Hyperaktivität zwischen Schulmedizin und Systemtheorie


Hausarbeit, 2003
19 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1. Vorbemerkungen
1.2. Zielsetzung

2. Das Erscheinungsbild unter der psycho-medizinischen Lupe

3. Ursachenforschung – wissenschaftliche Kontroversen und aktuelle Studien
3.1. biogenetische Forschungen –Anlagefaktoren
3.2. Anthropologische Gedanken
3.3. Fazit
3.4. Anmerkungen zur medikamentösen Therapie

4. Systemtheorie und Anthropologie

5. Schulpädagogische Konsequenzen

6. Erkenntnisse und Ausblicke

7. Literaturnachweis

1.Einleitung

1.1. Vorbemerkungen

Diese Hausarbeit mit dem Titel „Hyperaktivität – Anlage oder Umwelt“ verfasste ich im Rahmen der Lehrveranstaltung „Aspekte allgemeiner Pädagogik: Pädagogische Anthropologie“ im ersten Semester meines Grundstudiums. Vorausgegangen war eine Podiumsdiskussion zum Thema von Anlage- und Umweltfaktoren in der menschlichen Entwicklung. Das Thema dieser Arbeit habe ich in Absprache mit meinem Dozenten frei gewählt. `Hyperaktivität` geistert derzeit oft in Form populärwissenschaftlicher Artikel durch die Presse oder flimmert als abendlicher Beitrag im Fernseher durch die Wohnzimmer deutscher Haushalte. Demnach scheint sich Hyperaktivität insbesondere von Kindern wie eine Epidemie in den Industrienationen auszubreiten. Mit einem augenscheinlichen Anstieg dieser bei Kindern am häufigsten diagnostizierten psychischen Störung gehen zunehmende Belastungen für insbesondere Eltern und Pädagogen einher. Während die Schulmedizin in einem ungeheuren Ausmaß mit medikamentöser Therapie in Form von Ritalin â oder vergleichbaren Präparaten versucht gegenzusteuern, mehren sich die Stimmen kritischer Eltern und Psychologen, soziale Ursachen für die Entstehung dieses „abweichenden Verhaltens“ zu berücksichtigen und daher mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen zu intervenieren.

1.2. Zielsetzung

So sind es gerade diese kritischen Stimmen, die mich veranlassten, eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit `Hyperaktivität` zu suchen, um mir ein eigenes Urteil über Ursachen und Behandlungsspielräume zu bilden. Es geht mir hier um die Frage auslösender Faktoren und Bedingungen zu einem Erscheinungsbild, dass als Krankheit definiert ist und zahlreiche Kinder in Deutschland betrifft. Ich bin bemüht, herauszufinden, ob und in welchem Maße genetische Prädispositionen verantwortlich sind, wie derzeit massenmedial postuliert wird, welche Hintergründe dafür mitverantwortlich sind und ob ich eine eigene kritische, vielleicht vom derzeitigen Meinungsbild abweichende Ansicht finden kann.

Ich möchte in meiner Hausarbeit neuere biologische Erkenntnisse über Faktoren zur Entstehung von ADS und ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Störung ohne und mit Hyperaktivität) erläutern, um in einem nächsten Teil anthropologisch und systemtheoretisch kritische Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Damit werde ich Anlage- als auch Umwelt-Faktoren gegenüberstellen, um unter Berücksichtigung derzeit angewandter Therapieformen zu einem eigenen Verständnis dieses Erscheinungsbildes der AD(H)S zu kommen. Aus diesen neuen Erkenntnissen möchte ich mögliche Konsequenzen für den Umgang mit AD(H)S herausarbeiten, speziell aus pädagogischer Sicht und anthropologischem (Selbst-)Verständnis.

2. Das Erscheinungsbild und die Prävalenz unter der psycho-medizinischen Lupe

Hyperaktivität ist die von Ärzten am häufigsten diagnostizierte psychische Störung bei Kindern in Deutschland, wobei mittlerweile über 50000 Kinder medikamentös behandelt werden (SPIEGEL, 2002, Nr. 29, 122). Jenes äußerlich sichtbare Verhalten, was der Frankfurter Nervenarzt Dr. Heinrich Hoffmann bereits im Jahre 1845 in der Person des populären „Zappelphilipp“ in seinem Buch „Der Struwwelpeter“ schilderte, hat in der Medizin eigene wissenschaftliche Bezeichnungen gefunden. So unterscheidet die ICD-10 (International Classification Of Diseases And Causes Of Death) gleich zwei Erscheinungsbilder, hauptsächlich bei Kindern. Neben einer einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (F 90.0) benennt sie eine hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens (Steinhausen, 2000, 86). Diese Begriffe werden heute weitgehend ersetzt durch die deutschen Bezeichnungen ADS (Aufmerkamkeits-Defizit-Störung) und ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung), nachzulesen im DSM IV (Diagnostic-Statistic-Manual, 4. Fassung). So werde ich in dieser Arbeit ebenso die letztgenannten Begriffe verwenden. Demnach werden Kinder als hyperaktiv und/oder hyperkinetisch bezeichnet, wenn sie primärsymptomatisch einen Überschuss an motorischen Bewegungen sowie Defizite in der Aufmerksamkeit aufweisen und ihre Impulse nur vermindert kontrollieren können. Dies bedeutet, jene Kinder haben im Vergleich zu „normalen Kindern“ einen erhöhten Drang, sich zu bewegen. Es fällt ihnen schwerer, sich ruhig zu verhalten, anderen Menschen zuzuhören und Anweisungen von zum Beispiel Lehrern und Eltern zu befolgen. Des weiteren ergeben sich Lernschwierigkeiten, da sie Aufgaben und Aktivitäten nur unzureichend koordinieren können, Einzelheiten häufig nicht beachten und sich stattdessen leicht durch Außenreize ablenken lassen. Länger andauernde, insbesondere geistige Tätigkeiten wie Schularbeiten werden oftmals nicht oder nur unzureichend zu Ende geführt, auch aufgrund von oppositionellem Verhalten und Verständnisproblemen.

Dem Lehrbuch für Kinder- und Jugendpsychiatrie zufolge (Steinhausen, 2000, 86f.) zeigten sich erste Anzeichen einer Entwicklung von hyperkinetischen Störungen bereits in der frühen Kindheit. Sie seien durch dranghafte, ziellose Aktivität gekennzeichnet, weiterhin wären Regelverletzungen, Empathiemängel sowie Wutausbrüche an der Tagesordnung. Diese Symptomatik setze sich in der Grundschule fort und äußere sich in niedriger Frustrationstoleranz, Disziplinproblemen, motorischer Unruhe sowie depressiven Verstimmungen, ausgelöst durch Schulleistungsstörungen infolge mangelnder Erfolgserlebnisse und sozialer Isolation. Dieses Lehrbuch beschreibt weiterhin den teilweisen Rückgang der Hyperaktivität in der Pubertät, während Aufmerksamkeitsdefizite und Impulsivität weiterhin bestünden und oftmals dissoziales, also abweichendes Verhalten zur Folge hätten. Hyperaktivität sei ein kulturunabhängiges Phänomen, wie internationale epidemiologische Studien herausstellten. Im Ergebnis könne von einer Prävalenzrate zwischen 2% und 9,5% ausgegangen werden (ebd., 86). Im Vergleich der Geschlechter seien Jungen häufiger von AD(H)S betroffen als Mädchen. Das Verhältnis liege bei 3-9 : 1

(Knölker, 2001, 16).

Wie ich in dieser Arbeit oben schon beschrieb, ist AD(H)S die in Deutschland mittlerweile am häufigsten diagnostizierte psychische Störung bei Kindern. Bedeutet diese soziale Tatsache nun, dass im Vergleich zu früheren Jahrzehnten heutzutage mehr Kinder eine solche Verhaltensauffälligkeit haben, es diese `Krankheit` früher in dieser Ausbreitung nicht gab? Diese Frage kann ich mit `nein` beantworten. Jenes beobachtbare Verhalten ist kein Phänomen der letzten Jahre, und auch eine Zunahme der Prävalenz zweifele ich stark an. Die Epidemiologie spricht in diesem Zusammenhang vom `diagnostischen Faktor` und drückt damit aus, dass neue medizinisch-diagnostische Methoden Krankheiten, Funktionsstörungen und Symptomatiken als solche zwar neu identifizieren und klassifizieren, diese jedoch bereits vor entsprechender Diagnosetechnik existierten. Auch das aktuelle Verständnis, die Erkenntnishorizonte von Ärzten, geprägt durch die eigene schulmedizinische Ausbildung, Erfahrung und zeitgenössische ärztliche Praxis sowie populärwissenschaftliche (Vor-)Urteile von Laien haben meiner Ansicht nach wesentlich dazu beigetragen, dass hyperaktives Verhalten so oft diagnostiziert wird, ja zu einer „Modeerscheinung“ geworden ist. Ich rate daher eine vorsichtige Interpretation derartiger Statistiken an.

3. Ursachenforschung – wissenschaftliche Kontroversen und aktuelle Studien

3.1. biogenetische Forschungen -Anlagefaktoren

Einem Bericht internationaler Wissenschaftler der US-amerikanischen Yale Universität vom 8. Januar 2002 zufolge gebe es einen engen Zusammenhang zwischen dem Gen „DRD4“, welches den Rezeptor für Dopamin codiere, und dem Auftreten von ADHS [http://www.s-line.de/homepages/ads] (26.02.2003). Bei der Untersuchung der Gene von 600 Personen hätten sie herausgefunden, dass von 56 Varianten dieses Genes das Allel (die Genvariante) „7R“ besonders stark mit dem Auftreten von ADHS gekoppelt sei. So seien etwa die Hälfte der Kinder mit ADHS Träger dieser Genvariante. Die Wissenschaftler sprechen in ihrem Artikel gar von einem signifikanten Zusammenhang.

Bei dieser Zahl von etwa 50% drängt sich mir allerdings die Frage auf, worauf die Hyperaktivität der weiteren 50% zurückzuführen sei. Kann bei einer Ausprägung von ADHS von genetisch ätiologischen Faktoren gesprochen werden, wenn doch eben eine genauso große Anzahl an Personen hyperaktiv ist, die nicht Träger dieser Genvariante ist? Gibt es weitere Allele, die bei ADHS-Kindern vermehrt auftreten und damit Grund zur Annahme genetischer Prädisposition geben? Der genannte Bericht lässt diese Frage leider offen. Da dies nicht explizit erläutert wurde, liegt mit der vorliegenden Studie die Vermutung einer breiten Streuung der anderen 55 Genvarianten nahe. Warum sind die untersuchten Kinder ohne diese „7R“-Variante ebenfalls hyperaktiv? Bedeutet diese Erkenntnis, dass Kinder mit anderen Genvarianten gar nicht oder zumindest mit geringerer Wahrscheinlichkeit hyperaktiv werden können? Und wie verhält es sich mit dem Erbgang? Liegt eine dominante Vererbung dieses Allels vor oder eine rezessive, sodass die Ausprägung von Hyperaktivität erst bei der nächsten Generation auftritt, vorausgesetzt, es kann eine genetische Ursache unterstellt werden? Darauf geben Zwillingsstudien eher Antwort, wie sie in der Zusammenfassung in den „Focus“-Seiten im Internet online vorliegen. Demzufolge hätten zwei Wissenschaftler der Universität Oslo eine derartige Studie durchgeführt. „Sie testeten 526 eineiige und 389 zweieiige Zwillinge. Ihr Ergebnis: die Erblichkeit bei den genetisch identischen Zwillingen betrug nahezu 80Prozent.“ Russel A. Barkley, Professor für Psychiatrie und Neurologie an der Universität von Massachusetts hätte erklärt: „In Familien mit einem hyperaktiven Kind entwickeln Geschwister das Syndrom fünf- bis siebenmal öfter als in anderen Familien.“
[http:/focus.msn.de/D/DG/DGB/DGB04/DGB04B/dgb04b.htm] (26.02.2003)

3.2.Anthropologische Gedanken:

Unsere Kultur ist „ein Produkt der natürlichen Evolution und damit letztlich ein Teil unserer Natur, denn die Fähigkeit zu Erfindungen und deren Weitergabe ist ... genetisch angelegt.“ (Bruck, 1997, 22) Auch wenn unsere Genausstattung heutzutage zum Überleben nicht mehr ausreicht, weil der Mensch durch Weltoffenheit gekennzeichnet ist (vgl. Plessner, 1999, 129 ff.) und nicht mehr auf kulturelle Informationen verzichten kann, müssen wir uns darüber im klaren sein, dass das Erbmaterial überhaupt erst den Rahmen unserer Möglichkeiten, der kulturellen Entwicklung bestimmt. Vor diesem Hintergrund erscheint verständlich, dass – in Übereinstimmung mit oben beschriebenen Forschungsergebnissen – „genetisch bedingtes“ Neugier-Verhalten vorteilhaft war und – so unterstelle ich - auch weiterhin ist. Als immanentes Motiv unterstützt es die Individualentwicklung, bringt unter Umständen sogar innovative Erfindungen hervor. Der SPIEGEL benennt gar den Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart sowie den Physiker Albert Einstein als „potenzielle ADHS-Kranke“ und bewertet Hyperaktivität in diesem Zusammenhang „als Quell sprühender Kreativität“ (2002, Nr. 29, 130).

Wenn wir weiterhin in die Stammesentwicklung des Menschen schauen, wird deutlich: „99,5% (!) ihrer rund zwei Millionen Jahre Geschichte haben die Menschen als Jäger, Fischer und (vor allem) Sammler... verbracht.“ Dies hat zur Folge, dass „unsere gegenwärtige Genausstattung immer noch diesen Jäger-Sammler-Bedingungen“ entspricht (Bruck, 1997, 24). Die im Geschlechtervergleich hohe Prävalenz von Jungen an Hyperaktivität würde ich dementsprechend so deuten: Während die Frauen eher mit dem `ruhigen` Sammeln von Beeren und Früchten zu tun hatten, waren die männlichen Vertreter bezüglich der Nahrungsbeschaffung traditionell mit dem Jagen beschäftigt. Sie benötigten dazu ein hohes Maß an Intuition, um Fährten aufzunehmen, und sie brauchten deshalb Eigenschaften wie hohe motorische Beweglichkeit, um Beute zu erlegen. Schließlich war Neugier ein wichtiges Motiv, um neue Länder zu entdecken und diese als Lebensgrundlage zu erschließen. Eben diese Eigenschaften sind genetisch verankert gewesen und wurden, weil sie vorteilhaft, ja unabdingbar waren, vererbt und bestehen bis heute fort, was nun in unserer Zeit eher nachteilig erscheint und als Krankheit bezeichnet wird. Nachteilig erscheint Hyperaktivität bzw. die dazu angenommene genetische Anlage deshalb, weil inzwischen „die sehr viel schneller wirkenden Mechanismen der kulturellen Evolution die Überhand über die der natürlichen Evolution gewonnen“ haben und „`neue` Anforderungen und Begehren (Massengesellschaft, sitzende Tätigkeiten...) nicht zu `alten` Bedürfnissen (Kleingruppenfixierung, kontinuierliche Bewegung und Belastung...) passen.“ (Bruck, 1997, 25) Hyperaktivität erscheint unter diesem anthropologischen Blickwinkel weniger als Krankheit und nachteilige Schwäche als vielmehr logische Konsequenz unserer Stammesentwicklung und persönliche Stärke unserer Vorfahren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Hyperaktivität zwischen Schulmedizin und Systemtheorie
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Pädagogik)
Veranstaltung
Aspekte allgemeiner Pädagogik - Pädagogische Anthropologie
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V26668
ISBN (eBook)
9783638289368
ISBN (Buch)
9783668299528
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Herausragende Erstsemester-Arbeit im Aufbaustudium, daher mit großem Lob des Dozenten. Medizinische, pädagogische und systemtheoretische Perspektiven.
Schlagworte
Hyperaktivität, Schulmedizin, Systemtheorie, Aspekte, Pädagogik, Pädagogische, Anthropologie
Arbeit zitieren
Dennis Hippler (Autor), 2003, Hyperaktivität zwischen Schulmedizin und Systemtheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26668

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