Der Exorzismus. Geschäft mit dem Glauben?

"In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben" (Mk 16, 17)


Hausarbeit, 2011

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Erschaffung und Symbolik des Teufels

3. Geschichtliche Entwicklung der Dämonenlehre

4. Die Kirchenlehre über Teufel und Dämonen

5. Systematisierung der Exorzismenpraktiken: Das Rituale Romanum
5.1. Typen von Exorzismen
5.2. Der Exorzismus aus medizinischer Sicht

6. Der Fall von Anneliese Michel

7. Exkurs: Die Philosophie des Bösen

8. Zusammenfassung

9. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Exorcizo (lat.): (abwehrend) beschwören; (von bösen Geistern) befreien

Exorcismus (urspr. gr.): Beschwörung der bösen Geister

Bereits in unserer Kindheit wird vermittels der Märchen den uralten Konflikt zwischen „Gut“ und „Böse“ tief im europäischen Bewusstsein verwurzelt: der heilige Georg gegen den Drachen, Merlin gegen Morgan, Schneewittchen gegen die böse Stiefmutter usw. Das “Compendium of the Catechism of the Catholic Church” gibt folgende Definition für Exorzismus: „When the Church asks with its authority in the name of Jesus that a person or object be protected against the power of the Evil One and withdrawn from his dominion, it is called an exorcism. This is done in ordinary form in the rite of Baptism. A solemn exorcism, called a major exorcism, can be performed only by a priest authorized by the bishop.” [1] Die Dämonenlehre des Judentums und Christentums definiert den Exorzismus ausdrücklich als Beschwörung gegen böse Geister bzw. gegen den Teufel.

Das größte Problem beim Exorzismus ist seine Grundvoraussetzung: der Glaube, dass böse Geister existieren, dass sie die Menschen kontrollieren bzw. beeinflussen können und dass ein Besessener durch herausbeschwörende Praktiken geheilt werden kann. Es steht fest, dass Exorzismus ein bedeutender Aspekt der Weltanschauung des frühen Christentums ist. Heutzutage tendiert die Forschung dazu, den Teufelaustreibungen eine wesentliche Rolle bei der erfolgreichen Verbreitung des Christentums zuzuschreiben. Exorzismus wird als ein sehr effizientes Method der christlichen Mission und dem Propaganda definiert[2]. In unserer Zeit ist das Exorzistenamt wieder präsent und durchaus aktuell, der Exorzist wird auch oft als eine Art Psychotherapeut verkauft. So harmlos das zu klingen vermag, sieht die Realität etwas anders aus.

Die vorliegende Arbeit soll die Frage erläutern, wie die Exorzismuspraktiken sich im gesamten kirchlichen Konzept hineinfügen und wie sie aus theologischer und philosophischer Sicht erklärt werden können. Ein sehr wichtiger Aspekt ist die aktuelle Verbreitung von Exorzismen und die Stellungnahme dazu bzw. ihre Akzeptanz. Die Exorzismen dienen der Festigung der Autorität von der Katholischen Kirche. Dieses war besonders notwendig am Anfang der Verbreitung des Christentums und zum zweiten Mal in der Frühneuzeit (16. Jahrhundert), als Teufelaustreibungen und Hexenjagd stark vertreten sind. Gegen die Kirche vorzugehen wurde gleich damit gleichgesetzt, gegen Gott selbst vorzugehen. Auch heute stellt sich die Problematik der Exorzismuspraktizierung und die Stellungnahme der katholischen Kirche besonders akut dar angesichts der umstrittenen Todesfällen, die im Folge von Teufelaustreibung vorkommen.

2. Erschaffung und Symbolik des Teufels

Es sind einige Thesen, die die Präsenz des Teufels in unserer Vorstellungen zu erkären versuchen. Erstens, der Manichäismus und ein Teil der Gnosis besagen, dass der Teufel vom Anfang an als Gegner Gottes existiert, bzw. sie werden zu derselben Zeit erschaffen. „Teufel“ wird somit zu einem Begriff, der das ursprüngliche Böse bezeichnet. Laut einer zweiten These wird Satan von Gott als Teufel geschaffen (Lehre von Laktanz, ca. 250-317). Demzufolge sind beide Jesus und Satan Söhne Gottes. An dritter Stelle kommt die These, dass Gott Satan als Engel geschaffen hat, der zu einem Zeitpunkt selber seine Verdammnis verursacht ( im s.g. „Fall der Engel“). Viertens wird der Teufel als Kind von Adams erster Ehe mit Lilith angesehen. Eine fünfte These bietet der Islam an: Satan ist hier kein Gegner Gottes, sondern ein Widersacher des Menschen. Die höchste Versuchung, in die der Teufel den Menschen führt, ist die Gotteserkenntnis. Wenn der Mensch Gott erkennen würde, würde er selber diabolisch. Mythen können nie auf eine Einheit reduziert werden, sie beruhen immer auf Differenz. Diese Differenzierung zielt nicht auf die Vernichtung eines von zweien, sie dient zur Bestätigung des Einzigkeitsanspruch des (guten) Gottes[3]. Durch den Exorzismus wird die Verfolgung des Bösen zu einer Erscheinungsform des Bösen selbst[4].

Der Mythos vom Teufel ähnelt die Mythen des Drachen, der Schlange, des Hüters der Tor (des Ungeheuers) und nähert sich der Symbolik des Verschließens bzw. der verschließenden Achse. Wenn der Mensch diese Achse überquert, bedeutet das entweder Fluch oder Segen, er wird zum Opfer des Teufels oder zum Gottes Auserwählten. Der Teufel symbolisiert alle Kräfte, die das Bewusstsein verwirren und es zu Regression vorantreiben, die letztendlich zum Zentrum der Finsternis führt. Seine tierische Gestalt deutet auf den Fall des Geistes hin. Seine Aufgabe ist es, dem Menschen die Gottes Gnade zu entziehen. Jesus hat dann im Gegensatz das Ziel, durch den Kreuz die Gnade wieder den Menschen zurückzubringen, sodass sie über die Freiheit, ihr Leben selber zu gestalten, wieder verfügen können. Die Dämonen- gottähnliche Kreaturen- werden ursprünglich mit Gottes Willen und dem Schicksal des Einzelnen gleichgesetzt. Im Laufe der Zeit wird dann das Wort für niedrigere Gottheiten benutzt und zum Schluss- für die bösen Geister[5].

3. Geschichtliche Entwicklung der Dämonenlehre

Exorzismus ist nicht nur im Christentum verbreitet, er gehört zu den Grundformen europäischer Dualismen und ist in vielen Religionen vertreten[6]. In der Religion Babylons hat der Dämonenglaube zentrale Stellung. Dabei ist vieles von den Sumerern übernommen. In Babylonien und Assyrien werden Dämonen nicht für die Sünden, sondern für die Krankheiten verantwortlich gemacht. Der böse Geist dringt durch Mund oder Ohr in den Menschenkörper ein. Jede Krankheit ist also eine Art von Besessenheit, die mit einem bestimmten Dämon in Verbindung gebracht wird. Man unterscheidet aber auch zu der Zeit auch echte Besessenheit, die bei Tieren ebenfalls vorkommt. Die Symptome beim Menschen sind Ängste, Schreien, Schlaflosigkeit, verwirrtes Sprechen, Halluzinationen und tierähnliches Verhalten. Durch Pflanzen an der Tür, durch das Tragen von Ringen und Amuletten versucht man sich gegen die Dämonen abzuwehren. Wenn diese Maßnahmen nicht helfen, muss der Priester-Artz den Dämon austreiben. Hauptmerkmal der Prozedur ist das Vorlesen verschiedener Dämonennamen, sodass der anwesende erkannt werden kann. Nur wer den richtigen Namen kennt, hat die die Kontrolle über den Geist. Der Priester muss dann den Dämon zu einem Tier senden, das nachher getötet wird, oder in einen Wasserkessel, der zerbrochen wird. Hilfsmittel bei der Zeremonie sind Tierhaare, Federn (Rabe), Meteorsteinchen, Pflanzen (Lorbeer) u.ä.[7]

Im Zoroastrismus existiert ein böser Geist namens Angra Mainyu (der spätere Ahriman), der als Verführer der Menschen gilt und der die Daevas, die Dämonen erschaffen hat. Die Daevas wohnen in unreinen Tieren- Mäusen, Schlangen, Fröschen u.a.- aber auch in Menschen, die Davana- dämonisch besessen- genannt werden. Als Abwehrmaßnahme gelten alle mögliche Reinigungen. Sowohl das Feuer als auch bestimmte Tiere (Esel, Hund, Hahn) stoßen die unreinen Geister ab. Dazu kommen noch der Name des großen Gottes Ahuramazda und Texte aus heiligen Büchern. Jährlich wird eine Zeremonie veranstaltet, bei der massenhaft Dämonenaustreibungen stattfinden[8].

In Griechenland ist eine Dämonologie vor der Mitte des 4. Jhs. v. Chr. nicht vorhanden. Der Begriff „Dämon“ im Sinne von bösem Geist ist nicht bekannt, und vor Platon bedeutet das Wort „ Daimon “ „Mittelwesen zwischen Göttern und Menschen“. Bei Homer hat „daimon“ fast dieselbe Bedeutung wie „theos“ (Gott), aber es kommt auch in Fällen vor, wo die Aktion des Gottes im Vordergrund kommt, und nicht seine Person. Nach Homer werden weiter individuelle Götter mit dem Begriff bezeichnet, aber auch das Schicksal. Seit Hesiod ( 8. Jh. v.) werden auch die Seelen der Toten oft mit „daimon“ bezeichnet. Das Wort steht also im Vorhellenismus allgemein für „das Göttliche“. Von den Göttern kann aus altgriechischer Sicht sowohl Gutes als auch Böses ausgehen, zum Beispiel verursachen bestimmte Gottheiten Wahnsinn, dieselbe können aber diesen auch heilen. Die Nutzung von „daimon“ für „Schicksal“ und „übermenschliche Kräfte von niedrigerem (göttlichen) Rang“ entwickelt langsam die Wortbedeutung im Sinne von „Mittelwesen“, das zwischen Göttern und Menschen steht. Gelegentlich kommt auch die Nebenbedeutung „böser Geist“. Xenokrates, Schüler von Platon, schreibt als erster, dass die Dämonen sich in „guten“ und „bösen“ verteilen. Die Gleichstellung von „daimon“ und „böser Geist“ erfolgt aber erst im Christentum unter orientalischen Einflussen[9].

Eine ausgeprägte Dämonologie gibt es im Alten Testament nicht, da es nach dem Motto geschrieben ist: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben vom ganzen Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“[10]. Eine Verbindung zwischen Satan und den Dämonen ist im AT auch nicht vorhanden. Abwehrmaßnahmen werden ebenfalls nicht beschrieben. In den nachexilischen Bücher des AT wird bemerkbar, dass alles Böse gottfeindlichen Mächten zugeschrieben wird. Der Satan wird oft mit den Dämonen in Verbindung gebracht als Gegner Gottes und als Verführer der Menschen zur Sünde[11].

[...]


[1] Quelle: Compendium of the Catechism of the Catholic Church, http://www.vatican.va/archive/compendium_ccc/documents/archive_2005_compendium-ccc_en.html

[2] Twelftree, Graham H.: In the Name of Jesus. Exorcism among Early Christians, Michigan US 2007, S. 25-26.

[3] Röttgers, Kurt: Teufel und Engel, Bielefeld 2005, S. 10-13.

[4] Röttgers, S. 15 (Anm. 3).

[5] Chevalier, J./ Gheerbrant, A.: Dictionnaire des Symboles, Paris 1991, S. 262; 307-309.

[6] Aichelin, Helmut: Dämonenglaube und Exorzismus: Stellungnahmen und Perspektiven, Orientierungen und Berichte Nr. 5, EZW, Stuttgart IX/1976 (pdf-Datei, Quelle www.ezw-berlin.de), S. 7.

[7] Cornelis van Dam, Willem: Dämonen und Besessene. Die Dämonen in Geschichte und Gegenwart und ihre Austreibung, Aschaffenburg 1970, S. 7-9.

[8] Cornelis van Dam, S. 9-10 (Anm. 7).

[9] Cornelis van Dam, S. 10-12.

[10] 5 Mose, 6,4.

[11] Cornelis van Dam, S. 16 (Anm. 7).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Exorzismus. Geschäft mit dem Glauben?
Untertitel
"In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben" (Mk 16, 17)
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V266967
ISBN (eBook)
9783656577430
ISBN (Buch)
9783656577393
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exorzismus
Arbeit zitieren
Galina Delcheva (Autor), 2011, Der Exorzismus. Geschäft mit dem Glauben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266967

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