Hartzer Roller

Aus dem Leben eines Habenichts


Fachbuch, 2014
80 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Im Flugsimulator

„Zu Gast bei Freunden“

Historiker vom Ententeich

Einbildung ist auch eine Bildung

Kunst kommt von können, und Gunst kommt von günstig

Guter Rat ist nicht immer teuer

„Kampf der Kulturen“

Spare in der Zeit, so hast du in der Not

Erkenne dich selbst

Das war wohl nix

Bruchlandung auf dem Planeten Treptow.

Erkenne dich selbst 2

„Die Geister lasset aufeinanderprallen, aber die Fäuste haltet stille“

„In the Army Now“

Das war wohl nix 2

Wenn einer eine Reise tut, dann tut ihm das nicht immer gut

Dreiecksbeziehung mit Vertrag

Mister Doolittle

Erkenne dich selbst 3

„Die Welt ist ein Irrenhaus, und hier ist die Zentrale“

Echt abgehoben

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber eben auch

Alles für umsonst oder alles für die Katz?

„Unheimliche Begegnungen der dritten Art“

„Seid bereit!“ „Immer bereit!“

Auf Knall und Fall

Epilog

Prolog

Wieder eile ich durch die Lindenstraße und bleibe stehen vor dem riesigen Koloss des Verlagshauses, das sich der Pressemagnat, Axel Springer, einst schuf, als er eine repräsentative Bleibe in Berlin benötigte. Die gläserne Fassade des Bürotempels erhebt sich vor mir wie ein aufgeschlagenes Buch. Im Jahre 2009, fünfzig Jahre nach der Grundsteinlegung komplettierte der Starbildhauer, Stephan Balkenhol, das Ensemble mit der Bronzestatue eines Mannes, der auf einem Stück Mauer balanciert. Ich halte davor inne, wenigstens für einen Moment. Sommers wie winters nur leicht bekleidet mit einem weißen Hemd und schwarzer Hose, verharrt der Mann standhaft da oben auf nur einem Bein. Beim Anblick des hemdsärmeligen Herrn kriechen mir die zwanzig Grad minus dieses Februar-Morgens noch eindringlicher unter die Haut. Ich muss ohnehin gleich weiter zu meinem eigentlichen Bestimmungsort ganz in der Nähe, dem Arbeitslosenarbeitgeber Ikarus. Vor fast zehn Jahren begann ich meinen ganz persönlichen Balanceakt, seit ich mich das erste Mal auf einer deutschen Sozialbehörde meldete.

Damals wusste ich freilich nicht, wie lange ich mich aus ihren Fängen nicht mehr würde befreien können. Je länger aber jemand ohne eigenes Einkommen und damit ein Habenichts bleibt, um so mehr haftet ihm auch der Geruch an, ein Taugenichts zu sein. Joseph von Eichendorff schrieb einst eine Novelle unter dem Titel Aus dem Leben eines Taugenichts. Der Titel spiegelt das Image, das sein namenloser Protagonist in den Augen der Gesellschaft schon damals im 19. Jahrhundert hatte, weil er fröhlich kreuz und quer durch die Lande zog, mit nichts als seiner Geige als Besitz. Und weil er allenfalls aus Liebeskummer traurig war, nicht aber über das Fehlen eines geregelten, soliden Einkommens. Nach einigen Bogenfahrten durch halb Europa findet der vermeintliche Taugenichts bei Eichendorff am Ende doch noch seine Erfüllung und kann mit der Liebe seines Lebens im Arm in eine glückliche Zukunft schauen. Ebenso, nur weniger freiwillig, erlebt auch der Habenichts heute so seine Abenteuer mit Unwägbarkeiten, die er sich vorher im Traum nicht hätte vorstellen können. Allein die Sache mit der glücklichen Zukunft bleibt für ihn offen. Denn gibt ihm dieselbe Gesellschaft, die das alles nicht gutheißt, weiter und weiter keine Möglichkeit der Leistung für Gegenleistung, treibt sie ihn um so nachhaltiger in die Arme jener Dame, die ihn zwar ernährt, ihm dafür aber auch eine Menge unlösbarer Rätsel aufgibt. Und dann erst verwandelt sich das ganze Leben in eine Odyssee.

Einige schöne Überlieferungen aus dem Reich der Mythen können einem da einfallen, um den Zustand gebührend zu bebildern, der den so vom rechten Wege Abgekommenen ereilt. Seien es die Meeresungeheuer, von denen es heißt, dass sie ganze Schiffe mit sich in die Tiefe ziehen. Oder die Medusa, die jeden zu Stein erstarren lässt, der sie zu genau anschaut. Oder man denke an die Seefahrer, um die es geschehen war, sobald sie jener Insel zu nahe kamen, wo die betörend schön singenden Sirenen wohnten. Auch wer in die Arme der Sozialwirtschaft fällt, merkt erst nichts, dann ist er verzaubert, dann gelähmt. Es sei denn, jemand ist so schlau wie Odysseus und hat ein paar Gefährten an seiner Seite, die ihn – mit Oropax präpariert – dabei helfen, sich dem einlullenden Einfluss rechtzeitig wieder zu entziehen. Wie Odysseus am Beginn seiner Irrfahrt ahnte ich nicht, was alles auf mich zukommen würde, als mir die Sozialbehörde nichts Geringeres nahelegte als die Neuorientierung meiner gesamten Lebensplanung...

Im Flugsimulator

Nicole war Stewardess, bis sie ihr Kind bekam. Da war es vorbei mit dem fröhlichen Jetten um den halben Globus. Keine Kita der Welt hätte ihre Kleine für die Länge eines Fluges nach Hongkong und wieder zurück aufgenommen, und das in schöner Regelmäßigkeit. Nicole hatte ihren Job geliebt, auch wenn sie von Hongkong, Moskau oder London mitunter nur ein Hotelzimmer zu sehen bekam. Meist reichte der Zwischenaufenthalt doch für eine kleine Erkundungstour durch das jeweilige Reiseziel ihrer Fluggesellschaft. Noch heute kommt sie ins Schwärmen, wenn es um Flugzeuge geht. Seit drei Wochen hat sie nun die Gelegenheit, ihre Träume unter professioneller Anleitung aufzufrischen. In einem Orientierungs-/ Motivations- und Bewerbungskurs für Langzeitarbeitslose. In diesem Kurs lernte ich sie kennen. Die Schulung fand in Schöneberg statt bei einer Organisation namens Click. Sie heißt wohl so, weil ihre Kundschaft sich aus Leuten zusammensetzt, deren Festplatte unterm Schädeldach schon begonnen hat zu hängen und die deshalb einen Motivationsschub brauchten, sozusagen einen Click auf den Reset-Button. Der Kurs wurde geführt von zwei Damen gleichzeitig – das können sich nur gemeinnützige Organisationen leisten – mit hohem, kreativem Anspruch.

Die erste Aufgabe der fünfzehn Teilnehmer war es, einmal auf einem Din-A3-Bogen aufzuzeichnen, wie sie ihren Lebensverlauf bis hierhin einschätzen und wo sie sich gerade stehen sehen. Auf den Bildern war meist über den Stand der Dinge nicht so viel zu erkennen wie in dem Begleittext, mit dem die Teilnehmer dann ihr Werk kommentieren durften. Die Berufsausübungsferne der Damen begründete sich meist mit ihrer mal mehr, mal minder alleinerziehenden Mutterrolle. Wie bei Nicole. Auf ihrem Blatt fand sich folgerichtig ein kleines Flugzeug links oben in der Ferne und ein um so größerer Spielzeugberg nebst Kind rechts unten. Ich selbst hatte mit der Kreativität eines Mathematikers ein Diagramm gezeichnet, das meine Erlebnisse auf einem Zeitstrahl zeigte. Mal schlug dessen Kurve in die positive Richtung aus, siehe Studienzeit; ein anderes Mal rutschte sie in den negativen Bereich ab. Zum Beispiel in der Lehrzeit, als sich alle Azubis in einem Übungslager im Harz einer paramilitärischen Ausbildung unterziehen mussten – so richtig mit Exerzieren, Schießen und Geländelauf. Seit anderthalb Jahren dümpelte nun die Kurve wie auf einem schlechten Kardiogramm nahe der Nullinie entlang. Meine Graphik erklärte sich geradezu von selbst. Jedenfalls nickten alle verständnisvoll und nachdenklich.

Als nächstes stand eine ausgiebige Einführung in die Rechte und Pflichten eines „Arbeitslosengeldzweiempfängers“ auf dem Programm. Die Liste der Pflichten war erwartungsgemäß etwas länger. Ein weiterer Programmpunkt bestand darin, einen Kurzvortrag vor der gesamten Innung zu halten. Das war kein Problem für mich, hatte ich das doch an der Universität ausgiebig gelernt. Ich brachte zwei Fotos mit. Das eine zeigte eine Weltraumaufnahme, das Siebengestirn im Sternbild Stier. Auf dem anderen war ich im Hofbräuhaus zu München abgelichtet mit einer Maß Bier in der Hand. „Heute will ich euch mal erklären, wie der klassische Dreischritt der Kurzansprache geht. Da haben wir also auf der einen Seite die Sterne – These – und auf der anderen das Bier – Antithese.“ Wie sollten sich diese beiden nun zu einer Synthese vereinen? Das verbindende Dritte ist Daniel, der seit seiner Kindheit ein großer Astronomie- und Star-Trek -Fan ist, der aber auch sehr gerne Bier trinkt. Und der es schon geschafft hat nach einem Kneipenbesuch in München, als er sich dort noch nicht recht auskannte, mit Hilfe der Sterne den Weg nach Hause zu finden. Dem allgemeinen Gelächter nach ging das nochmal richtig gut.

Aber in der letzten Woche stellte mich das Damen-Dozenten-Duo vor eine nahezu unlösbare Aufgabe. Sie luden die Kursteilnehmer ein, es sich gemütlich zu machen und einmal vorzustellen, ihnen begegne auf einer schönen Sommerwiese die Fee des Wunscharbeitsplatzes. Auch ich sollte mit ihr zunächst in meinem Inneren kommunizieren und meine Wünsche ganz frei von Sachzwängen erörtern. Das Ergebnis der Unterredung mit der Fee sollten alle dann auf einem Din-A3-Blatt in einer Collage verarbeiten. Die Collagen der Damen zeigten vor allem Strände mit feinem, weißem Sand, Sonnenschirme und Liegestühle. Die meisten von ihnen hatten also erst einmal vor, ausgiebig in der Welt herumzureisen, fremde Kulturen kennenzulernen oder einfach irgendwo, wo die Sonne immer scheint, bei einem Drink auf der Terrasse mit Meeresblick zu liegen … und den Mann arbeiten gehen zu lassen. Allein das Flugzeug auf Nicoles Blatt gab der leisen Hoffnung Ausdruck, dass sie damit allzu gern auch wieder dienstlich unterwegs sein würde. Von Collagen habe ich nie viel gehalten – diese als Kunst getarnte Schnipseljagd. Also griff ich zum Stift und begann zu zeichnen: Daniel bei der Recherche in der Universitätsbibliothek, Daniel im Beratungsgespräch mit einer Studentin, Daniel zeigt etwas an der Tafel im vollen Hörsaal. Bloß, dass ich mein Wissen einmal in der Forschung weiter entwickeln und in der Lehre zum Besten geben wollte, darauf wäre ich wohl auch ohne das Gespräch mit der Fee gekommen. Hernach kam mir eine Idee: wahrscheinlich hat das Damen-Dozenten-Duo ein paar Jahre früher selber in einer solchen Schulung gesessen und die Fee gefragt. Und ihre Antwort hat gelautet: Dozentin für Motivations-/ Orientierungs- und Bewerbungskurse für Langzeitarbeitslose.

„Zu Gast bei Freunden“

Ich saß mit Nicole auf dem Balkon ihrer kleinen Wohnung in Schöneberg bei Brot, Käse und Wein – passend zu den mediterranen Temperaturen an diesem Abend. Die Fußball-WM stand vor der Tür, und wir besprachen unsere erste Expedition zur Fan-Meile hinterm Brandenburger Tor. Frei nehmen mussten wir dafür schon mal nicht, denn inzwischen hatten wir den Orientierungs-/ Motivations- und Bewerbungskurs für Langzeitarbeitslose erfolgreich beendet. Erfolgreich bedeutete in diesem Fall, wir hatten uns durch regelmäßige Anwesenheit noch eine Einzelbewerbungsberatung verdient. Jetzt aber sannen wir erst einmal darüber nach, welche Gegenstände wir auf keinen Fall vergessen durften, gar nicht erst mit auf die Fan-Meile zu nehmen. Da war einiges, worauf ich sonst eigentlich ungern verzichte: das Messer in der Hosentasche, das Bier aus der Region und ein Deo-Spray im handlichen Taschenformat zum Nachdieseln. Die größte Hürde würde für mich sein, das Bier aus der Plastikflasche trinken zu müssen. Zur Einstimmung auf das Großereignis schenkte mir Nicole einen Fan-Wedel, das heißt einen Staubwedel in den Farben der deutschen Flagge. Wenn die deutsche Mannschaft mal wieder nicht Weltmeister werden sollte, hatte ich wenigstens schon das richtige Utensil für den Kehraus.

Nach geklärtem Eigenbeitrag zur WM und ein Paar Gläser Wein später philosophierten wir wieder einmal über unsere, gefühlte Lichtjahre entfernte Berufserfahrung. Ihre letzte An­stellung als Stewardess hatte Nicole beim Rosinenbomber in Tempelhof. Die Rundflüge mit den legendären Flugzeugen der Luftbrücke konnte sie zeitweise noch trotz Kind begleiten. Da brauchte sie ja auch nicht so weit hinausfliegen. Der Big Air Lift war einst eingerichtet worden, um West-Berlin aus der Luft mit so ziemlich allem zu versorgen, was eine Groß­stadt so braucht. Das war, als die Russen sich zum ersten Mal darin übten, die Stadt komplett abzuriegeln. Nur Oropax wurde nicht mitgeliefert, obwohl das die Berliner auch hätten dringend gebrauchen können. Denn von Juni 1948 bis Mai 1949 sau­sten die Fracht-Maschinen der US Air Force zwischen Wiesbaden, Frankfurt am Main und Berlin hin und her in bis zu 1400 Flügen pro Tag – und Nacht. Sie bewegten sich auf drei Korridoren mit je fünf Flughöhe-Ebenen, so dass sie im Drei-Minuten-Takt in Tempelhof voll landen und leer wieder abschwirren konnten. Nach fast einem Jahr gaben die Russen auf, und die Einwohner begannen sich wieder zu erholen von den Engpässen und vom Ohrensausen. Die Ausflugsbomber flogen nun in weit geringerer Dichte über Berlin. Eine von Nicoles Hauptaufgaben war, dafür zu sorgen, dass auch ja die Tüten für eventuelle Unpässlichkeiten am jeweiligen Vordersitz griffbereit waren. Denn vor allem die Damen unter den Passagieren wurden blass um die Nase, sobald das Flugzeug begann, seine Runden über der Hauptstadt zu drehen. Als Nicole auch diesen Job aufgeben musste, vermisste sie ihn nicht allzu sehr.

Bevor wir uns drei Tage später zur Fan-Meile aufmachten, entwaffnete ich vorsorglich meine Hosentaschen. Der Rucksack enthielt nur noch ein paar Packungen Taschentücher und das Bier vom Aldi. Nicoles Kind war bei der Oma gut aufgehoben. Und ich hatte auch den Fan-Wedel zu Hause gelassen. Ich war mir nicht sicher, ob die Polizei ihn für ein Schlagwerkzeug halten und einkassieren würde. Am Ende wurde Deutschland wieder einmal nicht Weltmeister. Aber den Entstauber habe ich heute noch. Inzwischen zeigt er ziemlich starke Gebrauchsspuren, und mit seinen Farben ist so mancher schwarz-rot-gelbe Traum der Freiheit verblasst. Kaum war die WM vorüber, hatte auch die Bewerbungsberaterin in Schöneberg Zeit für eine Audienz. Ich hatte ihr wie ausgemacht meinen Lebenslauf zuvor zugesandt. Den hatte sie inzwischen gesichtet und schlug vor: „Machen Sie doch besser die Schrift etwas größer, so mit Arial, Größe 12 kommt alles viel besser zur Geltung.“ Und ich sollte noch eine „dritte Seite“ einrichten, um dem Wunscharbeitgeber all das mitzuteilen, was er über meine Qualifizierungen und Berufserfahrungen hinaus wissen sollte. Danach war der Lebenslauf nicht mehr drei sondern sechs Seiten lang. Und selbst meine 92-jährige Nachbarin konnte ihn nun ohne Brille lesen. Nur, würde das auch der Wunscharbeitgeber als Kompliment auffassen?

Historiker vom Ententeich

Da beim Wunscharbeitgeber die Betonung auf Wunsch liegt, musste bis zu dessen Erfüllung eine jener Pseudodienststellen reichen, in denen Pflichterfüllung und Leistungswille wenig­stens gebührend trainiert werden können. Damals wusste ich noch nicht, wie viele solcher „Träger“ es für die Arbeitslosenbewirtschaftung in der Stadt schon gibt. Oft haben sie recht phantasievolle Namen wie Ikarus oder Uroboros oder Auftrieb oder Transmissionsriemen oder Futur Zwei. Mein erster Arbeitslosenarbeitgeber beim Spreebogen hieß einfach nur Die Projektmanager. Und mein erster großer Auftrag dort bestand darin, zusammen mit elf hochgebildeten Kollegen die romantischen Seiten unseres Heimatstadtbezirkes zu erforschen und hernach in einer Broschüre ansprechend für Auge und Geist zu präsentieren. Zwölf Akademiker bekamen damit die große Chance zu zeigen, was sie so drauf haben, wenn sie nur könnten wie sie wollten.

Die Sache mit dem „ansprechend für Auge und Geist“ erwies sich schon bald als ziemlich problematisch. Zunächst betraf es nur das Auge. Schöne Fotos aus dem Internet zuseln, verbot sich eh von selbst. Aber auch die selber geknipsten Bilder sollten nicht ohne weiteres verwendet werden können. Denn es war fraglich, wie arbeitende Arbeitslose ihre Fotos vermarkten sollten. Wem gehörten überhaupt die Bilder und deren Verwertungsrechte? Weitere Gedanken da­ran schoben wir erst einmal ratlos beiseite und bildeten drei Gruppen zu je vier Leuten, die nach einem ausgeklügelten Plan die romantischen Orte ausspähen sollten. Mein Suchtrupp bestand neben mir aus einer Doktorin der Biologie im fortgeschrittenen Alter, einer Germanistin im etwas weniger fortgeschrittenen Alter und einem jungen Mann, der sein Archäologie-Studium abgebrochen hatte. Wir hielten ziemlich schnell ziemlich gut zusammen – wie eine Bergkameradschaft, wäre Berlin nur nicht so bretteleben. Die Neugier an der Stadtgeschichte griff unter uns bald so weit um sich, dass wir uns nicht mehr an den Plan hielten und begannen, ganz Charlottenburg-Wilmersdorf zu durchpflügen. Kein romantisches Plätzchen sollte uns entgehen, und sei es noch so klein. Auf den Erkundungstouren lernte ich viel fürs Leben. Zum Beispiel, dass der letzte Scheiterhaufen in Preußen im Mai 1813 am Rande der Jungfernheide aufgeschichtet wurde. Dort verbrannte man aber keine Hexen, sondern den Räuber, Johann Christian Peter Horst, mit seiner Komplizin, Friederike Luise Christiane Delitz. Sie mussten dort nach dem damals noch gängigen Prinzip der „spiegelnden Strafe“ schmoren. Denn die beiden hatten auf ihren Raubzügen auch einige Feuer gelegt und dabei nicht nur Sachschaden angerichtet. Und ich lernte, wie es auf dem Fehrbelliner Platz aussieht. Das wusste ich gar nicht, weil ich bisher immer nur mit der U-Bahn darunter durchgerauscht war. Ein riesiges Verwaltungsrondell breitete sich dort vor uns hin. Alle, zum Teil kreisrund um den Platz angeordneten Häuser waren vollgestopft mit Büros. Gerade so, als läge hier die Weltzentrale der Bürokratie. Das war ein guter Ort zum Verlängern des Reisepasses, aber sicher nicht zum Wecken romantischer Gefühle.

Nach einigen Wochen Expedition gingen wir dazu über, die romantischen Plätze vom historischen Marzipan-Laden in der Pestalozzistraße bis zum Volkspark Jungfernheide mit Hintergrundinformationen anzureichern und erste Texte in Form zu gießen. Dabei entstand in der Textredaktion ein Tauziehen zwischen Hanna Gayk, der Biologie-Doktorin, Gundula Anschlag-Rieger, der Germani­stin, und mir, dem Philosophen und beinahe Astronomen. Hanna Gayk konnten die Sätze nicht lang genug sein. Das ermöglichte sich am besten durch die Verkettung eines Hauptsatzes mit wenigstens vier bis fünf Nebensätzen. Gundula war die Gestaltung der Broschüre insgesamt für das Thema Romantik nicht verspielt genug. Da sie sich nicht durchsetzen konnte, schuf sie parallel zu den Hauptakteuren ihre eigene, barocke Version mit Blümchen und Goldrand. Ich plädierte für kurz, sachlich und effektiv. Am Ende wurde ein Kompromiss zwischen Hannas Anspruch und meinem gefunden. Wir machten es halblang.

Schon lange vor dieser Maßnahme war mir bewusst, dass ich an einem privilegierten Ort wohne, wo mir die Romantik täglich zu Füßen liegt. Wenn ich nur die Straße vor meinem Haus überquere, lande ich direkt im Lietzensee-Park. Wie der Name unschwer erkennen lässt, säumt der Park ein Gewässer. Obwohl darin außer Enten, Blesshühnern und Fischen eigentlich niemand schwimmt, käme keiner auf die Idee, es deshalb einen Teich zu nennen. Denn dafür ist es zu groß und imposant. Über die Oase mitten in der Stadt wollte ich natürlich am liebsten selber schreiben. Ich erforschte die Geschichte dieser Landschaft bis in ihre eiszeitliche Frühphase hinein. Als das Eis aus dem Norden in das Gebiet vordrang, schürfte es tiefe Rinnen in den Boden, in denen sich nach seinem Rückzug Wasser ansammelte. Deshalb schlängelt sich noch heute eine ganze Kette von Seen durch den Westen Berlins: der Schlachtensee, die Krumme Lanke, der Grunewaldsee und eben auch der Lietzensee. Als das Eis wieder verschwand, ließ es einige gewaltige Gesteins­brocken zurück. Auch einer dieser Findlinge ist noch heute am Lietzensee-Ufer zu bewundern. Mit diesen und noch viel mehr Forschungsergebnissen begann ich, die Kollegen zu fluten. Der erste, der das noch wilde Gelände um den See Anfang des 19. Jahrhunderts erwarb, war General Wilhelm von Witzleben aus Thüringen – wo noch heute ein Dorf nach ihm benannt ist. Er machte es urbar, na ja, er ließ es urbar machen, um seinen Sommersitz darauf zu platzieren. Von Witzleben war nur für kurze Zeit Kriegsminister von Preußen, dafür aber um so länger der engste Vertraute des Königs Friedrich Wilhelm III. So vertraut, dass der Monarch ihn eines Tages fragte, was er davon halte, die 30 Jahre jüngere Auguste von Harrach, zu heiraten. Da antwortete der General: „Eure Majestät stehen zu der Gräfin wie der Vater zur Tochter. Jedes Alter hat doch in der Regel seine eigene Ansicht des Lebens.“ Der König dankte für den Rat und heiratete sie doch. Im Jahre 1905 musste der Lietzensee seinen wohl größten Einschnitt hinnehmen. Man schüttete ihn in der Mitte um über die Hälfte seiner Breite zu, damit man die Neue Kantstraße darüber hinweg verlängern konnte – während man in New York schon 1883 die Brooklyn Bridge vollendet hatte. Deren Erbauer war übrigens ein gewisser Herr Johann August Röbling aus Mühlhausen in Thüringen. Aber zurück zum Lietzensee-Park. Als Deutschland im 20. Jahrhundert den Zweiten Weltkrieg auf die Menschheit losließ und dieser dann an seinen Ursprungsort zurückkehrte, erging es auch dem Lietzensee schlecht. Ab April 1945 flogen nicht mehr Amsel, Drossel, Fink und Star, begleitet vom Trällern der Nachtigall. Es flogen die Fetzen im Park, während sich die heranrückenden Russen harte Straßenschlachten und Häuserkämpfe mit den letzten uneinsichtigen Deutschen lieferten. Das Gehölz der Bäume splitterte nur so durch die Gegend. Und wer mal genötigt war, sein mehr oder weniger stark angebombtes Haus zu verlassen, musste sich alle zehn Meter flach auf den Boden legen, um nicht selber etwas abzubekommen. Dann gab es da die noch uneinsichtigeren Deutschen, welche selbst nach der Kapitulation im Mai meinten, die vorgesehenen tausend Jahre des Reiches seien doch längst nicht um. Einige von ihnen, bei denen die Realität doch noch bis ins Stammhirn vordrang, versenkten sich in dem See... „Daniel!“, rollte mir ein Donner aus der Richtung entgegen, wo Hanna saß. „Wir sollten über die Romantik in Charlottenburg-Wilmersdorf schreiben!“ So landete der spannendste Teil meiner Lietzensee-Geschichte leider im Papierkorb.

Apropos Papierkorb. Wie war das doch mit „ansprechend für Auge und Geist“? Weder das Auge noch der Geist irgendeines Lesers wurde je von unserer Broschüre angesprochen. Nicht einmal die Besucher vom Rathaus Charlottenburg, denen man sie für einen Euro hätte andrehen können, sollten je davon erfahren. Das offerierte uns die Leitung von Den Projektmanagern in der letzten Woche. Immerhin bot sie an, fünfzehn bis zwanzig Stück zu drucken, damit sie in den Bücherregalen der Teilnehmer und der Agentur einen gebührenden Platz finden konnten. Sozusagen als Belegexemplar. Alle saßen da mit großen Augen. „Wieso das denn?“ piepste jemand aus dem Hintergrund. Weil arbeitende Arbeitslose das Geschäft derer verderben würden, die eventuell mit der Romantik von Charlottenburg-Wilmersdorf professionell ihr Geld verdienen wollen. Ach so. Für die Akademiker, die ihr Geld professionell nur noch vom Staat zugeteilt bekommen, reichte es ja, wenigstens mal wieder für neun Monate mit ihren Ideen schwanger zu gehen. Das aber gehört eher ins Genre der Sozialromantik.

Einbildung ist auch eine Bildung

Da die meisten Arbeitslosenarbeitgeber zugleich Arbeitslosenbildungsträger sind, gab es auch bei Den Projektmanagern ein unterhaltsames Begleitpro­gramm. Ich meldete mich für einen Spanisch-Kurs an. Doch bald wurde mir klar, eine richtig gute Idee war das nicht. Sechs Wochen lang sechs Stunden pro Tag eine Fremdsprache pauken, da schaltete selbst mein Akademie-erprobtes Gehirn spätestens nach der Mittagspause auf Standby. Frau Moussawi hatte sich mit einem Ethnologie-Studium und ausgiebigen Reisen in diverse Länder der beiden Amerikas auf diesen Kurs bestens vorbereitet. Nun zog sie alle Register ihrer Erfahrung, um die Teilnehmer bei Laune zu halten. Sie unternahm mit ihnen Ausflüge in die Geschichte Mittelamerikas, besuchte mit ihnen in Gedanken die altehrwürdigen Stätten der Mayas, Azteken, Tolteken und Olmeken. Und wenigstens in Gedanken konnten die Arbeitslosen auch das moderne Mexico bereisen, wenn sie schon im wahren Leben nie eine solche Entfernung würden zurücklegen können. Ich wollte es irgendwann ja auch nur bis Spanien schaffen. Allein dafür saß ich nun zusammen mit Gundula Woche für Woche in Zehlendorf am gefühlten Ende der Welt. Was sich am schnellsten bewegte in dieser Zeit, war die U-Bahn auf dem Weg dorthin und wieder nach Hause. Einige Kursteilnehmer wollten offenbar nicht so schnell nach Spanien wie ich. Frau Moussawi fragte den Mann mir gegenüber, der sich scheinbar seine Haar- und Barttracht von dem Dorf-Druiden Miraculix aus Asterix und Obelix abgeschaut hatte: „Jörg, wie heißt denn Butter auf Spanisch?“ Die Antwort des Druiden: „Ääääääm.“ „Jörg, auf welcher Seite sind wir eigentlich?“ „Hm.“ „Guten Morgen, auf Seite 55. Und da steht, wo die Spanier so gern Toast mit Butter und Marmelade zum Frühstück essen...?“ „Mante..., mantequilla.“ Nun werden ja auch in Spanien die Mahlzeiten mit Hilfe von Besteck verspeist. Ich bemerkte, dass in der Aufstellung der Esswerkzeuge im Lehrbuch ein wichtiges Utensil fehlte: „Wie heißt eigentlich der kleine Löffel?“ „Das ist einfach die Verkleinerungsform von cuchara, dem Löffel: cucharita.“ „Ach so, wie bei Señora und Señorita.“ „Richtig, Du hast es erfasst.“ Diese ungebremste Neugier brachte mir schnell und sicher den Ruf eines Strebers ein. Noch drei Wochen später kam ein Mann auf mich zu, der sich mit dem blumigen Namen Motizetti vorgestellt hatte, aber eigentlich Horst hieß. Er erinnerte mich daran: „Du warst doch der Krümelkacker, der auch noch den kleinen Löffel wissen wollte...“

Irgendwann gab es kein Halten mehr und ich schimpfte mich in der Mittagspause bei Gundula einmal richtig aus: „Die wollen doch hier nur auf ihrem Arsch sitzen, damit sie es in ihrer Maßnahme bloß nicht zu viel mit Bewegung zu tun bekommen! So kann man doch nicht arbeiten!“ Gundula warb um mehr Verständnis und Nächstenliebe, schließlich sei ich doch der Bibelexperte, und „es können ja nicht alle solche Intelligenzbolzen sein wie Du.“ Das nahm ich mir zu Herzen und verlegte mich auf eine Strategie aus der frühen Schulzeit, wo der Unterricht mitunter auch reichlich Längen entwickelte: ich malte. Ich eroberte auf meinem Blatt Papier die unendlichen Weiten des Weltalls in schnittigen Raumschiffen. Zusammen mit der „Union der vereinten Planeten“ erschloss ich neue Lebensräume. Und wenn dem frisch entdeckten Planeten oder Mond eine lebenstaugliche Atmosphäre fehlte, gründeten wir futuristische Kolonien, die komplett mit Glaskuppeln überdacht waren. Als Mitglied der Sternenflotte baute ich mit an einem Netz von Raumstationen, die dann vor Asteroiden-Einschlägen ebenso geschützt werden mussten wie vor den Angriffen feindlicher Bewohner des Universums. Einmal richtete ich meine Augen auch in den Himmel einer Welt, über deren Horizont sich neben ihrer Sonne ein riesiger Planet mit einem gewaltigen Ringsystem ähnlich dem unseres Saturns erhob... „Jörg, wie heißt nochmal Butter auf Spanisch?“ „Mantequilla.“ Nach einer Woche hat es doch noch geklappt. Sechs Wochen und 216 Unterrichtseinheiten später hatte ich erst einmal genug von Spanisch.

In dem Spanisch-Kurs saß auch eine Frau, die – gesund und ökologisch lebend – ihren geschätzten fünfzig Jahren wenigstens noch weitere fünfzig Jahre hinzufügen wollte. Sie aß ein undefinierbares Mus aus dem Glas und rohe Zwiebeln, in die sie biss wie in einen Apfel. Das tat sie leider auch im nächsten Kurs und genau an dem Arbeitsplatz rechts neben meinem. Ich wollte schon eine Wäscheklammer mitbringen, um sie mir an meine Nase zu klemmen, wenn sie es mitten im Unterricht tat und ich mit den Fingern an der Tastatur keine Hand frei hatte. Aber die Erlösung nahte bald in Gestalt der Kursleiterin: „Es ist an den Computerarbeitsplätzen nicht erlaubt zu essen und zu trinken.“ Gott sei Dank! Endlich konnte ich mich voll darauf konzentrieren, mich fit zu machen für den eigenen Auftritt im Internet. Der Kurs widmete sich dem Webdesign und war gedacht für alle, die ihren Mitteilungsdrang vom Papier auf die Datenautobahnen des World Wide Web verlagern wollten. Um dem Computer ihre Wünsche mitteilen zu können, mussten alle erst einmal eine neue Sprache lernen. Nur wer HTML-isch mit dem PC sprechen kann, konnte ihm auch gezielt sagen, wo und in welcher Farbe und wie groß etwas auf der Wunschwebseite erscheint. Nach den ersten Gehversuchen in dieser Sprache ging es daran, mit Hilfe entsprechender Programme weitere, effektvolle Zutaten für die Ausgestaltung der Seiten zu basteln. Wie man etwa einen Hund quer durchs Bild laufen lässt oder wie plötzlich ein Soundtrack losgeht, damit das gerade abgebildete Pferd auch wiehert. Am interessantesten für die meisten aber blieb das klassische Bild. Mit einem gescheiten Programm konnten Fotos auseinandergeschnitten und ganz neu wieder zusammengesetzt, verfärbt, beschriftet, gedreht und gewendet werden. Am meisten faszinierte mich die Funktion des „Verflüssigens“. Damit ließen sich sogar Formen mitten im Bild verfremden. Das musste ich doch gleich einmal ausprobieren und lud mir ein paar Fotos von Politikern herunter. Dann zog ich Edmund Stoiber die Ohren lang und Gerhard Schröder die Nase. Und Angela Merkel war auf einmal doppelt so breit.

Was aber konnte ich mit all dem anfangen? Naheliegend für die meisten war, sich auf einer Bewerbungswebseite allen Wunscharbeitgebern gleichzeitig vorzustellen. So nahm auch ich mir den Lebenslauf vor und übersetzte ihn ins HTML-ische. Bald prangte er mit blauen Lettern auf pastell-grünem Grund im Netz, ergänzt durch ein paar wissenschaftliche Projektideen, von denen ich mich immer noch nicht trennen konnte. Dann fummelte ich noch einige Artikel und Seminararbeiten im PDF-Format hinein, die von meinem unstillbaren Tatendrang zeugen sollten. Ich begrüßte die Internet-Surfer freundlich auf Deutsch und Englisch. Und ich schaltete eine Kontaktseite mit E-Mail-Adresse, damit der Wunscharbeitgeber auch die Chance hat, sich zu melden. Eine Nachricht habe ich dort selbst nach sechs Jahren nicht gefunden.

Kunst kommt von können, und Gunst kommt von günstig

Mit Gundula kam ich immer mehr ins Gespräch, und wir dehnten unsere gemeinsamen Aktivitäten immer weiter in die Freizeit aus. Warum ich sie gerade in Charlottenburg kennenlernte, hatte eine für mich nach wie vor überaus spannende Vorgeschichte. In einer filmreifen Fluchtaktion, nämlich im Kofferraum eines Mannes aus West-Berlin, schaffte sie es, die DDR fast zehn Jahre früher als ich hinter sich zu lassen. „Hast Du nie daran gedacht, mal darüber etwas zu schreiben?“, fragte ich sie. „Ach nee, das haben doch so viele schon gemacht, das ist doch nichts besonderes mehr.“ In ihrem früheren Leben war Gundula Möbelfachverkäuferin. Die neue Freiheit nutzte sie, um in einem Germanistikstudium ihre Liebe zur Literatur erst einmal richtig auszuleben. Mit der Anwendung des Abschlusses war sie dann allerdings genauso „erfolgreich“ wie ich. Im Alter war sie mir um etwa zehn Jahre voraus. Und selbst ich hatte mit meinen 38 Jahren bei Erwerb des Doktorhuts das Zeitfenster für alle möglichen Folgequalifizierungen schon verpeilt. Ob Post-Doc-Stipendium oder Junior-Professur, mit 35 war einfach Schluss. Für eine Zusatzausbildung zur Fachkraft der Bücherverwaltung an der Bibliotheksschule in München durfte ich nach komplettem Hochschulstudium sogar nur 33 Jahre alt sein. Allein eine Behinderung hätte die Situation retten und die Deadline auf 39 verschieben können. Aber mir dafür mal schnell noch die Knochen brechen oder ein Auge ausstechen, das war mir dann doch etwas zu viel Aufopferungsbereitschaft für ein System. Gundula und ich fragten uns, wozu die Menschen bloß, meist bei guter Gesundheit, immer älter werden. Damit sie bis 67 arbeiten können. Die Frage blieb nur immer, wo.

So lange sich diese Frage nicht beantworten ließ, wandten wir uns den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu. Zum Beispiel, einmal die Qualität sämtlicher Badeseen in Reichweite von Charlottenburg zu testen. Der Heilige See bei Potsdam versprach ein Bad in einem besonders historischen Ambiente. Dort aalte ich mich in Sichtweite des Schlosses Cecilienhof im Wasser, wo in Erinnerung an das Dreimächteabkommen vom Sommer 1945 noch heute die Blumen Sowjetstern-förmig wachsen. Denn dummerweise wurde Potsdam südwestlich von Berlin danach ein Teil der Ostzone. Ich hätte direkt rüber paddeln können, aber eine Besichtigung in der Badehose...? Der Sacrower See erwies sich als sehr sauber und überaus romantisch vor allem in der Woche, wenn viele potentielle Badegäste auf Arbeit gehen mussten. Der See von Groß-Glienicke ist nicht ganz so sauber, dafür aber geschichtlich interessant, weil einst die Berliner Mauer da mitten durchging. Sogar in dieser Zeit badeten Leute darin – natürlich nur die aus dem Westen, wobei sich ihr Strand im äußersten Westen Berlins komischerweise auf der Ostseite des Sees befand. Das Bad im Teufelssee ließ sich wunderbar mit einer Wanderung durch den Grunewald verbinden. Allerdings konnte man in dem Tümpel nicht weit hinausschwimmen. Wenn wir uns in den dafür um so größeren Schlachtensee hineinwagten, mussten wir ihn uns mit sämtlichen Hunden der westlichen Hemisphäre von Berlin teilen.

Mit Gundula teilte ich neben der Liebe zur Natur auch die Leidenschaft für die Kultur. Als sie mir vorschlug, einmal gemeinsam zu einer Vernissage zu gehen, war ich begeistert. Das erinnerte mich an meine frühe Jugend, als ich in einem Zeichenzirkel zusammen mit anderen Hobby-Malern Stift und Pinsel schwang, aber auch Ausstellungen besuchte, die wir dann gemeinsam besprachen. Unser spektakulärster Ausflug hatte 1988 die legendäre X. Kunstausstellung in Dresden zum Ziel. Den Katalog konnte ich mir damals nicht leisten. Vor kurzem habe ich seinen Erwerb in einem Antiquariat am Frankfurter Tor nachgeholt – für einen Euro. Die Tradition der Galeriebesuche mit Gundula wieder aufleben zu lassen, verhieß eine Menge gescheiter Gespräche. Vielleicht waren ja auch ein paar interessante Kontakte drin. Auf jeden Fall konnten wir auf den Eröffnungsparties Kunst für umsonst sehr gut mit Sekt für umsonst verbinden. Bei unserer ersten Expedition landeten wir in einer Galerie gleich um die Ecke vom U-Bahnhof Dahlem-Dorf. Von dort blieb mir vor allem ein auf Leinwand gebanntes Toben der Elemente im Gedächtnis hängen. Als ich mit Gundula über die roten, feurigen Farbmassen, umtost von Wasserformationen in allen erdenklichen Blautönen staunen wollte, war sie allerdings schon sichtlich beschäftigt – mit dem Weinglas in der einen Hand und der Käsepastete in der anderen. Das Russische Kulturhaus in der Friedrichstraße bot zwar nur Salzgebäck zum Weißwein, dazu aber französische Landschaftsmalerei vom Feinsten. Ein Architekturbüro unweit der Warschauer Straße tauchte die Gäste und seine neusten Entwürfe in grelles Neonlicht. Wir schlenderten vorbei an den Modellen sehr übersichtlicher Glaspaläste und Inneneinrichtungen – so steril, dass jede Mikrobe freiwillig den Rückzug antrat. Aber da! Da war er wieder. Seit einem Jahr war er uns schon auf den Fersen und uns durch mindestens zehn Vernissagen gefolgt. Der kleine, dickliche, verschwitzte Mann, dessen Gesicht ein Teppich von Bartstoppeln zierte. An seinem Rucksack hatte er einen ganzen Zoo von Miniplüschtieren angebracht. Das war Egon, ein alter Bekannter von Gundula. Sie schien ihn von früheren Kulturereignissen dieser Art zu kennen bzw. er sie. Wenn ich mit Gundula allein war, konnten wir unseren Gedanken über das, was wir gemeinsam sahen, freien Lauf lassen. Aber wann waren wir jetzt noch allein? Im Architekturbüro hatte sich Egon gerade das vierte Glas Rotwein geholt, als er vor uns davon zu schwärmen begann, wie sehr er das alles genoss – für Umme. Wollte ich mich mit ihm über die Exponate genauer unterhalten, schaute ich in eine tiefe Leere. Und je mehr Erfahrung ich mit den Vernissagen sammelte, um so mehr Leute wie Egon entdeckte ich. Ein ganzer Schwarm umschwirrte die Kunstszene, der sicher sofort ausbliebe, würde man seiner Kunstsinnigkeit die alkoholische Grundlage entziehen. Wo Gundula war, war nun leider auch Egon. Und wo Egon war, wurde auch ich bald nicht mehr als Kunstliebhaber ernst genommen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Hartzer Roller
Untertitel
Aus dem Leben eines Habenichts
Autor
Jahr
2014
Seiten
80
Katalognummer
V266046
ISBN (eBook)
9783656582458
ISBN (Buch)
9783656592204
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sozialsatire
Schlagworte
hartzer, roller, leben, habenichts, hartz4, hartz 4, arbeitslosigkeit, armut, sozialsatire, kurzgeschichten, arbeitsmarkt, soziale marktwirtschaft, marktwirtschaft, sozialstaat, soziales system, deutschland, sozialversicherung, hartz iv, arbeitslosengeld
Arbeit zitieren
Daniel Rosenberger (Autor), 2014, Hartzer Roller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266046

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