Die Protokolle der Weisen von Zion

Die jüdische Weltverschwörung als antisemitische Kollage für die Legitimation des Völkermords


Hausarbeit, 2004

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung

II. Vorlage und Prototypen derProtokolle
II.1. Die Vorlage:Dialogue aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu
II.2. Die Prototypen:BiarritzundEin Rabbiner über die Gojim.

III. Die jüdische Weltverschwörung – eine antisemitische Kollage
III.1. Martin Luther und die religiösen Vorurteile
III.2. Adolf Stoecker und der soziale Antisemitismus
III.3. Die Weltverschwörung als Synthese

IV. Die jüdischeAuctoritas.

V. Die Widersprüche in denProtokollen

VI. Die Protokolle als Legitimation für den Völkermord

VII. Schlussbetrachtung

Bibliographie

I. Einführung

Die Protokolle der Weisen von Zion – eine Fälschung, die keine ist: Aus einem brillanten Dialog abgeschrieben, von einem drittklassigen Roman inspiriert, zusammengestückelt aus alten religiösen Vorurteilen und neuen sozialen Vorwürfen gegen die Juden, angereichert mit einer abstrusen Verschwörungstheorie – judenfeindliches Gedankengut aller Zeiten vereint sich in den Protokollen zur wirkungsmächtigen Kollage des Antisemitismus.

Der Text ist ein angeblich wörtlicher Bericht über 24 geheime Sitzungen, geführt von den Köpfen der jüdischen Weltverschwörung. Auf rund 100 Seiten wird erläutert, wie alle konkurrierenden Religionen ausgelöscht, alle Staatsoberhäupter gestürzt werden sollen, um den Weg frei für das jüdische Weltreich zu machen, dessen Thron ein König aus dem Hause Davids besteigen soll. Dieses große Ziel heilige alle Mittel und so schrecke das Judentum vor nichts zurück. Mit Hilfe von Freimaurerlogen und der Presse würden die Gesellschaften unterwandert, sozialistisches, liberales und demokratisches Gedankengut verbreitet, der Klassenkampf unterstützt und intrigiert, verführt, gemordet werden. So stehe das Judentum samt seiner heimlichen Weltregierung hinter allen wichtigen Umwälzungen der Geschichte (zum Beispiel Französische Revolution). Die Juden seien genauso für Inflation, Verfall von Moral und Sitten wie für Seuchen, Krankheiten und interstaatliche Konflikte verantwortlich. Wenn die Welt der Nichtjuden in naher Zukunft schließlich vollständig im Chaos versinke, breche die Zeit für das despotische Weltreich an. Demokratie und Sozialismus würden dann sofort wieder abgeschafft werden.

Norman Cohn hat in seinem Standardwerk über die Protokolle in diesem Wust aus unterschiedlichsten Anschuldigungen und Ausführungen über die angeblichen Pläne der Juden drei Hautthemen ausfindig gemacht: „Kritik am Liberalismus, Methoden zur Erlangung der Weltherrschaft, Beschreibung des zu errichtenden Weltstaates“[1].

Nach einer weit verzweigten und undurchsichtigen Entstehungsgeschichte, die bis heute noch nicht vollständig aufgeklärt ist, sind Auszüge der Protokolle erstmals im Jahre 1903 in der russischen Zeitschrift Znamja (Das Banner) veröffentlicht worden.[2] Ihren weltweiten Siegeszug traten sie vor allem in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg an. Sie wurden in nahezu alle Kultursprachen der Welt übersetzt. Henry Ford sorgte 1920 in den Vereinigten Staaten für ihre Publizierung in englischer Sprache, erst in seiner Zeitung Dearbon Independent ( Auflage: 300.000 Exemplare), später als Buch mit dem Titel: The International Jew: The World’s Foremost Problem mit 500.000 Exemplaren. Im selben Jahr kamen in Deutschland gleich zwei Versionen auf den Markt. Der engagierte Antisemit Ludwig Müller alias Gottfried zur Beek veröffentlichte die deutsche Übersetzung unter dem Titel Die Geheimnisse der Weisen von Zion, die bis 1933 nicht weniger als 33 Auflagen erlebte. Theodor Fritsch nannte seine Ausgabe Die Zionistischen Protokolle. Das Programm der internationalen Geheimregierung, die es bis Hitlers Machtergreifung immerhin auf zwölf Auflagen brachte.[3]

Selbst nach ihrer mehrfachen Entlarvung als Fälschung[4] werden die Protokolle bis zum heutigen Tag in vielen Ländern weiter veröffentlicht. Zuletzt erschien 1996 eine neue Ausgabe in Zagreb. Die Juden trugen demnach die Schuld am Krieg in Kroatien.[5] Scheinbar hat die Idee einer geheimen Verschwörung, einem unsichtbaren Übel, das die staatliche und gesellschaftliche Ordnung ins Wanken bringt, nichts an ihrer Faszination verloren. Seinen traurigen Höhepunkt erlebte der Text jedoch im Dritten Reich, erst als Bettlektüre Hitlers, später als wichtiger Mosaikstein im antijüdischen Propagandagebilde des Nazi-Regimes.

Dass die Protokolle nicht auf einer tatsächlich stattgefundenen jüdischen Geheimsitzung beruhen , kann auf unterschiedliche Art und Weise bewiesen werden. So spricht beispielsweise gegen die Behauptung, der Text sei auf dem Zionistischen Kongress im Jahre 1897 in Basel vorgetragen worden, ein einfaches Argument: Der Kongress war öffentlich. Die Zuhörer aus aller Welt vernahmen zionistische Pläne, wie den über den ganzen Erdkreis verstreuten Juden eine gemeinsame Heimat geschenkt werden kann; sie hörten jedoch kein Wort vom Ziel einer jüdischen Weltherrschaft.[6]

Es ist unter diesen Umständen ausgeschlossen, daß der Vortrag der Protokolle, der ungefähr vier Stunden gedauert hätte, auch vor einer ausgewählten Zuhörerschaft hätte geheim gehalten werden können.[7]

Der Beweis der Fälschung soll in der Ihnen vorliegenden Hausarbeit allerdings rein auf der Grundlage eigenständiger Textarbeit erbracht werden. Im Folgenden werden Textstellen aus der Rede Ein Rabbi über die Gojim, die auf einer Szene aus dem Roman Biarritz basiert, und dem Dialogue aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu den Protokollen gegenübergestellt. So sollen die Protokolle als offensichtliches Plagiat entlarvt werden. Anschließend soll durch ein Vergleich mit Martin Luthers Schrift Von den Juden und ihren Lügen und dem Werk des Antisemiten Adolf Stoecker Unsere Forderungen an das moderne Judentum gezeigt werden, inwieweit gängige religiöse sowie soziale und gesellschaftliche Vorurteile in den Protokollen ihren Niederschlag finden.

Im Mittelpunkt dieser Hausarbeit soll die Frage stehen, warum ein Werk trotz ungeklärter Autorenschaft, trotz eiliger und stümperhafter Komposition voll ermüdenden Wiederholungen und auffälligen Widersprüchen, trotz des mehrfach erbrachten Beweises der Fiktionalität und Fälschung eine solch entscheidende Rolle in der Geschichte des 20. Jahrhunderts spielen konnte. Wo liegt der Unterschied zu den so zahlreichen anderen antisemitischen Schriften, die seit dem Mittelalter verfasst wurden, dass Norman Cohn von einem „Warrant for Ge[8] sprechen kann:

Es ist eine unumstößliche Tatsache, daß die [...] vergessenen Exzentriker einen Mythos schufen, mit dem Jahre später die Herren einer großen europäischen Nation einen Völkermord rechtfertigen konnten.[9]

Haben die Protokolle der Weisen von Zion tatsächlich dazu beigetragen, „der Vernichtung der europäischen Juden den Weg zu bahnen“[10] ?

II. Vorlage und Prototypen der Protokolle

II.1. Die Vorlage: Dialogue aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu

Im Jahre 1864 veröffentlichte der liberale Advokat Maurice Joly den Dialogue aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu, ein brillantes Totengespräch zwischen Machiavelli und Montesquieu, ein Streitgespräch zwischen Despotismus und Liberalismus. Montesquieus humanistische und demokratische Ideale der Französischen Revolution stehen hierbei Machiavellis Machtpolitik gegenüber. Joly kritisierte mit dieser Satire die Regierung Napoleons III.[11] Von den Juden, oder gar dem Plan einer jüdischen Weltherrschaft ist freilich in dieser politischer Schrift in keiner Weise die Rede.

Also sind die Protokolle ein Phantom, das aus einem vollkommen andersartigen Kontext, der mit einer angeblichen Weltverschwörung der Juden nicht den geringsten Berührungspunkt aufweist, herausgenommen und umfunktioniert wurde.[12]

Es besteht tatsächlichen kein Zweifel daran, dass Passagen aus Jolys Dialogue regelrecht abgeschrieben und in den Protokollen lediglich in den Zusammenhang des jüdischen Weltherrschaftsplans gestellt wurden. Zu deutlich gleichen sich viele Textstellen, ja sogar die Reihenfolge der abgehandelten Themenschwerpunkte wurde nur vereinzelt geändert. Schon der Vergleich der ersten Worte beider Werke entlarvt die Protokolle als Plagiat: Joly lässt Machiavelli zu Beginn erläutern:

Der Mensch fühlt sich mehr zum Bösen als zum Guten hingezogen. [...] Die Menschen streben alle nach der Herrschaft, und es gibt unter ihnen keinen, der nicht ein Unterdrücker wäre, wenn er es sein könnte. Alle, oder fast alle, sind dazu bereit, die Rechte ihrer Mitmenschen ihren eigenen Interessen zu opfern.

Was hält diese reißenden Tiere, die man Menschen nennt, zusammen? Bei der Entstehung der Gesellschaftsordnungen ist es die brutale und ungezügelte Gewalt, [...] überall erscheint die Gewalt vor dem Recht. Die politische Freiheit ist ein Ideal [...].[13]

In der ersten Sitzung der Protokolle heißt es:

Ich stelle fest, daß die Menschen mit bösen Trieben zahlreicher sind als die mit guten Eigenschaften [...]. Jeder Mensch strebt nach Macht, jeder Einzelne will Herr seiner Entschlüsse und Taten sein, jeder möchte sich zum „Selbstherrscher“ (Diktator) machen, wenn er nur könnte. Dieses Streben nach Macht ist so stark, daß es kaum einen Menschen gibt, der nicht bereit wäre, das Allgemeinwohl zu opfern, um den eigenen Vorteil durchzusetzen.

Welche Naturtriebe beherrschen die Raubtiere, die sich vom Blute der Menschen nähren? [...] Als die menschliche Gesellschaft entstand, rissen die Raubtiere in Menschengestalt die rohe und blinde Gewalt an sich. Hieraus ziehe ich den Schluß, daß die Gewalt allein maßgebend ist [...].Somit folgt: das Grundgesetz des Daseins beruht völlig auf dem Gedanken: „Das Recht gründet sich auf Gewalt, auf Stärke“.

Die staatliche Freiheit ist ein Gedanke, ein Begriff, aber keine Tatsache.[14]

Machiavelli erläutert im zwölften Gespräch des Dialogue, wie er die Presse für seine Zwecke missbrauchen will, „wenn zehn Zeitungen Opposition machen, werde ich zwanzig haben, die für die Regierung eintreten, wenn zwanzig, dann werde ich vierzig, wenn vierzig, dann werde ich achtzig haben“[15]. Die angeblichen jüdischen Weltverschwörer tun ihm in Sitzung Nummer Zwölf gleich: „Auf je zehn Zeitungen oder Zeitschriften, die uns fern stehen, werden dreißig kommen, dir wir selbst gegründet haben.“[16]

Im selben Abschnitt macht der Plagiator wie des Öfteren nicht einmal vor der Verwendung derselben Bilder halt: Während Machiavelli verkündet: „Wie der Gott Wischnu wird meine Presse hundert Arme haben, und diese Arme werden über das ganze Land hin ihre Hände den Vertretern aller politischen Richtungen reichen“[17], werden die jüdischen Zeitungen, „wie der indische Götze Wischnu, hundert Hände haben, von denen jede den Pulsschlag irgend einer Geistesrichtung fühlen wird.“[18]

Nach Jeffrey L. Sammons Schätzung lassen sich etwa 40 Prozent des Textes auf den Dialogue zurückführen.[19] Nachdem die Ähnlichkeiten erstmals 1921 in der Times aufgezeigt wurden, haben die Verfechter der jüdischen Weltverschwörung nicht etwa versucht, das Gegenteil zu beweisen. Nein, es wurde einfach behauptet, dass Maurice Joly eigentlich Moïse Joël heiße. Der Sohn katholischer Eltern wurde so zum Juden. Schon ist der Beweis erbracht, dass die Protokolle auf jüdischen Quellen beruhen.[20]

II.2. Die Prototypen:Biarritz und Ein Rabbiner über die Gojim

Im Jahre 1868 erschien der Roman Biarritz von Herrmann Goedsche unter dem Pseudonym Sir John Retcliffe. In ihm enthalten ist eine rund 40 Seiten lange Episode, die auf dem jüdischen Friedhof in Prag spielt. Hier versammeln sich Vertreter der zwölf Stämme Israels unter der Führung eines Oberrabiners. Thema der Zusammenkunft ist die jüdische Weltverschwörung – der Plan, das Christentum zu besiegen und das gesamte Gold der Welt in Besitz zu nehmen. Unter anderem sollen Juden mit Christen vermischt, die Börsen beherrscht und das freie Denken bestärkt werden. Außerdem gilt es, Kirche und Staat zu trennen, natürlich die Judenemanzipation voranzutreiben, die Presse zu dominieren, allerlei Unheil zu stiften und selbst Kriege zu entfachen. „Kurz, mehr oder weniger das ganze Programm des zeitgenössischen Liberalismus wird mit Schreckbildern der radikalen Bosheit der Juden verklammert“[21], wie Jeffrey L. Sammons treffend zusammenfasst - ein Phantasiegebilde entsteht, das später in den Protokollen weiter ausgebaut werden sollte.

Goedsches reine, noch dazu schlecht geschriebene Fiktion, kam bald in den schmeichelhaften Ruf, ein wahrer Bericht zu sein. Schließlich wurden die Anschuldigungen und gelüfteten Geheimnisse der Friedhofszene zu einer einzigen Rede des Rabbiners (Ein Rabbiner über die Gojim) zusammengefasst, die von nun an als Beweis für die jüdische Weltverschwörung herhalten musste. So heißt es im Roman über den Grundbesitz:

Eine ernste, tiefe Stimme, deren Klang und Worte von tiefem Nachdenken zeugten, drang zu den Ohren der Lauscher. „Der Grundbesitz wird immer das eiserne und unverwüstliche Vermögen jedes Landes bleiben. Er verleiht an und für sich Macht, Ansehen und Einfluß. Der Grundbesitz muß also in die Hand Israels übergehen. Das ist leicht, wenn wir das mobile Kapital beherrschen. Das erste Streben Israels muß daher sein, die jetzigen Eigenthümer aus dem Grundbesitz zu verdrängen [...]“.[22]

In der Rabbinerrede wurde daraus:

Die Landwirtschaft wird immer den größten Reichtum eines jeden Landes bilden. Die großen Grundbesitzer werden stets Achtung und Einfluß besitzen. Daraus folgt, daß unser Streben auch drauf gerichtet sein muß, daß unsere Brüder in Israel sich der ausgedehnten Ländereien bemächtigen.[23]

In vergleichbarem Stil haben sämtliche entscheidenden „Enthüllungen“ aus der Friedhofsszene in komprimierter Form Einzug in die Rabbinerrede gehalten. Im Folgenden soll es daher genügen, lediglich Textstellen aus Ein Rabbiner über die Gojim mit den Protokollen zu vergleichen, um ihre Abhängigkeiten von beiden fiktiven Texten zu verdeutlichen. Wie bereits erwähnt, tauchen Goedsches Themenfelder in den Protokollen wieder auf. Beispiel Revolution und Krieg: In Ein Rabbiner über die Gojim heißt es: „Jeder Krieg, jede Revolution, jede politische und religiöse Änderung bringt uns jenem Augenblicke näher, wo wir das höchste Ziel erreichen, nach dem wir streben.“[24] Die Protokolle legen den Juden die Worte in den Mund: „Wir müssen in ganz Europa und durch die Beziehungen von dort aus auch in anderen Erdteilen Gährung, Streit und Feindschaft erregen. Damit erreichen wir einen doppelten Vorteil“[25]. Auch mit der Bedeutung der Presse für die jüdische Weltherrschaft beschäftigen sich beide Texte: In der Rabbinerrede wird festgestellt:

Ist das Gold die Hauptmacht auf Erden, so wird die zweite Stelle gewiß von der Presse eingenommen. Denn was vermag diese ohne das erstere? Da das oben erwähnte ohne Hilfe der Presse nicht durchzuführen ist, erscheint es unumgänglich notwendig, daß sich die Leitung der Zeitschriften in den Händen unserer Leute befinde.[26]

Die Weisen von Zion dagegen stellen fest:

Wir müssen die nichtjüdischen Staatsleitungen zwingen, unseren breit angelegten Plan [...] tatkräftig zu unterstützen. Als Mittel dazu werden wir die öffentliche Meinung vorschützen, die wir insgeheim durch die sogenannte letzte Großmacht – die Presse – in unserem Sinne bearbeitet haben. Mit ganz wenigen Ausnahmen [...] liegt die ganze Presse in unseren Händen.[27]

Beispiele wie diese ließen sich noch viele anführen. Sie machen deutlich, dass der Rabbinerrede und den Protokollen dasselbe Gedankengut zugrunde liegt. Direkt abgeschrieben hat der Autor der Protokolle jedoch weder bei Goedsche noch bei der späteren komprimierten Rede-Fassung. Zu groß sind die Unterschiede in Wortlaut und Gedankengang. Trotzdem sind Friedhofszene beziehungsweise Rabbinerrede, wenn auch nicht als Quelle, dafür umso mehr als Vorstufe der Protokolle besonders interessant. Wer den Erfolg der Protokolle zu verstehen versucht, beginnt am besten bei dieser Szene aus einem drittklassigen Sensationsroman - ganz abgesehen davon, dass die daraus resultierende Rabbinerrede immer wieder als Beweis für die Echtheit der Protokolle herangezogen wurde. Damit sollte gerade die komprimierte Version einer Fiktion ein offensichtliches Plagiat stützen. Es gelang eine erstaunliche lange Zeit. Goedsches Werk kann in dreierlei Hinsicht durchaus als eine Art Prototyp für den späteren Bestseller betrachtet werden: Die Friedhofsszene ist eine reine Fiktion (1) , in der den Juden Worte in den Mund (2) gelegt werden und eine Weltverschwörung (3) unterstellt wird, die für die Erklärung der Ereignisse und Umstürze in der Welt herhalten muss.

(1) Sammons hat richtig erkannt, dass sich die Fiktionalität des Textes nicht als Nachteil, sondern als Stärke herausgestellt hat, denn „eine Fiktion bleibt außerhalb der Kontrolle des logischen Denkens“[28]. Ob der Text nun auf einer wahren Begebenheit beruht, oder in der Tat frei erfunden ist, spielt im Grunde keine Rolle. Ist der Leser durch antisemitisches Gedankengut vorgeprägt, reicht ihm auch Goedsches Fantasieprodukt für die Bestätigung eigener Überzeugungen. Der Antisemit weiß: hier hat jemand herausgefunden, wie die Juden wirklich sind. So ähnlich wie beschrieben wird es sich bei ihren Treffen schon abspielen - mit vernünftigen Beweisen oder Argumenten ist hier nichts mehr zu machen.
(2) Wie später noch gezeigt werden soll, hat es in antisemitischen Texten eine lange Tradition, dass mit angeblichen Zitaten jüdischer Personen argumentiert wird und die verschiedensten Vorwürfe untermauert werden. Das Besondere an Goedsches Werk ist aber, dass er eine komplette Szene erfindet, ja die Juden eine ganze Rede halten lässt. In den Protokollen wird dieses Modell wieder aufgegriffen, was maßgeblich zu ihrer herausragenden Wirkung beigetragen haben dürfte.
(3) Der Zeitenumschwung im 19. Jahrhundert, der Verfall alter Werte, das Ende der Feudalität und das Heranwachsen von Liberalismus, Kapitalismus und Demokratie – Europa und die Welt waren in einem entscheidenden Wandel begriffen, und nicht jeder kam mit der neuen Zeit zurecht. Bei den Verlierern der Moderne – ganz gleich auf welcher Ebene – fiel die Idee einer geheimen Verschwörung eines unsichtbaren Feindes so auf fruchtbaren Boden. Vor allem dem Staatsmanne dient sie als Erklärung für Engpässe, Notstände und das Leid der Bevölkerung. Verschwörungstheorien hatte Goedsche reichlich zu bieten. Neben den Juden halten in seinen Werken abwechselnd Jesuiten, Freimaurer, Sozialdemokraten, Dänen, Engländer und Franzosen die Zügel hinter den Kulissen in der Hand.[29]

Diese Vorstellung ist für die machterhaltende Politik von unschätzbarem Wert. Denn sie lenkt von jeder systemkritischen, etwa sozial-politischen Erklärung der Mißstände [...] ab; alles wäre bestens geordnet, wenn es die geheimen Bösewichte nicht gäbe. [30]

Doch gerade das Bild des Juden als Hauptfeind der Ordnung der Dinge konnte sich mit alten Vorstellungen vereinen und zu einer populären Weltanschauung reifen. Von dieser Vorstellung ist es nicht mehr weit, die Juden in ihrer Gesamtheit als Hauptfeind eines Staates zu betrachten.

[...]


[1] Cohn, Norman: „Die Protokolle der Weisen von Zion“: der Mythos der jüdischen Weltverschwörung. Aus dem Englischen von Karl Röhmer. Mit einer kommentierten Bibliographie von Michael Hagemeister. Baden-Baden; Zürich 1998: S.63

[2] vgl. Sammons, Jeffrey L.: Die Protokolle der Weisen von Zion: die Grundlage des modernen Antisemitismus – eine Fälschung. Text und Kommentar. Göttingen 1998: S.15

[3] vgl. ebd.: S.19f.

[4] vgl. Sammons (1998): S.22 Nach einer Strafanzeige gegen das Bernsche Schundgesetz konnte die Abhängigkeit der Protokolle von Herrmann Goedsches Roman Biarritz und Maurice Jolys Dialogue aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu 1935 auch juristisch nachgewiesen werden. Schon zuvor erschienen in verschiedenen Ländern Arbeiten, in denen der Text als Fälschung entlarvt wurde.

[5] vgl. Ben-Itto, Hadassa: „Die Protokolle der Weisen von Zion“ – Anatomie einer Fälschung. Aus dem Englischen von Helmut Ettinger und Juliane Lochner. 1.Auflage. Berlin 1998: S.399

[6] vgl. Sammons (1998): S.16

[7] ebd. Hervorhebung im Original

[8] Original-Titel von Norman Cohns Standardwerk, das 1967 erschien.

[9] Cohn (1998): S.12

[10] ebd.: S.16

[11] vgl. Sammons (1998): S.12

[12] ebd.: S.13

[13] Joly, Maurice: Macht + Recht, Machiavelli contra Montesquieu: Gespräche in der Unterwelt. 2. Auflage des um ein Vorw. von Herbert Weichmann erweiterten Nachdrucks. Hamburg 1979: S.10

[14] Sammons (1998): S.29 Hervorhebungen im Original

[15] Joly (1979): S.98

[16] Sammons (1998): S.70

[17] Joly (1979): S.99

[18] Sammons (1998): S.98

[19] vgl. ebd.: S.12

[20] vgl. ebd.: S.13

[21] ebd.: S.9

[22] ebd.: S.121

[23] Fleischhauer, Ulrich: Die echten Protokolle der Weisen von Zion . Sachverständigengutachten, erstattet im Auftrag des Richteramtes 5 in Bern. Erfurt 1935: S.376

[24] ebd.

[25] Sammons (1998): S.52

[26] Fleischhauer (1935): S.377

[27] Sammons (1998): S.53

[28] ebd.: S.11

[29] Sammons (1998): S.11

[30] ebd. Hervorhebung von mir

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Protokolle der Weisen von Zion
Untertitel
Die jüdische Weltverschwörung als antisemitische Kollage für die Legitimation des Völkermords
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Seminar für Allgemeine Rhetorik)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V26622
ISBN (eBook)
9783638289030
ISBN (Buch)
9783638825436
Dateigröße
660 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die jüdische Weltverschwörung wird als antisemitische Kollage für die Legitimation des Völkermords dargestellt. Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand
Schlagworte
Protokolle, Weisen, Zion, Proseminar
Arbeit zitieren
Markus Hujara (Autor:in), 2004, Die Protokolle der Weisen von Zion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26622

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