Im Zuge einer groß angelegten Erweiterung Berlins im 18. Jahrhundert mussten viele Grenzen, die das Stadtgebiet bis dahin umgeben hatten, neu gesteckt werden. Dies unternahm der preußische König Friedrich Wilhelm der Zweite, nachdem sein Vorgänger, Friedrich der Große, im Jahre 1786 verstorben war. Er ließ daher die alte, meist aus eher provisorisch erscheinenden Holzpalisaden errichtete Berliner Akzisegrenze in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts neu setzen und befestigen und versah diese mit mehreren neuen Zoll- und Stadttoren unterschiedlicher Größe. Dem Wunsch zahlreicher bürgerlicher Schriften und Anträge folgend waren darunter auch monumentale öffentliche Bauten zu finden, von denen das eindrucksvollste bis heute das Wahrzeichen der wechselhaften Geschichte Berlins und Deutschlands ist – das Brandenburger Tor.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Berliner Akzisemauer und das Stadttor.
2. Das Brandenburger Tor.
2.1. Das Erscheinungsbild.
2.1.1. Architektonische Charakteristika.
2.1.2. Das Bildprogramm.
2.1.2.1. Die Quadriga.
2.1.2.1.1. Entlehnungen und Vorlagen.
2.1.2.1.2. Die Quadriga als „Triumph des Friedens“.
2.1.2.1.3. Napoleon und die Quadriga.
2.1.2.1.4. Die Quadriga und der Pariser Platz.
2.1.2.2. Die Metopen.
2.1.2.3. Das Attikarelief.
2.1.2.4. Die Reliefs der Durchfahrten.
2.1.2.5. Die Statuen von Mars und Minerva.
2.2. Das Zolltor und die preußische Wirtschaft.
2.3. Langhans und die Nachahmung.
2.3.1. Englische und Französische Entwicklungen.
2.3.2. Architektonische Anleihen.
2.4. Ein neues Athen.
3. Das Symbol preußischer und deutscher Nationalität.
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Brandenburger Tor als komplexes historisches Denkmal, das sowohl als architektonisches Wahrzeichen als auch als politisches Instrument zur Repräsentation preußischer Macht und nationaler Identität fungierte. Die zentrale Forschungsfrage widmet sich der Bedeutung des Tores im Kontext von Zeitgeist, Herrschaftslegitimation und dem Wandel seiner symbolischen Aufladung von der Aufklärung bis zum Befreiungskrieg.
- Baugeschichte und architektonische Vorbilder (Propyläen, Klassizismus).
- Ikonographie und Bildprogramm (Quadriga, Metopen, Herkules-Zyklus).
- Wirtschaftspolitische Funktion als Zolltor und Kontrollinstrument.
- Die Transformation des Tores zum nationalen Freiheits- und Einheitssymbol.
- Der Einfluss preußischer Monarchie und Aufklärungsdenken auf die Gestaltung.
Auszug aus dem Buch
2.1.2.1. Die Quadriga
Das monumentale, zweifach lebensgroße und in metallener Treibarbeit gefertigte Gespann mit der Wagenlenkerin ist wohl der bekannteste Bestandteil der figuralen Torsymbolik und geht wahrscheinlich auf eine Idee von Langhans zurück. Die Fertigung des Entwurfes für die zwölf Fuß hohen Pferde der Quadriga oblag Schadow. Im Gegensatz zu dem ausführlichen Entwurf der Pferde, fertigte er nach eigenen Angaben jedoch nur eine heute unbekannte „kleine Skizze“ für die Wagenlenkerin an. Die etwa vier Meter hohe Quadriga-Gruppe wurde nach ihrer Ausfertigung – im Jahr 1793 – in Abwesenheit des Königs auf der Quadriga aufgestellt. Sie besteht aus vier kräftigen Pferden mit jeweils einem erhobenen Vorderbein, die mit aufmerksamer, nach vorne gerichteter Ohrenstellung und wachem Blick gen Berlin zu streben scheinen. Sie ziehen einen zweirädrigen, antik- römisch anmutenden Streit- oder Triumphwagen mit einer Blumengirlande und Löwenkopfemblem im vorderen Bereich. In dem Wagen steht eine weibliche Figur mit ebenfalls stadteinwärts gerichtetem Kopf und im Nacken zu einem Knoten zusammengefassten Haaren. Der Körper erscheint jung, athletisch und nach dem antiken Vorbild römischer oder griechischer Figuren geformt. Dem Rücken der Wagenlenkerin entwachsen zwei große zusammengefaltete Flügel. Die Viktoria kleidet ein, in unsichtbarem Wind wehendes ärmelloses Gewand, dass in dianischer Kleidungsart nur über die linke Schulter geführt ist. Der linke Arm führt leicht nach vorne und endet in der, den oberen Rand des Streit- oder Triumphwagens umgreifenden linken Hand. Der rechte Arm ist angewinkelt und folgt der Panierstange, den die rechte Hand hält. Jener trägt am oberen Ende ein Eisernes Kreuz aus Kupferblech, das von einem Eichenkranz umschlossen ist, auf dem wiederum der preußische Adler sitzt und seine Flügel ausbreitet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Berliner Akzisemauer und das Stadttor: Einleitung in die städtebauliche Erweiterung Berlins unter Friedrich Wilhelm II. und die Notwendigkeit neuer, repräsentativer Torbauten.
2. Das Brandenburger Tor: Detaillierte Analyse der baulichen Erscheinung und des umfangreichen ikonographischen Bildprogramms, das das Tor als Triumpharchitektur und Denkmal definiert.
3. Das Symbol preußischer und deutscher Nationalität: Synthese der architektonischen Einflüsse und geschichtlichen Ereignisse, die das Tor zum zentralen Identitätssymbol Preußens und Deutschlands erhoben haben.
Schlüsselwörter
Brandenburger Tor, Preußen, Friedrich Wilhelm II., Carl Gotthard Langhans, Johann Gottfried Schadow, Quadriga, Klassizismus, Architekturgeschichte, Nationalbewusstsein, Befreiungskriege, Bildprogramm, Akzisemauer, Triumph, Herrschaftslegitimation, Aufklärung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Publikation analysiert das Brandenburger Tor nicht nur als bauliches Meisterwerk, sondern vor allem als politisches Monument, das den preußischen Zeitgeist und die Ambitionen der Monarchie widerspiegelt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung deckt die architektonische Formensprache, die komplexe ikonographische Symbolik des Bildprogramms sowie die historische Einbettung in das Wirtschafts- und Staatsverständnis der Zeit ab.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, das Brandenburger Tor als ein „Spiegelbild“ preußischer Identität zu entschlüsseln und zu zeigen, wie es von der Funktion als Zolltor zum nationalen Symbol transformiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunsthistorische und architekturgeschichtliche Analyse, die primäre Quellen, zeitgenössische Baubeschreibungen und den historischen Kontext der Aufklärung vergleichend auswertet.
Welche Inhalte bilden den Kern des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Beschreibung der Architektur, der statuenhaften Ausgestaltung (Quadriga, Metopen, Mars/Minerva) und deren Anlehnung an antike Vorbilder sowie eine Untersuchung der wirtschaftlichen Steuerpolitik jener Ära.
Wodurch lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Sie zeichnet sich durch einen interdisziplinären Ansatz aus, der kunstgeschichtliche Details mit politischer und wirtschaftlicher Geschichte verbindet.
Wie interpretierte Napoleon die Rolle des Brandenburger Tores?
Napoleon sah in der Quadriga eine Trophäe französischer Überlegenheit und ließ sie 1806 nach seinem Sieg bei Jena und Auerstedt nach Paris entführen, was das Tor paradoxerweise zum Symbol preußischen Widerstands machte.
Welchen Einfluss hatte Johann Joachim Winckelmann auf das Bauwerk?
Winckelmanns Kunsttheorie prägte das Bestreben, durch die Nachahmung griechischer Formen eine eigene, eigenständige klassizistische Identität für Preußen zu schaffen.
Warum wird das Brandenburger Tor mit den Athener Propyläen verglichen?
Das Tor greift grundlegende dorische Gestaltungsmerkmale der Propyläen auf, wobei Langhans diese jedoch modifizierte, um sie den spezifischen preußischen Anforderungen und dem Zeitgeschmack anzupassen.
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- Luise Schendel (Author), 2007, Das Brandenburger Tor als Spiegel preußischen Zeitgeists, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266583