„Die Undefinierbarkeit des Seins dispensiert nicht von der Frage nach seinem Sinn, sondern fordert dazu gerade auf “ (Heidegger 2006: 4).
Diese Worte Martin Heideggers führen unmittelbar in das Zentrum seines 1927 unter dem Titel „Sein und Zeit“ erschienenen Hauptwerks, welches sich im Nachgang dieser von der Seinsfrage ausgehenden Aufforderung versucht. Heidegger stellt die lange Zeit in Vergessenheit geratene Frage nach dem Sein erneut und berührt somit einen grundsätzlichen Bezugspunkt unseres Lebens. Dieser Bezug ist so eindeutig wie uneindeutig, sodass sich die Seinsfrage als klarste und auch dunkelste aller Fragen eröffnet, deren Durchleuchtung ein beachtliches Vorhaben darstellt – ein Vorhaben, das gescheitert ist?
SuZ blieb bekanntlich Fragment und im Zuge dessen stellt sich die pragmatische Frage danach, was die Beschäftigung mit einem Torso hervorbringen soll, dessen ursprüngliches und eigentliches Ziel niemals erreicht wurde. Möglicherweise besteht das Erbe einer solch unabgeschlossenen Analyse in den vorbereitenden Gedanken und bereits geleisteten Analyseschritten, sodass im ursprünglichen Rahmen des Gesamtvorhabens als Vorlauf bestimmte Erkenntnisse in den Fokus der Betrachtung rücken.
Im Kontext von SuZ richtet sich der Blick somit auf die umfassende sowie ausführliche Analyse des Daseins; eine Betrachtung des Menschen, die sich durch beachtliche Schärfe und Präzision, durch das beständige Fragen nach dem Dahinter auszeichnet. Diese dem Denken Martin Heideggers eigene „bohrende Qualität“ (Arendt 1969: 895) verleiht der Daseinsanalyse einen Status, der sie möglicherweise zu mehr als einer notwendigen vorbereitenden Betrachtung macht; der sie vielleicht sogar über die Grenzen der Philosophie hinaus relevant werden lässt.
Die Chance zu den Gedanken Heideggers durchzudringen und diese womöglich sogar in ihrer Bedeutung für eine Wissenschaft des Daseins, die Soziologie, sichtbar zu machen, wird im Rahmen der vorliegenden Arbeit vielmehr in einer strengen und zunächst textimmanenten Beschäftigung verankert. Wenn dies ernsthaft geschieht, so kann sie vorbereitendes Fundament einer externen Betrachtung sein, die ihren Boden somit auf einer philosophischen Erstanschauung begründet und daher womöglich weniger der Gefahr einer bloßen Auslegung der Daseinsanalyse als etwas unterliegt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Notwendigkeit, Ziel und Methode
2.1 Seinsvergessenheit
2.2 Seinsfrage
2.3 Methode und Aufbau
3 Die Jemeinigkeit der Existenz
3.1 In-der-Welt-sein
3.1.1 Welt
Die Welt der Dinge
Die Weltlichkeit des Daseins
3.1.2 In-Sein
3.2 Das Selbst
3.2.1 Der Modus der Uneigentlichkeit
3.2.2 Der Modus der Eigentlichkeit
3.3 Sorge und Zeitlichkeit
4 Schlussbemerkung: Die Frage nach dem Scheitern
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, eine verständliche und präzise Darlegung der Daseinsanalyse Martin Heideggers, basierend auf seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“, zu erarbeiten und dabei die philosophische Tiefe seiner Anthropologie textimmanent zu erschließen.
- Die Notwendigkeit der erneuten Auseinandersetzung mit der Seinsfrage
- Die phänomenologische Hermeneutik der Faktizität als methodischer Zugang
- Die Struktur des In-der-Welt-seins und das Verständnis der Weltlichkeit
- Der Übergang zwischen den Modi der Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit des Selbst
- Die Bedeutung der Sorge und Zeitlichkeit als Fundament menschlicher Existenz
Auszug aus dem Buch
Die Welt der Dinge
Um zu dem vollständigen Begriff von Welt durchzudringen, beginnt Heidegger zunächst mit einem näheren Hinsehen auf die Dinge in der Welt. Der soeben gewählte Begriff des Dings mag exemplarisch dazu dienen, Heideggers Überlegungen zu erläutern: Dem Leser der vorliegenden Arbeit wird sich beim Lesevorgang des ersten Satzes dieses Unterkapitels höchstwahrscheinlich keine Unklarheit gestellt haben. Doch wenn man nun gefragt würde, was die verwendete Bezeichnung des Dinges meine, bestünde in diesem Moment die Möglichkeit einer annähernd adäquaten Antwort?
Die Rede von Dingen scheint in unserer Alltagssprache unverfänglich und neutral, es scheint so, als verfüge der Mensch auch hier über eine „unausdrücklich vorgreifende ontologische Charakteristik“ (Heidegger 2006: 68) dessen, was mit Ding bezeichnet wird. Würden wir also, bemüht um Korrektheit, einen Versuch wagen, die Antwort auf die vorangestellte Frage zu geben, so würde diese doch wahrscheinlich durch Merkmale wie „Substanzialität, Materialität, Ausgedehntheit“ (Heidegger 2006: 68) oder Ähnliches bestimmt sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentrale Problemstellung von „Sein und Zeit“ ein und erläutert das methodische Vorgehen der Arbeit, welche sich textimmanent mit Heideggers Daseinsanalyse auseinandersetzt.
2 Notwendigkeit, Ziel und Methode: Hier wird die historische Seinsvergessenheit kritisiert und der methodische Ansatz der phänomenologischen Hermeneutik vorgestellt, um die Grundlage für die Analyse zu bereiten.
3 Die Jemeinigkeit der Existenz: Dieses Hauptkapitel analysiert das Dasein als In-der-Welt-sein, beleuchtet die Rolle des Selbst in den Modi der Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit und führt die Sorge als Grundstruktur ein.
4 Schlussbemerkung: Die Frage nach dem Scheitern: Das abschließende Kapitel reflektiert den fragmentarischen Charakter von „Sein und Zeit“ und bewertet die Bedeutung der Seinsfrage für die moderne Soziologie.
Schlüsselwörter
Heidegger, Dasein, Sein und Zeit, Seinsfrage, Existenz, In-der-Welt-sein, Faktizität, Sorge, Zeitlichkeit, Eigentlichkeit, Uneigentlichkeit, Phänomenologie, Fundamentalontologie, Mitsein, Weltlichkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine fundierte Einführung und philosophische Analyse der Daseinsanalytik Martin Heideggers, wie sie in seinem Werk „Sein und Zeit“ dargelegt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Struktur des Daseins, das Verhältnis von Mensch und Welt, die Unterscheidung zwischen eigentlichem und uneigentlichem Dasein sowie die fundamentale Bedeutung der Zeitlichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es, die Konzepte Heideggers verständlich aufzubereiten und zu zeigen, wie das Dasein als eine im Vollzug begriffene Existenz zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der textimmanenten Analyse im Kontext einer phänomenologischen Hermeneutik, um Heideggers Gedanken ohne externe gesellschaftskritische Verzerrungen darzulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Erschließung der Existenzialien, insbesondere dem In-der-Welt-sein, der Analyse des Selbst im Man sowie der Einbettung dieser Erkenntnisse in die Struktur der Sorge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Dasein, Sein, Existenz, Sorge, Zeitlichkeit, Faktizität und Weltlichkeit.
Wie interpretiert die Autorin Heideggers Begriff des „Man“?
Das „Man“ wird als der Modus der uneigentlichen Existenz verstanden, in dem sich das Individuum in der Durchschnittlichkeit verliert und seine eigene Verantwortung an eine anonyme Öffentlichkeit delegiert.
Inwiefern ist die Angst für Heidegger ein philosophisch bedeutsames Phänomen?
Die Angst fungiert als Grundbefindlichkeit, die das Dasein aus seiner Verfallenheit an das „Man“ herauslöst und es mit seiner eigenen Endlichkeit und Freiheit konfrontiert.
Wie bewertet die Arbeit das „Scheitern“ von „Sein und Zeit“?
Die Arbeit vertritt die Auffassung, dass der fragmentarische Charakter des Werkes nicht als Scheitern zu werten ist, sondern als eine notwendige Aufforderung zu einem lebendigen Prozess des Fragens nach dem Sein.
- Quote paper
- Kristina Trompetter (Author), 2013, Ist Martin Heidegger gescheitert? Eine Einführung in die Daseinsanalyse aus „Sein und Zeit“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266906