Die Schmerzdarstellung in Kafkas Erzählung "Die Strafkolonie"

Die Funktion des Schmerzes


Essay, 2013

6 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Einleitung: Wo ist der Schmerz?

„Noch einmal schrie ich aus voller Brust in die Welt hinaus. Dann stieß man mir den Knebel ein, fesselte die Hände und Füße und band mir ein Tuch vor die Augen. Ich wurde mehrmals hin- und hergewälzt, ich wurde aufrecht gesetzt und wieder hingelegt, auch dies mehrmals, man zog ruckweise an meinen Beinen, daß ich mich vor Schmerz bäumte, man ließ mich ein Weilchen ruhig liegen, dann aber stach man mich tief mit irgend etwas Spitzem, überraschend hier und dort, wo es die Laune eingab.“[1]

Was ist Schmerz? Was genau macht den Schmerz oder Schmerzen so relevant für unser menschliches Dasein, dass sich ungeahnt viele Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler mit dem Thema beschäftigen? Der Schmerz bleibt wie ein Mysterium, das sich nicht klären lässt, da jeder Mensch für sich ein anderes Schmerzempfinden hat, ein anderes Umgehen mit dem Schmerz pflegt und Schmerzen selten an der gleichen Stelle auftreten. In diesem Essay beschäftige ich mich mit Franz Kafka und der Schmerzdarstellung, sowie mit der Funktion des Schmerzes in seiner Erzählung „In der Strafkolonie“. Aber wo findet der Leser den Schmerz in der Erzählung? Inhaltlich geht es darum, dass ein Reisender einer Strafkolonie einen Besuch abstattet. Er wird von einem Offizier empfangen, der ihn mit einer Foltermethode bekannt macht, die der verstorbene Kommandant eingeführt hat. Der Offizier ist dem alten Kommandanten noch immer treu ergeben, spricht in höchsten Tönen von ihm, die schon ins Fanatische reichen und ärgert sich über den neuen Kommandanten, der die Foltermethode für veraltet hält und auf ein ebenso abgeneigtes Urteil des Reisenden hofft. Allerdings wird dem Leser schnell bewusst, dass der neue Kommandant die Maschinerie zwar nicht so recht unterstützt, sie aber trotzdem noch in seiner Strafkolonie duldet. Der Offizier versucht den Reisenden von der Eleganz und Schönheit des „Apparats“, wie die Foltermaschine fast durchgehend bezeichnet wird, zu überzeugen. Der Großteil des Textes beschäftigt sich mit eben dieser Erläuterung. Mit den Worten „Und nun beginnt das Spiel“ fängt der Offizier an, die Vorgehensweise zu beschreiben. Der Verurteilte wird, ohne über seine Strafe und den Grund dafür Bescheid zu wissen, in den Apparat gelegt. Dies widerspricht dem Gedanken der Gewaltenteilung, da der Offizier Richter und Vollstrecker zugleich ist. Um ihn ruhig zu halten, wird ihm ein Filzstumpf in den Mund gerammt. Dann werden Nadeln heruntergelassen, die dem Verurteilten seine Strafe auf den Rücken schreiben. Diese Strafe soll ihm buchstäblich unter die Haut gehen. Der Gepeinigte wird des Öfteren umgedreht, damit die blutenden Wunden sich an etwas Watte stillen können und die Nadeln daraufhin tiefer stechen können. 12 Stunden lang dauert diese Folter, wozu der Offizier sagt: „[...]die ersten sechs Stunden lebt der Verurteilte fast wie früher, er leidet nur Schmerzen“.[2] An dieser Stelle taucht der Schmerz zum ersten Mal auf. Als der Reisende dem Offizier erklärt, dass er diesen Apparat als nicht menschenwürdig betrachtet und dieses als Urteil dem Kommandanten unter vier Augen sagen werde, entscheidet dieser sich mit einer spürbaren Klarheit dazu, sich selbst unter die „Egge“ zu legen und mit den Worten „Sei gerecht- heißt es“[3] zu bestrafen. Bei seinem letzten Opfer jedoch, wie um das Ende dieser Ära zu beschreiben, fällt der Apparat buchstäblich auseinander. Anstatt den Offizier 12 Stunden lang bis zu seinem Tod zu foltern, spießt ihn die Foltermaschine auf und tötet ihn sofort. Auf dem Gesicht des Offiziers fehlt jede Spur von Erlösung, die er zuvor beschrieben hat. Hier wird der Leser ein weiteres Mal mit dem Schmerz konfrontiert, indem der Erzähler beschreibt, dass der große, eiserne Stachel durch die Stirn des Offiziers geht.[4]

[...]


[1] Tagebucheintrag von Frank Kafka am 3. August 1917. In: Ries, Wiebrecht: Kafka zur Einführung. Junius Verlag GmbH, Hamburg, 1993. S. 75f.

[2] Vgl. Kafka, Franz: In der Strafkolonie. Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1919. S. 28

[3] Vgl. ebd. S. 55

[4] Vgl. ebd. S. 65

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die Schmerzdarstellung in Kafkas Erzählung "Die Strafkolonie"
Untertitel
Die Funktion des Schmerzes
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
6
Katalognummer
V266785
ISBN (eBook)
9783656570905
ISBN (Buch)
9783656570899
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schmerzdarstellung, kafkas, erzählung, strafkolonie, funktion, schmerzes
Arbeit zitieren
Laura Peters (Autor), 2013, Die Schmerzdarstellung in Kafkas Erzählung "Die Strafkolonie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266785

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