Die Haltungen zum Theodizeeproblem von Norbert Hoerster und John Hick


Hausarbeit, 2013

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Die Theodizee bei Norbert Hoerster
2.1 Zur Kritik an Hoersters Überlegungen

3. Die Theodizee bei John Hick
3.1 Zur Kritik an Hicks Überlegungen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

„[…] gäbe es nicht die beste (optimum) aller möglichen Welten, dann hätte Gott überhaupt keine erschaffen“[1], schrieb Leibniz einmal. Doch dass unsere Welt wirklich „die beste aller möglichen Welten“ sein soll, mag für manch einen nur wie blanker Hohn und purer Spott klingen angesichts des tausendfachen Leids und der Schmerzen, denen viele Menschen tagtäglich ausgesetzt sind. Hinsichtlich der bitteren Qualen und des unermesslichen Elends, mit dem wir uns so oft in unserem Leben konfrontiert sehen, hat sich wohl ein Jeder von uns schon einmal die Frage gestellt, wie ein allmächtiger und liebender Gott, wenn es ihn denn gibt, derlei Übel und Kummer nur zulassen könne. Insbesondere die furchtbaren Katastrophen des 20. Jahrhunderts – von zwei Weltkriegen über den Massenmord an den europäischen Juden bis hin zu den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki – haben eines deutlich gemacht: „Die Frage nach dem Leid ist und bleibt die Anfrage an Gott“[2]. Diese Frage, die seit Leibniz den Namen Theodizee trägt, hat Philosophen und Theologen seit Jahrhunderten in den Bann geschlagen.

Dieser Frage will sich die hiermit vorliegende Arbeit annehmen. Dabei sollen vor allem zwei Texte untersucht werden, die die Frage nach der Theodizee intensiv behandeln: Einerseits der Text Zur Unlösbarkeit des Theodizeeproblems[3] des Juristen und Philosophen Norbert Hoerster, andererseits die Arbeit Eine irenäische Theodizee[4] des mittlerweile verstorbenen britischen Theologen und Religionsphilosophen John Hick (1922-2012). Den Anfang wird dabei die Arbeit von Hoerster machen, der die Meinung vertritt, dass ein gläubiger Mensch das Theodizeeproblem nicht wird lösen können, wenn er nicht dazu bereit sein sollte, eine der folgenden drei Thesen aufzugeben: 1) Es gibt einen Gott als Schöpfer dieser Welt, 2) Seine Eigenschaften sind Allmacht und Allwissenheit und 3) Eine weitere Eigenschaft von ihm ist Allgüte.

Einen anderen Weg geht John Hick, der versucht, dass Theodizeeproblem zu lösen, in dem er den Sinn von Schmerzen und Leid im soul- bzw. person-making sieht, also in der bewussten

Weiterentwicklung der Seele bzw. Persönlichkeit des Einzelnen, die sich nur dann ereignen könne, wenn das Individuum auch Erfahrungen mit dem Übel in der Welt mache.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei Teile á vier Seiten mit jeweils zwei Unterteilen
á zwei Seiten. Der erste Teil dieser Arbeit wird dem Philosophen Norbert Hoerster, der zweite allerdings John Hick gewidmet sein. Einen dritten, die Untersuchung abschließenden Teil stellt das Fazit dar.

Methodisch wird diese Arbeit wie folgt vorgehen: In einem ersten Teil von S. 3-6 sollen zunächst die Überlegungen Hoersters skizziert werden, um dann auf den Seiten 7 und 8 die verschiedenen Einwände, die er gegen die Eigenschaften Gottes vorbringt, kritisch zu prüfen. Vermögen Hoersters Argumente zu überzeugen? Wenn ja, warum und falls nein, warum nicht? Diesen Fragen soll der erste Teil der Arbeit nachgehen. Dabei wird u.a. die These vertreten, dass Hoerster einige Fehler in seinen Gedankengängen unterlaufen, die einerseits methodischer, andererseits aber auch logischer (weil anthropozentrischer) Natur sind. Es sind nur einige wenige Fehler, da Hoersters Argumentation insgesamt als schlüssig und konsistent zu werten und somit durchaus als philosophisch wertvoll zu beurteilen ist. Seine Reflexionen, die von großer gedanklicher Klarheit zeugen, stellen einen lohnenden Gewinn für jeden dar, der sich näher mit dem Thema Theodizee auseinandersetzen möchte. Dennoch halte ich es für lohnenswert, trotzdem die wenigen Angriffsflächen, die der Autor bietet, etwas näher zu beleuchten.

In einem zweiten Teil von S. 9-12 soll dann anschließend die irenäische Theodizee des soul- bzw. person -making von John Hick in groben Zügen skizziert werden, ähnlich wie dies schon im ersten Teil für die Beweisführungen Hoersters erfolgt. Dabei soll herausgearbeitet werden, wie genau Hick begründet, dass das Leid in der Welt für ein moralisches Fortkommen der Menschheit nutzbringend sein soll. Auf den S. 13 und 14 schließlich finden sich einige Kritikpunkte an Hicks Ausarbeitung, die aufzeigen sollen, dass die irenäische Theodizee zwar durchaus gut durchdacht ist, es ihr aber dennoch an einigen wichtigen Denkschritten und Überlegungen mangelt.

In einem abschließenden Fazit auf S. 15 soll ein vergleichendes Resümee gezogen werden. Wo liegen die Stärken, wo die Schwächen der einzelnen Überlegungen der beiden Denker, die im Fokus dieser Hausarbeit stehen? Welche Aspekte sind positiv, welche sind eher negativ zu bewerten? Und wie ist das Theodizeeproblem insgesamt zu bewerten? Was bleibt nach jahrhundertelanger Denkarbeit zu diesem Problemkomplex noch zu sagen? Auf diese Fragen soll im Fazit eine Antwort gegeben werden.

2. Die Theodizee bei Norbert Hoerster

Nach einer kurzen Einführung in die Problemstellung behauptet Hoerster zunächst, dass sich das Theodizeeproblem nur vor dem Hintergrund von vier zentralen (christlichen) Grundüberzeugungen stelle, nämlich 1) vor dem Hintergrund der Existenz eines personal und intelligent gedachten Gottes, der „die Welt erschaffen hat und erhält“[5], 2) vor dem Hintergrund dessen Allmacht und Allwissenheit sowie 3) dessen Güte. Die vierte Grundüberzeugung ist die, dass es „in der Welt, so wie wir sie aus der Erfahrung kennen, Übel [gäbe, K.S.]“[6]. Hoerster will nun zeigen, dass von den Thesen 1-3 eine zwangsläufig aufgegeben werden müsse, andernfalls verwickle sich ein gläubiger Mensch in einen Widerspruch, wenn er dennoch alle Thesen aufrechtzuerhalten versuche.

In einem ersten Argumentationsschritt weist er die Brauchbarkeit von ad-hoc-Hypothesen zur Lösung des Theodizeeproblems zurück. Als ad-hoc-Hypothese definiert er „eine Annahme, die allein zu dem Zweck gemacht wird, dass die durch sie gestützte These gerettet werden soll, eine Annahme also, die unabhängig von dieser Funktion als völlig willkürlich erscheinen muss“[7]. Konkret bezeichnet er die These, dass „in einer vorgeburtlichen Form der Existenz“[8] begangene Sünden zu natürlichem Übel in einem späteren Leben führen könnten, als ad-hoc-Hypothese; ebenso wie die Erklärung, „die das natürliche Übel in der Welt […] auf das destruktive Wirken des Teufels zurückführt“[9]. Stattdessen müsse ein Theist Zusatzannahmen einführen, die „nicht nur, logisch betrachtet, zur Lösung geeignet sind, sondern […] darüber hinaus auch wahr bzw. hinreichend begründet sind“[10] und zudem noch „um ihrer selbst willen – also unabhängig von ihrer Funktion im Rahmen einer Lösung des Theodizeeproblems – Akzeptanz verdienen!“[11], um widerspruchsfrei alle vier Thesen aufrechterhalten zu können.

Hoerster führt nun eben solche Zusatzannahmen (mit „ Brückenfunktion[12], wie er schreibt) an, um sie der Reihe nach zu entkräften. Zunächst widmet er sich der Betrachtung der natürlichen Übel (Abschnitt von S. 18-23) durch die Gläubigen und untersucht die hier zur Anwendung kommenden Brückenthesen. Die erste Brückenthese, die er zurückzuweisen

versucht, sei die, dass das Übel nur negativ als „Abwesenheit eines Gutes“[13] und daher „in einem eigentlichen, metaphysischen Sinn gar nicht“[14] existent sei. Warum habe Gott dann nicht verhindert, dass „soviel Gutes durch Abwesenheit auffällt“[15], so der erste Einwand unseres Autors. Die zweite Brückenthese (Hoerster nennt sie das „Brückenprinzip der Unvermeidbarkeit von Übel aufgrund der Geltung allgemeiner Naturgesetze“[16] ) besage, dass eine naturgesetzlich determinierte Welt besser sei als eine nicht durch Naturgesetze determinierte und nur durch göttliche Interventionen bestimmte; zudem könnten sich solcherlei geregelte Abläufe in der Natur ab und an auch schädlich auf das Leben der Menschen auswirken. Darauf antwortet der Autor mit zwei Gegenargumenten. Erstens hätte Gott die Naturgesetze doch auch so gestalten können, dass es ihnen an negativen Einflussmöglichkeiten auf uns Menschen fehlen würde und zweitens läge es – selbst wenn wir einmal einräumten, dass die „herrschenden Naturgesetze alles in allem optimal sind“[17] – doch in Gottes Macht, die derzeit bestehenden „Nachteile dieser Naturgesetze erheblich zu mildern“[18].

Eine weitere Brückenthese sei die, dass leidgeplagte Menschen, die im Diesseits vielen Drangsalen ausgesetzt seien, im Jenseits dafür angemessen entschädigt würden. Mit einer Bewirtungs-Analogie, wonach „man von einem idealen Gastgeber erwarten [könne, K.S.], dass er sich nicht erst bei der eigentlichen Mahlzeit, sondern schon bei der Vorspeise von der besten Seite zeigt“[19], weist der Autor diese These zurück. Ohnehin sei die Existenz einer jenseitigen Welt nicht bewiesen und selbst wenn es sie geben sollte, wüssten wir über sie nichts und könnten keine verlässlichen Aussagen über sie treffen.

Die vorletzte Brückenthese sei die, „dass Gott zwar durchaus eine völlig übelfreie Welt hätte erschaffen können, dass eine solche Welt jedoch, insgesamt gesehen, schlechter wäre als die tatsächlich von ihm erschaffene Welt“[20]. Es gebe zwar Leiden in unserer Welt, doch käme diesen die Aufgabe zu, „im Wege des Kontrastes und der Ergänzung zu ihrem optimalen Gesamtbild einen notwendigen Beitrag [zu, K.S.] leisten“[21]. Einer Argumentation Leibniz’ zufolge sei es auch kein Einwand, wenn „der Großteil der Menschen dieser Erde“[22] nach dem Jüngsten Gericht in die Hölle käme, denn schließlich fiele dieser Anteil angesichts der hohen

Zahl an anderen Bewohnern des Universums, die das ewige Heil erlangen würden, nicht ins Gewicht. Hoerster kontert hierauf mit drei Einwänden. Zunächst sei Leibniz’ Argument der seligen Bewohner des Universums „eine typische Ad hoc-Annahme“[23]. Zweitens greife die „Analogie zum ästhetischen Bereich“[24] nicht, „wenn es um die Allgüte Gottes geht“[25], denn diese sei vorwiegend eine moralische, nicht nur eine rein ästhetische Kategorie. Als dritten und letzten Einwand macht Hoerster geltend, Leibniz sei bei strenger Auslegung seiner Gedankenführung „zu der Auffassung genötigt, jede menschliche Anstrengung zur Beseitigung irgendwelcher Übel habe zu unterbleiben, da eine Beseitigung ja […] die grandiose Wucht und Schönheit des Ganzen verderben würde […]“[26].

[...]


[1] Leibniz, Gottfried Wilhelm: Die Theodizee. Übersetzung von Artur Buchenau. Zweite, durch ein Literaturver-

zeichnis und einen einführenden Essay von Morris Stockhammer ergänzte Auflage. Philosophische Biblio-

thek 71. Hamburg: Meiner, 1968. S. 101. Hervorhebung wie im Original.

[2] Loichinger, Alexander; Kreiner, Armin: Theodizee in den Weltreligionen. Ein Studienbuch. UTB 3420.

Paderborn: Schöningh, 2010. S. 7. Hervorhebung wie im Original.

[3] Hoerster, Norbert: Zur Unlösbarkeit des Theodizeeproblems. In: Loichinger; Kreiner, a.a.O., S. 13-27. Zuerst

in: Theologie und Philosophie. 60. Jg. 1985. Heft 3. S. 400-409.

[4] Hick, John: Eine irenäische Theodizee. In: Loichinger; Kreiner, a.a.O., S. 87-103. Zuerst als: Hick, John: An
Irenaean Theodicy. In: Davis, Stephen T. (Hg.): Encountering Evil: Live Options in Theodicy. Atlanta: John
Knox Press, 1981. S. 39-52.

[5] Hoerster, a.a.O., S. 14.

[6] Ebd.

[7] A.a.O., S. 16.

[8] Ebd.

[9] A.a.O., S. 17.

[10] A.a.O., S. 18.

[11] Ebd.

[12] Ebd. Hervorhebung wie im Original.

[13] Ebd.

[14] A.a.O., S. 19.

[15] Ebd.

[16] A.a.O., S. 20.

[17] A.a.O., S. 19

[18] Ebd.

[19] A.a.O., S. 20.

[20] Ebd.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] A.a.O., S. 21.

[24] Ebd.

[25] Ebd.

[26] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Haltungen zum Theodizeeproblem von Norbert Hoerster und John Hick
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Positionen in der Frage der Theodizee
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V266365
ISBN (eBook)
9783656565260
ISBN (Buch)
9783656565253
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
haltungen, theodizeeproblem, norbert, hoerster, john, hick
Arbeit zitieren
Kim Schlotmann (Autor), 2013, Die Haltungen zum Theodizeeproblem von Norbert Hoerster und John Hick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266365

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