Die Kurt-Eisner-Gedenkplatte. Erinnerungsorte in München


Facharbeit (Schule), 2012

38 Seiten, Note: 14 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Kurt Eisner
I. Kurt Eisner und die Revolution 1918/1919 in München
1. Das Leben Kurt Eisners
2. Politisches Wirken in München
a) Revolution gegen die Monarchie
b) Aktivitäten als provisorischer bayerischer Ministerpräsident
II. Einordnung Eisners in den historischen Kontext
1. Die politische und gesellschaftliche Situation in München nach dem Ersten Weltkrieg
2. Mord an Eisner und Verurteilung Anton Graf von Arco auf Valley
3. Die politische und gesellschaftliche Situation nach Eisners Tod

C. Gedenken an Kurt Eisner
I. Die Kurt-Eisner-Gedenkplatte
1. Standort
2. Gegenstand der Erinnerung
3. Künstlerische Gestaltung und deren Wirkungsabsicht
4. Initiatoren
5. Problematiken der Gedenkplatte
II. Einordnung der Kurt-Eisner-Gedenkplatte als Erinnerungsort
1. Definitionen
2. Befragung auf dem Münchner Marienplatz
III. Die Schwierigkeiten des Erinnerns an Kurt Eisner in München
1. Formen des Erinnerns vor Errichtung der Gedenkplatte
2. Formen des Erinnerns nach Errichtung der Gedenkplatte

D. Fazit

Anhang

Quellen- und Literaturverzeichnis

A. Einleitung

Im Frühling 2010 werden Proteste im Norden Afrikas und im Nahen Osten laut. Auslöser war die Selbstverbrennung eines tunesischen Gemüsehändlers aus der Verzweiflung über die politische Situation in seiner Heimat. Viele Menschen in Tunesien fanden sich in ähnlichen Situationen wieder. Die Politik galt als korrupt und die Bevölkerung litt unter der hohen Arbeitslosigkeit. So war es der Selbstmord, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen brachte. Die Menschen gingen auf die Straße und protestierten gegen die Machthaber in ihrem Land, denen sie die Schuld an ihrer Situation gaben. Viel Aufmerksamkeit bekamen die Aufständischen über soziale Netzwerke. Die Proteste sprangen auf Nachbarländer über, eine Revolution kam auf.

Dieses Beispiel aus der Gegenwart zeigt, dass es heute noch, wie auch in der Vergangenheit, Revolutionen aus „geringfügigen“ Anlässen entstehen können und den Sturz von Regierungen zur Folge haben. Ein solches Beispiel aus der Vergangenheit ist die Revolution 1918 in Bayern, die das Absetzen der Monarchie und das Ausrufen der Republik zur Folge hatte. Sie entstand auch aus der Unzufriedenheit des Volkes aufgrund der schlechten Versorgung und den Nöten, die die Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg zu ertragen hatte. Kurt Eisner war derjenige, der diese Revolution anführte.

Er gilt als Gründer des heutigen Freistaats Bayern, den er nach der Revolution in der Nacht vom 7. auf den 8. November 1918 proklamierte. Zur Erinnerung an ihn wurde im Jahr 1989 eine Gedenkplatte in der Kardinal-Faulhaber-Straße in den Gehweg eingelassen.

Zu Beginn der Arbeit werden das Leben Kurt Eisners und sein Wirken in München dargestellt, damit erkenntlich wird, weshalb ein Ort der Erinnerung gestaltet wurde. Des Weiteren wird sein Leben und Wirken in einen historischen Zusammenhang gebracht, um die Auswirkungen seines Handelns als Ministerpräsident zu zeigen. Weiterhin werden die Hintergründe der Gedenkplatte genauer betrachtet, die Ortswahl, die Intention der Künstlerin Erika Maria Lankes, die Diskussionen im Münchner Stadtrat und die Inschrift.

Es folgt eine Einordnung der Gedenkplatte in die theoretischen Konzepte des „Erinnerungsorts“ und des „Schauplatzes der Geschichte in Bayern“. Den Abschluss bilden die Ergebnisse einer Befragung am Münchener Marienplatz zu Kurt Eisner.

B. Kurt Eisner

I. Kurt Eisner und die Revolution 1918/1919 in München

1. Das Leben Kurt Eisners

Kurt Eisner, erster bayerischer Ministerpräsident, wurde am 21. Februar 1919 auf offener Straße erschossen. Zu diesem Zeitpunkt war er auf dem Weg von seinem Amtssitz, dem Palais Montgelas, zur ersten Sitzung des neugewählten bayerischen Landtags. Mit sich trug er in seiner Tasche seine Rücktrittserklärung.[1] Der Attentäter Anton Graf von Arco auf Valley traf ihn mit zwei Schüssen in den Kopf. Eisner verstarb noch am Tatort.

In der Nacht vom 7. auf den 8. November 1918 proklamierte Kurt Eisner als erster Vorsitzender des Rats der Arbeiter, Soldaten und Bauern die Republik und erklärte Bayern zum Freistaat.[2] Später wurde er vom Rat der Arbeiter, Soldaten und Bauern zum ersten Ministerpräsidenten Bayerns gewählt. In seiner Zeit als Ministerpräsident fielen viele wichtige Entscheidungen. Als Vorsitzender der USPD zog er die politischen Konsequenzen aus der Niederlage seiner Partei bei den Landtagswahlen am 12. Januar 1919 und wollte am 21. Februar 1919 seinen Rücktritt erklären.[3]

Der Politik widmete Eisner sich erst intensiv, als er 1910 nach München kam. Zuerst engagierte er sich zurückhaltend in der SPD; nach dem Ersten Weltkrieg folgte er der mehr links orientierten USPD. Aktiv in Erscheinung trat er als Mitorganisator des Streiks der Rüstungsarbeiterinnen im Januar 1918. Aufgrund dessen wurde er verhaftet und erst am 14. Oktober 1918 aus der Untersuchungshaft entlassen. Nur einen Monat nach seiner Entlassung trat er neben Erhard Auer wieder in die Öffentlichkeit durch die Organisation einer Kundgebung der Arbeiter in München. Hieraus entwickelte sich eine Eigendynamik, die von Eisner durchaus gewollt war, mit dem Resultat der Revolution und dem Ausrufen der Republik.[4]

Kurt Eisner, geboren am 14. Mai 1867 in Berlin, studierte Germanistik und Philosophie und war anschließend als Journalist tätig. Ein von ihm 1897 verfasster, kritischer Artikel wurde als majestätsbeleidigend aufgefasst und führte zu einer zehn monatigen Haftstrafe.[5] Wilhelm Liebknecht wurde aufgrund dieses Artikels auf Kurt Eisner aufmerksam und empfahl ihn als Redakteur für die Zeitschrift „Vorwärts“ für die er bis 1907 schrieb. Nach drei Jahren journalistischer Tätigkeit für die „Fränkische Tagespost“ in Nürnberg arbeitete er als Journalist für die „Münchner Post“ ab 1910 in München.[6]

2. Politisches Wirken in München

a) Revolution gegen die Monarchie

Für die politische Entwicklung von Kurt Eisner war die Zeit des Ersten Weltkriegs prägend. Während er zu Kriegsbeginn noch als konformes Mitglied der SPD angesehen werden konnte, veränderten sich seine Anschauungen mit Verlauf des Kriegs. Insbesondere sein Standpunkt zur Kriegsschuldfrage wich von dem der SPD stark ab.

Er befand sich in innerparteilicher Opposition und schloss sich der neugegründeten USPD an, die als radikale Splitterpartei aus der SPD hervorging. Während die SPD bis weit in das Jahr 1918 versuchte, im Rahmen des „Burgfriedens“[7] zwischen den Arbeitern und den Konservativen Parteien zu vermitteln, unterstützte die USPD Streiks der Arbeiter.[8] Diese litten besonders stark unter den Kriegsfolgen; Lebensmittelknappheit und Hunger sowie die vielen Verwundeten und Toten, was zu einer allgemeinen Kriegsmüdigkeit führte. Für Kurt Eisner stand fest, „daß [sic!] in den Massen ein starkes Bedürfnis nach einem solchen organisierten Protest bestehe.“[9]

Aktiv in die Politik trat Eisner mit diesem Standpunkt im Januar 1918 durch mehrere, erfolgreiche Streikaufrufe in Erscheinung, unter anderem dem Streik der Munitionsarbeiter in München. Aus Angst vor einem von ihm propagierten Generalstreik wurde er am 31. Januar 1918 verhaftet.[10]

Erst nach Entlassung aus der Untersuchungshaft am 14. Oktober 1918 trat er wieder politisch in Erscheinung. Auf zahlreichen Versammlungen agierte er als Redner. Sein Ziel war „die Gewinnung der Massen. Von Anfang an ließ er keine Zweifel daran, daß [sic!] er die Republik anstrebte.“[11]

In diese Zeit der politischen Unsicherheit fand am 3. November 1918 die erste Kundgebung unter freiem Himmel seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs statt. Kurt Eisner sprach auf der Theresienwiese zu etwa eintausend Menschen. Anschließend zog eine ungenehmigte Demonstration friedlich durch die Stadt. Eisner wusste als Redner die Massen zu begeistern. Er spürte, dass die Revolution kurz bevorstand, als er am 5. November 1918 bei einer öffentlichen Rede verkündete, dass er den Ausbruch der Revolution jederzeit erwarte.[12]

Diese „Drohung“ nahm die konservative Regierung nicht ernst und erlaubte eine weitere gemeinsame Kundgebung von USPD und MSPD, die für den 7. November 1918 geplant war. Am Morgen des 7. Novembers trafen sich die Führungen von MSPD und USPD, um den genauen Ablauf des Nachmittages durchzugehen. Jedem Redner wurden fünf Minuten Redezeit festgesetzt. Im Innenministerium wurde darüber nachgedacht Eisner zu verhaften, damit dieser nicht vor das Volk treten könne. Dieser Vorschlag wurde verworfen, da unter anderem auch der Führer der MSPD Erhard Auer[13] meinte, „er haben seine Leute fest im Griff; nichts werde passieren. Dieser Eisner werde ̦an die Wand gedrückt werdenʻ “[14], eine Einschätzung, die sich später als falsch herausstellte.

Gegen 15 Uhr versammelten sich circa 50.000 Menschen auf der Theresienwiese. Rechts neben der Bavaria hielt Auer seine Rede und zog anschließend mit einem großen Teil der Zuhörer in Richtung Friedensengel. Dort angekommen löste sich der Zug an Demonstranten friedlich auf.

Auf der linken Seite der Bavaria hielt anschließend Eisner seine mitreißende Rede. Einem Aufruf „Wer für die Revolution ist, uns nach!“[15] folgten einige Demonstranten. Mit Eisner an der Spitze zogen sie in Richtung Norden zu den Kasernen. Dort angekommen schlossen sich die Soldaten an, gemeinsam zogen sie zurück in die Stadt zum Mathäserbräu am Stachus. In der anschließenden Versammlung unter der Führung Eisners wurde der erste Arbeiter- und Soldatenrat gegründet.

Gegen 23.00 Uhr traf sich der Rat zu seiner ersten Sitzung im Landtagsgebäude in der Prannerstraße. Zu Beginn der Versammlung des neuen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrats rief Kurt Eisner die Republik aus und er wurde vorläufiger Ministerpräsident von Bayern.[16]

Am nächsten Morgen hingen überall in der Stadt Plakate, die die Geschehnisse des letzten Abends dokumentierten. Die Titelseite der „Münchner Neueste Nachrichten“ zeigte einen von Eisner verfassten Brief an die Bevölkerung, in dem Bayern zum ersten Mal als Freistaat bezeichnet wurde.[17] Damit proklamierte Eisner den Systemwandel von der Monarchie zur Republik.[18]

König Ludwig III. erfuhr erst bei seinem Morgenspaziergang im Englischen Garten von seiner Absetzung, daraufhin flüchteten er und seine Familie aus München, in der Hoffnung, dass sich die Lage noch beruhigt. Als er erkannte, dass dieses nicht der Fall sein würde, entband er alle bayerischen Beamte und Soldaten von ihrem Treueeid, verzichtete aber nicht auf seinen Thron.[19]

b) Aktivitäten als provisorischer bayerischer Ministerpräsident

Als erster Vorsitzender des Rats der Arbeiter, Soldaten und Bauern sah er es als seine Aufgabe, die Vorbereitungen zur Einberufung einer konstituierenden Nationalversammlung zu treffen. An dieser Wahl sollten „alle mündigen Männer und Frauen“[20] teilnehmen.[21] Eisner sah die Menschen als Teil der Regierung an, die durch die Wahl ihre Meinung äußern können. Auch durch die Räte hatte das Volk die Möglichkeit in der Politik mitzuwirken. Zur Organisation des Staates stellte er sich ein ausgewogenes System von „checks and balances“[22] zwischen den Räten und dem Parlament vor.[23]

Eisners erste Amtshandlungen waren von der Notwendigkeit geprägt, eine sich im Umbruch befindende Gesellschaft und einen noch nicht an die neue Situation angepassten Staatsapparat zu stabilisieren und schrittweise neu auszurichten. Schon in der Erklärung vom 8. November 1918 erfolgten grundlegende Weichenstellungen, wie die Garantie der Sicherheit von Person und Eigentum, das Übernehmen aller Beamten und Offiziere sowie die Ankündigung einer Fürsorge für die heimkehrenden Soldaten.[24] Desweitern wurde das Verhältniswahlrecht eingeführt, den Frauen das Wahlrecht gegeben, die Kirche aus der Schulaufsicht entlassen, der Achtstundentag eingeführt und ein Staatsgrundgesetz der Republik Bayern verabschiedet. Eine seiner ersten Amtshandlungen betraf ihn persönlich, mit der er das „sehr hohe Gehalt, das der Ministerpräsident bisher bekommen hat“[25] reduzierte.

In Anbetracht einer Amtszeit von nur dreieinhalb Monaten und den gesellschaftspolitischen Umbrüchen in dieser Zeit war das ein immenses Programm, was nur mit Einschränkungen umsetzbar war. Die Funktionsfähigkeit des Staatsapparates war nur durch das Halten der überwiegend konservativen Beamten in ihren Positionen zu gewährleisten.[26] Auch die Garantie für die vielfach monarchietreuen Offiziere, in ihren Positionen bleiben zu können, sicherte die Unterstützung des Militärs zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit. Stabilisierend wirkte sicher auch, dass er sämtliche Pläne zu einer eventuellen Verstaatlichung von Unternehmen zurückstellte. Industrie und Wirtschaft waren durch das Ende der Kriegswirtschaft stark belastet. So kam es immer wieder in Eisners politischem Handeln zu Widersprüchen mit den ursprünglichen Forderungen. Dieses wurde ihm von seinen Gegnern als Schwäche ausgelegt und gegen ihn verwendet,[27] zeugt jedoch von einem realistischen Blick:

„Die Absage an jede Form des Bolschewismus, das Bündnis mit der Mehrheitssozialdemokratie, die Einbindung des linksliberalen Bürgertums, all dies machte doch vor allem deutlich, daß [sic!] Eisner sich auch von der Euphorie des revolutionären Augenblicks den Blick für die realen Machtverhältnisse nicht verstellen ließ.“[28]

Schon vor dem Ende des Kriegs war für Eisner ein Frieden mit den Mächten der Entente sehr wichtig. Aus Angst vor einem Diktatfrieden, wie nach dem 14-Punkte-Plan von Wilson, brach er als Ministerpräsident die diplomatischen Beziehungen mit Preußen ab und versuchte sich mit den Siegermächten zu arrangieren. Sein Ziel waren „Vereinigte Staaten von Deutschland“[29], nach amerikanischem Vorbild, wobei Bayern Sonderrechte genießen sollte. Um dieses Ziel zu verwirklichen, suchte er die Annäherung an die Schweiz. Auf dem Sozialistenkongress in Bern vom 3. bis zum 10. Februar 1919 prangerte er die deutsche Kriegsschuld an. Laut Eisner waren es die Imperialisten in Deutschland und deren Helfer, die Sozialdemokraten, die verantwortlich waren für den Krieg. Diese Aussagen Eisners sowie die von ihm betriebene Veröffentlichung von Dokumenten der bayerischen Gesandtschaft in Berlin stießen in Deutschland auf starken Widerspruch. Ihm wurde Vaterlandsverrat vorgeworfen.[30]

In der Wahl vom 12. Januar 1919 scheiterte die von Eisner geführte USPD, sie errang nur drei Abgeordnetenmandate. Dieses war eindeutig als Scheitern Eisners als Ministerpräsident anzusehen. Hierfür waren drei Faktoren maßgeblich. Zum einen stand sein politisches Handeln zum Teil im Widerspruch zu seinen politischen Forderungen vom 7. November 1918. Auch wenn es den Umständen der damaligen Zeit geschuldet war, so wurde es doch von seinen politischen Gegnern gegen ihn genutzt. Des Weiteren wurde sein pazifistischer Standpunkt zur Kriegsschuldfrage zu dieser Zeit von Vielen nicht geteilt, sondern als Vaterlandsverrat angesehen. Zum Dritten brach ihm seine wichtigste Wählerschaft, die Arbeiter, weg, da sie sich von ihm verraten und allein gelassen fühlten. Die hohe Anzahl an Arbeitslosen, bedingt durch die Umstellung der Kriegswirtschaft auf eine Friedenswirtschaft und die Heimkehr vieler Soldaten, zeigte hier ihre Folgen.[31]

II. Einordnung Eisners in den historischen Kontext

1. Die politische und gesellschaftliche Situation in München nach dem Ersten Weltkrieg

Die Revolution in Bayern kam bereits vor dem endgültigen Ende des Ersten Weltkriegs am 11. November 1918. Im folgenden Abschnitt wird dargestellt, in welcher Situation sich vor allem die Münchner Bürger befanden, politisch und auch gesellschaftlich, damit es besser nachvollziehbar wird, was die Bevölkerung zur Revolution am 7./8. November 1918 trieb.

In ganz Deutschland herrschte eine niedergeschlagene und zugleich angespannte Stimmung. Die letzten Kriegsjahre waren durch harte Arbeit und Entbehrungen gekennzeichnet. Es war eine hohe Anzahl von Kriegstoten zu beklagen und viele Kriegsheimkehrer waren verwundet oder gar dauerhafte Invaliden. Die Wirtschaft lag am Boden und aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit war es vielen nicht möglich, sich und ihre Familien zu versorgen. Viele Menschen mussten hungern und hatten Mühe, sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Kriegsmüdigkeit und Versorgungsprobleme sorgten für eine schwere Autoritätskrise gegenüber dem bestehenden politischen System.[32]

Es kam im gesamten Jahr 1918 immer wieder zu Kundgebungen, in denen sich der Unmut der Arbeiter über ihre wirtschaftliche Lage und der Wunsch nach einem Ende des Kriegs äußerten.[33] Die USPD tat sich durch die Organisation derartiger Streiks besonders hervor, wodurch ein Teil der Anhänger der SPD sich ihr annäherten. So gewann die USPD auch in Bayern an Bedeutung. Die konservative bayerische Regierung unternahm nichts gegen die Streiks und empfand sie auch nicht als Bedrohung sondern eher als Möglichkeit für das Volk, seinen Ärger kundzutun.[34]

Auch in den Monaten nach der Revolution änderte sich die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung nicht merklich; die politische Situation blieb instabil.

2. Mord an Eisner und Verurteilung Anton Graf von Arco auf Valley

Die politische Stimmung in München war in diesen Tagen sehr aufgeheizt. Bei den Wahlen am 12. Januar 1919 erlitt die USPD eine schwere Niederlage aufgrund der Unzufriedenheit der Bürger mit der Politik Eisners, von der sie sich mehr erhofft hatten. Die USPD verfügte nun nur noch über drei Mandate im bayerischen Landtag. Der von der SPD geforderte Rücktritt Eisners war unausweichlich. Dieses propagierte unter anderem die „Münchner Post“, die die politische Meinung Auers und der gesamten SPD vertrat.[35] In der Stadt kursierten Handzettel mit der Aufschrift „Landvogt, deine Uhr ist abgelaufen“[36].

Die „Münchner Neueste Nachrichten“ forderten am Morgen des 21. Februar 1919 in einem am 20. Februar verfassten Artikel, dass das neue Parlament an die Stelle all der bisherigen Provisorien treten solle[37] und schloss mit der Hoffnung „Möge der morgige Tag einen guten Anfang bringen!“[38]

Kurt Eisner wurde am 21. Februar 1919 gegen zehn Uhr vormittags von dem Student und Leutnant der Reserve Anton Graf von Arco auf Valley ermordet. Eisner ging von seinem Amtssitz zum bayerischen Landtag in der Prannerstraße, als Arco aus einem Hauseingang heraustrat und Eisner mit zwei Schüssen tödlich verletzte. Er sank sofort zu Boden und verblutete noch Vorort. Die Leibwächter Eisners, die in diesem Moment vor ihm gingen, während sie sich sonst üblicherweise immer hinter ihm aufhielten, eröffneten sofort das Feuer auf Arco[39], der so schwer verletzt wurde, dass man annahm, auch er sei tot. Nur dank einer aufwendigen Operation des bekannten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch überlebte der Attentäter.[40]

Die Nachricht von der Ermordung Eisners verbreitet sich sehr schnell in der gesamten Stadt. Es kam es zu Ausschreitungen und Unruhen, die in eine Schießerei im Landtag mündeten. Erhard Auer wurde schwer verletzt, zwei weitere Abgeordnete[41] wurden tödlich getroffen.[42]

[...]


[1] Vgl. KRAUS, Andreas: Geschichte Bayerns. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1983, S. 640.

[2] Vgl. EISNER, Kurt: An die Bevölkerung Münchens!. In: Münchner Neueste Nachrichten, 08.11.1918, S. 1.

[3] Vgl. BEYER, Hans: Die bayerische Räterepublik 1919. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 2 (1954), S. 182.

[4] Vgl. KRAUS, Geschichte Bayerns, S. 622.

[5] Vgl. Friedrich Ebert Stiftung, AdsD – Archiv der sozialen Demokratie, Kurt Eisner, www.fes.de, [21.10.2012].

[6] Vgl. KRAUS, Geschichte Bayerns, S. 615/616.

[7] Im Rahmen des „Burgfriedens“ haben die deutschen Parteien ihre innenpolitischen Konflikte während des Ersten Weltkriegs ruhenlassen. Sie alle unterstützten die Kriegsführung und bewilligten die dafür notwendigen Kriegskredite. Dieses führte innerhalb der SPD zu Spannungen und führte unter anderem zur Abspaltung der USPD.

[8] KRAUS, Geschichte Bayerns, S. 616.

[9] Ebd., S. 617.

[10] Ebd., S. 618.

[11] Ebd., S. 621.

[12] Ebd., S. 622.

[13] Die MSPD war zu diesem Zeitpunkt nicht Mitglied der Regierung.

[14] HAFFNER, Sebastian: Die verratene Revolution. Deutschland 1918/19, Bern/München/Wien 1969, S. 177.

[15] Bayerischer Landtag u.a.: „Und schließlich sah man rote Fahnen über den Köpfen flattern…“. Vor 75 Jahren: Revolution im Königreich Bayern. In: Maximilianeum, Nr. 8 (1993), S. 88.

[16] Vgl. Ebd., S. 89.

[17] Vgl. EISNER, An die Bevölkerung Münchens!, S. 1.

[18] „Freistaat“ wird in dieser Zeit als Synonym für „Republik“ verwendet.

[19] Vgl. ZIERER, Otto / KAMMERL, Anton: München. Eine Stadt und ihre Geschichten aus 850 Jahren, München 2007, S. 245/246.

[20] Vgl. EISNER, An die Bevölkerung Münchens!, S. 1.

[21] Vgl. Ebd. S. 1.

[22] Vgl. HAFFNER, Die verratene Revolution, S. 182.

[23] Vgl. Ebd. S. 182.

[24] Vgl. EISNER, An die Bevölkerung Münchens!, S. 1.

[25] Vgl. EISNER, Freya: Wird ein Denkmal falsch dekoriert? In: Münchner Stadtanzeiger, 07.11.1991, S. 18.

[26] Vgl. GRAU, Bernhard: Kurt Eisner 1867 – 1919. Eine Biographie, München 2001, S. 367.

[27] Vgl. EISNER, Wird ein Denkmal falsch dekoriert?, S. 18.

[28] GRAU, Kurt Eisner 1867 – 1919, S. 465.

[29] KRAUS, Geschichte Bayerns, S. 634.

[30] Vgl. GRAU, Bernhard: Kriegsschuldfrage, 1918/1919, in: Historisches Lexikon Bayerns, www.historisches-lexikon-bayerns.de [22.10.2012].

[31] Vgl. BEYER, Die bayerische Räterepublik 1919, S. 178/179.

[32] Vgl. HARTMANN, Peter Claus: Münchens Weg in die Gegenwart. Von Heinrich dem Löwen zur Weltstadt, Regensburg 12008, S. 183.

[33] Vgl. Die bayerische Bevölkerung in der Zeit Ludwigs III., in: www.koenigreichbayern.hdbg.de [28.10.2012].

[34] Vgl. KRAUS, Andreas: Geschichte Bayerns, S. 618/619.

[35] Vgl. BEYER, Die bayerische Räterepublik 1919, S. 183.

[36] Ebd., S. 183.

[37] Vgl. Unbekannter Autor: Zum Landtagsbeginn. In: Münchner Neuste Nachrichten, 21.02.1919, S. 1.

[38] Ebd., S. 1.

[39] Vgl. Bayerischer Landtag u.a.: „… so muß man jetzt wünschen, daß Eisner noch da wäre“. Vor 75 Jahren: Nach der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten versank das Land im Chaos. In: Maximilianeum, Nr. 1 (1994), S. 4.

[40] Vgl. REISER, Rudolf: Als die Justiz einen Mord beschönigte. In: Süddeutsche Zeitung, 16.01.1995, S. 27.

[41] Es waren Heinrich Osel (BVP) und Paul von Jahreiß.

[42] Vgl. Bayerischer Landtag u.a.: „… so muß man jetzt wünschen, daß Eisner noch da wäre“, S. 4/5.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Die Kurt-Eisner-Gedenkplatte. Erinnerungsorte in München
Veranstaltung
Wissenschaftspropädeutisches Seminar - Geschichte
Note
14 Punkte
Autor
Jahr
2012
Seiten
38
Katalognummer
V266937
ISBN (eBook)
9783668605282
ISBN (Buch)
9783668605299
Dateigröße
2071 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eisner, Kurt Eisner, 8. November 1918, Freistaat Bayern, Gedenkplatte, Kardinal-Faulhaber-Straße, 21. Februar 1919, Anton Graf von Arco auf Valley, Attentat, Rats der Arbeiter Soldaten und Bauern, Erhard Auer, provisorischer bayerischer Ministerpräsident, Vereinigte Staaten von Deutschland, Sozialistenkongress in Bern, Mord an Eisner, Graf von Arco, Erika Maria Lankes, Ruth Oppl, Wolfram P. Kastner, Wolfram Kastner, Etienne Francois, Hagen Schulze, Erinnerungsort, Schauplatz der Geschichte in Bayern
Arbeit zitieren
Stephanie Dose (Autor:in), 2012, Die Kurt-Eisner-Gedenkplatte. Erinnerungsorte in München, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266937

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