Das Motiv der Gerechtigkeit in Dürrenmatts Tragikomödie "Der Besuch der alten Dame"


Seminararbeit, 2012

18 Seiten, Note: 13,2

Sebastian Jähring (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gerechtigkeit nach allgemeinem Verständnis

3. Gerechtigkeitsauffassungen in der Tragikomödie
3.1 Claire Zachanassian
3.2 Das Güllener Kollektiv.

4. Der mythologische Bezug
4.1 Die Göttin Medea
4.2 Die Moire Klotho
4.3 Die Ödipus-Sage
4.3.1 Parallelen zu der Frauengestalt der Sphinx
4.3.2 Die Entwicklung des Alfred Ill zum tragischen Helden

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“ verhalf dem Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt zum internationalen Durchbruch. Seit der Uraufführung 1956 hat das Stück an Aktualität nichts verloren und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit.[1]

Entstanden in der Zeit des Wirtschaftswunders der 50er Jahre, thematisiert das Stück die damit verbundenen Auswüchse in Form des moralischen Verfalls, die Ohnmacht der kulturellen Traditionen vor der neuen „Geldmacht“ und die damit verbundene Korrumpierbarkeit der Gesellschaft.[2]

Dürrenmatt bezeichnet sich selbst als Diagnostiker, nicht als Therapeut.[3] Er hinterlässt ein irritiertes Publikum, ohne letztendlich Lösungsvorschläge auf die aufgezeigten gesellschaftlichen Probleme zu präsentieren. Die Zuschauer selbst sollen damit zum Nachdenken und zur kritischen Reflexion der angeführten Probleme angeregt werden.

In diesem Zusammenhang warf Dürrenmatt auch die Frage nach Recht und Gerechtigkeit auf, ein in seinen Werken immer wiederkehrendes zentrales Motiv.

Dieses Motiv wird in der hier vorliegenden Seminararbeit genauer untersucht. Dabei gilt es zunächst, den Gerechtigkeitsbegriff nach allgemeinem Verständnis unter Einbezug psychologischer Betrachtungen zu erläutern. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die verschiedenen Gerechtigkeitsauffassungen in der Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“. Unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit werden auch die im Werk enthaltenen mythologischen Bezüge untersucht. Den Abschluss bildet ein kurzes Fazit.

2. Gerechtigkeit nach allgemeinem Verständnis

Die literarischen Motive der Gerechtigkeit und Rache spielen in Dürrenmatts Werk „Der Besuch der alten Dame“ eine bedeutende Rolle.[4] „Geradezu inflationär beruft man sich in der tragischen Komödie auf die ´Gerechtigkeit´.“[5] Doch ist auffallend, dass der Begriff von Jeder der Hauptfiguren, sei es Claire Zachanassian, Alfred Ill oder das Güllener Kollektiv, ganz unterschiedlich instrumentalisiert wird.

Bevor auf diese unterschiedlichen Gerechtigkeitsvorstellungen eingegangen wird, erfolgt zunächst eine Klärung des Begriffs „Gerechtigkeit“ nach allgemeinem Verständnis. Hierfür werden neben der humanistischen Sicht psychologische Aspekte betrachtet sowie die Ansichten des Autors Friedrich Dürrenmatt zu Recht und Gerechtigkeit erläutert.

Aus dem humanistischen Standpunkt betrachtet ist Gerechtigkeit eine „Tugend, die das Recht eines jeden achtet und jedem das Seine gewährt.“[6] Nach dem Verständnis eines durchschnittlichen Menschen assoziiert dieser also mit Gerechtigkeit eine größtmögliche Vermeidung von Benachteiligung und eine angemessene Bestrafung für eine begangene Tat.

Platon zählte Gerechtigkeit zu den Kardinaltugenden, „neben Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung.“[7] Weiterhin wird Gerechtigkeit als Ideal und Leitbild betrachtet; sich an diesem zu orientieren gilt als eine der „wesentlich ständigen Aufgaben des mündigen Menschen“.[8]

Erich Fromm, ein deutsch-US-amerikanischer Psychoanalytiker, schrieb dem Menschen ´ein elementares Gerechtigkeitsgefühl´ zu, „daß [sic] aus einem tief eingewurzelten Gefühl für die existenzielle Gleichheit aller Menschen stammt“.[9]

So hat nach dem kanadischen Psychologen Melvin Lerner jeder Mensch „das Bedürfnis, in einer gerechten Welt zu leben, in der jeder bekommt, was er verdient.“[10] Auftretende Ungerechtigkeiten sind eine Bedrohung für die Wahrnehmung dieser gerechten Welt. Der Mensch ist nun bestrebt, den ursprünglichen Glauben an eine gerechte Welt wiederherzustellen.[11]

Diese Wiederherstellung kann von zwei Arten beeinflusst werden. So kann man neben der immanenten Gerechtigkeit, welche die Überzeugung beschreibt, dass allem Unrecht die Strafe unmittelbar auf dem Fuße folgt, die ultimative Gerechtigkeit anführen. Diese beschreibt die Zuversicht, dass alle Ungerechtigkeiten in einem gewissen zeitlichen Rahmen wieder ausgeglichen werden. Irgendwann werden alle Bösen angemessen bestraft.[12] Dieser ultimativen Gerechtigkeit schloss sich auch die alte Dame Claire Zachanassian an.

Die Wiederherstellung der Gerechtigkeit und die Bestrafung der Bösen werden nach Ansicht des Autors Friedrich Dürrenmatt von Recht und Gesetz als unzureichend dargestellt. Korruption und Machtmissbrauch kennzeichnen ein Versagen der gerichtlichen Institutionen. Aus diesem Versagen heraus entwickelte Dürrenmatt in zahlreichen Werken Figuren, die eine ´private Gerichtsbarkeit´ betreiben und somit Selbstjustiz üben. Eine typische Verkörperung solcher Selbstjustiz stellt Claire Zachanassian dar. Dabei ist das Ziel dieser Figuren nicht das Erreichen einer allgemeinen Gerechtigkeit, sondern eher die Verwirklichung persönlicher Interessen. Gerechtigkeit wird nur im persönlichen Verständnis der jeweiligen Figuren geübt. Durch dieses Greifen zur Selbstjustiz setzen sich diese Personen letztendlich selbst ins Unrecht.[13]

[...]


[1] Vgl. Wahl, J.: Lektürehilfen Friedrich Dürrenmatt „Der Besuch der alten Dame“, S. 5.

[2] Vgl. ebenda, S. 5.

[3] Wunderlich, D.: Hintergrundinformationen zu Buch- und Filmtipps: Friedrich Dürrenmatt, S.1.

[4] Vgl. Wahl, J., a. a. O., S. 68.

[5] ebenda, S. 68.

[6] Kuhr, R.: Humanistische Aktion: Definitionen: Stichwort Gerechtigkeit.

[7] Wirtschaftsethik SS 2007 (Zsf. Teil 4), Vogt 16: Ethische Maßstäbe: Gerechtigkeit.

[8] Kuhr, R., a. a. O.

[9] Maes, J.: Psychologische Überlegungen zu Rache, S. 10 f.

[10] ebenda, S. 11.

[11] Vgl. ebenda, S. 11.

[12] Vgl. ebenda, S. 12.

[13] Vgl. Wahl, J., a. a. O., S. 68 f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Gerechtigkeit in Dürrenmatts Tragikomödie "Der Besuch der alten Dame"
Hochschule
Fachhochschule der Sächsischen Verwaltung Meißen
Note
13,2
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V267007
ISBN (eBook)
9783656576228
ISBN (Buch)
9783656576174
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Der Besuch der alten Dame, Gerechtigkeit, Gerechtigkeitsauffassung, Friedrich Dürrenmatt
Arbeit zitieren
Sebastian Jähring (Autor), 2012, Das Motiv der Gerechtigkeit in Dürrenmatts Tragikomödie "Der Besuch der alten Dame", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267007

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