Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. Ursachen und Prävention im schulischen Kontext


Seminararbeit, 2012

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Fremdenfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit, Ethnozentrismus, Rechtsextremismus – Definition und Erläuterung dieser Begriffe

2. Zu den Ursachen für die Entstehung von Fremdenfeindlichkeit unter besonderer Berücksichtigung der Bundesrepublik Deutschland
2.1 Deutschland ein Land von Fremdenfeindlichkeit?
2.2. Ursachen von Fremdenfeindlichkeit
2.2.1 Deprivationstheorie, Sozialisationstheorie und Geschlechtertheorie
2.2.2 Fremdenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft und das Konstrukt Hierarchisches Selbstinteresse

3. Prävention fremdenfeindlicher Einstellungen/Tendenzen im schulischen Alltag von Lehrern
3.1 Vorbetrachtung
3.2. Interkulturelles Lernen bei fremdenfeindlichen Tätern
3.3. Zivilcourage von Lehrern und Schülern gegenüber fremdenfeindlichen

Handlungen

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Betrachtet man rückwirkend die Meldungen in den Medien, so verging in den letzten Monaten kaum ein Tag, an dem nicht über die rechte Terrorgruppe NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) berichtet wurde. In diesem Zusammenhang muss gefragt werden, wie dies über einen solch langen Zeitraum unbemerkt bleiben konnte? Hierbei könnte man meinen, dass rechte Tendenzen von allen Seiten der Gesellschaft unterschätzt wurden. In diesem Lichte erscheint es zwingend notwendig, sich näher mit Fremdenfeindlichkeit als Vorstufe zum rechten Gedankengut und Rechtsextremismus zu befassen und den Blickwinkel auf die Jugendlichen zu richten, da die Täter bereits zu Schulzeiten in rechten Kreisen verkehrten. In Anbetracht dieser Tatbestände steht in dieser Arbeit zunächst die Frage im Vordergrund, ob Deutschland ein Land der Fremdenfeindlichkeit ist. Dabei ist neben der Frage der Entstehung von fremdenfeindlichen Tendenzen auch den Präventionsmöglichkeiten nachzugehen. Zunächst werden die Begriffe „Fremdenfeindlichkeit“, „Ausländerfeindlichkeit“, „Ethnozentrismus“ und „Rechtsextremismus“ voneinander abgegrenzt, um für den weiteren Verlauf der Arbeit eine begriffliche Grundlage zu schaffen. Im Anschluss daran wird anhand der Studie „Deutsche Zustände“ sowie der Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2010 untersucht, inwieweit Deutschland im europäischen Vergleich als fremdenfeindlich gelten kann. Es sollen im gleichen Maße innerdeutsche Spezifika der Fremdenfeindlichkeit bei Erwachsenen und Jugendlichen herausgearbeitet und verglichen werden. Darauf folgend sind die Ursachen für die Entstehung von fremdenfeindlichen Einstellungen zu analysieren. Bei alledem spielen neben sozio-ökonomischen Bedingungen auch Lokalspezifika sowie Geschlechterunterschiede ein entscheidende Rolle. Darauf aufbauend soll das Konstrukt des Hierarchischen Selbstinteresses (HSI) im Mittelpunkt stehen und die besondere Beziehung zwischen Eltern, Kindern und Fremdenfeindlichkeit in das Blickfeld der Untersuchung ziehen. Am Ende werden schließlich zwei Möglichkeiten zur Prävention von Fremdenfeindlichkeit in der Schule vorgestellt. Dabei handelt es sich zum einen um das Interkulturelle Lernen und zum anderen um das Konstrukt Zivilcourage. An dieser Stelle sollen diese Konzepte auf ihre Tauglichkeit im schulischen Alltag untersucht werden. Die hier verwendete Literatur nutzt vor allem die neueren und neusten Forschungsergebnisse zur Fremdenfeindlichkeit. In besonderem Maße stützten sich die Ausführungen auf die Ergebnisse von Andreas Hadjar, welcher mit dem Konstrukt des Hierarchischen Selbstinteresses die Ursachen für fremdenfeindliche Tendenzen bündelt, diese in neue Zusammenhänge setzt und deren Auswirkung erfolgreich empirisch untermauern konnte.

1. Fremdenfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit, Ethnozentrimus, Rechtsextremismus – Definition und Erläuterung dieser Begriffe

Der Begriff der Fremdenfeindlichkeit findet in der deutschsprachigen, wissenschaftlichen Literatur – je nach untersuchtem Gegenstand – eine jeweils differenzierte Auslegung oder wird mit dem Terminus der Ausländerfeindlichkeit synonym gesetzt. Dabei sind beide Begrifflichkeiten aus objektiver Sicht zunächst strikt voneinander abzugrenzen und müssen bei den jeweiligen Untersuchungen immer auf den Untersuchungsgegenstand neu definiert werden. Um die Begriffe für die weitere Verwendung nutzbar zu machen, sollen diese zunächst Erläuterung finden.

Hoti liefert hierfür eine gute Ausdifferenzierung. Die Fremdenfeindlichkeit ist von der Definition als Oberbegriff zur Ausländerfeindlichkeit zu verstehen, da diese eine viel größere Zielgruppe einschließt. Sie bezeichnet „aggressiv ablehnende Einstellungen gegenüber als fremd wahrgenommene Personen, die [...] in der sozialen Herkunft, dem Geschlecht, der sexuellen Orientierung oder dem Alter begründet sein kann“.[1] Somit umfasst Fremdenfeindlichkeit eine negative Haltung der Person I gegenüber einer anderen Person II, welche wiederum Merkmale ausgebildet/inne hat, die der Person I fremd sind. Die ablehnende Haltung kann demzufolge mit ethnischen Merkmalen verbunden sein, muss es aber nicht. Hieraus ergibt sich der Schluss, dass die Ausländerfeindlichkeit ein spezielle Form der Fremdenfeindlichkeit darstellt. Das der Begriff insoweit als schwierig zu gebrauchen ist, liegt in der Tatsache begründet, dass Diskrimierung und Diffamierung nicht alleinig auf Ausländer zu beschränken ist, sondern sich auch auf Deutsche mit anderer Hautfarbe oder Muttersprache bezieht. Somit muss man Hadjar zustimmen, wenn dieser den Fremdenfeindlichkeits-Begriff – aufgrund seiner Offenheit – beim Umgang mit ablehnenden Einstellungen gegenüber ethnischen Gruppen präferiert,[2] obwohl dies streng genommen die Pluralität des Fremdseins ausklammert. Aus diesem Grund soll der Terminus der Fremdenfeindlichkeit auch im weiteren Verlauf der Arbeit Verwendung finden. Zieht man Fremdenfeindlichkeit als Ausdruck von Ethnozentrismus heran, umso klarer erscheint die Festlegung des Begriffes. Ethnozentrismus bezeichnet in der soziologischen Terminologie eine Auffassung, „die das eigene soziale Kollektiv [...] in den Mittelpunkt stellt und gegenüber anderen, fremden Kollektiven als höherwertig, überlegen interpretiert“.[3] Im speziellen Fall der Fremdenfeindlichkeit wären die sozialen Kollektive ethnische Gruppen.

Der Rechtsextremismus besitzt im Vergleich zur Fremdenfeindlichkeit mitunter eine „aktive kämpferische Ablehnung der Demokratie, Feindlichkeiten gegenüber Ausländern[4] sowie Gewaltakzeptanz bzw. eine Neigung zu Gewaltanwendung“.[5] Der Rechtsextremismus ist demzufolge auf bewusste Provokation und physische Gewalttaten gegenüber dem Fremden – insbesondere andere ethnischen Gruppen – ausgerichtet, wohingegen Fremdenfeindlichkeit feindseliges Gedankengut und mitunter Diskriminierung oder psychische Gewalt beinhaltet und somit als Teilaspekt des Rechtsextremismus gesehen werden kann.

2. Zu den Ursachen für die Entstehung von Fremdenfeindlichkeit unter besonderer Berücksichtigung der Bundesrepublik Deutschland

2.1 Deutschland, ein Land von Fremdenfeindlichkeit?

Bei der nachfolgenden Analyse der 16. Shell Jugendstudie sowie der Studie Deutsche Zustände soll zunächst erst einmal die Verwurzelung der Fremdenfeindlichkeit in der deutschen Bevölkerung im Mittelpunkt stehen, denn „[v]ersucht man den Ursachen rechter Gewalt nachzugehen, ist es notwendig zwischen mindestens zwei Gruppen zu unterscheiden: den fremdenfeindlichen Straftätern selbst und der breiten Bevölkerung“.[6] Diese Unterscheidung ist insofern wichtig, da rechte Gewalttäter die Auffassung besitzen, dass sie mit Ihrer Handlung einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung finden. Dies setzt voraus, dass Fremdenfeindlichkeit innerhalb der deutschen Gesellschaft ein weit verbreitetes Phänomen wäre. Wagner konnte dieses mitunter in seiner Studie 1999 bestätigen. Schaut man zunächst auf Europa, so haben 50,4% der Europäer negative Einstellungen gegenüber Einwanderern. Besonders hoch sind dabei die Werte in Italien (62,5%) und Großbritannien (62,2%). Deutschland rangiert mit 50% ablehnenden Haltungen gegenüber Zuwanderern auf Platz 6. Interessant erscheint hier eine gesamteuropäisch, zentrierte Abneigung gegenüber Muslimen.[7] Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die 16. Shell Jugendstudie. Diese konstatierte, dass 27% der Jugendlichen Vorbehalte gegenüber türkischen Familien und 26% gegenüber russischen Aussiedlerfamilien haben. Lediglich 10% der befragten Jugendlichen gaben an, Vorbehalte gegenüber Afrikanern zu besitzen. Die Toleranz der Jugendlichen hängt demzufolge davon ab, um welche Ethnien es sich handelt.[8] Damit haben die deutschen Jugendlichen im europäischen Vergleich zur Studie von Zick, Küpper und Wolf sehr geringe Vorbehalte im Bezug auf den traditionellen Rassismus, welcher sich auf die Hautfarbe bezieht. Sie stellten fest, dass der traditionelle Rassismus in Europa eine Zustimmung von 31,3 Prozent findet. In Deutschland liegt der Wert sogar bei 34,6 % (Rang 5).[9]

Die BRD hat somit gesamtgesellschaftlich gesehen ein Problem mit Fremdenfeindlichkeit. Setzt man den gesamteuropäischen Kontext als Maßstab für dieses Problem an, so gibt es zwar Länder in denen dieses Phänomen noch weiter verbreitet ist, jedoch kann nicht verschwiegen werden, dass die gesamte prozentuale Anzahl derer, die Vorbehalte gegenüber Fremden haben, insgesamt zu hoch ist und somit ein großes Konfliktpotential birgt. Im innerdeutschen Kontext hingegen ist die Tendenz der Jugendlichen als positiv hervorzuheben. Zwar haben ein knappes Drittel Vorbehalte gegenüber bestimmten ethnischen Gruppen, diese bleiben jedoch prozentual wesentlich hinter den Ergebnissen der gesamtdeutschen Bevölkerung. Auch die wesentlich geringere Repräsentation des traditionellen Rassismus bei den Jugendlichen ist positiv zu bewerten.

2.2 Ursachen von Fremdenfeindlichkeit

2.2.1. Deprivationstheorie, Sozialisationstheorie und Geschlechtertheorie

Nachdem nun das Problem der Fremdenfeindlichkeit als gesamtgesellschaftliches Phänomen konstatiert wurde, soll nun näher auf die Ursachen zur Entstehung von fremdenfeindlichen Gedanken, Haltungen etc. eingegangen werden.

Die Bedingungsfaktoren, auf welchen sich die Entstehung der Fremdenfeindlichkeit gründen lässt, wird zumeist in vier Bereiche untergliedert, welche stets miteinander korrelieren: I. ökonomische, II. soziale/gesellschaftliche, III. geografische und IV. geschlechtsspezifische Bedingungen.

Wie bereits oben beschrieben, stehen die einzelnen Bedingungen in enger, gegenseitiger Wechselwirkung. Aus diesem Grund sollen drei theoretische Ansätze zur Erklärung von Fremdenfeindlichkeit zunächst vorgestellt, die Wechselbeziehungen erläutert und schließlich empirisch untermauert werden.

Eine weit verbreitete These zur Entstehung von Fremdenfeindlichkeit bildet die Deprivationstheorie, welche mit Studien in der deutschen Sozialwissenschaft seit dem Ende der 1960er Jahre Einzug gehalten haben. Im Zentrum dieses theoretischen Ansatzes steht die Frage nach dem Zusammenhang zwischen sozialstruktureller Benachteiligung, beispielsweise geringes Einkommen, Arbeitslosigkeit, niedriger Bildungsstand, schlechte Wohnlage usw., und fremdenfeindlichen Einstellungen. Bei der Sozialisationstheorie rücken Sozialisationsinstanzen wie Familie, Schule, Peergroups sowie Massenmedien in das Blickfeld der Untersuchung. Die Geschlechtertheorie beruht hingegen auf dem beobachteten Geschlechterunterschied in Bezug auf Einstellungs- und Verhaltensebenen bei Studien zur Fremdenfeindlichkeit oder Rechtsextremismus.[10]

[...]


[1] Hoti, Andrea Haenni: Dominaz und Diskriminierung. Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit unter Schweizer Jugendlichen, Bern 2006, S. 36.

[2] Vgl. Hadjar, Andreas: Ellenbogenmentatliät und Fremdenfeindlichkeit bei Jugendlichen. Die Rolle des Hierarchischen Selbstinteresses, Wiesbaden 2004, S. 105-107.

[3] Hillmann, Karl-Heinz: Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 1994, S. 202.

[4] Als Ausländer sind hier all diejenigen zu verstehen, die sich in ihrem Aussehen und ihrer Sprache von der Ethnie der Deutschen unterscheiden. Demzufolge auch Deutsche mit andere Hautfarbe/Muttersprache.

[5] Hadjar, 2004, S. 108. Zur Vertiefung der Thematik siehe auch: Jaschke, Hans Gerd: Politischer Extremismus, Wiesbaden 2006.

[6] Wagner, Ulrich: Fremdenfeindlichkeit, in: Berliner Landesinstitut für Schule und Medien (Hrsg.): Gewalt Rechtsextremismus Fremdenfeindlichkeit in der Schule. Dokumentation einer Fachtagung, Berlin 2000, S. 29-51, hier S. 29.

[7] Vgl. Zick, Andreas; Küpper, Beate; Wolf, Hinna: Wie feindselig ist Europa? Ausmaße Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in acht Ländern, in: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände, Berlin 2010, S. 39-60, hier S. 7-51.

[8] Vgl. Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Jugend 2010. Eine pragmatische Generation behauptet sich, Frankfurt am Main 2010, S. 158-159.

[9] Vgl. Zick, Küpper, Wolf, 2010, S. 52-53.

[10] Zur genauen Entwicklung der Forschung zu den einzelnen Theorien vgl. Hadjar, 2004, S. 113-132.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. Ursachen und Prävention im schulischen Kontext
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Schulpädagogik und Grundschulpädagogik)
Veranstaltung
Fragen der Integration von Schülerinnen und Schülern in den Unterricht im Kontext heterogener Lernausgangslagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V266774
ISBN (eBook)
9783656570929
ISBN (Buch)
9783656570875
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fremdenfeindlichkeit, Hierarchisches Selbstinteresse, Deprivationstheorie, Sozialisationstheorie, Geschlechtertheorie, Unterkulturelles Lernen, Zivilcourage
Arbeit zitieren
Sebastian Gärtner (Autor:in), 2012, Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. Ursachen und Prävention im schulischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266774

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