Das Werk Joseph von Eichendorffs wurde und wird häufig mit bestimmten romantischen
Gemeinplätzen in Verbindung gebracht. Gedichte wie ‚Mondnacht’, ‚Nachtzauber’ oder die
Erzählung ‚Aus dem Leben eines Taugenichts’ erscheinen Vielen für sein literarisches
Schaffen besonders charakteristisch zu sein. Daraus werden oftmals einige vermeintlich
prototypische Eigenschaften des Dichters Eichendorff abgeleitet. Hierzu kommentiert Helmut
KOOPMANN1:
Auf das „Romantische“ hat man Eichendorff schon sehr früh festgelegt; Heine hat
ihn bereits in seiner „Romantischen Schule“ nahe an Uhland herangerückt und den
Unterschied zu diesem nur in der „grüneren Waldesfrische und der kristallhafteren
Wahrheit der Eichendorffschen Gedichte“ gesehen. Fontane hat bekannt, wie hoch
auch er den Taugenichts stelle[.] […] Und so zieht sich das Loblied auf den
romantischen Eichendorff weiter durch die Jahrzehnte bis hin in die Gegenwart.
Auch die zeitgenössische Rezension von ‚Schloss Dürande’, das als Auftragsarbeit für das
jährlich erscheinende Taschenbuch ‚Urania’ des Leipziger Buchhändlers Brockhaus 1835/36
entstand, knüpft an Eichendorffsche Klischeevorstellungen an. Die folgenden Auszüge dreier
Rezensionen aus dem Jahre 1836 belegen dies2. Der Autor der Novelle sei nicht nur
romantisch und vor allem poetisch statt inhaltlich ausdrucksstark, sondern auch noch
wirklichkeitsfern und weltfremd:
Eben im Vortrage, nicht im Inhalt, der an allerlei schon Verbrauchtes erinnert, beruht
der eigenthümliche poetische Wert dieser Novelle.
Eichendorff gleicht einem vortrefflichen Landschafter, in so fern er Sonnenauf- und
Niedergang, Mondschein, Waldeinsamkeit, jagende Wolkenbilder, dunkle Nacht,
blauen Himmel recht gut zu malen weiß.
Auch in dieser (Novelle) ist Alles absonderlich, wie bei Eichendorff immer. Liebe,
Leben, Tod, Sprache, Charakteristik, Alles ist seltsam und in seiner Seltsamkeit
poetisch. […] Eichendorff stammt noch aus der Zeit der Brentano und Arnim; die
Lebenswirklichkeit gilt ihm nichts[!]
Ziel dieser Untersuchung ist es, die genannten Stereotype in Bezug auf ‚Schloß Dürande’ zu
widerlegen. Wie noch zu zeigen sein wird, vernachlässigen die zitierten Rezensenten einige
zentrale Aspekte der Novelle. [...]
1 KOOPMANN 1970: 181.
2 Zitiert nach LINDEMANN 1980: 137.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gewitter- und Feuermetapher als vernichtende Revolutionskritik
3. Revolutionskritik auf der Ebene der Figuren
4. Zusammenfassung und Ausblick
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die verbreitete Einschätzung von Eichendorff als wirklichkeitsfremden Autor zu widerlegen, indem sie die tiefgreifende politische Dimension seiner Novelle 'Schloß Dürande' herausarbeitet und aufzeigt, wie Eichendorff eine explizite Kritik an revolutionärem Handeln formuliert.
- Politische Aussage und Revolutionskritik in 'Schloß Dürande'
- Gewitter- und Feuermetaphorik als Leitmotiv
- Charakterisierung der Revolutionäre und ihrer Anführer
- Das Raubtiermotiv in der Darstellung von Revolution und Renald
Auszug aus dem Buch
3. Revolutionskritik auf der Ebene der Figuren
Es ist sicherlich kaum überraschend, dass die Darstellung der Revolutionäre selbst in der Novelle nicht minder negativ ist als die Charakterisierung der Revolution auf der metaphorischen Ebene. Die Beschreibung der Revolutionsanhänger festigt einerseits das Bild von der Revolution als Teufelswerk und erweitert gleichzeitig die negative Attribution um mehrere Bereiche. Es sind vor allem zwei Szenen in ‚Schloß Dürande’, die ein klares Bild von der Personengruppe der Rebellen zeichnen. Das sind die Kneipenszene in Paris und die Schlussszene, in der das Schloß vernichtet wird. Der Besuch des jungen Graf Dürande im verlassenen Kloster ergänzt das Gesamtbild um eine wichtige Nuance. Es ist schließlich wiederum besonders die Schilderung von Renalds Verhalten, die ein letztes bedeutendes Charakteristikum revolutionären Antriebs aufzeigt.
Schon die Einführung des Lebensraums der revolutionären Massen beinhaltet eine negative Wertung und steht im Kontrast zu dem der gehobenen Schichten. Als Renald sich nach Paris begibt, heißt es von der Stadt:
]D]ie Felder standen alle leer, nur von der Stadt her kam ein verworrenes Rauschen über die stille Gegend, daß ihm heimlich schauerte. Er ging nun an prächtigen Landhäusern vorüber durch die langen Vorstädte immer tiefer in das wachsende Getöse hinein, die Welt rückte immer enger und dunkler zusammen, der Lärm, das Rasseln der Wagen betäubte, das wechselnde Streiflicht aus den geputzten Laden blendete ihn; so war er ganz verwirrt […]
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die gängigen romantischen Klischees über Eichendorff dar und setzt sich zum Ziel, diese durch eine politische Analyse von 'Schloß Dürande' zu widerlegen.
2. Gewitter- und Feuermetapher als vernichtende Revolutionskritik: Dieses Kapitel analysiert die zentrale Metaphorik der Novelle, die Revolution als unkontrollierbares und zerstörerisches Naturereignis darstellt.
3. Revolutionskritik auf der Ebene der Figuren: Der Autor untersucht hier die negative Charakterisierung der Revolutionäre, deren Entmenschlichung und deren Darstellung als gottlose sowie gewalttätige Masse.
4. Zusammenfassung und Ausblick: Das Kapitel fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und ordnet Eichendorffs Werk in den Kontext der neueren Forschung ein, die den geschichtsbezogenen Charakter des Autors betont.
5. Bibliographie: Dieses Kapitel listet die für die Untersuchung herangezogene Primär- und Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Joseph von Eichendorff, Schloß Dürande, Französische Revolution, Revolutionskritik, Feuermetapher, Gewittermetapher, Raubtiermotiv, Romantik, politische Botschaft, Literaturwissenschaft, Renald, Graf Dürande, Figurenebene, Metaphorik, Zeitkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Novelle 'Schloß Dürande' von Joseph von Eichendorff, um nachzuweisen, dass das Werk eine explizite politische Dimension besitzt und keine bloß wirklichkeitsferne romantische Dichtung darstellt.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die politische Revolutionskritik in der Novelle, insbesondere durch die Analyse von metaphorischen Leitmotiven und der Charakterisierung der handelnden Figuren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die gängigen Stereotype über Eichendorff – er sei wirklichkeitsfern und weltfremd – zu widerlegen, indem eine detaillierte Auseinandersetzung mit der politischen Aussage von 'Schloß Dürande' aufgezeigt wird.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit verfolgt eine textanalytische Herangehensweise, bei der die poetische Bildsprache sowie die Figurenebene systematisch auf ihre politische Aussagekraft und symbolische Bedeutung hin untersucht werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Gewitter- und Feuermetaphorik als Symbol für die Revolution sowie eine detaillierte Analyse der negativen Darstellung der Revolutionäre und der Figur des Renald.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Eichendorff, Schloß Dürande, Revolutionskritik, Metaphorik, Raubtiermotiv und Zeitkritik.
Welche Rolle spielt die Figur des Renald für die Revolutionskritik?
Renald wird im Verlauf der Novelle durch sein Handeln und seine Wesensveränderung zunehmend mit der zerstörerischen Dynamik der Revolution verschmolzen, wodurch er als mahnendes Beispiel für den Kontrollverlust des Individuums fungiert.
Wie deutet der Autor die Metaphorik von Feuer und Gewitter?
Diese Metaphern werden als zweckgebundene Leitmotive gedeutet, welche die Revolution als zerstörerische, unkontrollierbare Kraft darstellen, die sich am Ende unweigerlich selbst vernichtet.
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- Martin Lehmannn (Author), 2004, Romantischer und wirklichkeitsferner Eichendorff ? Die Darstellung der Revolution in 'Schloß Duerande', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26709