Kafka - Überblick und neue Sicht


Hausarbeit, 2003

17 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung der Interpretationsproblematik bei Kafka

3. Kurze Darstellung der wesentlichsten Interpretationsrichtungen
3.1. Die biographische Deutung
3.2. Die psychologische Deutung
3.3. Die theologische Deutung
3.4. Die philosophische Deutung

4. Der andere Weg zu Kafka

5. Anwendung des Schlüssels auf die Erzählung „Vor dem Gesetz“

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kafkas Erzählungen sind im Allgemeinen bekannt für Rätselhaftigkeit und dementsprechend auch für eine Vielzahl von unterschiedlichsten Interpretationsrichtungen und Publikationen. Diese Ansätze stammen aus den verschiedensten Bezugssystemen, werden also in unterschiedlichste Kontexte gesetzt und dementsprechend verstanden. So entsteht schnell der Eindruck, beinahe alles könne sich bei ausreichender Begründung in die Schriften hineininterpretieren lassen. In der Tat ist dies auch geschehen, da bei hohem Verrätselungsgrad und häufigem Symbolgebrauch auch die Bezugspunkte viel freier und oft nach subjektiven Kriterien gewählt werden können. So findet jeder Leser gerade bei Kafka seinen ganz individuellen Weg, die Erzählungen zu verstehen, sich hineinzufühlen und in Bezug zu setzen. Dieser Interpretationsansatz wird versuchen, dieser Tatsache Rechnung zu tragen und dennoch auf der einen Seite Strukturen freizulegen, und auf der anderen Schlüssel anzubieten, die eine Verständnishilfe bieten können ohne ein festes Bezugssystem vorauszusetzen. Zusätzlich dazu sollen die wichtigsten Ansätze aus der Kafkaforschung angeschnitten werden. Anhand der Erzählung „Vor dem Gesetz“, die besonders viele Interpretationen hervorgebracht hat, soll dann der neue Schlüssel angewendet und erklärt werden.

2. Darstellung der Interpretationsproblematik bei Kafka

„…niemand, der Kafka gelesen hat, ganz zu schweigen von den vielen,

die ihn nicht gelesen haben, scheint im geringsten daran zu zweifeln,

daß er ihn vollkommen versteht, mehr noch, daß er allein ihn versteht.“ (Flores)[1]

Beinahe jeder Leser, der sich unvoreingenommen mit einer der Erzählungen Kafkas beschäftigt, liest mit einer vorgeprägten Einstellung, die durch praktische Lebens- und Leseerfahrung individuell gefestigt wurde. Dadurch versucht der Leser zunächst die dargestellte Handlung als realen Vorgang zu verstehen, der entweder tatsächlich passiert oder zumindest denkbar ist, also hätte passieren können. Dabei werden die bekannten physischen, logischen und relationalen Regeln vorausgesetzt, die unser Leben ausmachen. Bei Unstimmigkeiten oder Verstößen gegen diese Regeln versucht der Leser instinktiv das Dargestellte doch irgendwie in diese Gesetzmäßigkeiten zu integrieren. Dies geschieht aus dem Bestreben heraus, den Text mit den vertrautesten und konkretesten Mitteln und Regeln zu erfassen, die zur Verfügung stehen. Ist auch das nicht mehr möglich, wird abstrahiert. Einzelne Elemente der Handlung erhalten Symbolcharakter, werden also als Stellvertreter für etwas Reales, in unsere Gesetzmäßigkeiten passendes, angesehen. Durch die Uneindeutigkeit der Vielzahl von als Symbol identifizierten Handlungselementen ist der Leser verwirrt und versucht die Symbole in einer ihm logisch erscheinenden Art aufzuschlüsseln. Genau hier setzten die meisten Kafka- Interpretationen an, indem sie unterschiedlichste Bezugssysteme als Schlüssel zur Symbolvielfalt anwenden und diese somit auf die reale Ebene übertragen. So verstehen verschiedene Kafkainterpreten allein das Symbol Gesetz in der Erzählung „Vor dem Gesetz“ grundverschieden: Das Symbolverständnis reicht von „göttlicher Bestimmung“ (Buber) über „Absolutheit des Seins“ (Zimm) und „Wahrheit“ (Emri) bis hin zu „Selbstgericht und Einsicht in die eigene Schuld“ (Henel).[2]

Da die Erzählungen bei Kafka jedoch fast nur aus Symbolen zu bestehen scheinen und die im Text gegebenen Bezüge oft mehr als nur schwammig sind, haben viele Wissenschafter das ihnen vertrauteste Bezugssystem gewählt und die Begriffe dahingehend belegt. Dazu werden vertraute Strukturen gesucht, die der Struktur der Erzählung ähnlich sind und Übertragungen dahingehend vorgenommen. Im weitesten Sinne geht der unvoreingenommene Leser genauso vor und versucht die ihm subjektiv am nächsten liegende Übertragung vorzunehmen. Dieser Prozess ist unvermeidbar begleitet von einer sich während des Lesens aufbauenden Unsicherheit und ständig variierenden Versuchen, die Symbole hinter den Handlungselementen aufzuschlüsseln. Somit ist die Richtung, die die Interpretation annimmt, individuell verschieden und von Vorkenntnissen und persönlicher Prägung abhängig.

Aus diesen Gründen ist die Anzahl der Interpretationsansätze und individuellen Lesarten zu Kafka so ungeheuer groß und unterschiedlich.

3. Kurze Darstellung der wesentlichsten Interpretationsrichtungen

Seit Anfang der fünfziger Jahre, als die Kafkaforschung begann, intensiver zu werden, sind sehr viele, zum Teil stark unterschiedliche Interpretationen zu Kafka veröffentlicht worden. Aber auch schon davor gab es Kritiken, die in erster Linie theologisch bzw. philosophisch motiviert waren. Pionier war hier sicherlich Max Brod, der ein guter Freund Kafkas war und nach dessen Tod einen Großteil des heute bekannten Werks veröffentlichte. Die hier kurz vorgestellten, wesentlichen Interpretationsrichtungen sind die biographische, die psychologische, die theologische und die philosophische.

Die biographische Deutung

Einer der am weitesten verbreiteten Interpretationsansätze ist die biographische oder teilbiographische Deutung. Sie versucht Parallelen zwischen dem Leben Kafkas und den Elementen der Erzählung aufzudecken und damit die Handlung zu erklären. Die in der Erzählung auftretenden Probleme werden direkt auf die durch Tagebücher und Briefe weitgehend bekannten konkreten Probleme Kafkas in dessen Lebenssituationen bezogen. In der Tat gibt es viele auffallende Ähnlichkeiten, die auf eine Lebensverarbeitung in seinen Texten hindeuten. Sogar Kafka selbst hat auf Ähnlichkeiten zwischen Namen von Charakteren und seinem eigenen hingewiesen, z.B. im Roman „der Proceß“, in dem der Hauptcharakter „Josef K.“ heißt. „Josef“ hat dabei genauso viele Buchstaben wie „Franz“ und der Nachnahme wird nur mit „K.“ abgekürzt, was Kafka in seinen Tagebüchern ausdrücklich bemerkt. In „Vor dem Gesetz“ wurde der Türhüter oft als überstarke Vaterfigur gesehen, die die persönliche Entwicklung verhindert. Parallel dazu nehmen die Probleme mit dem Vater in Kafkas Leben eine zentrale Rolle ein. Eine rein biographische Interpretation muss aber zu kurz greifen, weil sie sich auf die Entstehung konzentriert und die Wirkung auf Kafka außer Acht lässt.

Die psychologische Deutung

Mit dem Aufkeimen der Psychoanalyse wird Kafka oft als Beispiel für psychoanalytische Arbeiten angeführt, rückt aber schnell selbst ins Zentrum der Betrachtungen. Grundannahme dieser Interpretationen ist, dass Kafka in seinen Schriften eine ihm nicht bewusste Neurose verarbeitet und gewisse Konstellationen und Handlungen daraus resultierend ebenfalls unbewusst wählt. Hauptaugenmerk liegt dabei auf sexuellen Störungen, die bereits im Kleinkindalter hervorgerufen werden und in alle Lebensbereiche hineinragende Folgen haben. Der wichtigste Auslöser ist dabei der oft als übermächtig beschriebene Vater Kafkas, von dem er sich eingeschränkt, unterdrückt und unverstanden fühlte. Daraus entsteht der sog. Ödipuskonflikt, der den meistens unbewussten Kampf zwischen Vater und Sohn kennzeichnet und maßgeblich von Sigmund Freud untersucht wurde. Kafka selbst war mit den Arbeiten Freuds vertraut. Helmut Kaiser stellt bereits 1931 eine erste psychologische Deutung vor[3] und auch bei den Kafka-Spezialisten Politzer und Sokel finden sich tiefenpsychologische Ansätze.[4] In „Die Verwandlung“ beispielsweise sieht Kaiser eine verdrängte Neurose in Bezug auf die Position innerhalb der Familie, wobei der Vater nach der Verwandlung wieder die erste Position einnimmt, indem er den Sohn besiegt und verdrängt.

Die psychologische Deutung belegt also die Symbole Kafkas mit Motiven, die sich aus den Erkenntnissen der Psychoanalyse ergeben und sieht sie als größtenteils unbewusste Verarbeitung einer neurotischen Erkrankung.

Die theologische Deutung

Die Basis für die theologische Deutung ist, dass der Mensch seine von Gott gegebenen Aufgabe auf Erden nicht erkennt und nicht erfüllen kann und deshalb verzweifelt. Das Handeln der Personen wird als verzweifelte Suche nach Gott verstanden. Die erdrückende Schuld des Menschen durch die Erbsünde und die Sünde an sich wird dabei als das Kriterium angesehen, welches das Scheitern verursacht. Weiterhin werden Parallelen der Handlung zum alten Testament aufgezeigt, wie es z.B. Kurt Weinberg 1963 tut.[5] Der von Rückschlägen geprägte Weg des Menschen zu Gott und das Zugrundegehen an der eigenen Unzulänglichkeit sind ebenfalls Kernmotive, wie sie z.B. Margarete Susman schon 1929 aufgreift.[6] Interpreten wie Martin Buber[7] haben beispielsweise das Gesetz in „Vor dem Gesetz“ als Symbol für Gott selbst gesehen und den Mann als Symbol für den Gott suchenden Menschen überhaupt.

Die philosophische Deutung

Die philosophische Herangehensweise an das Werk Kafkas sieht ihn primär als Denker und dann erst als Dichter, versteht die Erzählungen und Romane lediglich als Medium um seine Philosophie des Seins zum Ausdruck zu bringen. Die Erkenntnis des Menschen über sich selbst, seine Bestimmung und seine Beschränkung stehen hier als Leitmotive im Mittelpunkt, werden im Detail aber sehr unterschiedlich gesehen und erstrecken sich im Ergebnis von Selbstmord als einzige Lösung bis hin zu starken Hoffnungsvisionen. So stellt 1965 Ivan Sviták eine philosophische Deutung vor, die das Werk Kafkas als formloses Gedicht sieht, das „zur wahren Realität, zum Sein des Menschen zwischen Geheimnis und Realität, zum Rätsel der Wirklichkeit, zur menschlichen Wahrheit“ führt.[8]

[...]


[1] Flores 1946, S. 9

[2] Andringa 1994, S.104

[3] Politzer 1973, S.69

[4] Andringa 1994, S.123

[5] Weinberg 1963, S. 131-141

[6] Politzer 1973, S.48

[7] Buber 1951, S. 157-162

[8] Politzer 1973, S. 378

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Kafka - Überblick und neue Sicht
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Seminar für deutsche Sprache und Literatur)
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V26664
ISBN (eBook)
9783638289337
ISBN (Buch)
9783638802048
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Sicht
Arbeit zitieren
Christian Stein (Autor), 2003, Kafka - Überblick und neue Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26664

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