Analyse einer filmischen Adaption: Alice im Wunderland von Tim Burton im Vergleich zu den Büchern von Lewis Carroll


Seminararbeit, 2013

53 Seiten, Note: 1-2

Pia Weiler (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Regisseur Timothy Walter Burton

3. Handlung
3.1 Adaptionen zur Literaturvorlage
3.2 Figuren im Film
3.3 Produktionstechnik

4. Gender und Medien
4.1 Die Entwicklung der Frau ab dem 19. Jahrhundert
4.2 Die moderne Frau von heute

5. Filmanalyse

6. Methode

7. Ergebnisse
7.1 Identitätsfragen
7.2 Infragestellung gesellschaftlicher Werte

8. Fazit

9. Figurenverzeichnis

10. Abbildungsverzeichnis

11. Tabellenverzeichnis

12. Literaturverzeichnis

13. Anhang

Anhang 1: Sequenzprotokoll

Anhang 2: Einstellungsprotokoll

1. Einleitung

„>Alice im Wunderland< wird von allen Kennern zu den Meisterwerken der Weltliteratur gezählt“ (Carroll 1973: o.S.).

Alice im Wunderland, der englische Originaltitel lautet Alice´s Adventures in Wonderland, bezaubert noch heute Jung und Alt. Der Brite Charles Lutwidge Dodgson, geboren 1832 in Daresbury, gab sich das Pseudonym Lewis Carroll als Autor des erstmals 1865 erschienen Kinderbuches. Schon an seinem Künstlernamen ist sein Hang zu Wortspielen zu erkennen: „Lewis“ ist die anglisierte Form von „Lutwidge“, „Carroll“ wiederum ist abgeleitet vom lateinischen „Carolus“ uns bedeutet auf englisch „Charles“. Dodgson war bekannt als eigenbrötlerischer Dozent, er war Professor für Mathematik und beschränkte seine heiteren Momente auf die mit Kindern (vgl. Gardner 2000: o.S.). Er liebte es, mit seinem Freund und Karikaturist seiner Bücher, John Tenniel, das Theater zu besuchen, was beide bedeutend prägte (vgl. Foulkes 2005: 58). Tenniel trug durch seine Zeichnungen entscheidend zum Ruhm Carrolls Bücher bei, obwohl sie im Gegensatz zu Carrolls Geschichte eher nüchtern wirken.

Er erfand die Geschichte hauptsächlich, um die drei kleinen Töchter des Oxforder Dekans Liddell - Lorina, Alice und Edith Liddell - bei einer Bootsfahrt auf der Themse zu unterhalten (vgl. Carroll 1990: o.S.). Vor allem Alice Pleasance Liddell hatte es ihm angetan. In seiner Freizeit fotografierte er gerne andere junge Mädchen, bekleidet sowie nackt, was ihm jedoch nur selten erlaubt wurde (vgl. Universität Kiel 2012: 1). Ihm gefiel es, Personen und Orte in seine Literatur miteinzubeziehen (vgl. Foulkes 2005: 53). Aus diesem Grund schrieb er an Weihnachten 1864 für das kleine Mädchen Alice eine Geschichte namens Alices Abenteuer unter der Erde (vgl. Universität Kiel 2012: 1).

Ein Jahr später veröffentlichte er die Erzählung mit Illustrationen von John Tenniel unter dem Namen Alice im Wunderland. Hier lässt Carroll die vorhandenen Ordnungssysteme von Alice durch die eigene Logik der verrückten BewohnerInnen des Unterlandes zusammenbrechen.

Rasch entwickelte sich das Buch noch zu Carrolls Lebzeiten zu einem Klassiker und bekam Leser wie Oscar Wilde und Königin Viktoria (vgl. Carroll 1973: o.S.). In England hat die Kinderliteratur eine weitaus bedeutsamere Stellung als in Deutschland. „Die englischsprachige Forschung sieht Kinderliteratur charakterisiert durch eine asymmetrische Kommunikationssituation (Die Bücher werden von Kindern gelesen, aber in aller Regel von Erwachsenen geschrieben.), eine Zwitterstellung zwischen dem literarischen und dem pädagogischen System einer Kultur und das Thema der Identitätssuche“ (Universität Kiel 2012: 3). Viele wichtige LiteratInnen, wie die emanzipierte Virginia Woolf und James Joyce, bezogen sich auf die Alice-Bücher. Auch heute sind sie noch sehr beliebte Traumerzählungen aus dem nonsense Bereich und bieten eine Grundlage für viele Weiterentwicklungen, zum Beispiel im Theater, im Filmbereich und Comics. Die Unterscheidung vom Märchen liegt vor allem in der Verwendung von Paradoxien, Rätseln und Wortspielen, womit die gewohnten Denkkategorien aufgehoben werden (vgl. Wilpert 1997: 33).

1898 starb Carroll an einer Bronchitis (vgl. Gardner 2000: o.S.).

Da es sich um einen weltweit verbreiteten Klassiker handelt, bietet es sich an, dieses Buch und seine Geschichte genauer zu untersuchen, vor allem in Bezug auf seine Hauptfigur von damals zu heute, da in der Zeit von mehr als 100 Jahren sich das Frauenbild rasant verändert hat. Wie hat sich das Gesellschaftsbild, vor allem durch die Medien, verändert? Welche Adaptionen gibt es? Wieso ist die Geschichte so besonders? Bis heute entwickelte sich diese Geschichte durch ihre unterschiedlichen Regisseure/Regisseurinnen und SchriftstellerInnen, die jeweils andere Blickwinkel auf die Rolle der Frau warfen, weiter. Für die „Frau von heute“ gibt es zwar keine genaue Definition, jedoch wird versucht, durch eine Analyse Klarheit über das moderne Frauenbild zu verschaffen. Hinzu kommt das Arbeiten mit Animationen, womit es heutzutage uneingeschränkte Darstellungsmöglichkeiten gibt. Vor allem die hier analysierte filmische Adaption aus dem Jahr 2010 von Timothy Burton gilt als Vorreiter in Bezug auf visual effects.

Die Arbeit konzentriert sich nur auf bedeutende Adaptionen der Kindergeschichte, ausgehend vom Film Alice im Wunderland in 3D aus dem Jahr 2010 von Tim Burton, der hauptsächlich mit den Büchern Alice im Wunderland aus dem Jahr 1973 (vgl. Carroll 1973:11ff.), 1990 (vgl. Carroll 1990: 13ff.) und dessen Nachfolger Alice hinter den Spiegeln (Carroll 1974: 15ff.) verglichen wird. Da es eine limitierte Anzahl an Seiten gibt, in der diese Seminararbeit fertig gestellt werden soll, wird auf eine tiefgehende Analyse verzichtet.

Aus diesen Gründen lautet die sich daraus entwickelte Forschungsfrage folgendermaßen:

Inwiefern besitzt die Hauptfigur Alice im Film „Alice im Wunderland“ aus dem Jahr 2010 Eigenschaften der Frau von heute gegenüber der Alice aus den Büchern „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ und mit welchen Herausforderungen hat sie zu kämpfen?

Das Ziel der Arbeit ist es, die Unterschiede der gesellschaftlichen Darstellung aufzuzeigen, die die Geschichte in ihren 145 Jahren durchlaufen hat. Ebenso soll das moderne Frauenbild anhand der Hauptfigur Alice gezeigt werden. Durch ein Einstellungs- sowie ein Sequenzprotokoll soll dem/-r LeserIn die Fantasy-Verfilmung näher gebracht werden, sodass er/sie den Handlungsfortgang nachvollziehen kann. Nachdem die Figur der Alice sowohl im Film, als auch in den Büchern genau untersucht wurde, wird versucht, durch die Einbeziehung von Theorie und eigener Empirie, ein Resümee über die damaligen und heutigen Geschlechterverhältnisse zu ziehen.

2. Regisseur Timothy Walter Burton

Timothy „Tim“ Walter Burton, einer der bekanntesten Regisseure der Welt, wurde am 25. August 1958 in Burbank, Kalifornien, geboren (vgl. Burton 2013: o.S.). Außer Filmregisseur ist er begeisterter Schauspieler, Autor und Produzent, hauptsächlich für dunkle Werke wie Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche, Sweeney Todd, Dark Shadows, Batmans Rückkehr und Charlie und die Schokoladenfabrik. Er gewann mehrere Awards für seine Meisterwerke, zum Beispiel den goldenen Löwen 2007 auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig für sein Lebenswerk.

Seinen ersten Film drehte er mit 13 Jahren, bei dem sein zeichnerisches Talent entdeckt wurde. Folgend studierte er durch ein Stipendium der Disney-Studios Trickfilmkunst am California Institute of the Arts. Der Durchbruch gelang ihm 1988 mit Beetlejuice (vgl. Burton 2013: o.S.) . 2001 traf er bei Dreharbeiten seine heutige Lebensgefährtin, die britische Schauspielerin Helena Bonham Carter – die im analysierten Film die Rolle der Roten Königin spielt – mit der zwei Kinder hat. Der Patenonkel beider Kinder ist sein langjähriger Freund und Lieblingsschauspieler Johnny Depp, der die Rolle des verrückten Hutmachers in Alice im Wunderland übernimmt.

Die hier analysierte US-amerikanische Fantasy-Verfilmung von 2010 erschließt durch seine Produktionstechnik eine ganz neue Ära. Burton lehnt sich an Motive der Originale von Alice im Wunderland 1865 und Alice hinter den Spiegeln 1871 (vgl. Foulkes 2005: 56) von Lewis Carroll an. Obwohl sich Carroll 1863 mit den Liddells aus unbekanntem Grund zerstritten hatte, spielt auch in seinem Nachfolger Alice hinter den Spiegeln Alice die Hauptfigur, da sogar dieses Zerwürfnis ihrer Freundschaft keinen Abbruch tat (vgl. Schimmelpfennig 2009: 3). Ähnlichkeiten in der Umsetzung gibt es hier mit Steven Spielbergs Hook, einer Neuverfilmung von Peter Pan, die ebenfalls in einer Traumwelt spielt (vgl. Peter Pans heitere Abenteuer 1953: o.S.). Der Film hat sich bei Burton von einem Kinderfilm zu einem Jugend- und Erwachsenenfilm entwickelt. Er schafft eine psychedelische 3D-Welt mit hintergründiger Verrücktheit und versucht so, die literarische nonsense Sprache Carrolls einzubringen; typisch für Burton, der, wie Carroll, das Groteske liebt. Auch hier ist eine Beziehung der realen Welt und der Traumwelt zu erkennen, eines seiner beliebten Stilmittel. Die Erzählung ist deutlich an die heutigen RezipientInnen gerichtet, die sich vermehrt die Frage der Identitätsfindung stellen. Es gibt keine absurden, unmöglichen Träume mehr, sie werden definiert von den täglichen Sitten und Regeln.

Von seinen Geschichten sagt Burton selbst:

All these kinds of stories, whether it be „Der Zauberer von Oz“ [Herv.d.Verf.] (1939) or „Alice im Wunderland“ [Herv.d.Verf.] (2010/I), are an internal journey. I think that's a fairly universal concept. These characters represent things inside the human psyche. I think that's what every child does. You try to work out problems as you go along. Same thing as an adult. Some people get therapy, some people get to make movies (Burton 2013: o.S.).

3. Handlung

Um einen guten Überblick zu schaffen, und die Analyse richtig zu verstehen, bietet es sich an, die Handlung des Films zu beschreiben. Der Film aus dem Jahr 2010 ist 108 Minuten lang und setzt sich aus verschiedenen Handlungssträngen zusammen. Er besitzt den typischen Aufbau eines Fantasy-Dramas: Alice nimmt die Heldenfigur ein, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen muss, um das Land von dem Bösen, der Roten Königin, zu befreien.

Ein kleines Mädchen namens Alice wacht jede Nacht auf, da sie immer den gleichen Albtraum hat und sich in einem merkwürdigen Land befindet.

13 Jahre später befinden sich die 19-jährige Alice und ihre Mutter auf dem Weg zu einer viktorianischen Festlichkeit, bei der Alice´s Verlobung geplant ist. Als Hamish, Sohn der Ascots, um ihre Hand anhalten will, flieht sie und folgt einem weißen Kaninchen. Sie fällt in ein tiefes Loch und erreicht einen Saal, der aus vielen verschlossenen Türen besteht. Durch ein kleines Törtchen, beschriftet mit „Iss mich“ und einem Trunk mit der Aufschrift „Trink mich“ erlangt sie unterschiedliche Körpergrößen. Dieses Stilmittel wiederholt sich mehrmals im Film, sie ist entweder zu groß oder zu klein für eine bestimmte Aufgabe. Währenddessen fragen sich die BewohnerInnen des Unterlandes, ob sie die „richtige Alice“ sei, da sie sich nicht mehr an ihren letzten Besuch im Wunderland erinnern kann. Als sie endlich den Schlüssel in das richtige Schlüsselloch gesteckt hatte, öffnet sich eine Tür und sie entdeckt die wunderbare Welt des Unterlandes, das sie als kleines Kind Wunderland nannte. Mit einigen BewohnerInnen des Unterlandes macht sie sich auf den Weg zur Raupe Absolem, der nur die Auskunft geben kann, dass er sie nicht als „richtige Alice“ erkennen kann. Als sie jedoch das Orakel befragen, sehen sie, dass es Alice ist, die mit dem Schwert der Weißen Königin gegen den Jabberwocky am lang ersehnten Blumertag antreten wird.

Gestört wird die Erkundung des Unterlandes durch eine Truppe der Roten Königin mit dem Bandersnatch, die auf der Suche nach Alice sind, um sie zu fangen. Etwas verwundet macht sich Alice mit Hilfe der Grinsekatze auf den Weg zum verrückten Hutmacher. Dort werden sie erneut von der bösen Königin überrascht. Der loyale Hund Bayard verrät Alice nicht in ihrem guten Versteck. Dann begeben der Hutmacher und das Mädchen sich auf den Weg zur Weißen Königin, der gutmütigen Schwester der kleinen Roten Königin mit dem großen Kopf. Währenddessen wird der Hutmacher von der Roten Königin gefangen genommen, Alice kann jedoch durch den Hut des Hutmachers auf die andere Seite des Flusses gelangen und macht sich mit Hund Bayard, entgegen der Prophezeiung, auf den Weg zur Roten Königin. Durch ihre, durch ein Törtchen erlangte Größe, nimmt die böse Rote Königin sie in ihr Reich auf, das von dubiosen Kreaturen mit überdimensionalen Körperteilen bestimmt ist. Alice versucht, die Gefangenen, wie Diedeldum und Diedeldei, durch die Besänftigung des Bandersnatch zu befreien, da bei ihm das Schwert der Weißen Königin versteckt ist. Der Hutmacher versucht währenddessen, seiner Hinrichtung zu entkommen. Aufgrund eines Fehlers der Haselmaus wird Alice´s wahre Identität bekannt. Mit Bayard und dem Bandersnatch flieht sie zum Schloss der Weißen Königin, die sie schon sehnsüchtig erwartet. Konfrontiert mit der Aufgabe, am Blumertag den Jabberwocky zu töten, gerät Alice in einen Konflikt, da sie niemandem etwas zu leide tun möchte.

Im Hof der Roten Königin begibt sich der Hutmacher zu seiner Hinrichtung, doch aufgrund einer Abmachung mit der Grinsekatze, die das Verdampfen beherrscht, entkommt er seinem Schicksal und löst, durch die Enthüllung der angeklebten Körperteile der AnhängerInnen der Roten Königin, ein Chaos aus. Mit allen anderen Gefangenen macht er sich auf den Weg zur Weißen Königin.

Als nun alle bereit für die Schlacht sind, und Alices Erinnerungen an den ersten Besuch durch Absolem wiederbelebt wurden, beschließt sie, doch gegen den Jabberwocky anzutreten. Gerüstet macht sie sich auf den Weg und tritt ihr Schicksal gegen die schreckliche Kreatur an. Sie enthauptet den Drachen, und die Krone geht auf die Weißen Königin über, die ihre Schwester mit ihrem Herz-Buben ins Exil verbannt.

Durch das getrunkene Blut des Jabberwocky gelangt Alice wieder zurück zur viktorianischen Festlichkeit von Lady Ascot und lehnt aufgrund gemachter Erfahrungen den Heiratsantrag ab. Die Geschichte endet, indem Alice in die Lehre bei einem Handelsunternehmen eintritt, um dort die Pläne ihres verstorbenen Vaters, durch ihre Pläne erweitert, fortzuführen.

3.1 Adaptionen zur Literaturvorlage

Interessant ist, dass in der literarischen sowie der filmischen Adaption es weitaus mehr Personen gibt, als in der Version von Tim Burton. Die meisten Figuren übernahm Tim Burton so, wie sie im Buch Alice im Wunderland von Lewis Carroll 1973 beschrieben wurden. Eine generelle Eigenschaft aller Figuren ist, dass sie sprechen können. Nur der Igel und die Affen fallen aus diesem Schema. Sogar das Pferd vom Herz-Buben, das keine wichtige Position besitzt, kann sprechen. Dazu kamen Figuren, wie Diedeldum und Diedeldei, beziehungsweise Zwiddeldum und Zwiddeldei, und die Königinnen aus Alice hinter den Spiegeln (vgl. Carroll 1974: 30ff.). Der Hund Bayard jedoch kommt in keinem der beiden Bücher vor. Die Rote Königin wird im Fantasy-Film zusammen gesetzt aus der Königin der Herzen aus dem Original Alice im Wunderland und der Roten Schachkönigin aus dem Nachfolger Alice hinter den Spiegeln. Ihre Diener setzen sich zusammen aus Affen, Schweinen, Fisch- und Froschlakaien, die sich hauptsächlich in ihrem Schloss aufhalten. Die ausrückende Truppe besteht aus Spielkartensoldaten und dem Herz-Buben, der je nach Aufenthaltsort die Farbe seiner Augenklappe ändert. Die Weiße Königin wurde aus Alice hinter den Spiegeln übernommen. Schachfiguren aus dem zweiten Buch Alice hinter den Spiegeln bieten die Grundlage für die Armee der Weißen Königin.

Außer Alice, ihrer Mutter und ihrer Schwester sind die restlichen Figuren erfunden. Im Kinderfilm von 1951, sowie im Buch von 1973, spielt die kleine Katze Dina von Alice eine wichtige Rolle (vgl. Alice im Wunderland 1951: o.S.). In der 3D-Adaption wurde sie jedoch weggelassen. Die generelle Handlung jedoch, dass Alice dem weißen Kaninchen folgt, sie dann in ein Loch stürzt, und in einer wunderbaren Traumwelt ankommt, ist identisch. Das Kaninchen dient in Alice im Wunderland sowie in Alice hinter den Spiegeln als roter Faden, der die reale und die fiktive Welt verbindet. In der Adaption von Tim Burton dient ebenfalls die Raupe Absolem als Weltenverbinder. Hinzu kommen zum Beispiel das Ei Humpty Dumpty und das Walross und der Zimmermann, die im Kinderfilm gezeigt werden (vgl. Alice im Wunderland 1951: o.S.). Als, im Film, der Hutmacher bei der Königin angestellt ist, hängen in seinem Zimmer Bilder der Falschen Suppenschildkröte, sowie des Walrosses und im Thronsaal der Roten Königin stellt die Wandbemalung den Greif dar. Die lyrischen Elemente werden ebenfalls weggelassen, wodurch der Film epischer wirkt.

Natürlich werden bei der filmischen Adaption einige Sätze aus den Originalbüchern übernommen, jedoch sprechen die Figuren auch in moderner Sprache.

Neben filmischen Adaptionen hat der Name auch Anbindung in der Medizin: Das Alice-im-Wunderland-Syndrom bezeichnet eine Person, die ihre äußere Umwelt meist zu klein oder zu groß wahrnimmt (vgl. Demattio 2006: 4).

In Bezug auf filmische Adaptionen ist die Liste unendlich. Oft werden nur Teile der Geschichte übernommen, oder sie wird weitererzählt, wie zum Beispiel bei Dreamchild (Internet Movie Database 2013: o.S.). Einige Figuren aus dem Film Batman lehnen sich ebenfalls stark an die Alice im Wunderland Figuren an. Wobei gesagt werden kann, dass auch die Liste der anderen Adaptionen lang ist. Sie reicht von Tanzstücken über Comics, Computerspiele, Lieder und sogar pornographische Inhalte.

Den meisten Adaptionen ist jedoch gemein, dass sie alle auf eine disziplinierende, anti-literarische Moral ansprechen: Man solle sich nicht zu weit von der eigenen realen Welt entfernen. Auch bei Peter Pan kann dieses Phänomen beobachtet werden (vgl. Peter Pans heitere Abenteuer 1953: o.S.). Die Traumwelt ist eine Art Fluchtwelt, doch nachdem das Böse besiegt wurde, steht der Weg in die reale Welt offen. Der Sprung ins Erwachsenwerden kann demnach nicht verhindert werden.

Im Folgenden ein Auszug aus einer Liste von Filmadaptionen (vgl. Wikipedia 2013: o.S.):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Auszug einer Liste von Filmadaptionen

3.2 Figuren im Film

Ein ähnliches Bild wie Dorfmann und Mattelart hat Jens Eder (2008: 12) von der fiktiven Figur im Film. Alice ist zwar eine reale Person, aber sie ist umgeben von erfundenen Wesen. Diese haben eine hohe kulturelle Bedeutung, da sie zur Vermittlung von Menschenbildern, Identitätskonzepten und der individuellen Selbstverständigung beitragen. Disneyland bedient diesen Wunsch der Gesellschaft; es vergnügt sie in der Maske der Fantasie durch ihre Fabelwesen (vgl. Dormann/Mattelart 1977: 154). Die Figuren dienen als „Zentren der Identifikation“ (Eder 2008: 13), sie fungieren als Leitbild oder ekelerregendes Beispiel, vermitteln neue Sichtweisen oder bestätigen Stereotype. Zum Beispiel dient das weiße Kaninchen als positive Leitfigur, die den/die Rezipienten/-in durch den Film begleitet, im Gegensatz zum Herz-Buben Ilosovic Stayne, der als Negativbeispiel dient.

Um einen Film genau zu verstehen, müssen seine Figuren genau betrachtet werden. Sie sind der zentrale Faktor, auch im Produktionsprozess (vgl. Eder 2008: 13). Anders als in der Literatur, muss es im Film eine handelnde Figur geben, die spezifischer als jede sprachliche Kennzeichnung ist (vgl. Eder 2008: 19). Bei der Rezeption eines Films konzentriert man sich meist auf die dargestellten Wesen. Ihre „imaginative Vergegenwärtigung bildet die Grundlage für komplexere Formen der Figurenrezeption“ (Eder 2008: 162). Regisseure/-innen drehen und ihre ZuschauerInnen verarbeiten die gesehenen Bilder und Töne, indem sie diese um ihren eigenen Informationsbestand erweitern und somit die gesehene Aktion auf ihre Weise interpretieren (vgl. Eder 2008: 708). Da jede Person unterschiedliche Erfahrungswerte besitzt, wird der Film auf unterschiedliche Weise empfunden und interpretiert.

Um einen genaueren Überblick über die herausstechenden Elemente des Films zu bekommen, werden im Folgenden einige Figuren aufgelistet und analysiert, die im Bezug auf die Entwicklung der Hauptfigur oder der Geschichte wichtig sind:

Als Alice ihre ersten Erfahrungen im Wunderland macht, wird sie plötzlich von einem Fabelwesen namens Bandersnatch überfallen, siehe Abbildung 2. Er ist Teil eines nonsense Gedichts von Lewis Carroll aus dem Buch Alice hinter den Spiegeln (vgl. Carroll 1974: 23f.). Obwohl er nicht unter diesem Namen in den Büchern aufgeführt wird, ist es wohl diese flinke Kreatur mit angsteinflößenden Krallen. Bei der filmischen Adaption aus dem Jahre 2010 ist es eine katzenartige, runde Figur, dessen Hinterteil von Dinosauriern übernommen wurde. Sein Fell hat die Struktur eines Geparden; auf weißem Fell befinden sich schwarze Punkte. Er besitzt einen großen Kopf mit mehrreihigen Zähnen und einer großen langen Zunge. Er ist eine wichtige Figur für den Film, da er die einzige Figur ist, die im Laufe des Films von der bösen zur guten Seite wechselt.

Der Dodo-Vogel entstand wohl aus einer Sprachschwäche des Autors. Er stotterte oft, so wurde aus seinem Nachnamen „Dodgson“ oft „Do-do-dodgson“ (vgl. Carroll 1990: o.S.). „Dodo“ wurde daraufhin sein Spitzname, und war die Grundlage für den Dodo-Vogel.

Eine weitere wichtige und interessante Figur im Film ist die Grinsekatze, zu sehen auf Abbildung 3. Sie ist auch bekannt unter den Namen Edamer Katze, Edamer Mieze, Grinser und Cheshire Cat (vgl. Carroll 1973: 65). Sie ist eine getigerte, grau-türkise Katze mit blauen Augen. Da sie im düsteren Tulgey Wald wohnt, hat ihr Fell einen ständigen blauen Schleier, der sie magisch erscheinen lässt. Ihr englischer Name entstammt dem Geburtsort Carrolls, Daresbury, der im County Cheshire liegt. Auf diesen Ausdruck bezieht sich die englische Redewendung „Someone is grinning like the Cheshire Cat“ (jemand grinst wie ein Honigkuchenpferd). Dieser Ausdruck kann nicht direkt ins Deutsche übersetzt werden, da andere Kombinationsstrukturen im Englischen vorherrschen. Christian Enzensberger musste die Botschaft anders codieren, jedoch verliert die Botschaft dadurch eventuell seine ursprüngliche Intention. Woher die Redewendung genau stammt, ist unklar. Eine Möglichkeit ist, dass der Name vom englischen Käse Chester Käse kommt, da er früher die Form einer Katze hatte. Gegrinst hat sie, da die Grafen dieses Bezirks keine Steuern zahlen mussten und der Käse normalerweise von hinten nach vorne gegessen wurde, sodass das Grinsen das letzte Stück war, was verspeist wurde (vgl. Princeton o.J.: o.S.).

Eine andere Begründung könnte ein zeitgenössischer Maler gewesen sein, dessen Schilder laut der BewohnerInnen keine, wie ursprünglich beabsichtigt, Löwen zeigten, sondern Katzen (vgl. Princeton o.J.: o.S.). Im Kinderbuch Alice im Wunderland wird für ihr Grinsen keine Begründung gegeben:

‚Ach, würden Sie mir bitte sagen’, begann Alice ein wenig zaghaft, denn sie wußte nicht genau, ob es sich gehörte, zuerst zu sprechen, ‚warum Ihre Katze so grinst?’ ‚Es ist eine Edamer Katze’, sagte die Herzogin [...] ‚Ich wußte gar nicht, dass Edamer Katzen ständig grinsen; oder vielmehr: es ist mir neu, dass Katzen überhaupt grinsen können.’ ‚Können tun es alle’, sagte die Herzogin; und die meisten machen es auch.’ ‚Ich weiß von keiner, die es macht’, sagte Alice sehr höflich und ganz erfreut darüber, dass sich eine Unterhaltung angesponnen hatte. ‚Viel weißt du nicht’, sagte die Herzogin; ‚das steht fest.’ (Carroll 1973: 61f., H.i.O.).

Im Nachfolger jedoch, Alice hinter den Spiegeln, schimpft Alice ihre kleine Mieze: „Nun, da brauchst du gar nicht zu lächeln, ich meine das ganz ernst“ (vgl. Carroll 1974: 18), das heißt, Alice weiß nun von der Fähigkeit, dass Katzen grinsen können.

Anfangs ist Grinser nicht recht der guten oder der schlechten Seite zuzuordnen, da sie durch den Lichteinfall, ihre Stimme und ihr ständiges verschmitztes Grinsen unheimlich wirkt. Auch im Kinderbuch von 1973 sieht es Alice vor, die Katze mit Respekt zu behandeln (vgl. Carroll 1973: 65). Durch ihre Rätsel und Wortspiele kann Alice nicht recht aus ihren Antworten lesen. Auch die Verrücktheit des ganzen Unterlandes ist der Grinsekatze bekannt, jedoch handelt es sich hier nicht um eine psychische, sondern um eine intellektuelle Verrücktheit. Sie entspricht einer anderen Logik, als Alice sie vertritt (vgl. Universität Kiel 2012: 3). Ohne ihre Stimme ähnelt sie, durch ihre großen Augen, das kleine Näschen und dem breiten Grinsen, einer liebevollen Katze. Generell kann, auch im Kinderbuch Alice im Wunderland, eine gewisse Grausamkeit festgestellt werden. Die Katze besitzt Wesensmerkmale von Geistern und ruft Trugbilder in Situationen hervor, die vordergründig ausweglos erscheinen (vgl. Wilpert 1997: 33).

In der Szene, in der der Hutmacher zur Hinrichtung gefangen genommen wurde, sagt die Katze ihm, dass sie besessen ist von seinem Hut. Dabei wird sie verrückt und gierig dargestellt (vgl. Alice im Wunderland 2010: o.S.). Da sie die „Kunst des Verdampfens“ (vgl. Alice im Wunderland 2010: o.S.) beherrscht, kann nie ihr genauer Standpunkt ermittelt werden. Auch wenn der Körper der Katze verschwunden ist, bleibt ihr schelmisch grinsendes Maul bis zuletzt sichtbar. Bis zum Ende des Films besteht eine gewisse Unsicherheit im Bezug auf diese Figur.

Der Name „Cheshire Cat“ ist von The Walt Disney Company namensgeschützt.

Am Ende des Films hat Alice die Aufgabe, gegen den gefürchteten Jabberwocky, siehe Abbildung 4, anzutreten und das Land so von der Herrschaft der zynischen Roten Königin zu befreien. Er ist ein schwarzes, drachenartiges Wesen mit großen Flügeln, extra Klauen und wurmartigen, fischähnlichen Fortsetzungen am Kopf. Des Weiteren hat er eine düstere Stimme und speit lila-farbene Flammen.

Die Namen Jabberwocky, Jubjub Vogel und Bandersnatch, allesamt bösartige Fabelwesen der Roten Königin, stammen aus einem Gedicht von Lewis Carroll (vgl. Carroll 1974: 23f.). Es handelt sich hierbei um das Beste nonsense Gedicht der englischen Literatur mit angeschnittenen Worten und Sätzen, die keinen Sinn ergeben, jedoch durch Lautmalereien Assoziationen im Kopf erzeugen (vgl. Universität Kiel 2012: 6). Eine Worterfindung ist zum Beispiel das Wort „mi breirü“ aus dem Film Alice im Wunderland, eine Abkürzung aus den Worten „miese Breitrübe“; ein Synonym für die Rote Königin.

Jabberwocky bezeichnet in der empirischen Sprachwissenschaft eine Sprache, die zwar syntaktisch korrekt ist, inhaltlich jedoch keinen Sinn ergibt. Carroll verwendete logisch-semantische Paradoxien in so meisterhafter Weise, dass sie sogar fester Bestandteil der logischen und philosophischen Literatur geworden sind (vgl. Habicht/Lange 1988: 366f.).

3.3 Produktionstechnik

Alice im Wunderland, ein Film von The Walt Disney Company. Der US-amerikanische Medienkonzern wurde 1923 von Walt und Roy unter dem Namen The Disney Brothers Studio gegründet und konzentrierte sich auf die Zeichentrickfilmproduktion für Kinder (vgl. The Walt Disney Company 2011: o.S.). Eine der ersten produzierten Serien war Alice in Cartoonland. Heute gehören Disney Filme, sowie deren Verkaufsförderung und Themenparks zu den bestimmenden Einrichtungen der Medienwelt (vgl. Bryman 1995: o.S.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Analyse einer filmischen Adaption: Alice im Wunderland von Tim Burton im Vergleich zu den Büchern von Lewis Carroll
Hochschule
Universität Salzburg  (Fachbereich Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Heldenbilder in Comics
Note
1-2
Autor
Jahr
2013
Seiten
53
Katalognummer
V267075
ISBN (eBook)
9783656578864
ISBN (Buch)
9783656578840
Dateigröße
998 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Alice im Wunderland, Tim Burton, moderne Frau, Emanzipation
Arbeit zitieren
Pia Weiler (Autor), 2013, Analyse einer filmischen Adaption: Alice im Wunderland von Tim Burton im Vergleich zu den Büchern von Lewis Carroll, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267075

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