Darf‘s ein bisschen weniger sein?! Hochsensible Patienten in der Pflege

Gesundheits-, Kranken- und Altenpflege


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2014

36 Seiten


Leseprobe

1. Inhalt

2. Vorwort

3. Was ist Hochsensibilität?
3.1 Worin unterscheidet sich Hochsensibilität von Introversion?
3.2 Neurotizismus

4. Merkmale hochsensiblen Verhaltens
4.1 Weitere Merkmale:

5. Was ist der Konflikt?
5.1 Unerkannte Hochsensibilität hat körperliche und geistige Auswirkungen
5.2 Immer auf die Dicken! – Folgen von Stress
5.2.1 Cortisol
5.3 Hochsensibilität ist nicht salonfähig
5.4 Hochsensibilität wird erst nach Jahrzehnten bewusst wahrgenommen

6. Hochsensibilität ernst nehmen?

7. Wie mit der hochsensiblen Eigenschaft umgehen?
7.1 Hochsensibilität möglichst früh erfassen
7.1.1 Kleine Hochsensible
7.1.2 Erwachsene Hochsensible
7.2 Den richtigen Umgang mit der Hochsensibilität erlernen
7.2.1 Förderung emotionaler Kompetenz Betroffener
7.2.2 Förderung sozialer Kompetenz weniger sensibler Menschen
7.2.3 HSM untergruppiert
7.2.4 Hochsensibilität als Gabe erkennen und sie entfalten
7.3 Seelische Wunden professionell behandeln lassen
7.3.1 Medikamentöse Therapie

8. Wo liegt der Unterschied zwischen Hochsensibilität im Kindes- und Erwachsenenalter?

9. Schwierigkeiten, Hochsensibilität wissenschaftlich zu erfassen
9.1 Fehlende Grundlagenforschung
9.2 Hochsensibilität und Pflegewissenschaft
9.3 Paradigmenwechsel

10. Berücksichtigung hochsensibler Eigenschaften, eingebunden in pflegepraktische Aspekte nach den Aktivitäten und existenziellen Erfahrungen des Lebens nach M. Krohwinkel, unter Einbeziehung allgemeingültiger Lösungsvorschläge E. Arons
10.1 Kommunizieren können
10.2 Sich pflegen können
10.3 Essen und Trinken können
10.4 Sich kleiden können
10.5 Ruhen, schlafen, entspannen können
10.6 Sich beschäftigen, lernen, sich entwickeln zu können
10.7 Für eine sichere/fördernde Umgebung sorgen können
10.8 Soziale Kontakte, Beziehungen und Bereiche sichern und gestalten können
10.9 Mit existentiellen Erfahrungen des Lebens umgehen können

11. Forschungsfragen

12. Nachwort

13. Weiterführende Literatur

14. Weiterführende Links

Für Rudela,

die verstanden hat. Darf‘s ein bisschen weniger sein?!

Hochsensible Menschen in der Kranken- und Gesundheitspflege

2. Vorwort

Die Welt kommt hochsensiblen Menschen intensiver vor als „weniger Sensiblen“. Da stören sie zu viel Geruch und grelles Licht oder lauten Stimmen. Sie lassen sich schnell durch strenge Worte und böse Blicke beeindrucken und steigern sich in Dinge hinein. Ein Hindernis ist kein Problem sondern ein Drama. Sie sind schnell und oft erschöpft und ziehen sich gern zurück. Klappt der Rückzug nicht, reagieren sie gereizt, werden gar auf Dauer krank. Wer mit seiner Hochsensibilität umzugehen weiß, erlebt sie als Geschenk; doch ein kleiner Weg ist bis dahin zu gehen. Wer seine eigene Hochsensibilität in den Griff bekommen möchte, braucht weder Tabletten noch selbst ernannte Heiler. Auch wenn aktuell des Volkes Hang zu Therapie, Tabletten und Globuli tendiert.

Diese Arbeit stellt das Phänomen der primären, angeborenen, Hochsensibilität vor. Sie beschäftigt sich nicht mit z.B. hochsensiblen Folgen von Traumata oder der erworbenen Schärfung übriger Sinne, etwa wenn einen Menschen krankheits- oder unfallbedingt Blindheit trifft.

Angeboren, da Aufgrund der Unkenntnis Vieler sind im Teil I allgemeinere Aspekte zusammengetragen, zum besseren Kennenlernen des Themas. Teil II fokussiert mit praktischen Hinweisen, wie Bezugspersonen mit Hochsensibilität solcher umgehen können, die nicht in der Lage sind, sich aus eigener Kraft zu helfen: Kinder, Pflegebedürftige und ältere Menschen. Sowohl einzelne Bezugspersonen als auch pflegende Einrichtungen können in diesem Buch Antwort finden auf die Fragen, wie man Bedürfnisse Hochsensibler befriedigt und ihre Stimmungslage unterstützt.

Das Leben ist eine Komödie
für den Denkenden
und eine Tragödie
für die,
welche fühlen.

Teil I

Wie unterschiedlich die Menschen sind! Die Nachbarin grüßt lächelnd, während der Kollege grimmig wegschaut. Worüber regt er sich jetzt schon wieder auf; und wieso endet jedes Gespräch in einem Drama? – Wo der Chemopatient alles mit bewundernswerter Geduld erträgt, strapaziert die Mandel-OP unsere pflegenden Nerven, weil sie mal wieder über Gebühr leidet.

Der Schlüssel zur Verschiedenartigkeit liegt in der Persönlichkeit. Jedem ist seine in die Wiege gelegt; treue Begleiterin bis zum letzten Tag.[1]Zwar ist sie bis ins Erwachsenenalter noch relativ formbar, aber ihre Hauptmerkmale ziehen sich wie ein roter Faden durchs Leben.

Bis ins mittlere Erwachsenenalter gibt es sehr viel Dynamik: Ich muss einen Partner finden, will vielleicht Kinder, muss mich im Job und in der Freizeit definieren. Danach aber gibt es in der Gesellschaft bisher wenig Anreiz, sich noch weiterzuentwickeln.[2]

Viele Menschen kennen sich selber kaum, und vermutlich ist es ihnen auch egal, wie sie auf andere wirken. Auf ein „Feuerwerk der Gefühle“ mehr oder weniger kommt es ihnen nicht an. Warum sind sie so, und wie hält man den Ball flach, ohne das Fass zum Überlaufen zu bringen? In der Regel hilft uns die Menschenkenntnis

Meistens gelingt es, einem aufbrausenden Menschen so zu begegnen, ohne das Fass zum Überlaufen zu bringen. Das ist nicht ganz dumm, besser noch: Es ist „emotional intelligent“, flexibel auf die „überzogenen Reaktionen“ unserer Nächsten zu reagieren, will man einigermaßen gut mit ihnen auskommen. Das ist nicht immer leicht, besonders wenn man sich auf Hochsensible einlassen will: ewig mäkelnde, grimmige Zeitgenossen, denen man nichts recht machen kann.

Dieser Aufsatz ist ihnen gewidmet! Den Seelchen, den Prinzessinnen auf der Erbse und den Meckerpötten – eigentümlichen Darstellern auf der Bühne des Lebens, die sich hinter dem Begriff hochsensible Menschen, kurz HSM, verbergen. Sie existieren sowohl in männlicher als auch in weiblicher Ausführung, auch wenn der Aufsatz von „dem Hochsensiblen“ handelt, also der Einfachheit halber in der maskulinen Form gehalten.

Der Leser ist eingeladen, hochsensibel oder nicht, sich hineinzuversetzen in diese oft so andere Erfahrungswelt. Schön wäre es, wenn aber auch der „Denker“, der „kühle Kopf“ und der „weniger Sensible“ diese Zeilen läse, um den Hochsensiblen besser verstehen zu können. Der erlebt die Welt in Extremen, weil er sie eher fühlt anstatt sie rational zu betrachten; das macht ihn zum Dramatiker.

Mit hochsensiblen Verhalten wird man geboren und muss schon früh zusehen, wie man sich mit einer für alle Sinne so intensiven Welt am besten arrangiert:

Er aß im Laufstall, schlief in ihm und spielte in ihm. Sobald seine Mutter ihn herausnahm, weinte er, und kaum war er alt genug, krabbelte er jedes Mal wieder direkt zurück. Er wollte weder die Schränke noch die Abstellkammern erkunden. Er wollte seinen Laufstall! Aber Emilios Mutter brachte es nicht übers Herz, ihr Kleinkind von seinem Laufstall zu trennen. Er war viel zu glücklich darin. Der Laufstall stand im Wohnzimmer, so dass ein Großteil des Lebens in seiner Umgebung abspielte, und Prinz Emilio betrachtete ihn offensichtlich eher als Burg denn als Kerker.[3]

Mit ihrem eigenen Sohn als Paradebeispiel beginnt die Psychologin Elaine Aron[4]ihr Buch Das hochsensible Kind. Gerne wurde er wegen seiner grenzenlosen Liebe zu seinem Laufstall vom Rest der Familie belächelt und als Sonderling bezeichnet. – Welcher Krabbler will schon, anstatt unentdeckte Schubladen zu erobern, ein Leben hinter Holzgitterchen fristen!

3. Was ist Hochsensibilität?

Die Aufnahmefähigkeit des Menschen lässt sich vergleichen mit einem Fischernetz: Das Netz wird durch das Wasser gezogen und nimmt mit, was drin hängen bleibt. Was durch die Maschen flutscht, schwimmt und krabbelt zurück in die Freiheit. – Irgendwann ist das Netz voll, wird an Bord gezogen, geleert und zurückgeworfen um den nächsten Fang einzusammeln. In gewissem Sinn „ruht“ das Netz an Bord um gereinigt und geordnet zu werden. Je enger die Maschen, desto schneller füllt es sich, und desto öfter muss es eingeholt werden.

Mit dem Menschen ist es wie mit dem Netz: Ist er „voll“ von Reizen und Eindrücken, muss er sich zurückziehen um diese verarbeiten zu können. Je mehr er aufnimmt, umso öfter und länger braucht er Zeit um das Erlebte zu verarbeiten. Das geschieht durch Erholung, träumen und Ruhe. Hat der Betroffene keine Möglichkeit dazu, verspannt er sich, wird nervös und schlimmstenfalls entlädt sich sein aufgestauter Unmut in einer „Explosion“. – Wie ein zu volles oder ungepflegtes Netz, das reißen kann und wieder geflickt werden muss.

Hochsensible Menschen werden als solche beschrieben, denen „Filter“ fehlen, um die zu vielen und überflüssigen Eindrücke von sich abzuhalten. Vielleicht vergleichbar mit der von mir beschriebenen Maschengröße: Was klein und unwichtig erscheint, fällt durch die Maschen einfach wieder heraus.

HSM nehmen vergleichsweise mehr Informationen auf und verarbeiten diese tiefer. Das macht sie auf der einen Seite besonders empfindsam, auf der anderen Seite aber auch leichter erregbar.[5]

Im Normalfall schützt sich der Mensch vor Reizen mit entsprechenden „Filtern“: Einer schützt vor lauter Musik, ein anderer vor kratzenden Pullovern, der nächste vor den bedrückenden Bildern eines tragischen Unfalls, die nicht mehr aus dem Kopf zu verschwinden drohen. Was dem Betroffen nicht gut tut bzw. nicht wichtig erscheint, wird von weniger Sensiblen in der Regel erfolgreich ausgeblendet.

Der HSM hingegen ist Reizen mehr oder minder ausgeliefert. Über die fünf gängigen Sinne, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen hinaus, wird auch die übrige Wahrnehmung, etwa die Psyche überstrapaziert. So erscheint dem Hochsensiblen das Tagesgeschehen wesentlich anstrengender: Ein Museumsbesuch, ein Streit oder der Anblick eines Unglücks wühlen ihn auf und rauben ihm seine Nachtruhe.

Er leidet an sich selbst und findet doch nirgendwo Verständnis. Gut gemeinte Ratschläge von anderen, er möge doch wie alle anderen leben und nicht so kompliziert sein, helfen ihm nicht weiter. Der Sensible kann nicht einfach beschließen, nicht mehr kompliziert zu sein.[6]

Stellen Sie sich eine Gruppe Menschen vor, denen Sie das Wort „Kind“ und das Wort „Ball“ zeigen, um von ihnen ein drittes zu hören, das sie mit den ersten beiden in Verbindung bringen. – Schon jetzt ist klar, dass jeder Teilnehmer eine ganz eigene Vorstellung von „Kind“ und „Ball“ haben wird, was die Natur des Kontextes eines jeden einzelnen mit sich bringen muss. – Während einer das Wort „Hund“ sagt, weil seine Kinder immer gemeinsam mit dem Hund Ball spielen, sagt der nächste „Strand“, weil er im letzten Urlaub immer einen Ball dabei hatte. Der dritte sagt „Unfall“, weil er noch der Nachricht eines mit Ball verunglückten Kindes nachhängt.

Letzterer könnte ein Hochsensibler sein, weil ihm Dinge im Kopf herumkreisen, an die „weniger Sensible“ nur in Extremsituationen denken. So etwas rutscht durch seine „weiten Maschen“ schnell wieder hindurch. Nicht dass der HSM an so etwas gerne denkt; ein solches Ereignis lässt ihn nicht so schnell los.

Der HSM träumt intensiv und lebhaft. Noch am folgenden Tag beschäftigt ihn sein nächtliches Kino lange. Träume werden von ihm als wertvolle Bereicherung wahrgenommen.

HSM sind sehr hilfsbereit gegenüber Mensch, Tier und Natur. Ihre eigenen Bedürfnisse stecken sie dabei häufig zugunsten anderer zurück. HSM umgeben sich gerne mit Lebewesen, die nicht sprechen, daher die Zuneigung zu Babys, Tieren oder Pflanzen.[7]Außerdem liegen sie mit ihren Intuitionen auffallend häufig richtig. Sie sind sehr kreativ, quälen sich aber oft mit ihrer übertriebenen Gewissenhaftigkeit.

HSM durchdenken nicht nur die Dinge genauer, sondern denken auch besonders häufig über das Nachdenken selbst nach.[8]Sensible haben die Fähigkeit, in allem Erleben zugleich auch immer ihr eigener Zuschauer sein zu können. Selten agieren sie frei und hingegeben.[9]

Für Arons Sohn bedeutete alles außerhalb des Laufstalls Überforderung; ein Zuviel an Reizen. Nur in seinen engen Grenzen fühlte er sich augenscheinlich wohl. Aber was dem einen Schutz, wird dem anderen schnell zur Qual. Wo sich der HSM gerne und viel in seinen eigenen vier Wänden erholt, würde der weniger Sensible vor Langeweile eingehen. Dem Hochsensiblen bleibt dafür der Sinn einer Techno-Party verschlossen gleich dem Buch mit sieben Siegeln. Wie kann man sich so bis in die Puppen mit bebendem Trommelfell erholen? Es wäre für ihn, als säße er am Rollfeld eines Großflughafens mit der Einladung, mal so richtig zu entspannen. Vielzahl und Intensität der Reize überfordern ihn[10]und können ihm sogar Schmerzen bereiten.

3.1 Worin unterscheidet sich Hochsensibilität von Introversion?

Wer hochsensibel ist, zieht sich zurück; eine Eigenschaft, die Hochsensible und Introvertierte gemein haben. Daher wird Hochsensibilität und Introversion gerne als ähnliche Erscheinungen gedeutet. Aron hat durch Persönlichkeitsanalyse solcher Menschen, die ihrer Definition nach hochsensibel sind, herausgefunden, dass mindestens 30% aller HSM genau das Gegenteil sind: extravertiert.[11]

Warum fallen diese 30% durch das Raster der Introversion? – Aron will herausgefunden haben, dass diese in beschützter Umgebung aufgewachsen sind. Solche seien auf Bezugspersonen gestoßen, die sie in ihrer Persönlichkeit mit Unterstützung und Verständnis begleiteten. – Etwa wie Arons eigener Sohn, dem sie den Laufstall ließ, weil er so daran hing.

Hochsensible sozial extravertierte Menschen sind im Grunde typische introvertierte Persönlichkeiten, die es durch hilfreiche Umstände gelernt haben, sich sozial sehr aufgeschlossen zu verhalten.[12]

Diese Erfahrung bestätigt Ted Zeff:

Research, including my own, makes it clear that sensitive children growing up in a stressful, nonsupportive environment are more likely to grow up to be depressed, anxious, shy, and unhealthy […] What is more significant, however, is the finding that the sensitive children raised in an enriched, supportive environment are actually more resilient, happy, healthy, and socially competent […][13]

Diese Menschen scheinen es einfacher zu haben als diejenigen, die in Unterhose in der Kälte aushalten müssen und sonstige Mutproben zu bestehen haben, damit echte Kerle aus ihnen werden und Papa richtig stolz ist auf sie. „Weichheit“ gilt ausgetrieben zu werden. – Wer in einem Umfeld aufwächst, in dem er nicht authentisch sein darf, wird seine Persönlichkeit als Geheimnis hüten und sich verstellen. Das macht, Arons Logik folgend, den Introvertierten aus. So gesehen scheinen Hochsensible und Introvertierte vom gleichen Persönlichkeitsstamme, mit dem Unterschied, dass die Zweige, denen mehr Sonne gegönnt wurde, sich besonders gut entwickeln konnten.

Ich persönlich würde noch einen Schritt weiter gehen als Aron und dem extrovertierten Hochsensiblen weitere Eigenschaften zusprechen wie „sympathisch“, mit der Fähigkeit und dem Willen ausgestattet, seine Empfindungen verbal zum Ausdruck zu bringen und der Überwindung von Ängsten, sich lächerlich zu machen, selbst wenn er seinen Gefühlen mit Tränen Ausdruck verleiht.

Ich persönlich bin immer gut aufgenommen worden mit meinen Gefühlen, vermutlich auch weil ich wusste, vor wem ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen konnte. Man erkannte mich als „transparent“; man wusste, woran man an mir war. Vermutlich wäre ich auch introvertiert, wenn ich nicht auf viele verständnisvolle Menschen gestoßen wäre, die mich so angenommen haben, wie ich bin.

Nach den Beobachtungen Arons sind Introvertierte also solche, die auf ein Umfeld stoßen, das ihre Persönlichkeit nicht hinreichend genug fördert, weshalb sie sich in gewissem Sinne „einigeln“. Die Sichtweise auf die persönlichkeitsfördernde Behandlung von HSM wird noch im Folgenden interessant, wenn die Problematik von Hochsensiblen zum Thema gemacht wird, die sich in (vollständiger) Abhängigkeit zu Bezugspersonen befinden.

3.2 Neurotizismus

Auffallend viele Faktoren hochsensibler Persönlichkeiten finden sich unter der Definition Neurotizismus wieder:

-Neigung zur Nervosität
-Reizbarkeit, Launenhaftigkeit
-Neigung zu Unsicherheit und Verlegenheit
-Klagen über Ärger und Ängste
-Klagen über körperliche Schmerzen (Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Schwindelanfälle etc.)
-Neigung zur Traurigkeit und Melancholie
-Sehr reagibel auf Stress
-Eher negative Affektlage

Der deutschstämmige PsychologeHans Jürgen Eyseneckformte diesen Begriff, welcher die emotionale Instabilität eines Charakters definiert. Nicht nur, dass neurotische Persönlichkeiten stärker auf angst- und stresserregende Situationen reagieren. Nach solchen benötigen sie auch mehr Zeit um sich nicht mehr erregt zu fühlen. Für Eyseneck liegt der Grund für diese Form von Reaktion in der starken Reaktion des limbischen Systems auf externe Reize. Entsprechend sind solche Persönlichkeiten offener für neurotisches Verhalten; eine Art Schlüssel-Schloss-Prinzip.

Jemand, der für sich angenommen hat, hochsensibel zu sein, sollte sich von den vielen Forschungen zur Persönlichkeit des Menschen nicht ins Bockshorn jagen lasse, zumal andere HSM gerne mit Borderline-Persönlichkeiten oder ADHS-Patienten vergleichen würden.

4. Merkmale hochsensiblen Verhaltens

Die folgende Abbildung zeigt Aspekte, auf die HSM besonders empfindlich reagieren. Manche Autoren beschreiben mehr, andere weniger Merkmale. Die hier genannten finden sich in den gängigen Texten und Internetauftritten über Hochsensibilität wieder.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Auszüge aus den Seiten www.zartbesaitet.de und www.hochsensibel.org

Komplette Tests sind unter den angegebenen Quellen verfügbar.

4.1 Weitere Merkmale:

- Konzentrationsschwäche, bzw. hohe Ablenkbarkeit von Aufgaben
- dafür aber hochkonzentriert bei anregenden Themen, sonst relativ schnell unmotiviert
- spürt Stimmungen anderer und übernimmt diese leicht
- starke Abneigung gegen Gewaltszenen und reale Grausamkeiten (Unfall, Foto, You Tube etc.)
- starke Stimmungsschwankungen (als Kind: Lachen und Weinen in der gleichen Minute)
- so genannte Spätentwickler, jedoch frühe Entwicklung der Sprache
- bei Konflikten sehr schnell verängstigt ggf. weinen
- Erwachsene: Konflikte werden sehr schnell gegen die eigene Persönlichkeit interpretiert
- Hochsensible bewundern oft andere, die einen „kühlen Kopf“ bewahren
- großes Harmoniebedürfnis
- z.T. schroff abweisend, abrupt zurückziehend
- starkes und anhaltendes Grübeln über eigene Fehler, eigenes Verschulden, Vorwürfe
- viele Dinge gehen besonders nahe
- humorvoll, bringt andere zum Lachen
- Angst oder Sorge vor bösen oder strengen Blicken
- andauernde Anspannung im Brust- und/oder Nackenbereich
- empfindet Episoden von „Weltschmerz“ - uneinheitliches Persönlichkeitsbild
- starke Gefühle der Verbundenheit zu Menschen, die sie selbst so gar nicht empfinden
- lebenslange Neugierde und Lernfähigkeit
- HSM können wütend und hochfahrend sein wie andere Menschen auch
- lieb und friedlich, explodieren aber leicht und plötzlich
- HSM meiden oberflächliche Gespräche[14]
- leichte und zu intensive Ansprechbarkeit auf Eindrücke und übermäßige Erregbarkeit von manchen oder allen Empfindungen, Gefühlen und Trieben
- zu kompliziert im Verarbeiten von Affekten und Hinderungen im Abklingen der Aekte
- intensive Auswirkung von Affektvorgängen auf körperliche Funktionen (Burnout etc.)
- zu intensive Rückwirkung von körperlichen Funktionen auf das Affektleben[15]

5. Was ist der Konflikt?

5.1 Unerkannte Hochsensibilität hat körperliche und geistige Auswirkungen

Der Sensible wird sich bewusst, dass er unter Dauermüdigkeit trotz ausreichender Erholungsphasen leidet, dass Anstrengung Zermürbung oder Reizbarkeit erzeugt, dass seine Gedanken- und Gefühlswelt für ihn zu stark im Vordergrund steht. Er ist seelisch und körperlich leicht erschöpft, fühlt sich oft nervös oder überdreht. In ihm herrscht ein Durcheinander von Wünschen und Sehnsüchten fern jeder Wirklichkeit und Möglichkeit. Er ist haltloser, empfindlicher, müder, unfähiger zu manchem wie andere, driftet in Überstimulierungen, aus denen er kaum mehr heraus zu kommen vermag. […] Mit seinen starken und maßlosen Reaktionen kann er andere erschrecken.[16]

[...]


[1]Der nordamerikanische Entwicklungspsychologe, Jerome Kagan konnte wissenschaftlich nachweisen, dass das Temperament, mit dem man geboren ist, sich wie ein roter Faden auch durch das weitere Leben zieht.

[2]Aus dem Internet: Schnurr, E.-M. (2013): http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/persoenlichkeitsentwicklung-wie-sich-der-mensch-mit-der-zeit-veraendert-a-915309.html, Abrufdatum: 16. September 2013

[3]Vgl. Aron, E.:Das hochsensible Kind[Kindle Edition]. Deutsch von Ursula Bischoff und Sabine Schilasky. MVG-Verlag; 5. Auflage 2013. E-Book ISBN 978-3-86415-355-6. Position: 486

[4]Auf Aron geht der BegriffThe highly sensitive personzurück

[5]Vgl. Trappmann-Korr, B. (2010):Hochsensitiv.Einfach anders und trotzdem ganz normal. VAK. Kirchzarten. S. 32

[6]Vgl. Schweingruber, E.(1944):Der sensible Mensch. (a.a.O.), zitiert aus dem Internet: E. (2009):Lebensspuren. Lebenserfahrungen und Gedanken: Der sensible Mensch – Teil 1, http://emj57.wordpress.com/2009/08/09/der-sensible-mensch-teil-1/ , abgerufen am: 05.10.2013

[7]Vgl. Aron, E. (2013) a.a.O. Position 6225

[8]Vgl. Carstensen, L. (2012)Hochsensibilität und Schule. Bachelor-Arbeit im Studiengang Vermittlungswissenschaften „Bachelor of Arts“. Universität Flensburg. S. 13.

[9]Vgl. Schweingruber, E.(1944):Der sensible Mensch. (a.a.O.)

[10]Aus dem Internet: Kälberer, N.E.:Hochsensible Personen hören, sehen und schmecken mehrhttp://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hochsensible-menschen-sehe-ich-komisch-aus-was-denken-die-von-mir-warum-ist-es-hier-so-laut-a-787489.html , Abrufdatum: 8.8.2013

[11]Vgl. Aaron, E. (2013): a.a.O. Position 223

[12]Aus dem Internet: Dietrich, G. (2011):Geist und Gegenwart: Hochsensibilität und Introversion (Begriffsklärung), http://www.geistundgegenwart.de/2011/07/hochsensibilitat-und-introversion.htmlAbrufdatum: 16.01.2014

[13]Zeff, T. (2010):The Strong, Sensitive Boy – Help your son become a happy, Confident Man.Prana Publishing, San Ramon, USA, ISBN 0-9660745-2-9 Kindle Book, Position 31

[14]u.a.: Aus dem Internet: Rietman, R.(2010):Wuestenstrom: Ein unterbelichtetes Thema?!? Hochsensibilität und Sucht. S. 2, http://www.wuestenstrom.ch/page19/page20/files/Rundbrief%20August%2010%20Kopie.pdf , Abrufdatum: 05.10.2013

[15]Vgl. Schweingruber, E. (1944):Der sensible Mensch. (a.a.O.)

[16]Vgl. Schweingruber, E.(1944):Der sensible Mensch. (a.a.O.)

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Darf‘s ein bisschen weniger sein?! Hochsensible Patienten in der Pflege
Untertitel
Gesundheits-, Kranken- und Altenpflege
Autor
Jahr
2014
Seiten
36
Katalognummer
V266800
ISBN (eBook)
9783656575979
ISBN (Buch)
9783656575962
Dateigröße
1248 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Alexander Weber, Jahrgang 1967: Kinderkrankenpfleger &amp, Dipl. Pflegewirt (Ev. Hochschule Berlin) zuletzt tätig in der ambulanten Alten- und Kinderintensivpflege sowie als Honorardozent in Berlin und Neustrelitz (QM &amp, Ethik) z.Zt. Fremdsprachenunterricht am Landesgericht von Bahia/Brasilien. Kontakt: pflege@alexius.eu
Schlagworte
Gesundheitspflege, Krankenpflege, Altenpflege, Hochsensible Menschen, Sensible Menschen, Senioren
Arbeit zitieren
Dipl. Pflegewirt Alexander Weber (Autor), 2014, Darf‘s ein bisschen weniger sein?! Hochsensible Patienten in der Pflege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266800

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