Schillers Räuber im Kontext der literarischen Anthropologie


Hausarbeit, 2010

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Leib-Seele-Verhältnis
1.1 Probleme des cartesianischen Substanzdualismus
1.2 Der influxus physicus
1.3 Franz als Negativbeispiel eines Materialisten nach dem Vorbild La Mettries?

2 Kriminalität
2.1 Wandel vom Tat- zum Täterstrafrecht: Suche nach dem „Stempel des göttlichen Ebenbilds“ selbst bei dem „Lasterhaftesten“
2.1.1 Karl als Opfer „Unglückliche[r] Konjunkturen“
2.1.2 Franz’ „große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein“
2.2 Historische Studien: Authentische Kriminalfälle als Grundlage des literarischen Schaffens

3 Physiognomik
3.1 Schiller zwischen Lavater und Lichtenberg
3.2 Physiognomie in „Die Räuber“

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der Vorrede des Schauspiels „Die Räuber“ wird deutlich, dass Schiller mit diesem Text nicht allein das Ziel verfolgt, sein Publikum zu unterhalten. Er versteht sich vielmehr als „Menschenmaler“, der bestrebt ist, eine „Kopie der wirklichen Welt zu schaffen“ und die menschliche „Seele gleichsam bei ihren geheimsten Operationen [zu] ertappen“.[1]

Der Autor steht zum Zeitpunkt der Niederschrift des Stücks am Ende seines Medizinstudiums an der herzoglichen Militärakademie in Stuttgart. In dieser Hausarbeit soll gezeigt werden, dass sich Schillers Überzeugungen als Anthropologe und philosophischer Arzt in seinen Figuren widerspiegeln. Hierzu bietet es sich an, Vergleiche zu seiner ersten und seiner dritten Dissertation („Philosophie der Physiologie“[2] und „Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“[3] ) zu ziehen.

Besonders an der Figur des Franz scheint sich die Abwendung von Descartes Leib-Seele-Verständnis am Ende des 18. Jahrhunderts und die Entstehung einer psychosomatischen Medizin ablesen zu lassen. Zudem stellt sich die Frage, ob Schiller am Negativbeispiel des Franz seine Ablehnung des Materialismus begründen will, an dem er Franz scheitern lässt.

Schiller geht in seinem Schauspiel immer wieder auf den maßgeblichen Einfluss der äußeren Umstände ein, die das Subjekt zwischen tierischer und göttlicher Bestimmung schwanken lassen. Dies gilt sowohl für Franz als auch ganz besonders für seinen Bruder Karl, dessen Position zwischen „Vieh und Engel“[4] eines der Hauptmotive des Textes ist. Somit soll auch gezeigt werden, dass das Schauspiel den von Alexander Košenina beschriebenen Wandel vom Tat- zum Täterstrafrecht[5], der sich während der Entstehungszeit vollzog, erkennen lässt. Aus diesem Grund scheint es sinnvoll, die historischen Quellen, auf die sich der Autor des Stücks bezieht, zu untersuchen.

In „Die Räuber“ ist außerdem der Einfluss der Physiognomik als Teil der damaligen anthropologischen Lehre zu bemerken. Der von Wolfgang Riedel festgelegte Standpunkt Schillers zwischen Lavater und Lichtenberg[6] soll näher betrachtet werden.

Insgesamt soll herausgestellt werden, dass Schillers Schauspiel den Menschen in seiner Gesamtheit zu erfassen sucht und folglich ein Musterbeispiel für die literarische Anthropologie ist.

1 Leib-Seele-Verhältnis

Die große Bedeutung, die der junge Schiller dem Zusammenhang von Körper und Geist beimisst – dieses Thema ist immerhin Gegenstand zweier seiner drei Doktorarbeiten – macht deutlich, dass er sich als philosophischer Arzt versteht. Er fühlt sich der neuen Wissenschaft Anthropologie verpflichtet, die bestrebt ist, den Menschen als physische und psychische Einheit zu begreifen. Dieses Ansinnen formuliert Schiller präzise in der Danksagung an den Herzog, welche er der Arbeit „Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“ voranstellt:

Ein Arzt, dessen Horizont sich einzig und allein um die historische Kenntnis der Maschine dreht, der die gröberen Räder des seelenvollsten Uhrwerks nur terminologisch und örtlich weißt, kann vielleicht vor dem Krankenbette Wunder tun, und vom Pöbel vergöttert werden; - aber Eure Herzögliche Durchlaucht haben die Hippokratische Kunst aus der engen Sphäre der mechanischen Brotwissenschaft in den höheren Rang einer philosophischen Lehre erhoben.[7]

Aus dieser Passage lässt sich auch schließen, dass der angehende Arzt sich gegen das mechanische Körperbild René Descartes verwehrt. Dieser legt aus historisch nachvollziehbaren Gründen sein Augenmerk auf die Gesetzmäßigkeiten, auf denen die physischen Funktionen beruhen und drängt dabei die Bedeutung der Psyche in den Hintergrund. Um verstehen zu können, welchen Einfluss dieses Thema auf Schillers Schauspiel „Die Räuber“ hat, scheint es erforderlich, auf das philosophische Problem genauer einzugehen.

Descartes bricht im 17. Jahrhundert mit dem traditionellen aristotelischen Leib-Seele-Verständnis. In der Folgezeit werden seine radikal neuen Ideen für die Medizin von großer Bedeutung sein. Er wendet sich strikt von den zu seiner Zeit geläufigen Vorstellungen der Philosophie des Geistes ab.

Karl Rothschuh legt in der Einleitung zu seiner Übersetzung von Descartes „Traité de homme“ dar, dass in dem anerkanntesten physiologischen Lehrbuch der Zeit – „Universa medicina“ von John Fernell – jede Körperfunktion auf ein bestimmtes Vermögen der Seele zurückgeführt wird.[8] Diese facultates animae dienen Fernell zur Erklärung aller körperlichen Vorgänge: „Die Vermögen sind die Ursache der Funktionen; diese – z. B. die Atmung – sind zugleich Werkzeug und ausführendes Instrument.“[9]

Descartes empfindet Fernells Lehre in diesem Punkt als vollkommen unzulänglich. Man muss an die Fähigkeiten der Psyche glauben, ohne klare Erkenntnisse über die tatsächlichen Funktionen zu gewinnen. Deshalb trennt er streng zwischen res cogitans, der Vernunft des Menschen, mit der er von Gott ausgerüstet worden ist, damit er sich selbst und die Natur erkennen kann und der res extensa. Die res extensa ist die Materie aller belebten und unbelebten Körper, die den Naturgesetzen unterliegt. Damit ebnet er den Weg zu einer differenzierten, rationalen und wissenschaftlichen Erforschung des menschlichen Körpers.

In der cartesischen Physik und Physiologie geht es darum, die Erscheinungen der organischen und anorganischen Welt aus dem gleichen Ansatz, den gesetzlichen Bewegungen von Partikeln und den Anhäufungen von ihnen zu erklären. Alle diese Bewegungen folgen den Dekreten Gottes, den Naturgesetzen.[10]

Zwischen belebten und unbelebten Dingen besteht folglich kein grundsätzlicher Unterschied mehr. Der antiken Vorstellung nach unterscheiden sich alle Lebewesen von den rein materiellen Körpern dadurch, dass sie im Gegensatz zu letzteren eine Seele haben. Descartes negiert diese traditionelle Auffassung: Nur der Mensch verfügt mit seiner res cogitans über dieses göttliche Seelenwerkzeug, gehört jedoch in seiner körperlichen Beschaffenheit zur materiellen Welt.

1.1 Probleme des cartesianischen Substanzdualismus

Da Descartes eine strenge Trennung von immaterieller Seele und materiellem Körper postuliert, ergibt sich aus seiner Theorie eine Schwierigkeit, die ihm selbst bewusst ist und jene, die sich ihm verpflichtet fühlen, in der Folgezeit zu verschiedenen Erklärungsversuchen nötigt: Körper und Geist müssen auf irgendeine Art miteinander in Verbindung stehen. Die res cogitans kann die res extensa in Bewegung versetzen, und auch die Dinge der materiellen Welt müssen einen Weg in unser Bewusstsein finden. Die Frage lautet: Wie kann etwas Immaterielles Einfluss auf die Materie nehmen und umgekehrt? Dies widerspricht Descartes mechanischen Gesetzen. Deshalb lässt er diesen Punkt, wie es scheint, bewusst offen; die Kohärenz der cartesischen Mechanik wäre durch die Annahme gefährdet, die Psyche könne den Körper bewegen: „Die cartesische Mechanik kennt nur die Richtungsänderung eines Körpers A durch einen Körper B, dessen m∙v größer als das von A ist; das m∙v der Seele kann nur gleich Null sein.“[11]

Okkasionalistische Richtungen des Cartesianismus sehen die Lösung des Pro-blems in einer göttlichen Vermittlung zwischen Leib und Seele. Die Influxionisten wiederum lehnen diese Erklärung ab. Sie gehen von einem natürlichen, d. h. den Naturgesetzen unterliegenden Einfluss der Psyche auf den Körper aus: dem influxus physicus.

Jene Theorie weist auch der Seele, die bei Descartes allein auf den Verstand begrenzt wurde, wieder ein größeres Spektrum zu. Emotionen und Intuition sind wieder Bestandteile des Seelenlebens.

Dass Schiller zu den Influxionisten zählt, wird bereits in seiner ersten Dissertation „Philosophie der Physiologie“, von der nur ein Fragment erhalten ist, deutlich. Er spielt in dieser Arbeit vier ihm bekannte Lösungsansätze[12] zum Zusammenhang von Leib und Seele durch, die er daraufhin alle zugunsten einer influxionistischen Erklärung verwirft.

1.2 Der influxus physicus

„Als influxionistisch bezeichnet man diejenigen Erklärungsversuche […] nur dann, wenn sie sich außerdem als Gegenposition zum Occasionalismus verstehen und mithin dessen Existenz voraussetzen.“[13] Schiller erfüllt diese Anforderung, indem er eine klare anti-okkasionalistische Stellung bezieht.

[...]


[1] Friedrich Schiller: Die Räuber. Ein Schauspiel. Stuttgart: Reclam 1992 (=RUB, 15). S. 3.

[2] In: Friedrich Schiller. Werke und Briefe in 12 Bänden. Hrsg. von Otto Dann u. a. Band 8. Theoretische Schriften. Hrsg. von Rolf-Peter Janz. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1992 (= Bibliothek Deutscher Klassiker, 78). S. 37-57.

[3] Ebd. S. 119–163.

[4] Friedrich Schiller: Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen. In: Friedrich Schiller. Werke und Briefe in 12 Bänden. Hrsg. von Otto Dann u. a. Band 8. Theoretische Schriften. Hrsg. von Rolf-Peter Janz. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1992 (= Bibliothek Deutscher Klassiker, 78). S. 130.

[5] Alexander Košenina: Literarische Anthropologie. Die Neuentdeckung des Menschen. Berlin: Akademie Verlag 2008, S. 62.

[6] Wolfgang Riedel: Die Anthropologie des jungen Schiller. Zur Ideengeschichte der medizinischen Schriften und der „Philosophischen Briefe“. Würzburg: Königshausen & Neumann 1985. S. 142-151.

[7] Friedrich Schiller: Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen. In: Friedrich Schiller: Theoretische Schriften. S. 120.

[8] Karl E. Rothschuh: Einleitung. In: René Descartes: Über den Menschen (1632) sowie Beschreibung des menschlichen Körpers (1648). Übersetzt von Karl E. Rothschuh, Heidelberg: Lambert und Schneider 1969. S. 14ff.

[9] Ebd. S. 19.

[10] Ebd. S. 15.

[11] Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer. Bd. 4: I – K. Basel: Schwabe & Co. 1976. Sp. 355.

[12] Wolfgang Riedel geht auf alle diese Erklärungsversuche genau ein. Es handelt sich um den Lösungsansatz von der Undurchdringlichkeit des Geistes, den monistischen der französischen Materialisten, den okkasionalistischen und den monadologischen von Leibniz. Für diese Arbeit sind nur der okkasionalistische und der monistische von Belang. Wolfgang Riedel: Die Anthropologie des jungen Schiller. S.71 f.

[13] Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 4: I - K, Sp. 355.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Schillers Räuber im Kontext der literarischen Anthropologie
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Kulturwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V267021
ISBN (eBook)
9783656572343
ISBN (Buch)
9783656572374
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die schriftliche Hausarbeit geht zunächst im ersten Kapitel (S.4-11) auf das den anthropologischen Vorstellungen zugrunde liegende Leib-Seele-Verhältnis ein und stellt Schiller, den die Verfasserin im Einklang mit der Forschung als "philosophischen Arzt" versteht, in den Kontext des Gegensatzes zwischen Okkasionalismus und Influxionismus, um die Hauptfigur Franz Moor mit Bezügen auf La Mettrie als negativ gewendeten philosophischen Arzt beschreiben zu können.[...] Insgesamt liegt eine gut informierte Hausarbeit vor, die zeigt,dass sich die Verfasserin gründlich und intensiv eingearbeitet hat.
Schlagworte
Schiller, Die Räuber, Leib-Seele-Verhältnis, Schillers Dissertationen, La Mettrie, Physiognomik, Lavater, Lichtenberg, Okkasionalismus, Influxionismus, philosophischer Arzt
Arbeit zitieren
Sandra Montorro (Autor), 2010, Schillers Räuber im Kontext der literarischen Anthropologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267021

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