Studienbuch der geistigen Behinderung

Theoretische und praktische Aspekte der Geistigbehindertenpädagogik


Fachbuch, 2013
280 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Inhalt

1 Einleitung

2 Was ist Heilpädagogik?
2.1 Raster für Bestandesaufnahme mit der ICF

3 Grundlegende, theoretische Grundlagen zum Personenkreis ‚Menschen mit schwerer geistiger und mehrfacher Behinde- rung’

4 Einige fachspezifische Grundlagen zur Basalen Stimulation
4.1 Materialien und Techniken, die in der Basalen Stimulation/Förderung zur Anwendung gelangen können
4.2 Praktische Umsetzung der Basalen Stimulation

5 Einige Fakten und Überlegungen zur zukünftigen Entwicklung der Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung

6 Zusammenarbeit mit Angehörigen und weiteren Bezugspersonen
6.1 Die besondere Situation der Familien mit einem behinderten Kind
6.1.1 Lebenskrise/Identitätskrise
6.1.2 Die Situation der Mütter bei der Geburt eines behinderten Kindes
6.1.3 Die Situation der Väter bei der Geburt eines behinderten Kindes
6.1.4 Der Einfluss der Behinderung auf die Paar-Beziehung
6.2 Die Trauer der Mütter/Väter
6.2.1 Coping-Strategien (Verarbeitungs-Verhaltensweisen von Eltern mit ei nem behinderten Kind)
6.2.2 Konsequenzen der Trauer bzw. der Trauer-Arbeit
6.2.3 Auswirkungen auf die Sozial- und Heilpädagogik
6.3 Die Situation der Geschwister eines behinderten Menschen
6.3.1 Die besondere Stellung der nicht-behinderten Kinder gegenüber ihrem behindert Geschwister 60
6.3.2 Voraussetzungen für eine positive Entwicklung der Geschwister
6.3.3 Einbezug von Geschwisterkindern
6.4 Erkenntnisse für die Zusammenarbeit: Eltern (Angehörige) – Institution
6.4.1 Grundsätze der Zusammenarbeit
6.4.2 Grenzen und Probleme der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit Eltern/Angehörigen
6.5 Ein kurzer Blick in die Geschichte der Zusammenarbeit zwischen Angehörigen und Fachpersonal
6.6 Formen der Zusammenarbeit
6.7 Detaillierte Planung eines Angehörigen-Gesprächs
6.8 Fallbeispiele
6.9 Klientenzentrierte Gesprächsführung nach Rogers
6.9.1 Theorie von Rogers
6.9.2 Die Umsetzung der klientenzentrierten Gesprächsführung auf die Sozialpädagogik

7 Ekel
7.1 Theoretische Grundlagen
7.2 Wie kann man mit Ekelgefühlen umgehen?

8 Sexuelle Ausbeutung bei Menschen mit geistiger Behinderung
8.1 Die Schwierigkeiten an Informationen heran zu kommen
8.2 Worum geht es? Sexualität – Ausbeutung – Gewalt
8.3 Häufigkeit und Vorgehensweise der sexuellen Gewalt
8.4 Vorgehensweise der Täter
8.5 Was ist zu tun?

9 Psychotherapie und geistige Behinderung
9.1 Einleitende Gedanken
9.2 Warum Psychotherapie?
9.3 Wie wird therapiert?
9.4 Gefahr der Übertherapisierung
9.5 Was bleibt?

10 Therapeutischer Kunstunterricht (TK) bei Menschen mit geistiger Behinderung
10.1 Wann soll TK angewendet werden?
10.2 Was ist TK?
10.3 Zielsetzungen des TK: Ich-Identität
10.4 Kunsttherapeutische Praxis (Methodik)

11 Sport als erziehungstheapeutischer Weg für geistig behinderte Kinder und Jugendliche – dargestellt am Beispiel Judo
11.1 Sport als erziehungstherapeutisches Mittel
11.2 Judo als Beispiel der Sporttherapie
11.2.1 Die besondere Eignung von Judo als erziehungstherapeutisches Mittel
für behinderte Kinder und Jugendliche: Der interaktionistische Aspekt
11.2.2 Judo als erziehungstherapeutisches Mittel für geistig behinderte
Kinder und Jugendliche aus psychomotorischer Sicht

12 Musiktherapie bei Menschen mit geistiger Behinderung
12.1 Verschiedene Ansätze zu einer Verwendung von Musiktherapie (MT)
12.2 Praxis der MT

13 Ergotherapie bei Menschen mit geistiger Behinderung

14 Der Einsatz des Computers bei Menschen mit einer geistigen Behinderung
14.1 Gesellschaftliche Bedingungen
14.2 Der Einsatz des Computers in der Heilpädagogischen Sonderschule
14.2.1 Ziele der Computer-Didaktik an der Sonderschule
14.2.2 Inhalte der Computer-Didaktik an der Sonderschule
14.2.3 Vorteile des Computereinsatzes an der Sonderschule
14.3 Computerdidaktische Schlussüberlegungen

15 Gestaltung der Freizeit bei Menschen mit geistiger Behinderung
15.1 Der Begriff ‚Freizeit‘
15.2 Bedingungen für die Freizeitgestaltung von Menschen mit einer geistigen Behinderung

16 Erwachsenenbildung für Menschen mit geistiger Behinderung
16.1 Grundsätzliches
16.2 Die Bildungsfähigkeit geistig behinderter Erwachsener
16.3 Allgemeine didaktische Hinweise für die Durchführung von Kursen mit erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung

17 Qualitätsentwicklung in Schulen für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung
17.1 Was heisst Qualität an Schulen?
17.2 Besondere Probleme bei der Qualitätsüberprüfung in heilpädagogischen Sonderschulen

18 Interdisziplinarität an einer Heilpädagogischen Schule
18.1 Analyse des Problems
18.2 Folgen einer missglückten interdisziplinären Sichtweise
18.3 Lösungen

19 Eine Folge der pränatalen Diagnostik: Menschen mit Trisomie 21 sterben aus

20 Integration von Kindern mit einer geistigen Behinderung:
ein misslungenes Konzept
20.1 Bildung für alle: aber am richtigen Ort mit den richtigen Mitteln!
20.2 Beauchamp & Childress: Die Bedeutung Ihres Ansatzes für die Integration
von Kinder mit geistiger Behinderung in die Regelschule
20.2.1 Der Ansatz von Beauchamp und Childress
20.2.2 Die vier Prinzipien auf in bezug zur Integration bei Kindern mit geistiger Behinderung
20.3 Praxisbeispiele
20.4 Eine Alternative zur heutigen Integrationspraxis: Die Teilintegration

21 Wenn Mitarbeiter Gewalt an Menschen mit geistiger Behinderung ausüben
21.1 Was ist Gewalt?
21.2 Warum übt man als Betreuer manchmal Gewalt aus?
21.3 Gewalt überwinden

22 Burnout in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung
22.1 Eine einseitige Charakterisierung des Arbeitsfeldes des Heilpädagogen
22.2 Das Burnout-Syndrom.
22.3 Inhalte eines Fortbildungsangebotes zur Prophylaxe gegen das Burnout-
Syndrom

23 Mitleid, eine ethische Haltung in der Heilpädagogik?
23.1 Heilpädagogen und ihr Mitleid
23.2 Mitleid
23.3 Konviktion

24 Adoption von Kindern mit einer geistigen Behinderung

25 Fördersequenzen

26 Literatur zu Behinderung: aus Betroffenheit geschrieben

27 Literatur

1 Einleitung

Was unterscheidet dieses Studienbuch für Eltern von schwer und mehrfach behinderten Kindern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mit diesem Personenkreis arbeiten, von den vielen anderen, die Sie vielleicht bereits gelesen haben? Da ist zum einen, dass es nicht von einer direkt betroffenen Person geschrieben wurde. Ich habe zwar drei Kinder, aber keines von ihnen gilt als behindert. Was ich habe, ist eine über 30jährige Erfahrung mit behinderten Kindern bzw. mit ihren Eltern. Ich bin also professionell von Behinderung betroffen, während Eltern ein Leben lang von Behinderung betroffen sind, wenn sie ein behindertes Kind bekommen. Das ist ein grosser Unterschied und ich will auch nicht verhehlen, dass ich die Sichtweise von Eltern eines behinderten, insbesondere geistig behinderten Kindes, nicht immer ganz nachvollziehen kann. Aber ich habe mich stets bemüht, es zu tun. Mehrere hundert Elterngespräche, ich habe sie nicht gezählt, sind im Laufe der Zeit schon zusammen gekommen und das, so scheint mir, legitimiert mich, neben meinem Studium der Geistigbehindertenpädagogik an der Universität Köln, dieses Buch zu schreiben. Dieses Buch stellt einen Spagat dar, indem ich mich sowohl an Eltern von Kindern mit einer geistigen Behinderung wende, wie aber auch an Fachleute, insbesondere Heil- und Sozialpädagogen. Ich denke, dass dies durchaus möglich ist, zumal auch die Zusammenarbeit dieser beiden Gruppen von eminenter Bedeutung ist. Ohne eine gelungene Zusammenarbeit zwischen lebenslang und professionell von Behinderung Betroffenen, ist eine Förderung von Menschen mit einer geistigen Behinderung aus meiner Sicht gar nicht möglich.

Im folgenden wende ich mich verstärkt den lebenslang von Behinderung Betroffenen zu.

Lebenslang von Behinderung betroffene Eltern und professionell von Behinderung betroffene Fachleute stehen sich in der Praxis oft gegenüber. Beide wollen, da ist man sich zu Beginn eines jeden Gesprächs einig, nur das Beste für „Ihr“ Kind. Nach der Einleitung, wenn es dann um die Details geht, sieht das gegenseitige Einvernehmen schon nicht mehr so rosig aus. Es tun sich unterschiedliche Sichtweisen in bezug auf das eine Kind auf, die oft nicht so leicht überbrückbar scheinen, oder sogar zu Gesprächsabbrüchen führen. Das ist natürlich für alle Beteiligten in höchsten Masse unbefriedigend und kann sogar dazu führen, dass Eltern für ihr Kind eine andere Institution suchen.

Es ist deshalb das Ziel dieses Buches, die beiden Seiten einander näher zu bringen. Dabei sollen die unterschiedlichen Sichtweisen, Zielsetzungen, Fördermöglichkeiten und andere Uneinigkeiten, nicht bagatellisiert oder unter den Tisch gewischt werden. Sie bestehen und die Praxis zeigt diese Differenzen jeden Tag. Sie sollen hier vielmehr aufgezeigt und benannt werden. Dabei soll den Eltern aus der Sicht eines professionell von Behinderung betroffenen Fachmannes diese Seite aufgezeigt werden. Es soll hier thematisiert werden, wie professionell von Behinderung Betroffene denken, welche Ziele sie verfolgen, welchen Zwängen sie ausgesetzt sind und was es letztendlich ausmacht, wenn man auf der Basis eines Arbeitsvertrages sich mit Menschen mit einer Behinderung auseinander setzt, also dies freiwillig gewählt hat, weil es einem interessiert und nicht weil es quasi schicksalhaft über einen hereingebrochen ist. So wie das Phänomen der Behinderung i.d.R. von Eltern erlebt wird. Das sind m. E. schon gravierende Unterschiede. Das bedeutet eben auch, dass ein Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin einer sonderpädagogischen Institution ihren Arbeitsplatz ordentlich kündigen und damit verlassen kann. Das können Eltern – logischerweise – nicht. Das bedeutet für mich, dass die Basis, auf der man einem behinderten Menschen begegnet, je nach dem, eine völlig andere ist. Diese Differenz wird dieses Buch wie ein roter Faden durchziehen.

Die Differenz oder die unterschiedliche Betrachtungsweise gegenüber einem behinderten Kind, ist aber auch nicht in Stein gemeisselt bzw. unüberwindbar. Es geht vielmehr darum, dass man sich austauscht und versucht, die Sichtweise des Gegenüber einzunehmen und zu verstehen. Ob man schlussendlich dann mit der anderen Betrachtungsweise auch einverstanden ist, ist dann wieder eine andere Sache. Es hat sich in meiner Arbeit als Schulleiter einer Heilpädagogischen Schule im Laufe der Jahre herauskristallisiert, dass ich mich oft zwischen den Polen der Eltern einerseits und den Fachpersonen andererseits befunden habe oder mich zumindest so gefühlt habe. Da habe ich im Lehrerzimmer versucht, einer Heilpädagogin oder einer Physiotherapeutin die Sichtweise der Eltern eines schwer und mehrfach behinderten Kindes verständlich zu machen und 30 Minuten später hatte ich z. B. die Eltern am Telefon und versuchte dann meinerseits ihnen die Sichtweise des Fachpersonals näher zu bringen. Oft stellte dies kein leichtes Unterfangen dar. Auf jeden Fall fühlte ich mich im Laufe der Zeit oft in einer Vermittlerrolle und so entstand letztendlich auch die Idee zu diesem Buch. Deshalb ist der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Fachpersonal ein eigenes, ausführliches Kapitel in diesem Buch gewidmet.[1]

Nun fühlen Sie sich durch die hier vorgetragenen Meinungen nicht irritiert oder verunsichert. Es kann auch nicht darum gehen, dass Sie von Ihren Haltungen und Meinungen abrücken müssen. Aber es könnte ja vielleicht einmal ganz interessant sein, Mäuschen spielen zu können und zu erfahren, wie professionell von Behinderung betroffene Fachleute Ihr Kind einschätzen, oder auch welche Mühe sie teilweise mit den Eltern von behinderten Kindern bekunden oder was aus ihrer Sicht ‚Normalität’, um nur ein Stichwort hier zu nennen, bedeutet usw. Oder anders ausgedrückt: Wie denken die Leute, die Tag für Tag sich mit Ihrem Kind beschäftigen, sich mit ihm auseinander setzen, es auch kennen und oft hört man auch, dass die Fachleute von „ihrem“ Kind sprechen. Sie meinen damit, dass es zeitweise eben auch ihr Kind ist.

Versuchen wir deshalb einander zuzuhören und aufeinander zuzugehen.

Noch ein Wort zur Begrifflichkeit Heilpädagoge und Sonderpädagoge. Ich verwende diese Begriffe mehr oder weniger wahllos. Dies wiederum will auch sagen, dass zwischen ihnen kein Unterschied besteht. In der Schweiz ist der alte Begriff des Heilpädagogen noch sehr weit gebräuchlich, währenddem dieser Begriff in Deutschland kaum noch verwendet wird. Hier ist dann eher noch der Begriff des Behindertenpädagogen anzutreffen. Im universitären Bereich wird vor allem der Begriff des Sonderpädagogen benutzt. Inhaltlich besteht zwischen all diesen Begriffen kein Unterschied. Es hängt von der Geschichte bzw. den Personen ab, mit denen Sie es zu tun haben, ob eher dieser oder eher jener Begriff zur Anwendung gelangt. Messen Sie dem keine grosse Bedeutung zu. So habe ich meine Ausbildungen zum Sonderpädagogen in Köln absolviert und mich deshalb auch als Sonderpädagoge bezeichnet. Nun arbeite ich schon seit vielen Jahren in der Schweiz und deshalb bin ich jetzt eben ein Heilpädagoge.

Warum wird jemand Heilpädagoge?

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum jemand Heilpädagoge wird? Oder anders gefragt, warum will jemand jeden Tag, als Beruf, sich mit Ihrem Kind beschäftigen, es fördern, pflegen, mit ihm spielen oder es therapieren? Da muss doch eine bestimmte Motivation dahinter stecken. Vorab muss diese Person auch noch eine Ausbildung absolvieren. Heilpädagoge wird man ja nicht einfach nur so. Es ist ein Beruf. Ist es auch ein Beruf wie jeder andere auch? Dazu komme ich später. Bleiben wir noch bei den Ausbildungen. Diese sind nämlich sehr unterschiedlich. D.h. Heilpädagoge ist also nicht gleich Heilpädagoge. Was bedeutet das? Es bedeutet schlicht und einfach, dass es von der Vorbildung abhängt, welche Art von heilpädagogischer Ausbildung man absolvieren kann. So gibt es seit einigen Jahren auch die Möglichkeit in der Schweiz eine Lehre, Fachperson Betreuung im Behindertenbereich, zu absolvieren. Sie können also auch Behinderten-Azubis antreffen, die sich mit ihrem Kind beschäftigen. Natürlich werden diese dann angeleitet bzw. beaufsichtigt.

Viele Heilpädagogen, die dann auch Sozialpädagogen genannt werden, haben einen anderen Beruf erlernt. Sie steigen dann irgendwann einmal um. Sie bewerben sich an einer Höheren Fachschule und absolvieren, zumeist berufsbegleitend, eine Ausbildung, die sie befähigt, mit Menschen unterschiedlicher Behinderung zu arbeiten. Sozialpädagogen trifft man häufig in Erwachsenen-Institutionen. Darunter versteht man z. B. Wohnheime, Geschützte Werkstätten oder Beschäftigungen oder andere Institutionen, die eine Tagesstruktur für Menschen mit einer Behinderung anbieten. Seit einigen Jahren, in Deutschland seit längerem, besteht nun auch die Möglichkeit, mit einer höheren Ausgangs-Ausbildung, z. B. dem Fachabitur (D) oder der Berufs-Matura (CH) die Sozialpädagogik-Ausbildung an einer Fachhochschule zu absolvieren. Auch diese Sozialpädagogen arbeiten aber in den gleichen Institutionen, wie die Absolventen der Höheren Fachschulen.

Hat jemand das Abitur bzw. die Matura erlangt, so besteht für diese Person auch die Möglichkeit über die Universität direkt das Staatsexamen für das Lehramt an Sonderschulen zu erlangen bzw. in der Schweiz über die Ausbildung zum Primarlehrer an einer Hochschule für Heilpädagogik sich zum Schulischen Heilpädagogen ausbilden zu lassen. Wie es der Name schon sagt, treffen Sie diese Absolventen i.d.R. in einer Sonderschule an und deshalb arbeiten diese Menschen auch in der Hauptsache mit Kindern mit einer Behinderung.

Menschen, die eine Hochschulreife erlangt haben, können aber auch ein Studium der Sonderpädagogik an einer Universität mit dem Master-Abschluss absolvieren. Auch sie verstehen sich als Heilpädagogen. So kann man auch in Heilpädagogik ein Doktor-Arbeit schreiben, wie ich es ja auch getan habe und man kann auch Professor für Sonderpädagogik werden.

Sie sehen also, es besteht, vor allem auf den ersten Blick, ein ziemliches Durcheinander bei den heilpädagogischen Berufen bzw. Ausbildungen. Vermutlich gibt es keinen anderen Beruf, wo man von einer Lehre bis zum Universitäts-Professor sich mit dem gleichen, nämlich mit ihrem behinderten Kind beschäftigt. Das muss, so stelle ich es mir vor, für Sie, ziemlich undurchsichtig und verwirrend sein. Aber so ist es nun einmal. Im Laufe der Geschichte der Heil- und Sonderpädagogik haben sie diese Berufe immer weiter entwickelt bzw. sich immer weiter aufgefächert. Aber ich bin mit dieser Auffächerung (leider?) noch nicht am Ende. Jetzt kommen nämlich noch die Therapeuten dazu. Diese sind heute zumeist auf einem Fachhochschul-Niveau angesiedelt. Es ist aber durchaus möglich, dass Sie im Verlaufe des Heranwachsens ihres behinderten Kindes mit Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Psychomotorik-Therapeuten, Rhythmiklehrerinnen, Hippotherapeuten usw. usf. in Kontakt kommen. Neben den Sozial- und Heilpädagogen, die die meiste Zeit mit ihrem Kind verbringen, kommen seit einigen Jahren auch noch eine Reihe von sogenannt medizinisch-therapeutischen sowie pädagogisch-therapeutischen Berufen dazu. Medizinisch-therapeutische Berufe können (in der Schweiz) mit der Invalidenversicherung bzw. mit Krankenkassen abrechnen und müssen von einem Arzt verfügt werden.

Erwähnt sollen hier auch abschliessend den Berufszweig mit dem Sie meist schon nach der Geburt ihres behinderten Kindes zusammen arbeiten sollen, es sind dies die heilpädagogischen Früherzieher. Vermutlich haben Sie bis anhin von diesem Beruf überhaupt noch nichts gehört und nun, von einem Tag auf den anderen, sollen/müssen Sie mit diesen Leuten, die eventuell vorgeben, bereits alles über ihr Kind zu wissen, kooperativ nach Regelungen, Lösungen, Absprachen und dergleichen mehr, suchen. Ich weiss, dass dies vielen Eltern nicht leicht fällt.

Nachdem wir uns nun einen – groben – Überblick über die verschiedenen Berufe verschafft haben, mit denen Sie im Verlaufe des Heranwachsens ihres Kindes in Kontakt kommen können, will ich mich nun endlich der Frage widmen, ja, warum eigentlich wollen diese Leute alle mit Ihrem Kind arbeiten? Das ist natürlich eine komplexe Frage und kann quasi hier nur statistisch abgehandelt werden. Wie es sich im Einzelfall jeweils verhält, d.h. mit welchen Personen Sie jeweils in Kontakt kommen, weiss ich hier natürlich nicht. Trotzdem…

Teilen wir die Motivlagen in eher positive und eher negative ein. Sie werden vielleicht erstaunt sein, aber ich gehe tatsächlich auch von eher negativen Motiven aus, warum jemand sich dazu entschlossen hat, Heilpädagoge zu werden.

Vermutlich werden Sie die eher positiven Motivlagen nicht besonders überraschen. Da will jemand Heilpädagoge werden bzw. heilpädagogisch tätig sein, weil er Ihrem Kind helfen will. Dieser ehrliche Wunsch besteht sehr oft. Ein junger Mensch entscheidet sich, dass er mit seinem Leben etwas Vernünftiges anfangen will. Er will vor allem mit Menschen arbeiten und sieht in der Arbeit mit behinderten Menschen mehr Sinn, als z. B. bei einer Tätigkeit auf einem Büro oder in einer Werkstatt. Die Realität sieht dann nach einiger Zeit etwas anders aus, als erwartet. Meiner Erfahrung nach macht Berufsanfängern oft sehr grosse Mühe, dass die Behinderung bestehen bleibt. D.h. sie arbeiten jeden Tag mit Ihrem Kind, aber es verändert sich nichts, oder kaum etwas. Das Kind bleibt geistig behindert, die Epi-Anfälle bestehen nach wie vor, die Verhaltensauffälligkeiten werden ebenfalls nicht kleiner, auch das Verständnis den Eltern gegenüber wird nicht grösser, weil diese z. B. immer wieder verlangen, dass ihr Kind nun endlich lesen und schreiben können solle, was aus der Sicht der professionell von Behinderungen Betroffenen ein aussichtsloses Unterfangen darstellt. So kommt es dann nach einiger Zeit zu einem Wechsel der Arbeitsstelle und Sie sind gezwungen, sich mit einer anderen, neuen Person auseinander zu setzen. Die professionell von Behinderung betroffene Person kann, unter Einhaltung ihrer vertraglich geregelten Kündigungsfrist, den Arbeitsplatz wechseln. So wie Sie es ja für sich selber auch entscheiden können. Nur geht es jetzt auch um ihr Kind und da sieht die Sache eventuell anders aus.

Bekannt ist das Helfersyndrom. Darunter versteht man, dass eine Person sich einen helfenden Beruf ausgewählt hat, damit sie ihr (starkes) Bedürfnis helfen zu wollen, befriedigen kann. Nach meiner Erfahrung sind diese Leute nicht die schlechtesten. Sie sind oft sehr einsatzfreudig und hoch engagiert. Was soll daran schlecht sein?

Es gibt aber, so behaupte ich, im heil- und sonderpädagogischen Bereich auch eine Reihe von Leuten, die sich im ausser-heilpädagogischen Bereich nicht etablieren könnten und deshalb versuchen in diesem Bereich Fuss zu fassen. Sie gehen davon aus, dass die Anforderungen niedriger sind und dass Leistung in diesem Bereich ohnehin nicht exakt festgestellt werden kann. Dies korrespondiert dann mit dem, was ich bereits beschrieben habe, dass in diesem Bereich Fortschritte oft nicht feststallbar sind, jedenfalls nicht in der Art und Weise, wie wir es uns ansonsten in der Gesellschaft gewöhnt sind. Das bedeutet, dass, je nach dem, ein Heilpädagoge sagen kann, ich habe alles getan, was machbar ist und der Erfolg ist trotzdem sehr klein oder kaum feststellbar. Diese Aussage kann korrekt sein. Sie kann aber auch davon ablenken, dass der betreffende Heilpädagoge schlicht und ergreifend faul ist.

Dies ist auch in der Heilpädagogik ein tabuisiertes Thema, dessen bin ich mir bewusst. Aber ich habe mir vorgenommen, ehrlich zu Ihnen sein zu wollen und deshalb müssen eben hier die faulen Heilpädagogen auch angesprochen werden.

Heilpädagogen stehen aber oft auch in einem Spannungsfeld zwischen der Heilpädagogik und der Gesellschaft. Das heisst nichts anderes, als dass die Gesellschaft ihnen oft mit Bewunderung begegnet. Dies äussert sich dann in Aussagen wie: „Du machst aber eine interessante und wichtige Tätigkeit. Das könnte ich nicht.“ Usw. usf. Dies bedeutet oft zweierlei. Nämlich zu einen: Schön, dass du diese Arbeit machst, dann muss ich sie nicht machen. Und zum anderen: So wichtig ist diese Arbeit nun auch nicht, weil wir doch alle wissen, dass z. B. Menschen mit einer schweren geistigen Behinderung für diese Gesellschaft so wichtig nun auch wieder nicht sind.

Das heisst, dass die Gesellschaft dem Heilpädagogen zwar einen bewundernswerten Status zumisst, der aber letztendlich so ehrlich wiederum auch nicht gemeint ist. Dies empfinden viele Heilpädagogen als eine Herabsetzung ihrer Rolle und macht sie natürlich nicht eben glücklich. Vielen jungen Berufseinsteigern sind diese Mechanismen oft nicht klar und es bedeutet manchmal einen schmerzlichen Prozess zu sehen, wie lange es dauert, bis sie damit klar kommen.

Das bedeutet für Sie als Eltern, dass Sie nicht selten mit heilpädagogischem Personal zu tun bekommen, die sich ihrer Stellung in der Gesellschaft nicht so sicher sind und dies auch wissen. Das könnte dazu führen, dass sich Heilpädagogen Ihnen gegenüber unsicher fühlen. Ich werde darauf noch zurück kommen.

Halten wir fest, dass der Wunsch Heilpädagoge zu werden und wir haben gesehen, dass dies in keiner Art und Weise ein übersichtliches Berufsfeld ist, äusserst heterogen sein kann. Heilpädagogen werden zwar einerseits für ihre Berufswahl oft bewundert, aber sie selbst können an diese Bewunderung eher weniger glauben. Zudem, wer möchte schon immer bewundert werden, „nur“ weil er seine Arbeit tut. Auf der anderen Seite, so meine jahre lange Erfahrung, wählen eben auch viele Menschen das Berufsfeld der Heilpädagogik, weil sie sich in anderen Berufsfeldern nicht bewähren könnten. Sie fürchten die Konkurrenz, das Nicht-Erreichen auf einer beruflichen Karriere-Leiter und dergleichen mehr. Auch die Arbeitskontrolle, oder wie man heute gerne sagt, einer Qualitätsüberprüfung ihrer geleisteten Arbeit gehen viele Heilpädagogen aus dem Weg bzw. fürchten diese ebenfalls.

Sind es Ihre oder unsere Kinder? Dies scheint auf den ersten Blick eine dumme Frage zu sein. Natürlich sind und bleiben es immer Ihre Kinder. Sie sind die Eltern und für sie verantwortlich. Ist ein Kind nicht behindert, so ist es klar, dass man als Eltern froh ist, wenn das Kind in die Krabbelgruppe, in den Kindergarten bzw. in die Schule kommt. Man spricht sich eventuell auch ab, dass das eigene Kind bei einem anderen Kind über Nacht bleibt oder es geht mit den Pfadfindern oder dem Sportverein in ein Lager. Das entlastet die Familie und macht dem Kind Spass. Es nimmt alles seinen normalen Lauf. Ist das Kind behindert, sieht die Sache schon etwas anders aus. Es kommt eine dritte Komponente ins Spiel, nämlich die Behinderung. Man könnte auch von einer Schnittmenge sprechen. Auf der einen Seite sind die Eltern des Kindes, auf der anderen Seite wir, die Heilpädagogen und mitten drin ist, Nein, nicht das Kind, sondern die Behinderung. Wir haben gelernt, was eine Behinderung ist und wie man damit umzugehen hat, bzw. welche Fördermassnahmen angezeigt sind. Wir sind die Fachleute. Sie sind die Eltern und kennen das Kind logischerweise auch und zwar mit seiner Behinderung, mit der sie vom ersten Tag an sich auseinander setzen mussten. Wenn wir also sagen, es ist unser Kind, so meinen wir die Behinderung mit dem Kind; wenn Sie sagen, es ist ihr Kind, so meinen Sie das Kind mit seiner Behinderung. Beide richten wir den Blick auf die Behinderung, aber jeweils von einer anderen Seite. Welche hat nun mehr Recht? Natürlich keine, so könnte man meinen. Ich bin nicht dieser Ansicht und möchte das gleich erläutern.

Für die Fachleute sind die Eltern oft Laien und wenn sie dies die Eltern spüren lassen, ist bereits der Keim des Unverständnisses gelegt. Dabei wird in allen Institutionen, in denen Heilpädagogen ausgebildet werden, das Thema ‚Elternarbeit’ unterrichtet. Es ist den Heilpädagogen also nicht fremd. So stellt sich den oft die Frage, wie bringt man den Eltern dies oder jenes bei. Diese Fragestellung durchzieht den heilpädagogischen Alltag wie ein roter Faden. Sehr oft kann man hören, dass es die Arbeit mit dem behinderten Kind vereinfachen würde, wenn die Eltern doch „mitziehen“ würden, wenn sie das Kind nicht unterfordern würden, wenn sie es nicht überfordern würden, wenn sie doch da und damit einverstanden wären usw. usf. Die Betrachtungsweisen, was für ein behindertes Kind gut sein würde, liegen in der Praxis nicht selten weit auseinander. Das erschwert die Zusammenarbeit ungemein und ab und zu wechseln deshalb auch Eltern die Institution, wenn die Vertrauensbasis zerstört ist.

Das sind Realitäten und es hat m. E. auch nicht viel geholfen, als man in der Heilpädagogik dazu überging zu sagen: Auch die Eltern sind Fachleute ihres Kindes. Meines Erachtens trifft das nicht zu und es hilft auch nichts, wenn man einen Unterschied verbal zukleistert. Unter dem Kleister besteht er weiterhin. Die Eltern eines behinderten Kindes sind die Eltern und damit lebenslang von Behinderung betroffen und die Fachleute sind die Fachleute und damit eben professionell von Behinderung betroffen. Diese Divergenz besteht und kann nicht wegdiskutiert oder schön geredet werden. Es geht doch darum, dass die Beziehung zu dem behinderten Kind letztendlich eine andere ist bei Fachleuten und Eltern.

Das heisst, wenn es um die Förderung eines behinderten Kindes geht, können unterschiedliche Meinungen auf dem Tisch liegen und nun passiert etwas, was unserem Denken eigentlich fremd, absurd oder auch falsch erscheint, nämlich dass sich widersprechende Ansichten zur gleichen Zeit richtig sein können. Diese Ansicht ist sowohl für Eltern, die ja logisch denken können und heilpädagogische Fachleute, die dies ebenfalls tun und in unserer Gesellschaft erzogen und ausgebildet worden sind, unlogisch. Das kann es eigentlich nicht geben. Entweder ist diese Meinung richtig oder die andere oder man schliesst einen Kompromiss. Dieser bedeutet aber immer zugleich, dass man auch zurücksteckt und das wird, wenn es um die Diagnostik, die Beurteilung eines behinderten Menschen geht, im Grunde nicht akzeptiert. Behinderung erscheint nicht als verhandelbar. Auch das stellt wohl eine logische Erkenntnis dar. Man ist ja von seiner Meinung überzeugt. Gar nicht so sehr aus Machtgründen, weil man unbedingt Recht haben will, sondern weil man ehrlich davon überzeugt ist, dass seine Meinung für den behinderten Menschen die richtige ist. Dies stellt für mich ein mechanistisches Denken dar. Es ist entweder so oder so. Aber von jedem ein bisschen, erscheint als eine mindere Qualität und die darf es in diesem Zusammenhang nicht geben. Eine Ansicht, die verständlich ist.

Etwas anderes wäre es, wenn man die Angelegenheit, damit meine ich, welche Fördermassnahme, welche Haltung, welche Therapie usw. erscheint für den behinderten Menschen als die richtige, durch Hierarchie lösen würde. Dies ist eine Vorgehensweise, die man häufig dann erlebt, wenn man mit der Berufsgruppe von Ärzten konfrontiert ist. Es kann auch eine sachlich fundierte Hierarchie sein. Ich unterstelle mit diesen Aussagen Ärzten keine moralisch fragwürdige Haltung. Aber es ist eben schon so, dass wenn der Arzt mir rät, meinen Meniskus operieren zu lassen, ich dem relativ wenig entgegen zu setzen haben. Ausser, dass ich schmerzfrei werden möchte und so willige ich denn ein. Informed consent, nennen das die Mediziner und ich will an dieser Stelle auch gar nicht mehr weiter darauf eingehen. Dies deswegen auch nicht, weil Heilpädagogen und Eltern sich ja nicht als in einem hierarchischen Gefüge stehend, sehen. Eltern und Heilpädagogen sollten sich grundsätzlich als gleichwertig betrachten und beide streben das gleiche Ziel an, nämlich die bestmögliche Lebenssituation für den behinderten Menschen zu erreichen. Nur über die Methode ist man sich oft nicht so einig.

Kehren wir zur eingangs gestellten Fragestellung zurück. Auch ich als Schulleiter spreche oft von unseren Kindern und meine es auch so. Wenn die Kinder bei uns sind, dann sind es eben unsere Kinder. Aber wir haben sie nur eine Zeitlang und dann fahren sie wieder nach Hause.

Halten wir fest, das Leben, die Auseinandersetzung mit schwer und mehrfachbehinderten Menschen ist nicht einfach. Das Zusammenleben, sei es nun im häuslichen oder in einem professionellen Umfeld stellt alle Beteiligten vor grosse Herausforderungen. Es ist eine Herausforderung an Eltern, Lehrer und Erzieher. Breitinger und Fischer [2] beschreiben m. E. sehr schön, dass dieser Prozess bedeutet, das Leben zu lernen.

2 Was ist Heilpädagogik?

Bevor wir mit den einzelnen Themenblöcken beginnen, legen wir hier eine kurze, aber stabile Basis. Auf historische Erörterungen [3] [4] verzichte ich hier, denn ich bin mir aber bewusst, dass es nicht ohne Verkürzungen gehen kann, den komplexen Sachverhalt der Heilpädagogik zu erläutern. Dies beginnt schon bei der Namensgebung. Wir kennen ausser dem Begriff der Heilpädagogik im deutschen Sprachraum noch die Begriffe Sonderpädagogik, der vor allem in Deutschland Verwendung findet. Hier findet man auch den Begriff der Behindertenpädagogik, der in der Schweiz eher selten anzutreffen ist. In der Schweiz ist nach wie vor der älteste dieser Begriffe, nämlich der der Heilpädagogik der am häufigsten verwendete und deshalb verwende ich ihn auch. Allerdings ist mir bei diesem Begriff oft nicht sehr wohl, weil ich im Grunde nicht genau weiss, was eigentlich mit dem ‚Heil‘ gemeint ist. Ich verstehe mich denn weniger als Heiler, denn als Pädagoge in besonderen Situationen. Die Bedeutung der Heilpädagogik signalisiert noch die alte Nähe der Behindertenpädagogik zur Medizin, wie es im 19. Jahrhundert noch der Fall gewesen ist, als sich die Heilpädagogik noch nicht als eigen- und selbständige Disziplin verstanden hat.

Moderne Fragestellungen der Heilpädagogik sind heute die Folgenden:

- Was ist Heilpädagogik? Wogegen grenzt sie sich ab? Wo gehört sie dazu?
- Wo befindet sich die Heilpädagogik? Wo ist ihr Platz innerhalb der Sozialwissenschaften, innerhalb der Gesellschaft?
- Wann zeigt sich Heilpädagogik? Ist sie in heutigen Diskussionen, wenn es um Behinderung geht, präsent? Erhebt sie ihre Stimme? Hat sie überhaupt eine?
- Wodurch begründet sich die Heilpädagogik? Auf welchem Fundament steht sie? Wovon oder wodurch leitet sie sich und ihre Legitimation ab?
- Wohin soll sich die Heilpädagogik ausrichten? Was sind ihre Visionen? Wie sehen ihre Leitbilder aus? Welches sind überhaupt ihre Leitbilder?
- Wie setzt sich die Heilpädagogik um? Wo findet man sie? Nach welchen Kriterien arbeitet sie? Wie geht sie vor? Was sind ihre Handlungspläne?
- Wer übt Heilpädagogik aus? Welche Berufe verstecken sich hinter dem Vorhang der Heilpädagogik? Wer bildet wie aus? Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um eine gute Heilpädagogin, ein guter Heilpädagoge zu sein? Wer setzt die Standards?

Dieses Buch versucht einige dieser Fragen zu beantworten. Entscheiden Sie selber, inwieweit dies gelungen ist oder wo sie Defizite in der Beantwortung feststellen können.

Kehren wir zur Ausgangsfrage zurück, die heisst: Was ist Heilpädagogik? Beginnen wir klassisch, d.h. mit einer Definition der WHO. Diese formulierte 1980 in der ICIDH-1 (international classification of impairments, disabilities and handicaps) folgendes:

Impairment = Schaden

Ein Schaden ist ein Verlust oder eine Abnormität der Körperstruktur oder einer physischen oder psychischen Funktion.

Disability = Fähigkeitsstörung

Sie spiegelt die Folgen der Schädigung für die funktionellen Fähigkeiten und Aktivitäten der Person wider. Sie stellt Störungen auf der Ebene der Person dar.

Handicap = Beeinträchtigung

Sie betreffen Beeinträchtigungen, die seitens der Person im Gefolge von Schädigungen und Fähigkeitsstörungen erfahren werden. Beeinträchtigungen spiegeln daher die Wechselwirkung mit der Umgebung des Individuums und die Adaption an diese wider.

1999 wurden diese Klassifikationen leicht verändert und lauten nun so:

Schädigung

Eine Schädigung ist eine Beeinträchtigung einer Körperfunktion oder –struktur im Sinne einer wesentlichen Abweichung oder eines Verlusts.

Aktivität

Eine Aktivität ist die Art und das Ausmass einer zielgerichteten Tätigkeit einer Person als autonom handelndes Subjekt. Eine Aktivität kann in Art und Dauer und Qualität gestört sein.

Partizipation

Die Partizipation ist die Art und das Ausmass der Teilhabe oder des Einbezogenseins einer Person an bzw. in Lebensbereichen im Hinblick auf Schädigungen, Aktivitäten, gesundheitlicher Situationen und Kontextfaktoren. Die Partizipation kann in Art, Dauer und Qualität eingeschränkt sein.

Heute orientieren wir uns auch in der Heilpädagogik zunehmend an der ICF, d.h. an der Interantionalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit.[5] „Der Begriff der Funktionsfähigkeit eines Menschen umfasst alle Aspekte der funktionalen Gesundheit. Eine Person ist funktional gesund, wenn – vor dem Hintergrund ihrer Kontextfaktoren –

1. Ihre körperlichen Funktionen (einschliesslich des mentalen Bereichs) und Körperstrukturen denen eines gesunden Menschen entsprechen (Konzepte der Körperfunktionen und –strukturen).
2. Sie all das tut oder tun kann, was von einem Menschen ohne Gesundheitsprobleme (ICD) erwartet wird (Konzept der Aktivitäten).
3. Sie ihr Dasein in allen Lebensbereichen, die ihr wichtig sind, in der Weise und dem Umfang entfalten kann, wie es von einem Menschen ohne gesundheitsbedingte Beeinträchtigung der Körperfunktionen oder –strukturen oder der Aktivitäten erwartet wird (Konzepte der Partizipation (Teilhabe) an Lebensbereichen).

Der Behinderungsbegriff der ICF ist der Oberbegriff zu jeder Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit eines Menschen.“[6] Diese o.e. Definition, die vom nicht-behinderten Menschen ausgeht, ist mir sehr sympathisch, weil sie nicht das definiert, was nicht vorhanden ist, sondern von einem funktionsfähigen und damit auch partizipativen Menschen ausgeht. Dass ein Mensch mit geistiger Behinderung darin eingeschränkt ist, ist klar. Aber es ist immer eine relative Eingeschränktheit, eine relative Beeinträchtigung, die es immer wieder erneut zu definieren gilt. Ein Mensch ist nicht nur behindert, er ist zu einer bestimmten Zeit, in bezug auf bestimmte Tätigkeiten behindert. Dies gilt auch für schwer und mehrfachbehinderte Menschen, wo ev. vor lauter Behinderung kaum noch der Mensch gesehen werden kann. Dies darf aber nicht sein, weil es ethisch nicht vertretbar ist, dass ein Merkmal für einen Menschen wesensbestimmend sein soll.

2.1 Raster für Bestandesaufnahme mit der ICF

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Teile der ICF [7]

Die ICF wird in zwei Teile unterteilt, die je zwei Komponenten haben. Teil 1 beschreibt die Funktionsfähigkeit und Behinderung eines Menschen und beinhaltet die Komponenten Körperfunktion und Körperstruktur sowie Aktivität und Partizipation.

Teil 2 beschreibt der Kontext in dem eine Person lebt und beinhaltet die beiden Komponenten Umweltfaktoren und Personbezogene Faktoren (vgl. unten Kontextfaktoren).[8]

Kontextfaktoren

Kontextfaktoren sind alle Gegebenheiten des Lebenshintergrundes einer Person. Sie sind in Umweltfaktoren und personenbezogene Faktoren gegliedert. Diese können einen positiven (Förderfaktor) oder negativen Einfluss (Barriere) auf die Person mit einem bestimmten Gesundheitszustand haben.

Komponenten

Sind die Teile der ICF. Es sind dies: Körperfunktionen und Körperstrukturen, Aktivität und Partizipation, Umweltfaktoren und Personbezogene Faktoren. Kapitel, resp. Items und Subitems von Komponenten können sowohl positiv (Ressourcenorientierung) wie negativ (Defizitorientierung) beschrieben werden.

Körperfunktionen und Körperstrukturen

Körperfunktionen sind die physiologischen Funktionen von Körpersystemen (einschließlich psychologischer Funktionen).

Körperstrukturen sind anatomische Teile des Körpers wie Organe, Gliedmaßen und ihre Bestandteile.

Eine Schädigung ist eine Beeinträchtigung einer Körperfunktion oder –struktur, wie z.B. eine wesentliche Abweichung von einem Standard oder ein Verlust.[9] Sie werden umgangssprachlich als Defizite bezeichnet.

Wirkt sich eine Körperfunktion oder –struktur positiv auf den Gesundheitszustand einer Person aus, wird dies als Ressource bezeichnet.

Aktivität

Eine Aktivität ist die Durchführung einer Aufgabe oder einer Handlung (Aktion) durch eine Person.

Beeinträchtigungen der Aktivität sind Schwierigkeiten, die ein Mensch haben kann, die Aktivität durchzuführen. Sie werden umgangssprachlich als Defizite bezeichnet.

Wirkt sich eine Aktivität positiv auf den Gesundheitszustand einer Person aus, wird dies als Ressource bezeichnet.

Partizipation/Teilhabe

Partizipation/Teilhabe wird als das Einbezogensein einer Person in eine Lebenssituation definiert. Partizipation bedeutet konkret:

Zugang zu den Lebensbereichen zu haben (z.B. Erwerbsleben)

In Lebensbereiche integriert zu sein, an ihnen teilzunehmen oder teilzuhaben

Sein Dasein in Lebensbereichen zu entfalten

Ein unabhängiges, selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben in den Lebensbereichen zu führen.

Unter subjektiver Wahrnehmung von Teilhabe wird folgendes verstanden:

Zufriedenheit in Lebensbereichen

Erlebte gesundheitsbezogene Lebensqualität in Lebensbereichen

Erlebte Anerkennung und Wertschätzung in den Lebensbereichen.

Wird die Person an der Partizipation gehindert, spricht man von Beeinträchtigung der Partizipation. Sie entsteht durch Wechselwirkungen zwischen dem gesundheitlichen Problem einer Person und ihren Umweltfaktoren [10]. Kann eine Person in einem Lebensbereich positiv partizipieren und sich dies positiv auf die funktionale Gesundheit auswirkt, spricht man ebenfalls von einer Ressource.

Umweltfaktoren

Umweltfaktoren bilden die materielle, soziale und einstellungsbezogene Umwelt, in der Menschen leben und ihr Leben gestalten. Wenn sich ein Umweltfaktor negativ auf die funktionale Gesundheit auswirkt, wird dies in der ICF als eine Barriere bezeichnet. Wirkt sich ein Umweltfaktor positiv auf die funktionale Gesundheit aus, wird dies als Förderfaktor bezeichnet.

Personen bezogene Faktoren

Personen bezogene Faktoren sind der spezielle Hintergrund des Lebens und der Lebensführung einer Person und umfassen Gegebenheiten der Person, die nicht Teil ihres Gesundheitsproblems oder Gesundheitszustandes sind. Diese Faktoren können Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Alter, Fitness, Lebensstil, Gewohnheiten, Erziehung, Bewältigungsstile, sozialen Hintergrund, Bildung und Ausbildung, Beruf sowie vergangene oder gegenwärtige Erfahrungen, allgemeine Verhaltensmuster und Art des Charakters, individuelles psychisches Leistungsvermögen und andere Merkmale umfassen, die in ihrer Gesamtheit oder einzeln für die Behinderung eine Rolle spielen können. Personen bezogene Faktoren sind in der ICF nicht klassifiziert. Bei den personenbezogenen Faktoren spricht man auch von Barrieren und Förderfaktoren, welche die Funktionale Gesundheit negativ resp. positiv beeinflussen können.

Wechselwirkungen

Die Funktionsfähigkeit eines Menschen ist als eine Wechselwirkung zwischen den Komponenten der ICF zu sehen. Es besteht eine dynamische Wechselwirkung zwischen diesen Komponenten: Interventionen bezüglich einer Komponente können eine oder mehrere der anderen Komponenten verändern (vgl. bio-psycho-soziales Modell der ICF). Diese Wechselwirkungen sind von Person zu Person verschieden und stehen nicht immer in einem vorhersagbaren Eins-zu-Eins-Zusammenhang.

Wie man sieht, wird in dieser Fassung dem interaktiven Aspekte eine grosse Bedeutung zugemessen. Dies ist heute in der Heilpädagogik eine anerkannte Grundauffassung. Niemand ist per se behindert, ex existiert eine Schädigung, die dann im interaktiven Kontext erst zu einer Behinderung wird. Beispiel: ca. 40 % des heilpädagogischen Systems werden in der Schweiz durch die lernbehinderten Schüler repräsentiert. In Agrargesellschaften existiert diese Behinderung nicht, ebenso nicht in der 3. Welt. D.h. auch lernbehinderte Menschen können in einer Gesellschaft, die noch nicht so stark auf Abstraktionsfähigkeit baut, weil sie noch wesentlich weniger komplex strukturiert ist, am Leben der Gemeinschaft partizipieren. Ihre Fähigkeiten u.a. Lesen und Schreiben zu können, haben nicht die gleiche Bedeutung, wie wenn es sich um eine Dienstleistungsgesellschaft handelt, wo quasi alle Vorgänge über schriftliche Informationen erfolgen.[11] Anders formuliert könnte man auch sagen, dass ca. 60 % des heilpädagogischen Systems in der Schweiz durch sinnes-, geistig- und körperbehinderte Menschen repräsentiert werden. In einer Statistik für sonderschulbedürftige Kinder aus der BRD sieht das zusammengefasst folgendermassen aus: Die Prozentzahlen geben den Anteil der Kinder mit der jeweiligen Behinderung wider im Verhältnis zur Gesamtzahl aller Kinder eines Jahrganges.

[...]


[1] Vgl. Kapitel 4.

[2] Breitinger, M., Fischer, D., 2000, 12ff.

[3] Vgl. Anstötz, C. 1987, 1ff.; insbesondere aber auch: Ellger-Rüttgardt, S.L. 2008

[4] Eine sehr umfangreiche und hochinteressante Studie hierzu bietet Müller, B. 2001 an.

[5] Herausgegeben vom Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information. World Health Organization, Genf 2004

[6] Dies., 4

[7] Weitere detaillierte Hinweise sind dem Beitrag: ‚ICF und ihre Anwendung in der Heilpädagogik‘ von R. Manser, , in: Dohrenbusch u.a., 2005, 25 – 54, zu entnehmen.

[8] Vgl. WHO 2005, 9

[9] Vgl. WHO 2005, 16

[10] Vgl. Schuntermann, M., 2005, 30ff

[11] Vgl. hierzu das Kapitel ‚Die Auswirkung des technischen Fortschritts auf lernschwächere Menschen‘, in: Bonfranchi, R.: Ethische Handlungsfelder der Heilpädagogik. Bern 2011, 87 - 92

Ende der Leseprobe aus 280 Seiten

Details

Titel
Studienbuch der geistigen Behinderung
Untertitel
Theoretische und praktische Aspekte der Geistigbehindertenpädagogik
Autor
Jahr
2013
Seiten
280
Katalognummer
V265990
ISBN (eBook)
9783656560050
ISBN (Buch)
9783656560043
Dateigröße
4639 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geistigbehindertenpädagogik, Heilpädagogik-Sozialpädagogik
Arbeit zitieren
Riccardo Bonfranchi (Autor), 2013, Studienbuch der geistigen Behinderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265990

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