Kolumbien. Vom ODA-Hauptempfänger Lateinamerikas zum potenziellen regionalen „Emerging Donor“?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einführung

Es ist mit Sicherheit noch zu früh, um Kolumbien als neuen „Emerging Donor“ innerhalb der internationalen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) zu bezeichnen. Regional betrachtet sieht die Lage hingegen bereits etwas anders aus. Das nördlichste Land Südamerikas scheint fest entschlossen, sich als Akteur im Rahmen sog. Süd-Süd-Kooperationen zu behaupten und darin zukünftig eine tragendere Rolle als bisher einzunehmen. Gestützt auf sein ökonomisches Potenzial und die positive ökonomische Entwicklung1 des zurückliegenden Jahrzehntes, kristallisiert sich die Tendenz heraus, dass Kolumbien danach strebt, sich in seiner unmittelbaren Einflusssphäre als zunehmend starker Partner zu etablieren. Blickt man auf die zuletzt veröffentlichten Leitlinien der Regierung zur Koordinierung der EZ in und außerhalb Kolumbiens, verfolgen die zuständigen nationalen Gremien einen selbstbewussten Kurs, um den kommenden Herausforderungen der EZ zu begegnen. Inwiefern dieser Anspruch mit realen Verhältnissen übereinstimmt, soll - sofern zum aktuellen Zeitpunkt möglich - im Folgenden untersucht werden.

Die vorliegende Arbeit analysiert die Bedeutung Kolumbiens als internationaler EZ- Akteur. Auf einen kurzen Einschub über die Funktion und Problematik der „neuen“ EZ im „Süden“, folgt eine skizzenhafte Darstellung der jüngeren ökonomischen Entwicklung des Landes in Korrelation zu seiner Rolle als EZ-Empfänger. Besonders auffällig ist hier das Paradox zwischen (an rein ökonomischen Kriterien festgemachtem) Wirtschaftswachstum und parallel dazu erhalten Hilfsleistungen - der Official Development Assistance (ODA) - aus dem Fond des Development Assistance Committee (DAC) der OECD-Staaten, die Kolumbien in den Statistiken als einen der Hauptempfänger der ODA im lateinamerikanischen Vergleich ausweisen.

Im ersten Hauptteil der Arbeit wird die Bedeutung Kolumbiens als Geber innerhalb der regionalen EZ-Struktur untersucht. Zwar noch weit entfernt von einem „Schwergewicht“ wie Brasilien, ist das Land jedoch dank seiner wirtschaftlich stabilen Konjunktur in den letzten Jahren zu einem aufstrebenden EZ-Gestalter in seiner unmittelbaren Einflusssphäre gewachsen, womit - zumindest rhetorisch - ein neues Selbstverständnis als Geber einhergeht. Anschließend werden einige Themenfelder und Fokusregionen kolumbianischer EZ vorgestellt, die Rückschlüsse auf seine strategischen Partnerschaften erlauben.

Im zweiten Hauptteil der Arbeit wird dann näher auf die Bedeutung Kolumbiens als internati-onaler EZ-Partner eingegangen. Ein Blick auf die sicherheitspolitische Lage, welche das Land in den Fokus internationaler EZ gerückt hat, ist dafür ebenso aufschlussreich, wie eine Be- obachtung der gegenwärtigen Entwicklung der Beziehungen zwischen dem einstigen „Prob- lemfall“ Kolumbien und der OECD, wo sich eine deutliche Annäherung abzeichnet - ein weiterer Hinweis auf das selbstbewusste Vorwärtsstreben der modernisierungsfähigen natio- nalen Eliten.

2. EZ und Entwicklungspolitik im „Süden“

Stellt man sich die Frage nach der Trennung zwischen EZ und Entwicklungspolitik wird schnell deutlich, dass man sich in Forschungsfeldern bewegt, die klar voneinander abgrenzba- ren Definitionen entbehren. Konzepte der Entwicklungszusammenarbeit sind nicht auf ein- zelne Definitionen reduzierbar, sondern hängen von den jeweiligen Prioritäten und Aktivitä- ten beteiligter Akteure ab. Generell wird unter EZ ein von privaten und öffentlichen Akteuren ausgehendes Maßnahmenpaket aus finanzieller-, technischer- und personeller Zusammenar- beit2 verstanden, dass unter Berücksichtigung ungleicher Einkommensniveaus der partizipierenden Staaten bzw. Institutionen, die Absicht verfolgt, den ökonomischen und sozialen Fortschritt des „Global South“3 zu fördern. Als Maßeinheiten für den Entwicklungs- stand einer Nation werden v.a. ökonomische Kriterien hinzugezogen. „Emerging Donors“ wie Brasilien stellen jedoch die traditionelle EZ der reichen „Industrieländer“ zunehmend in Frage, indem sie im Rahmen von Süd-Süd-Kooperationen für Partnerschaften plädieren, die stärker auf kultureller Nähe statt auf kolonialen Verbindungen basieren. Der hegemoniale EZ- Anspruch des „Westens“ wird dadurch aufgeweicht. Demgegenüber stehen asiatische Staaten wie Japan, China oder Südkorea für eine (Entwicklungs-)Zusammenarbeit, die besonders auf ökonomischen Parametern basiert und von den vorgeblich ideologisch aufgeladeneren Ansät- zen der „westlichen“ Industrienationen abweicht.4 Da eine Nord-Süd Dichotomie jedoch in vieler Hinsicht unzureichend bleibt (und häufig instrumentalisiert wird), um ungleiche Ent-wicklungsgrade zwischen Nationen oder Regionen zu definieren, kann bereits die Festlegung von Kriterien für Nord-Süd- bzw. Süd-Süd-Kooperationen zu Komplikationen führen.

Das UNDP Projekt „Forging a Global South“ (2003) sah vor, dem „Süden“ mehr Eigeninitiative bei der Gestaltung globaler Prozesse zu übertragen und damit eine dezentralere Perspektive zu schaffen (vgl. Dirlik 2007: 16). Solche Initiativen stehen in einer Reihe mit dem Weltsozialforum (2001) als Gegenveranstaltung zur WTO und der Gründung der Gruppe der 20 (2003) - einem Zusammenschluss von Entwicklungs- und Schwellenländern als Ge- genpol der etablierten G-20. Süd-Süd-Kooperationen repräsentieren demnach einen emanzi- patorischen Ansatz, der aber gegenüber Kooperationen mit Ländern und Institutionen außer- halb des „Südens“ offen ist (Trianguläre Kooperation). Allerdings ist in diesem Zusammen- hang kritisch anzumerken, dass der „Süden“ zunächst einen Selbstfindungsprozess durchlau- fen und seine Souveränität erneut betonen musste, um auf der globalen Landkarte als ernstzu- nehmender Akteur wahrgenommen zu werden.

3. EZ in Kolumbien im Kontext der nationalen wirtschaftlichen Entwicklung

Welche Rolle spielt nun Kolumbien? Welche Bedeutung innerhalb des um nichttraditionelle Geber erweiterten Gewirrs internationaler EZ kommt dem ökonomisch aufstrebenden Staat zu, der aufgrund seines stabilen Wachstums mittlerweile in den Rang der CIVETS-Staaten mit Ambitionen einer OECD-Mitgliedschaft aufgestiegen ist? Eine Darstellung der ökonomischen Entwicklung des Landes, in Relation zu seinen aus der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit erhaltenen Hilfsleistungen (ODA) ist dabei für die Analyse des entwicklungspolitischen Verständnisses Kolumbiens wichtig.

Ein Rückblick auf die ODA-Eingänge der vergangen zwei Jahrzehnte macht deutlich, wie die Zahlungen aus dem Fond im Zeichen globalpolitischer Veränderungen standen. An- fang der 1990er Jahre, als das nationale BIP 1500 USD überstieg und Kolumbien damit nach DAC-Kriterien nicht mehr als „país de la concentración de la ayuda“ galt (Cepei 2010: S. 26), intensivierten die USA ihre Beziehungen zu Kolumbien und bauten diese in den folgenden Jahren zu einem strategischen Bündnis höchster Priorität aus, das bis heute Bestand hat. Dabei

[...]


1 Hier verstanden v.a. aufgrund von ökonomischen Kriterien, wie bspw. dem stetigen Wachstum des nationalen BIP per capita.

2 Die weitere Kategorie personelle Zusammenarbeit wird eher im deutschen Kontext vorgenommen

3 Bei Dirlik findet sich folgende Definition von „Global South“: „The Term Global South - or at least the “South“ component of it - goes back to the 1970s, and is entangled in its implications with other terms that post- World War II modernization discourse and revolutionary movements generated to describe societies that seemed to face difficulties in achieving the economic and political goals of either capitalist or socialist modernity.” (Dirlik 2007: 12)

4 2011 wurden Pläne publik, dass Kolumbien mit chinesischer Unterstützung eine Schienenverbindung zwischen Atlantik und Pazifik in Konkurrenz zum Panamakanal plane. Das milliardenschwere Projekt soll den Handel zwischen den beiden Ländern durch einen direkten Verbindungsweg fördern (vgl. ardmediatek.de).

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Details

Titel
Kolumbien. Vom ODA-Hauptempfänger Lateinamerikas zum potenziellen regionalen „Emerging Donor“?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Lateinamerikainstitut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V266452
ISBN (eBook)
9783656564232
ISBN (Buch)
9783656564225
Dateigröße
801 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklungshilfe, Emerging Donor, Süd-Süd-Kooperation, Kolumbien, Entwicklungszusammenarbeit
Arbeit zitieren
Alexander vom Dorp (Autor), 2012, Kolumbien. Vom ODA-Hauptempfänger Lateinamerikas zum potenziellen regionalen „Emerging Donor“?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266452

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