

Vorsicht: Manche Hunde lernen sehr schnell, nur dann zu arbeiten, wenn der Besitzer die Futtertasche an den Gürtel schnallt. Deshalb sollten Sie die Belohnungen immer wieder einfach in der Jackentasche mitführen, damit der Hund nicht lernt, dass sich das Arbeiten nur dann auszahlt, wenn Sie die Futtertasche tragen oder der Ball aus Ihrer Jackentasche lugt.

Belohnungen könnten nach dem Aufbau und der Festigung einer Verhaltensweise wieder abgebaut bzw. in Abständen, Qualität und Häufigkeit variiert werden. Beim Einsatz einer so genannten intermittierenden oder variablen Belohnung10 kann ein Verhalten auf Dauer intensiver gespeichert und häufiger gezeigt werden. Allerdings sollte das unter Signal stehende Verhalten nahezu perfekt, also mit fast 100%iger Sicherheit ausgeführt werden können - egal in welcher Umgebung, egal unter wel- cher Ablenkung. An der 100%-Marke kommt man als Hundebesitzer leider selten an. Nachdem ein Kommando also perfekt aufgebaut ist, könnten Sie die Belohnung stufenweise abbauen, bis sie seltener und unvorhersehbar von Ihnen eingesetzt wer- den kann. Sie belohnen dann in Abständen, die für den Hund nicht erkennbar sind. Neurobiologisch führt dies zu einer verstärkten Aktivität dopamingebundener Nervenzellen und somit zu einer erhöhten Motivation. Das „Seeking System“ wird aktiviert und steigert die intrinsische Motivation. Das funktioniert natürlich auch über eine Variation der Belohnungen selbst (Spiel, Bewegung, verschiedene Futter- arten etc.) und ist wesentlich leichter umzusetzen. Gleichzeitig sollte das Training möglichst abwechslungsreich sein, also nicht immer aus denselben Signalen am selben Ort bestehen.

Auch eine kontinuierliche Belohnung mit kleinen, aber feinen Belohnungen kann ein Verhalten nahezu suchtartig werden lassen, da es stetig und wiederholt zur Aus- schüttung von Dopamin kommt. Vergleichbar ist dies mit der Nikotinsucht: Durch die häufigen „kleinen“ Stimulationen mit einzelnen Zigaretten und hierbei 15 bis 20 Zügen kommt es neben der Nikotinwirkung zusätzlich zu einer hartnäckigen Festi- gung des Verhaltens und zu einem Suchteffekt. Den Bezug zum Hundetraining stellt Sophia Yin her: „However, when the right rewards are used consistently and pre- dictably at a high reinforcement rate, they can become extremely strong, even addic- ting”11 - übersetzt: „Wenn die richtigen Belohnungen zuverlässig und regelmäßig in einer hohen Belohnungsrate benutzt werden, können sie sehr stark, ja sogar suchter- zeugend wirken.“

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass Verhaltensweisen und Signale bei regelmäßiger Belohnung ebenfalls sehr stabil bleiben und fest ins Repertoire aufge- nommen werden. Diese Belohnungsvariante ist relativ frustrationsfrei und festigt das Verhalten stark, denn alle Lebewesen lernen über Erfolg und Erfolg motiviert. Ich selbst arbeite mit hohen Belohnungsraten und verfüttere große Anteile der Mahlzei- ten meines Hundes im Training. Für besondere Leistungen vermische ich das Futter mit extra Leckereien. Zusätzlich nutze ich Umweltbelohnungen, Spiel und Bewe- gungen. Allerdings bin ich auch meist in Gebieten mit hoher Ablenkung unterwegs und viel Ablenkung bedingt eine hohe Belohnungsrate. Manchmal gibt es für eine schöne Leistung eine Art Überraschung, etwas Besonderes, das selten eingesetzt wird. Ich möchte meinen Hund einfach häufig bestätigen, das sorgt für Klarheit.

Bei manchem Hund ist die Motivation leider, keine Strafe oder Prügel zu erhalten - diese Hunde arbeiten aus Angst vor dem Besitzer. Angst schließt eine gute Leistung in den meisten Fällen aus, da eine starke Emotion das Denken blockiert und Gelerntes schlecht abgerufen oder abgespeichert werden kann.

Merke: Physische Strafe und Gewalt haben keinen Platz in der Hundeerziehung! Neben moralischen Erwägungen ist es außerdem so, dass Angst das rationale Denken blockiert und das Lernen deutlich erschwert.

2.2.6 Das Problem der Übermotivation

Bitte beachten Sie, dass es für alle Übungen und Trainingspunkte sowie für jeden Hund und jede Situation ein ganz individuelles optimales Motivationslevel gibt. Ist Ihre Belohnung und Ihr Motivationsmittel etwas, was stets frei verfügbar ist oder etwas nicht besonders Hochwertiges, so wird die Leistung darunter leiden. Anderer- seits könnte das Motivationsmittel zu hochwertig (z. B. das Lieblingsspielzeug oder das Lieblingsfutter) sein. Auch hier werden die Leistung und der Lernerfolg unter Umständen deutlich geringer ausfallen, da der Hund so aufgeregt und auf das Moti- vationsmittel fokussiert ist, dass das rationale Denken und damit das Lernen er- schwert wird. Ihre Belohnung und Ihre Maßnahmen zur Motivationssteigerung soll- ten immer der aktuellen Situation angepasst sein. Wenn wir später in die Arbeit am Problemverhalten einsteigen, werden Sie sehen, dass ein nicht in die Situation pas- sendes Motivationsmittel dazu führen kann, dass der Hund die Situation nicht richtig wahrnimmt und so das Lernen versehentlich verhindert wird.

2.3 Tücken physischer Bestrafung oder „Warum kann körperlicher Strafeinsatz im Training mit Hunden nicht effektiv sein?“

Strafe bedeutet das Hinzufügen eines unangenehmen Reizes (positive Bestrafung) oder die Entfernung eines angenehmen Reizes (negative Bestrafung). Strafen sollen die Wahrscheinlichkeit verringern, dass ein bestimmtes Verhalten wieder gezeigt wird.

Für den Einsatz positiver Bestrafung12 gelten ebenfalls die Lerngesetze und es gibt gewisse Voraussetzungen, die eingehalten werden müssen:

- Strafe muss etwas sein, was der Hund nicht mag und nicht erwartet.
- Strafe muss das Verhalten unbedingt unterdrücken, sonst ist ihr Einsatz ineffektiv oder gar Tierquälerei.
- Die Strafe sollte mit dem Verhalten, auf keinen Fall mit dem Trainer, Anwender oder Umgebungsreizen assoziiert werden - sonst werden der Anwender oder die anwesenden Reize in die Strafe mit eingebun- den.
- Strafe muss zeitnah erfolgen (innerhalb von 0,5 bis 1 Sekunde) und je- des Mal erfolgen, wenn das unerwünschte Verhalten gezeigt wird.  Strafe muss sofort so stark sein, dass das unerwünschte Verhalten be- endet wird, darf aber nicht so stark sein, dass es zur Traumatisierung des Individuums kommt.
- Es muss für den Hund immer Alternativen geben, die Strafe zu umge- hen und der Strafeinsatz sollte niemals den Hauptbestandteil der ange- wandten Lerngesetze und Trainingsmethoden ausmachen.

Beim Durchlesen dieser Regeln für die Anwendung von Strafe wird deutlich, dass sie kaum alle, noch dazu regelmäßig von einem Trainer oder Hundehalter umgesetzt werden können. Ein „Erziehen“ über physische Strafe, insbesondere dann, wenn sie nur manchmal erfolgt, ist ineffektiv und von keinem Trainer oder Hundebe- sitzer „korrekt“ umzusetzen.

In der Humanmedizin/Humanpsychologie wurde festgestellt, dass Strafen oft nicht den gewünschten Effekt erzeugen. Bei Menschen entsteht Widerstand gegen Strafe und Anwender. Zudem ist ein Charakteristikum der direkten Bestrafung, dass Sie nur wirkt, wenn sie stets wiederholt und konsequent eingesetzt wird - dies bedeutet, dass der Strafende auch immer zugegen sein muss, um das Verhalten zu unterdrü- cken. In der Humanpsychologie kann eine dauerhafte Verhaltensveränderung nur durch so genannte „interne Rechtfertigungen“ entstehen. Dies bedeutet, dass dem Individuum klar wird, dass es sein Verhalten ändern muss, um der Strafe zu entge- hen. In stressigen oder bedrohlichen Situationen sind Hunde hierzu definitiv nicht in der Lage, sie reagieren mit einem angeborenen Notprogramm. Eine Einsicht, warum er gestraft wurde, kann von einem Hund nicht erwartet werden, wobei in der Wis- senschaft zurzeit diskutiert wird, ob Hunde zu höheren kognitiven Leistungen fähig sind.

Zum Einsatz von körperlichen Einschränkungen und Strafreizen gehören Blockaden, Bedrohungen oder gar Gewaltanwendung mit Leinenrucken, Anlegen von Kettenoder Stachelhalsbändern, Anrempeln, Zwicken („imitierter Hundebiss“), Schubsen oder Schlagen des Hundes.

Auch heutzutage wird noch die antiquierte „Alpha-Rolle“ eingesetzt. Damit ist das auf den Rücken werfen des Hundes gemeint, um ihn in eine scheinbar unterwürfige Position zu bringen. Diese Alpha-Rolle geht auf das „Dominanzkonzept“ zurück und hält sich leider hartnäckig in den Köpfen von manchen Hundebesitzern und Trai- nern. Hunde nehmen diese Haltung zur Umlenkung von Aggressionen ein, die Be- deutung dieser passiven Demutshaltung ist jedoch nur gegeben, wenn der Hund sich selbst in diese Position begibt, um zu kommunizieren. Diese Haltung wird in extre- men Situationen, wie bei einer Auseinandersetzung oder einem ernsthaftem Kampf von Hunden nicht gezeigt. Sie dient nur der Kommunikation zur Verhinderung einer Auseinandersetzung, wird also weit vorher eingesetzt. Es bedeutet nicht „Unterwer- fung“, wenn der Hund auf den Rücken geworfen wird, denn er begibt sich ja nicht selbstständig in diese Position und versucht auch nicht, zu kommunizieren. Alpha- Rollen können zu massiven Abwehrreaktionen führen, passen als „Erziehungsmaß- nahme“ aus Hundesicht situativ nicht und sind im Hinblick auf das Lernen ineffek- tiv!

Auch die vermeintlichen „Soft-Methoden“ Wasserspritzpistole, Wurfkette und Schepperdose fallen unter die Strafkategorie, da sie aversive und unangenehme Reize darstellen und ein Verhalten verringert werden soll. Den wenigsten Hundebe- sitzern ist klar, dass der Hund nach spätestens zwei Durchgängen scheppern oder Wasser spritzen den Hundehalter als Ursache des Schrecks erkannt und mit in den negativen Prozess einbezogen hat. Leider wird dem Hund auch beim Einsatz von Wasserpistolen, Wurfketten und Schepperdosen nicht gesagt, was er denn statt des unerwünschten Verhaltens tun soll. Man baut lediglich eine unangenehme Assozia- tion mit dem Besitzer und anderen anwesenden Reizen auf und sorgt bei sensiblen Tieren dafür, dass sie ein zitterndes, schreckhaftes Fellbündel werden.

Der Einsatz von Strafreizen führt manchmal kurzfristig zu einer trügerischen Besse- rung, indem die Strafe das unerwünschte Verhalten vorübergehend unterdrückt. Der Hundehalter fühlt sich bestätigt, aber das Grobwerden hat zahlreiche Nachteile und birgt Stolperfallen:

Manchmal (i.d.R. zu Beginn des Einsatzes) scheinen Strafen schnell zu funktionieren. Sie sind aber nicht geeignet, eine dauerhafte Verhaltensveränderung zu erzeugen (siehe „Strafregeln“).

Manche Hundehalter sind sich nicht über ablaufende Verknüpfungen und mögliche Folgen bewusst. Der Besitzer unterliegt einer negativen Verstärkung, er wird seine eigene Anspannung, Wut und Frustration los, wenngleich auf sehr fragliche Weise. Er wird wieder und wieder schimpfen, grob werden und strafen.

Hunde lernen orts- und situationsbezogen und verknüpfen emotional immer die Situation, anwesende Personen, Tiere sowie Orte mit - insbesondere bei traumati- schen Erlebnissen. Die Strafe und Gewalt werden in der Regel nicht mit dem eige- nen Verhalten, sondern mit in der Situation anwesenden Faktoren bzw. im einfachen Fall mit dem ursprünglichen Auslöser (anderer Hund, angeleinter Zustand) ver- knüpft. Was passiert also, wenn der Hund den Schmerzreiz mit dem eigenen Men- schen oder dem anderen Hund, einem zufällig anwesenden Kind, Passanten oder einem unbeteiligten Hund assoziiert? Welche Emotionen wird der Hund in Zukunft beim Anblick des Besitzers/des Kindes/des anderen Hundes - oder noch weiter gedacht, beim Anblick von Menschen/Hunden/Kindern - haben?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch positive Verstärkung und Anbieten einer Alternative (Hintengehen am Handtarget) hat dieser Hund gelernt, ruhig durch die kritische Situation (Engstelle, laute Kinder) zu gehen. Bei dem Arbeiten mit Strafen hätte eine Übertragung der Aversion (negative Emotionen) auf die Kinder entstehen können.

Bei Strafreizen wird die emotionale Grundhaltung des Hundes nicht sinnvoll verän- dert, es werden lediglich Verhaltensweisen für kurze Zeit unterdrückt und die emo- tionale Grundhaltung meist ins Negative verschoben. Strafeinsatz und Prügel kön- nen dazu führen, dass ein Hund lernt, jegliche Warnsignale einzustellen, bevor er zubeißt.

Der Hund erfährt eine sehr unangenehme Einwirkung durch seinen Besitzer in be- sonders negativer Form - auch bei einem Kneifen oder Stoßen, einem Schreck durch einen Spritzer Wasser oder bei einem Ruck an der Leine. Das ist der Bindung und somit dem Zusammenleben mit dem Hund nicht zuträglich. Das Vertrauen des Hun- des in seinen Besitzer geht verloren. Besonders schlimm finde ich, dass Hunde nicht einfach ihre Familie verlassen können und genauso wenig können Hunde auswählen, in welche Familie sie kommen. Sie werden „ihren Menschen“ meist lebenslang treu zur Seite stehen. Aus dieser Sicht empfinde ich einen Strafeinsatz als besonders sträflich. Haben Sie sich einen Hund angeschafft, um ihn permanent strafen zu müs- sen? Ich nicht. Der Grund für die Hundehaltung stellt sich doch bei stetigem Strafeinsatz in Frage!

Der Hund und sein Besitzer sind in entsprechenden Situationen hochemotional - starke Emotionen verhindern rationales Denken. Lernen wird stark eingeschränkt bzw. verhindert. Alle Überlebensreflexe sind eingeschaltet, für Rationalität ist keine Zeit.

Strafen müssen immer stärker werden, um wirksam zu bleiben. Belohnungen könnten theoretisch immer weniger werden, so man denn möchte. Strafen können jedoch nicht unbegrenzt stärker werden. Daher werden gleichbleibende oder inkonsequente Strafen das Auftreten des unerwünschten Verhaltens verstärken.

Der Hund meidet seinen Besitzer oder wehrt sich im schlimmsten Fall. Strafen kön- nen nachhaltige psychische und physische Beeinträchtigungen beim Hund verursa- chen und können zu Gegenaggression führen - der Hund fühlt sein Leben bedroht und wehrt sich. Positive Verstärkung hingegen führt nicht zu Aggression!

Bei Strafen wirken sich Fehler im Timing oftmals fatal aus. Wer von uns Menschen ist schon hundertprozentig konsequent und hat ein supergenaues Timing? Bereits deshalb ist Strafeinsatz nichts weiter als Tierquälerei. Beim Arbeiten über Lob und positive Verstärkung können Sie Ihr Timing einfach versuchen zu verbessern. Bei Strafen wirkt sich ein schlechtes Timing auf übelste Weise aus. Die Strafen werden dann falsch verknüpft, z.B. mit dem Besitzer oder einem eigentlich gewünschten Verhalten. Ein typisches Beispiel ist ein Hund, der auf einen Rückruf erst nicht reagiert und dann gestraft wird, wenn er wieder beim Besitzer ist. Dieser Hund lernt nicht, das nächste Mal schneller zu kommen, sondern verknüpft die Nähe zum Be- sitzer mit der Strafe.

Mit Strafen „gearbeitete“ Hunde bieten wenig bis kein selbstständiges Verhalten mehr an - im schlimmsten Falle bis hin zur erlernten Hilflosigkeit, bei der es zu einem starken Ungleichgewicht an Neurotransmittern im Gehirn kommt. Sie sind meist deutlich schwerer zu trainieren/therapieren. Eine massive erlernte Hilflosigkeit kann kaum mehr therapiert werden.

Körperliche (und psychische) Strafen können Schmerzen, Leiden und Schäden beim Tier verursachen (§1 TierSchG), für die es keinen vernünftigen Grund gibt, denn es sind immer Alternativen zur Strafe vorhanden. Der moralische Aspekt aus menschli- cher Sicht kann bei einem Lebewesen, das dem Menschen in hohem Maße ausgelie- fert ist, nicht unberücksichtigt bleiben. Der Einsatz physischer Bestrafung ist un- ethisch.

2.4 Verhaltensstörung oder störendes Normalverhalten?

Tiere können sich nicht „nicht verhalten“, sie zeigen immer Verhaltensweisen, auch wenn sie nur daliegen und dösen.

Genauer betrachtet soll ein bestimmtes Verhalten auch einen bestimmten Effekt erzeugen bzw. einen Erfolg verursachen. Dies bedeutet, dass Verhaltensweisen ge- zeigt werden, um Zustände oder Bedürfnisse zu regulieren und Ungleichgewichte aufzuheben.

Gerade im Hinblick auf problematische Verhaltensweisen ist es wichtig, zu entscheiden, ob das Verhalten im Repertoire der jeweiligen Tierart vorkommt und physiologisch, also „normal“ für diese Tierart ist. Auch wenn eine Verhaltensweise den Besitzer stört, kann sie durchaus „normal“ sein. Davon zu unterscheiden sind Verhaltensstörungen, die auf einem pathologischen oder krankhaften Zustand beruhen und außerhalb des „Normalbereiches“ liegen.

2.4.1 Störendes Normalverhalten

Unter diese Rubrik fallen alle Verhaltensweisen, die arttypisch und somit unauffällig sind. Sie kommen bei fast allen Individuen einer Art in bestimmten Situationen vor und werden nicht übersteigert gezeigt. Diese Verhaltensweisen ermöglichen dem Tier Sozialkontakte, Lernen, Wohlbefinden und auch das Überleben; sie dienen teilweise der Kommunikation. Manche dieser Verhaltensweisen stellen den Hunde- besitzer vor große Probleme oder stören ihn sehr. Als Beispiele möchte ich Jagdver- halten, Markierverhalten oder auch Auseinandersetzungen mit Artgenossen, insbe- sondere den gleichgeschlechtlichen, anführen.

All diese Verhaltensweisen können jedoch auch in übersteigerter Ausprägung oder Häufigkeit gezeigt werden. Sie entsprechen dann nicht mehr dem Durchschnitt der Population bzw. der Tierart. In diesen Fällen kommen wir bereits in den Bereich der Verhaltensstörung, denn das Verhalten ist nicht mehr funktional, sondern wirkt sich negativ auf die sozialen Interaktionen zwischen Hunden untereinander oder zwi- schen Hunden und Menschen und auch auf das Wohlbefinden aus. Es wird patholo- gisch (krankhaft).

Ob das Verhalten dann bereits abnormal ist, kann ohne Untersuchungen nicht festgestellt werden, denn es kommt bei krankhafter Ausprägung zu sichtbaren Veränderungen im Bereich des Nervensystems, des Körpers, der Biochemie oder zu Kombinationen und somit auch zu einer Art „körperlicher“ Erkrankung.

2.4.2 Verhaltensstörung

Abnormales Verhalten ist nicht flexibel, dient keinem Zweck mehr, kann den Orga- nismus schädigen und führt zu starker Beeinträchtigung des Wohlbefindens und des Gemütszustands.

Eine Verhaltensstörung liegt also dann vor, wenn das Verhalten den Hund selbst, seine sozialen Beziehungen, seine Umweltbeziehungen und sein Wohlbefinden stark beeinträchtigt. Das Verhalten wird in starrer Ausführung, zu hoher Frequenz oder zu großer Intensität gezeigt und erfüllt nicht mehr einen bestimmten Zweck. Als Bei- spiel für „echte“ Verhaltensstörungen möchte ich Zwangsverhalten und Stereotypien anführen.

Für den Hundebesitzer ist es sehr wichtig, aufmerksam zu sein, denn gestörte Ver- haltensweisen gehören unbedingt in fachliche Betreuung. Hierunter fallen alle star- ken Aggressionsprobleme gegenüber Menschen und anderen Tieren, aber auch ext- reme angstbedingte Verhaltensweisen und Phobien (z.B. hochgradiger Trennungs- stress, Geräuschängste). Außerdem alle Zwangs- oder repetitiven Verhaltensweisen, echte Hyperaktivität, aber auch ausgeprägtes reaktives Verhalten und dauerhaft erhöhte Erregungslagen. Auch alle schwierigen Verhaltensweisen, die sich hartnä- ckig halten und durch Trainingsmaßnahmen nicht aufzuheben sind, bedürfen einer genaueren Analyse.

Fakt ist, dass manche Ausprägungen von Verhaltensweisen ohne medikamentöse Unterstützung nicht therapiert werden können, ähnlich wie in der Humanmedizin. Was nützt das beste Training zur Beseitigung angstmotivierter Verhaltensweisen, wenn die Angst so stark ist, dass sie jegliches Training verhindert und der Hundebesitzer oder Trainer gar nicht bis zum Hund „vordringen“ kann?

An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf meine einführenden Worte verweisen: Bitte suchen Sie, bevor Sie dieses Buch benutzen und am Problemverhalten Ihres Hundes arbeiten, einen Tierarzt oder einen Verhaltensspezialisten mit entsprechen- der Qualifikation auf und lassen Sie körperliche Ursachen ausschließen bzw. Grund- lagen für ein effektives Arbeiten schaffen. Ohne fachkundige Diagnose ist keine erfolgreiche Therapie möglich. Manchmal hilft auch schon der neutrale und unvor- eingenommene Blick einer objektiven, aber entsprechend qualifizierten Person, um Feinheiten oder auch Grundlegendes zu verbessern. Aber Achtung: Eine Qualifika- tion ergibt sich nicht alleine aus langjähriger Arbeit. Man kann auch 20 Jahre lang denselben Fehler machen!

Bei krankhaften Zuständen und wenn eine Gefährdung von Mensch oder Tier vorliegt, sind Sie als Hundebesitzer verpflichtet, Ihr Tier untersuchen und alle möglichen Ursachen abklären zu lassen.

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3. Wichtige Signale und Verhaltensketten als Voraussetzungen und nötige „Werkzeuge“ für das Training an problematischen Verhaltensweisen

Allgemeine Vorbemerkung: Bitte üben Sie in kurzen Trainingsintervallen mit vielen Untereinheiten; eine Untereinheit nicht länger als zwei bis fünf Minuten. Dies sollten Sie mehrmals täglich und natürlich über einen gewissen Trainingszeitraum machen. Steigern Sie die Anforderungen langsam und stufenweise.

Alle Signale, die Sie für die direkte Arbeit am Problemverhalten benötigen, sollten so gut aufgebaut sein, dass Ihr Hund das Signal befolgt, ohne zu überlegen. Er sollte fast reflexartig, aber freudig reagieren. Insbesondere Signale, die Sie einsetzen müssen, wenn Ihr Hund sehr aufgeregt und abgelenkt ist, sollten gut und häufig trainiert werden! In solchen Momenten kann Ihr Hund nicht mehr gut denken und muss trotzdem schnell und zuverlässig auf Ihr Signal reagieren.

3.1 Markersignal oder sekundärer positiver Verstärker

Im Kapitel zum Lernverhalten habe ich erklärt, dass eine Belohnung für das richtige und erwünschte Verhalten möglichst schnell, also innerhalb von einer halben bis einer Sekunde erfolgen muss. Da in dieser kurzen Zeitspanne oft aufgrund der Entfernung keine unmittelbare Belohnung möglich ist, benötigen Sie ein Handwerkszeug, um das richtige Verhalten auf Distanz zu belohnen. Man spricht hier auch von markieren. So können Sie Ihr Timing deutlich verbessern.

Die Belohnung selbst sollte etwas sein, das natürliche Bedürfnisse oder einen angeborenen Bedarf des Hundes befriedigt und das der Hund als angenehm empfindet. Hierzu gehören Futter, Handlungen13, Spiel, Sozialkontakt etc. Diese Belohnungen werden auch primäre positive Verstärker genannt: Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Verhalten wieder gezeigt wird.

Beim Einsatz des primären Verstärkers ist es sehr wichtig, dass Sie etwas verwen- den, das Ihr Hund - und nicht nur Sie - als belohnend empfindet.

[...]


1 Dies gilt zum Beispiel sowohl für Menschen als auch für Hunde und andere Tiere. 14

2 Wir Menschen kennen die negative Verstärkung unter anderem, wenn wir schimpfen; hier werden wir unangenehme Emotionen los, die Anspannung lässt nach, so dass man meist immer wieder schimpfen wird, denn die Erleichterung wirkt auch auf uns belohnend.

3 Irith Bloom, 2012: Chill Out, Roger! How Clicker Training Helped One Dog Move from Crazy to Calm; Blog Karen Pryor Clickertraining (http://www.clickertraining.com/node/3407)

4 Oft nutzen wir leider in solchen Situationen immer wieder das gleiche Signal, ohne dass der Hund auf uns konzentriert ist. Dies ist nicht nur sinnlos, sondern „vergiftet“ das Signal, da es zum unwichtigen Hintergrundgeräusch wird.

5 S.a. Hebb, D.O. (1949): The Organization of Behavior: a neuropsychological approach. Wiley, New York

6 Im Idealfall macht uns unsere Arbeit aber auch Spaß und bietet genügend Anforderungen, sodass auch hier intrinische Motivationsanteile gegeben sind.

7 Unter Bewegung verstehen wir hier alle Bewegungen des Hundes, die vollkommen ungeleitet und selbstständig sein können, während beim Spiel immer ein Partner dabei ist und damit Bewegungen stets im Wechselspiel erfolgen. Beides kann als Belohnung eingesetzt werden, wobei das Spiel besser zu steuern ist.

8 S.a. http://de.wikipedia.org/wiki/Sympathikus

9 Unter Locken bzw. Lockmittel wird verstanden, dass Leckerchen oder Spielzeug stets gezeigt werden müssen, damit der Hund eine Anweisung ausführt. Belohnungen würden im Gegensatz dazu erst nach der Ausführung gezeigt und gegeben werden.

10 Intermittierende Belohnungen wechseln sowohl in der Quantität und Qualität der Belohnung als auch in der Intervalllänge (http://de.wikipedia.org/wiki/Intermittierende_Verstärkung)

11 Yin, S. (2011): Dog training tip: Why cigarettes are more addicting than heroin and how it applies to dog training. July 2011; Dr. Yin´s Animal Behavior and Medicine Blog

(http://drsophiayin.com/blog/entry/dog-training-tip-why-cigarettes-are-more-addicting-than-heroin-and- how-it-a

12 In diesem Fall ist physische Strafe gemeint. Dies beinhaltet auch einen Ruck an der Leine, Spritzen mit der Wasserpistole, Anschreien u.ä.

13 Unter Handlungen verstehen wir hier Tätigkeiten und Verhaltensweisen, die der Hund in dieser Situation am liebsten durchführen würde (s. auch Kapitel 2.2.2, Premack-Prinzip)

Ende der Leseprobe aus 171 Seiten

Details

Titel
Probleme mit Hunden lösen – aber richtig
Untertitel
Das Handbuch für Hundebesitzer
Autor
Jahr
2013
Seiten
171
Katalognummer
V265983
ISBN (eBook)
9783656557746
ISBN (Buch)
9783656557753
Dateigröße
4426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
probleme, hunden, handbuch, hundebesitzer
Arbeit zitieren
Sybille Ehlers (Autor), 2013, Probleme mit Hunden lösen – aber richtig, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265983

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