„Sich auf das Lebens-Werk Paul Celans einzulassen, ist ein schwieriges
Unterfangen. Aus Finsternis und Verwunderung schuf er frappierende Gedichte,
die die Wege unserer Welt in Frage stellen.“1
Die Lyrik Paul Celans ist heutzutage weitreichend bekannt und Celan selbst gehört zu den meist bekannten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Seine Lyrik bezeugt das Leid und die Tragödie des Holocaust, gedenkt den Opfern des
Faschismus und fordert zur Erinnerung auf: Aufarbeitung der Vergangenheit und das Übertragen dieser in die Gegenwart wird zur Hauptaufgabe seiner Poesie. In seiner Lyrik versucht er dies auf vielschichtige Weise zu reflektieren, wobei er immer wieder auf die Hürde der Sprachlosigkeit trifft. Die Begebenheiten, die sich in den Gaskammern vollzogen haben, rauben ihm die Sprache, jene deutsche Sprache, die beim Mord an Millionen als Organisations- und Propagandamedium genutzt wurde.
Seine Poesie, die als symbolistische Lyrik beginnt und sich zur surrealistischen Lyrik weiterentwickelt, zeigt die Kunst des Umgangs mit Sprache auf, obwohl diese mehr verschlüsselt als enthüllt und erst im zeitgenössischen Kontext aufgearbeitet und interpretiert werden kann. Seine Dichtung zeigt trotz verwendeter Chiffren, Neologismen, Metaphern und Zusammenfügen des eigentlich nicht Zusammenpassenden eine Präzision im Ausdruck und in der Kunst und überwindet somit die Sprachskepsis.2
Diese Einzigartigkeit des lyrischen Umgangs mit Sprache und Vergangenheitsbewältigung zeigt die nachfolgende Seminararbeit durch die Analyse zweier ausgewählter Gedichte auf. „Corona“ und „Tenebrae“ stammen aus zwei verschiedenen Gedichtbänden und Schaffensphasen im Werk Paul Celans und
zeigen demzufolge verschiedenste Eigenheiten seiner Lyrik auf.
Die Frage, die sich immer wieder stellt, ist vor allem welche unterschiedlichen Interpretationsansätze im zeitgenössischen, sowie biographischen Kontext auf die Gedichte angewandt werden kann. Demzufolge ist es wichtig, die Arbeit mit biographisch wichtigen Elementen Celans einzuleiten, um die Eigenheiten der anschließenden Lyrik deutlicher hervorzubringen und das Verständnis zu fördern.
Gewählt wurden zwei unterschiedliche Gedichte, sei es inhaltlich als auch im literarischen Ton. Ziel ist aber nicht einen Vergleich im konkreten Sinne anzustellen, sondern zwei verschiedene Facetten des literarischen Werks Celans herauszukristallisieren, die die Thematik der Vergangenheitsbewältigung des Holocaust auf unterschiedlichste Weise bearbeiten.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. BIOGRAPHIE: PAUL ANTSCHEL ALIAS PAUL CELAN
3. „CORONA“ (AUS: MOHN UND GEDÄCHTNIS)
3.1. ALLGEMEINE INFORMATIONEN ZUM GEDICHTBAND
3.2. ANALYSE UND INTERPRETATION
3.3. INGEBORG BACHMANN UND PAUL CELAN
4. „TENEBRAE“ (AUS: SPRACHGITTER)
4.1. ALLGEMEINE INFORMATIONEN ZUM GEDICHTBAND
4.2. ANALYSE UND INTERPRETATION
5. SCHLUSSWORT
6. BIBLIOGRAPHIE
6.1. PRIMÄRLITERATUR
6.2. SEKUNDÄRLITERATUR
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, anhand der Analyse der Gedichte „Corona“ und „Tenebrae“ die Entwicklung von Paul Celans lyrischem Umgang mit Sprache und der Holocaust-Vergangenheitsbewältigung aufzuzeigen. Dabei wird untersucht, wie Celan in verschiedenen Schaffensphasen biographische Erlebnisse und traumatische Erinnerungen in eine komplexe, teils surrealistische Bildersprache übersetzt.
- Biographische Grundlagen und Prägungen Paul Celans
- Analyse der Gedichtbände „Mohn und Gedächtnis“ und „Sprachgitter“
- Die Thematik der Vergangenheitsbewältigung und des Holocaust
- Die Rolle der Sprache und der Sprachlosigkeit bei Celan
- Einfluss der Beziehung zu Ingeborg Bachmann auf das lyrische Werk
Auszug aus dem Buch
3. „Corona“
Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehen:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.
Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.
Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.
Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.
Es ist Zeit. (aus: Mohn und Gedächtnis)
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, sich dem Lebenswerk Paul Celans zu nähern, und umreißt die Zielsetzung der Arbeit, zwei ausgewählte Gedichte in ihrem historischen und biographischen Kontext zu analysieren.
2. BIOGRAPHIE: PAUL ANTSCHEL ALIAS PAUL CELAN: Das Kapitel bietet einen Überblick über das Leben des Dichters, von seiner Herkunft in Czernowitz über die traumatischen Erfahrungen während des Holocaust bis hin zu seinem Leben in Wien und Paris.
3. „CORONA“ (AUS: MOHN UND GEDÄCHTNIS): Hier werden der Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ sowie das Gedicht „Corona“ in Bezug auf die lyrische Verarbeitung von Zeit, Liebe und der Shoah sowie die Verbindung zu Ingeborg Bachmann untersucht.
4. „TENEBRAE“ (AUS: SPRACHGITTER): Dieser Abschnitt analysiert den Gedichtband „Sprachgitter“ und die tiefgreifende Thematik der Sprachlosigkeit und des Schmerzes im Gedicht „Tenebrae“.
5. SCHLUSSWORT: Das Schlusswort resümiert, dass Celans Lyrik aufgrund der Vielschichtigkeit seiner Chiffren eine kontinuierliche analytische Auseinandersetzung erfordert, um das Ineinandergreifen von Historischem und Persönlichem zu verstehen.
6. BIBLIOGRAPHIE: Dieses Kapitel listet die für die Arbeit herangezogene Primär- und Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Paul Celan, Lyrik, Holocaust, Mohn und Gedächtnis, Sprachgitter, Ingeborg Bachmann, Corona, Tenebrae, Vergangenheitsbewältigung, Sprachlosigkeit, Surrealismus, Zeit, Erinnerung, Tod, deutsche Sprache.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert und interpretiert zwei bedeutende Gedichte von Paul Celan („Corona“ und „Tenebrae“), um dessen lyrische Auseinandersetzung mit dem Holocaust und traumatischen Erfahrungen aufzuzeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die Vergangenheitsbewältigung nach dem Holocaust, das Motiv der Sprachlosigkeit, die Bedeutung von Liebe und Tod sowie die Rolle der Sprache selbst im Kontext der nationalsozialistischen Verbrechen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch eine detaillierte Analyse der Gedichte aufzuzeigen, wie Celan sein persönliches Schicksal und die historische Katastrophe in einer vielschichtigen, surrealistisch geprägten Bildersprache reflektiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische Analyse- und Interpretationsmethode, die biographische Kontexte sowie Erkenntnisse aus der Sekundärliteratur einbezieht, um Celans Metaphorik zu entschlüsseln.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der Kontext der Gedichtbände „Mohn und Gedächtnis“ und „Sprachgitter“ erläutert, die Gedichte „Corona“ und „Tenebrae“ detailliert interpretiert und die Beziehung zwischen Celan und Ingeborg Bachmann beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Paul Celan, Holocaust-Lyrik, Vergangenheitsbewältigung, Sprachskepsis, Chiffren und das Verhältnis von persönlicher Erfahrung zu historischem Trauma.
Warum spielt der Begriff „Corona“ im Kontext der Zeit eine so wichtige Rolle?
„Corona“ steht für das Motiv des Kranzes oder Kreises und symbolisiert in Celans Gedicht die kreisförmige Verarbeitung von Zeit, bei der Vergangenheit und Gegenwart im dichterischen Ich zusammentreffen.
Welche Bedeutung hat das „Sprachgitter“ für Celans Entwicklung?
Das Sprachgitter fungiert als Metapher für die notwendige Reform der Sprache nach dem Holocaust. Es steht für den Bruch mit der Sprache, die „hindurchgehen“ musste durch das Verstummen und die Finsternis, um eine neue, belastete Ausdrucksform zu finden.
Wie unterscheidet sich die Rolle Gottes in „Tenebrae“ von traditionellen Gebeten?
In „Tenebrae“ wird die traditionelle Gebetsform umgekehrt: Nicht das lyrische Ich betet zu Gott, sondern Gott wird aufgefordert, zu den Menschen zu beten. Dies wird als Ausdruck der Gottesferne und der Anklage gegenüber einem Gott interpretiert, der Auschwitz zugelassen hat.
Welche Bedeutung hat die Beziehung zu Ingeborg Bachmann für die Interpretation von „Corona“?
Die Beziehung zu Bachmann wird als direkter biographischer Hintergrund für „Corona“ betrachtet. Das „Dunkle“, das die Geliebten sich sagen, sowie die Widmungen und der literarische Dialog zwischen den beiden Dichtern sind essenziell für das Verständnis der Liebesmetaphorik im Gedicht.
- Arbeit zitieren
- Anna Rauch (Autor:in), 2011, Paul Celan. Analyse und Interpretation ausgewählter Gedichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266058