In der Vorrede des Schauspiels „Die Räuber“ wird deutlich, dass Schiller mit diesem Text nicht allein das Ziel verfolgt, sein Publikum zu unterhalten. Er versteht sich vielmehr als „Menschenmaler“, der bestrebt ist, eine „Kopie der wirklichen Welt zu schaffen“ und die menschliche „Seele gleichsam bei ihren geheimsten Operationen [zu] ertappen“.
Der Autor steht zum Zeitpunkt der Niederschrift des Stücks am Ende seines Medizin-studiums an der herzoglichen Militärakademie in Stuttgart. In dieser Hausarbeit soll gezeigt werden, dass sich Schillers Überzeugungen als Anthropologe und philosophischer Arzt in seinen Figuren widerspiegeln. Hierzu bietet es sich an, Vergleiche zu seiner ersten und seiner dritten Dissertation („Philosophie der Physiologie“ und „Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“ ) zu ziehen.
Besonders an der Figur des Franz scheint sich die Abwendung von Descartes Leib-Seele-Verständnis am Ende des 18. Jahrhunderts und die Entstehung einer psycho-somatischen Medizin ablesen zu lassen. Zudem stellt sich die Frage, ob Schiller am Negativbeispiel des Franz seine Ablehnung des Materialismus begründen will, an dem er Franz scheitern lässt.
Schiller geht in seinem Schauspiel immer wieder auf den maßgeblichen Einfluss der äußeren Umstände ein, die das Subjekt zwischen tierischer und göttlicher Bestim-mung schwanken lassen. Dies gilt sowohl für Franz als auch ganz besonders für sei-nen Bruder Karl, dessen Position zwischen „Vieh und Engel“ eines der Hauptmotive des Textes ist. Somit soll auch gezeigt werden, dass das Schauspiel den von Ale-xander Košenina beschriebenen Wandel vom Tat- zum Täterstrafrecht , der sich während der Entstehungszeit vollzog, erkennen lässt. Aus diesem Grund scheint es sinnvoll, die historischen Quellen, auf die sich der Autor des Stücks bezieht, zu untersuchen.
In „Die Räuber“ ist außerdem der Einfluss der Physiognomik als Teil der damaligen anthropologischen Lehre zu bemerken. Der von Wolfgang Riedel festgelegte Stand-punkt Schillers zwischen Lavater und Lichtenberg soll näher betrachtet werden.
Insgesamt soll herausgestellt werden, dass Schillers Schauspiel den Menschen in seiner Gesamtheit zu erfassen sucht und folglich ein Musterbeispiel für die literarische Anthropologie ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Leib-Seele-Verhältnis
1.1 Probleme des cartesianischen Substanzdualismus
1.2 Der influxus physicus
1.3 Franz als Negativbeispiel eines Materialisten nach dem Vorbild La Mettries?
2 Kriminalität
2.1 Wandel vom Tat- zum Täterstrafrecht: Suche nach dem „Stempel des göttlichen Ebenbilds“ selbst bei dem „Lasterhaftesten“
2.1.1 Karl als Opfer „Unglückliche[r] Konjunkturen“
2.1.2 Franz’ „große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein“
2.2 Historische Studien: Authentische Kriminalfälle als Grundlage des literarischen Schaffens
3 Physiognomik
3.1 Schiller zwischen Lavater und Lichtenberg
3.2 Physiognomie in „Die Räuber“
Zielsetzung & Themen
Die Hausarbeit untersucht, inwiefern sich Friedrich Schillers anthropologische und philosophische Überzeugungen, die er als Mediziner während seines Studiums entwickelte, in den Charakterzeichnungen und Motiven seines Schauspiels „Die Räuber“ widerspiegeln. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie Schiller durch die literarische Gestaltung seiner Figuren eine kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen philosophischen Strömungen wie dem Materialismus und den Theorien zum Leib-Seele-Verhältnis führt.
- Analyse des Leib-Seele-Verhältnisses im Kontext des cartesianischen Dualismus und der Influxionisten.
- Untersuchung von Schillers Auseinandersetzung mit dem französischen Materialismus am Beispiel der Figur des Franz Moor.
- Erforschung des Wandels vom Tat- zum Täterstrafrecht durch die literarische Darstellung krimineller Charaktere.
- Recherche zu den realhistorischen Quellen und Kriminalfällen als Basis für die Darstellung des Räubermilieus.
- Betrachtung des Einflusses der physiognomischen Debatte zwischen Lavater und Lichtenberg auf die Gestaltung der Figuren.
Auszug aus dem Buch
1.3 Franz als Negativbeispiel eines Materialisten nach dem Vorbild La Mettries?
Der Arzt und Philosoph La Mettrie ist bestrebt, Descartes mechanistisches Menschenmodell konsequent zu Ende zu denken. Er kommt zu dem Schluss, dass nicht nur die Körperfunktionen, sondern auch die geistigen Vorgänge und das gesamte Seelenleben mechanische Ursachen haben.
L´homme machine (1748), Lamettries bekanntestes Werk, kann man als den Versuch betrachten, Metaphysik und Theologie von ihrem Thron zu stoßen und die Wissenschaft vom Menschen und mithin von der Seele einzig und allein auf die Medizin zu gründen.
Er äußert sich derart provokant, dass die bekanntesten Philosophen sich genötigt sehen, sich öffentlich von ihm zu distanzieren, da sie befürchten, dass seine Schriften der Immoralität Vorschub leisten und die gesellschaftlichen Strukturen gefährden. Dabei verfolgt La Mettrie wie viele seiner Zeitgenossen das anthropologische Ziel der psycho-physischen Menschenkenntnis. Die Art und Weise, wie er dabei vorgeht und die Schlussfolgerungen, die er zieht, führen jedoch dazu, dass „Der bloße Name Lamettrie […] in Deutschland zum Schreckenswort“ wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Leib-Seele-Verhältnis: Dieses Kapitel erörtert Schillers philosophisch-medizinische Position gegen den cartesianischen Substanzdualismus und seine Ablehnung einer rein materialistischen Weltauffassung.
2 Kriminalität: Hier wird der historische Wandel vom Tat- zum Täterstrafrecht beleuchtet und analysiert, wie Schiller soziale Ursachen für Verbrechen und das Schicksal seiner Protagonisten literarisch verarbeitet.
3 Physiognomik: Das Kapitel untersucht Schillers ambivalentes Verhältnis zu den physiognomischen Lehren seiner Zeit und deren Anwendung auf die äußere und charakterliche Gestaltung seiner Hauptfiguren.
Schlüsselwörter
Literarische Anthropologie, Friedrich Schiller, Die Räuber, Leib-Seele-Verhältnis, Influxus physicus, Materialismus, La Mettrie, Täterstrafrecht, Kriminalpsychologie, Physiognomik, Lavater, Lichtenberg, Menschenbild, Philosophischer Arzt, Aufklärung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Hausarbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die Verbindung zwischen Schillers medizinisch-philosophischen Dissertationen und seinem Schauspiel „Die Räuber“, insbesondere hinsichtlich der Darstellung des Menschen als Einheit von Körper und Geist.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind das Leib-Seele-Problem, die philosophische Auseinandersetzung mit dem Materialismus, die Entwicklung der Kriminalpsychologie und die zeitgenössische Debatte über die Physiognomik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Schiller seine anthropologischen Erkenntnisse als Arzt nutzte, um seine dramatischen Figuren differenziert zu gestalten und eine gesellschaftskritische Perspektive auf Kriminalität und menschliche Natur zu formulieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung von Schillers theoretischen Schriften sowie historischer Quellen und Forschungsliteratur zur Ideengeschichte des 18. Jahrhunderts.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Leib-Seele-Verhältnisses, die Analyse von Kriminalität unter Berücksichtigung realhistorischer Akten und die physiognomische Charakterisierung der Figuren.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselbegriffen zählen die literarische Anthropologie, der Influxus physicus, das Täterstrafrecht sowie der Vergleich der Kontrahenten Lavater und Lichtenberg.
Inwiefern spielt der Materialismus von La Mettrie eine Rolle?
La Mettrie dient als Negativbeispiel; Schiller nutzt die Figur des Franz Moor, um die aus seiner Sicht unmoralischen und entmenschlichenden Konsequenzen einer konsequent materialistischen Weltanschauung darzustellen.
Wie bewertet die Arbeit die Verbindung zwischen Karl Moors Kriminalität und seiner Natur?
Die Arbeit interpretiert Karl Moor als jemanden, dessen kriminelles Verhalten durch das Gefühl der Ungerechtigkeit und den Entzug väterlicher Anerkennung ausgelöst wird, was ihn zwischen seine „tierische“ Natur und seine moralischen Ideale geraten lässt.
- Quote paper
- Sandra Montorro (Author), 2010, Schillers Räuber im Kontext der literarischen Anthropologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267021