"Anna Karenina" von Lew Tolstoi: Vergleichanalysen mit 3 Verfilmungen (1935, 1967, 1997)


Hausarbeit, 2004
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einleitung

1. Unterschiede zwischen Literatur und Film
1.1. Allgemeine Unterschiede
1.2. Zeit
1.3. Raum
1.4. Gedanken

2. "Anna Karenina"
2.1. Der Roman
2.2. Buch-Film-Vergleich - die wichtigsten Szenen
2.2.1. Einführung in den Roman
2.2.2. Die Bahnhof-Szene
2.2.3. Die Ball-Szene
2.2.4. Die Pferderenn-Szene
2.2.5. Annas Krankheit
2.2.6. Die Oper-Szene
2.2.7. Die Ende-Szene

3. Allgemeine Einschätzungen der Verfilmungen
3.1. "Anna Karenina" (1935)
3.2. "Anna Karenina" (1967)
3.3. "Anna Karenina" (1997)

Die Liste der ausgewerteten Quellen

Anhänge (Tabelle 1, 2, 3) 15

"Sie kennen doch sicher den Witz von den beiden Ziegen,

die die Rollen eines Films auffressen,

der nach einem Bestseller gedreht worden ist,

worauf die eine Ziege zur anderen sagt:

,,Mir war das Buch lieber"" (Alfred Hitchcock)[1]

Einleitung

Weil es für ein gutes Buch kein Geheimrezept gibt, nur "gewisse Minimalbedingungen von Ungewöhnlichkeit"[2], muss man sich mehr oder weniger auf die Kriterien des Films beziehen.

Generell gilt aber: je besser das Buch war (weniger in der Kritik als beim Leser), umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Film erfolgreich wird. Garantien gibt es jedoch nicht, ein schlechtes Buch ist schon erfolgreich verfilmt worden, ein gutes Buch war an den Kinokassen ein Flop. Ein wichtiges Kriterium ist auch die Aktualität: ein Roman aus dem 19. Jahrhundert kann von seiner Konzeption von den Zuschauern heute schlecht nachvollzogen werden, denn der Zuschauer muss sich mit dem Geschehen und den Figuren identifizieren können.

Der Roman von Lew Tolstoi "Anna Karenina" (1875-1877) kann nicht sich über die Filmkunstabneigung beschweren, weil dieser epische Roman eine jener Geschichten erzählt, die versprechen, erfolgreiche Filme zu werden. Die unglückliche Liebe zwischen einer frustrierten Ehefrau und einem Offizier inspirierte Hollywood denn auch vom ersten Augenblick an. Als die bekannteste und gelungenste Verfilmung gilt nach wie vor diejenige mit Greta Garbo aus dem Jahr 1935. Nach Great Garbo übernahm in der Verfilmung von 1948 diesmal eine englische Schauspielerin Vivien Leigh die Titelrolle von Anna Karenina. In 1967 tat der russische Regisseur Alexander Sarchi seine Pflicht und Schuldigkeit - die russische tragische Heldin (Tatjana Samoilowa) hat endlich Russisch geredet. Auch Jacqueline Bisset erschien als Anna Karenina in der 1985 fürs Fernsehen entstandenen amerikanischen Inszenierung. Und in der neuesten, produzierten Ausgabe (1997) unter der Regie von Bernhard Rose versuchte sich Sophie Marceau als Anna Karenina.

Die gegebene Hausarbeit analysiert die drei bekanntesten Verfilmungen von Tolstois Roman "Anna Karenina" (nämlich, von 1935, 1967 und 1997).

1. Unterschiede zwischen Literatur und Film

1.1. Allgemeine Unterschiede

Zuerst ist anzumerken, dass es sich bei Buch und Film um zwei unterschiedliche Medien handelt. Zwar erzählen beide dieselbe Geschichte, bedienen sich aber vollständig anderer Mittel. Im Roman steht der Erzähler stark im Vordergrund: er bringt die Geschichte zum Laufen, beleucht Hintergründe, verknüpft und erklärt. Er kann die Zeit zum Beispiel durch Reflexionen anhalten oder beschleunigen. Ein persönlicher Erzählstil, wie zum Beispiel der ironische, kann im Film oft nicht in gleicher Weise dargestellt werden. Des weiteren gibt es Kameraeinstellung, Perspektive, Ton, Beleuchtung und Requisite, aber auch Schauspieler, die durch Gestik und Mimik die Charakteristika einer Person oder Situation zum Ausdruck bringen. Was im Roman oft seitenlange Beschreibungen erfordert, kann im Film in wenigen Augenblicken dargestellt werden, zum Beispiel bei Landschaftsbeschreibungen. Die Funktion des Erzählers übernimmt im Film die Kamera.

1.2. Zeit

Die Zeit ist für Literatur äußerst wichtig, alles hängt von der Zeit ab. Dabei ist zu unterscheiden, ob es sich um ,,Erzählzeit"[3] oder ,,erzählte Zeit" handelt. Die subjektive Zeit ist eine Zeit, die voranschreitet: ,,So wie sich im lyrischen Wort... die feste gegenständliche Bedeutung nie aufheben lässt, so kann sich die epische Rede nie dem Nacheinander der Zeit entziehen"[4] ; ,,die Zeit vergeht, indem der Dichter ein Bild nach dem anderen wahrnimmt und dem Hörer zeigt"[5] ; ,,Erzählen ist in seinem Ursprung immer Erzählen von Vergangenem"[6]. Der Autor hat verschiedene Möglichkeiten der zeitlichen Darstellung: Raffung, Aussparung und Dehnung der Zeit - so kann zum Beispiel eine Minute erzählte Zeit fünf Seiten lang sein und ein Jahr nur eine halbe Seite in Anspruch nehmen.

Auch im Film wird eine Zeit dargestellt, die mit der realen Zeit nicht identisch ist. Es gibt keine Beschränkungen, es kann in der Zeit gesprungen werden, es gibt Rückblenden, Vorschauen - häufig führt dieses Springen aber zur Verwirrung des Zuschauers, weshalb meist eine kontinuierliche Zeitabfolge vorherrscht. Aber innerhalb einer einzelnen Filmszene ,,bedeutet das Nacheinander der Einstellungen auch eine zeitliche Aufeinanderfolge"... ,,nicht nur, dass Gleichzeitiges nicht hintereinander gezeigt werden darf - es darf auch keine Zeit ausfallen... dies wirkt als gewaltsamer Einschnitt in den Vorgang"[7]. Trotzdem bemüht sich ein Film meist streng am roten Faden des Stoffes zu bleiben, womit er an die dort vorgegebene Zeit gebunden ist.

Filmische Zeitgestaltung wird als ,,Zeitgefühl"[8] mitgeteilt, das nicht unterbrochen werden darf. Dieses Zeitgefühl zeigt die Art, ,,in der eine Zeitspanne... erlebt wird"; es beruht nicht auf dem Maß real verfließender Zeit, ,,sondern auf der Art der Bewegung, die in einer Zeit verläuft, es ist also ein Bewegungsgefühl"[9]. Um dieses Gefühl zu vermitteln, sind vor allem Auf- und Abblenden geeignet. In der Transformation wird nun diese ,,Literaturzeit" zur ,,Filmzeit"[10]. Das heißt, dass die Literaturvorlage in ihren Zeitbeziehungen verändert wird. Es ergibt sich meist ein Nacheinander der Zeit und viele Einzelheiten werden weggelassen oder verkürzt gezeigt. Oft wird eine künstliche Spannung aufgebaut, die es so in der Literaturvorlage nicht gegeben hat.

1.3. Raum

Der in der Literatur verwendete Raum ist nicht der ,,reale Raum"[11]. Gewöhnlich ist er nicht fassbar, dass heißt: selten gibt der Autor vor, wie groß genau ein Raum ist, wie viele Wände er hat, wie hoch die Decke ist. Das gilt auch im landschaftlichen Raum - wie weit ist, wird selten definiert. Der literarische Raum ist eher ein Raum, der ,,dargestellt"[12] wird. Er ist also flexibel und vom Dichter ,,steuerbar"[13]. Der Raum kann nicht wie mit einem Zollstock nachgeprüft werden. Deshalb ,,... hat die Raumgestaltung im epischen Werk... keine topographische Bedeutung. Es ist sinnlos, Ereignisse der dichterischen Welt geographisch festlegen zu wollen"[14]. Hierzu ist aber anzumerken, dass es Werke gibt, die einen real existierenden Raum benutzen (z.b. eine Stadt, eine Kirche), trotzdem ist er noch immer literarischer Raum, der im Geist frei erweitert werden kann. In der epischen Literatur sind Ortswechsel ganz natürlich, während sich im Dramatischen der Raum meist auf ein bis zwei Handlungsebenen beschränkt. Der Raum in einem literarischen Werk ist kein Schmuck oder Beiwerk, sondern die Grundlage für die Handlung - selbst wenn kein Raum genannt wird existiert er symbolisch. Fehlt ein Raum, fällt es dem Leser gewöhnlich nicht auf, nur in
exzessiver Schilderung ist der Raum etwas Besonderes.

Im Film hingegen ist der Raum sehr wichtig - ein Fehlen ist nicht möglich. Der Raum bettet die Handlung ein und von der Umgebung können viele Schlüsse auf Zeit und Milieu geschlossen werden. Handlungsorte wechseln ganz natürlich und bedürfen keiner Erklärung, weil sich diese visuell ergibt. Der zweidimensionale Raum des Films vermittelt ein besonderes ,,Raumgefühl"[15], weil die Kamera den Raum lebendig macht - im Vergleich zum dreidimensionalen Theater kann der Raum viel besser nachvollzogen werden, weil er dem Zuschauer natürlicher erscheint. Raumdistanzen werden als ,,Distanzgefühl"[16] erlebt, das durch bestimmte Kameraeinstellungen erzeugt wird. Der Raum wird im Film leicht adaptiert, weil er letztendlich die Wirklichkeit oder vielmehr ein Abbild der Wirklichkeit wiedergibt. Der Raum im Film ist weniger gebunden als die Zeit und häufige Wechsel werden ganz natürlich akzeptiert.

Auch beim Raum gibt es eine Übertragung, Estermann nennt sie Übertragung von ,,Literatur - Raum" zu ,,Film - Raum". Diese Übertragung ist aber weniger kompliziert als die der Zeit, da ein Raum nicht verbindlich ist. Der Raum wird ,,verbildlicht" und optisch fixiert, aber: ein ungefähres Abbild dessen, was vom Autor vorgesehen war, befriedigt den Zuschauer gewöhnlich am meisten.

[...]


[1] Gast, Wolfgang, Literaturverfilmung, C.C.Buchners Verlag, Bamberg, 1993, S.7.

[2] Quasthoff, Uta M. Sprachliche Formen des alltäglichen Erzählens: Struktur und Entwicklung. In: Erzgräber, Wille/Goetsch, Paul (hrsg.): Mündliches Erzählen im Alltag, fingiertes mündliches Erzählen in der Literatur, Tübingen, 1987, S.27

[3] Alfred Estermann, Die Verfilmung literarischer Werke, H. Bouvier u. Co, Verlag, Bonn, S. 376.

[4] S.o., S. 373.

[5] Alfred Estermann, Die Verfilmung literarischer Werke, H. Bouvier u. Co, Verlag, Bonn, S. 374.

[6] S.o., S, 374.

[7] S.o., S. 380-381.

[8] S.o., S. 383.

[9] S.o., S. 383.

[10] S.o., S. 388.

[11] Alfred Estermann, Die Verfilmung literarischer Werke, H. Bouvier u. Co, Verlag, Bonn S. 392.

[12] S.o., S. 392.

[13] S.o., S. 392.

[14] S.o., S. 392.

[15] S.o., S. 395.

[16] S.o., S. 395.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
"Anna Karenina" von Lew Tolstoi: Vergleichanalysen mit 3 Verfilmungen (1935, 1967, 1997)
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für fremdsprachliche Philologien)
Veranstaltung
Europäische Romane als Film. Literatur und Film
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V26653
ISBN (eBook)
9783638289269
ISBN (Buch)
9783640178384
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anna, Karenina, Tolstoi, Vergleichanalysen, Verfilmungen, Europäische, Romane, Film, Literatur
Arbeit zitieren
Nataliya Gudz (Autor), 2004, "Anna Karenina" von Lew Tolstoi: Vergleichanalysen mit 3 Verfilmungen (1935, 1967, 1997), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26653

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