Männersprache, Frauensprache? Geschlechtspräferentieller Sprachgebrauch in Online-Werbetexten


Seminararbeit, 2012
37 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Begründung und Relevanz des Themas
1.2 Allgemeine Vorgehensweise

2. Geschlechtspräferentielles Sprach- und Kommunikationsverhalten
2.1 Ältere und jüngere Forschungen
2.2 Hypothesen zur Frauensprache
2.3 Merkmale des genderspezifischen Sprachgebrauchs
2.3.1 Wie sprechen Frauen?
2.3.2 Wie sprechen Männer?

3. Exemplarische Analyse
3.1 Vorstellung und Begründung des ausgewählten Untersuchungsgegenstandes
Online-Werbetexte
3.2 Werbung, Werbesprache und soziales Geschlecht
3.3 Schwerpunkte und Zielerhebung
3.4 Die exemplarische Analyse
3.4.1 L’Oréal Excellence Creme (9 Hellblond) und Alpecin Tuning Shampoo
3.4.2 Gillette Venus Embrace Rasierer und Gillette Fusion ProGlide Power Rasierer
3.4.3 Jules Mumm und Hasseröder Premium Pils
3.5 Auswertung der Analyse

4. Abschließende Bemerkungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Anhang

Frauen sind ein ganz dekoratives Geschlecht. Niemals haben sie etwas zu sagen, aber das bringen sie ganz reizend heraus.

Oscar Wilde[1]

1. Einleitung

Frauen und Männer unterscheiden sich offensichtlich nicht nur durch ihr biologisches, sondern auch durch ihr soziales Geschlecht, welches als Produkt gesellschaftlicher, genderdefinierter Zuweisungen erachtet werden kann. Die daraus resultierenden Differenzen spiegeln sich in nahezu allen Lebensbereichen wider. „Men are from mars, women are from venus.“[2] proklamiert der amerikanische Paartherapeut John Gray und verdeutlicht mit dieser hyperbolischen Definition, wie vielschichtig different Männer und Frauen sind. Kommen sie von unterschiedlichen „Planeten“, so führt dies zu der logischen Annahme, dass sie auch sich unterscheidende Sprachen sprechen. Diese Form der Darstellung ist selbstverständlich als metaphorisch und provozierend, nicht als wörtlich zu verstehen, denn:

„Frauensprache gibt es natürlich nicht in dem Sinn, dass Frauen eine eigene Sprache sprechen, die Männer nicht verstehen können. Aber wir müssen ein bisschen genauer hinschauen, wie Frauen und Männer, wenn sie zusammen kommunizieren, unterschiedlich reden, wie sie sich unterschiedlich verhalten. Und hier gibt es interessante Forschungsergebnisse.“ (Trömel-Plötz 1982: 15).

Inwiefern diese sprachlichen Unterschiede auch in Online-Werbetexten identifiziert werden können, soll in der exemplarischen Analyse dieser Arbeit näher beleuchtet werden. Gibt es Produktwerbung, für welche genderspezifische Sprachcharakteristika gezielt zur Zielgruppenaktivierung genutzt werden?

1.1 Begründung und Relevanz des Themas

Momentan scheint es nahezu unmöglich, sich dem stetigen Informationsfluss zum Thema „Sexismus“ bzw. „sexuelle Belästigung durch Worte“ zu entziehen. In Zeitschriften, im Internet und auch im Fernsehen werden immer wieder neue, aktuelle Beiträge vorgestellt, in welchen nicht selten die unterschiedlichen Sprech- und Denkweisen von Männern und Frauen aufeinanderprallen. Das wohl bekannteste Beispiel der letzten Monate sind die Vorwürfe gegen FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle, sich einer Stern -Reporterin gegenüber unangemessen über deren Oberweite geäußert zu haben. Was der Politiker als Kompliment empfand, wurde von der Dame und einem relativ großen Teil der Wählerschaft als belästigend und unhöflich gedeutet (vgl. Clauß 2013)[3].

Neben dem geschlechtsspezifischen Sprechverhalten von Männern und Frauen bildet die Werbesprache die zweite große Untersuchungskomponente dieser Arbeit. Werbung und Werbebotschaften scheinen ein fester Bestandteil des Alltags geworden zu sein. Nahezu jede Lebensdomäne ist von Werbung durchdrungen. In der vorliegenden Ausarbeitung sollen mögliche Verbindungen zwischen genderpräferentiellen Kommunikationsverhalten und der Werbesprache aufgedeckt und exemplifiziert werden.

1.2 Allgemeine Vorgehensweise

Wodurch unterscheiden sich also frauen- und männerspezifische Sprechweisen? Welche genderspezifischen Sprachmerkmale sind in der Werbung repräsentiert und welche Funktionen erfüllen sie dort? Die vorliegende Arbeit stellt Bemühungen an, diesen und anderen Fragen zum Thema Männer- und Frauensprache in der Online-Werbung nachzugehen.

Im nachfolgenden Kapitel soll zunächst ein Forschungsüberblick diverse soziolinguistische Untersuchungen verschiedener Vertreter vorstellen. Kapitel 2.3 bildet hierbei eine generalisierte Zusammenfassung genderspezifischer Sprachattribute, welche in einer Art Merkmalskatalog bezüglich ihrer Zugehörigkeit zu den linguistischen Bereichen der Morphologie, der Wortwahl, der Syntax und der Verwendung rhetorischer Mittel kategorisiert werden.

In der sich daran anschließenden exemplarischen Analyse werden sechs Online-Werbetexte, bestehend aus drei Produktpaaren, auf die Verwendung geschlechtspräferentieller Sprachmerkmale untersucht. Zur Verbesserung der Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit der Untersuchungen, werden die Schriftstücke in den Fließtext integriert und mit Zeilennummern versehen. Hier liegt auch der textuelle Umfang der Arbeit begründet. Zusätzlich werden alle Werbetexte, zum Teil mit dazugehörigen Bildelementen, im Anhang als Farbkopien bereitgestellt. Die aus der Analyse resultierenden Ergebnisse werden dann in Kapitel 3.5 präsentiert und zusammengefasst. Abschließend folgt das Fazit der Ausarbeitung.

2. Geschlechtspräferentielles Sprach- und Kommunikationsverhalten

Nach Aufzeichnungen des Engländers Richard Mulcaster[4] konnte bereits im Mittelalter ein differenzierter Sprachgebrauch bezüglich der Aussprache bei Männern und Frauen beobachtet werden (vgl. Key 1975: 14). In ihrem Werk „Einführung in die feministische Sprachwissenschaft“ verweist Ingrid Samel (2000) auf den dominikanischen Autor Wilhelm Breton. Dieser verfasste im 17. Jahrhundert, nach einem längeren Aufenthalt auf den karibischen Inseln, zahlreiche Schriften über den geschlechtsexklusiven Sprachgebrauch in einigen karibischen Stämmen, in welchen Männer und Frauen einer Eingeborenengesellschaft scheinbar verschiedene Sprachen verwendeten (vgl. Samel 2000: 24, Hofmann 2001: 163). Für den weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit ist die von Bodine (1975) proponierte und in der soziolinguistischen Forschung weitestgehend anerkannte Differenzierung zwischen geschlechtsexklusiven und geschlechtspräferentiellen Sprachgebrauch ausschlaggebend. Da sich Ersteres auf das Sprach- und Kommunikationsverhalten außereuropäischer Gesellschaften, häufig geprägt von einer strikten genderspezifischer Rollenverteilung, bezieht, werden sich die folgenden Beiträge dieser Ausarbeitung und der ihr enthaltenen exemplarischen Analyse auf geschlechtspräferentielle Sprechweisen beschränken (vgl. Bodine 1975: 131, Samel 2000: 26, Coates 1998: 7).

Spricht man in der westlichen Welt von Frauen- und Männersprache, so implizieren diese Begrifflichkeiten keineswegs die Existenz zweier eigenständiger, sich unterscheidender Sprachsysteme, sondern „stilistische Variationen, die typischerweise von einem Geschlecht verwendet [bzw. bevorzugt] werden“ (Samel 2000: 26, vgl. Günthner/Kotthoff 1991: 30). Ist im Folgenden also von Frauen- bzw. Männersprache die Rede, so bezieht sich dies auf einzelne sprachliche Variationen, nicht auf die „Sprache als einzelsprachlich ausgeprägtes System von frei geschaffenen, aber konventionell überlieferten Zeichen […]“ (Bußmann 2008: 643f).

Weiterhin entscheidend für den analytischen Teil dieser Arbeit ist die Theorie des doing gender. Geschlechtsspezifische Attribute, so auch Frauen- und Männersprache, müssen als Produkte gesellschaftlicher Modalitäten betrachtet werden. Genderdefinierte Merkmale und auch das Gender selbst sind typisierte, soziale Konstruktionen, welche erzeugt werden, „indem in Interaktionen Geschlechtsunterschiede aktiviert werden“ (Samel 2000: 167). Die Analyse verschiedener Online-Werbetexte soll unter anderem aufzeigen, inwiefern diese Aktivierung in der Werbung vollzogen wird.

2.1 Ältere und jüngere Forschungen

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb der britische Sexualforscher und Sozialreformer Henry Havelock Ellis geschlechtsspezifische Unterschiede im alltäglichen Umgang mit Sprache. Die geschlechtsspezifische Sozialisation von Männern und Frauen sei dafür verantwortlich, dass das „Weib mehr als der Mann Sprachkünstler ist“ (zit. n. Gräßel 1991: 12). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts folgten weitere wissenschaftliche Beiträge von unter anderem James Bradstreet Grenough und George Lyman Kittredge, welche ebenfalls die durch gesellschaftliche Konventionen geförderten geschlechtsspezifischen Interessen als Ursache für das unterschiedliche Sprachverhalten von Frauen und Männern konstatierten. Auch in Bereichen der Sprachphilosophie erhielten geschlechtspräferentielle Sprechweisen Aufmerksamkeit. Differenzen im Sprachverhalten wurden hier meist in Hinblick auf ungleiche Bildung und Lebenserfahrungen von Männern und Frauen betrachtet. Diese Unterscheidung, basierend auf den verschiedenen Domänen, in welchen sich ihre Sozialisation vollzog, schien jedoch in Arbeiterkreisen nahezu gänzlich aufgehoben zu sein, da dort sowohl Frauen als auch Männer einer beruflichen Tätigkeit nachgehen mussten. Somit verlor sich diese Forschungsrichtung, zu welcher auch Fritz Mauthner zu zählen ist, in einer eher schichtspezifischen Sprachbetrachtung (vgl. Gräßel 1991: 49ff, 55).

Als eine der ersten umfassenden Forschungen zu den Unterschieden zwischen der Verwendung von Sprache bei Frauen und der bei Männern kann Otto Jespersens Werk „Die Sprache. Ihre Natur, Entwicklung und Entstehung.“ (1925) erachtet werden. Obgleich er auf phonetischer Ebene keine hervorstechenden Differenzen observieren bzw. belegen konnte (vgl. Jespersen 1925: 228), gelang es dem Sprachwissenschaftler in einer Versuchsreihe mit 25 Studentinnen und Studenten, den Wortschatz, die Wortwahl und die Syntax betreffende Unterschiede aufzuzeigen (vgl. ebd.: 234). In der später folgenden Analyse soll auf diese Aspekte aufgebaut und expliziter eingegangen werden. Jespersen (1975) betrachtete ebenfalls das unterschiedliche Kommunikationsverhalten von Männern und Frauen als logische Konsequenz für die in der damaligen Zeit übliche gesellschaftliche Trennung von Frauen und Männern (vgl. ebd. 230f, 235f). Attribute der Sprachverwendung, welche als typisch weiblich erachtet wurden, waren meist deutlich negativ konnotiert. Aspekte, wie der vermehrte Gebrauch von Verstärkungswörtern sowie eine komplexere Syntax, wurden nicht selten einem angeblich mangelnden Sprach- und Denkvermögen zugrunde gelegt: „[…] weil sie zu sprechen anfangen, ohne das, was sie sagen wollen, auch zu ende zu denken […].“ (Jespersen 1925: 234).

Während ältere Forschungen grundsätzliche Unterschiede in der Sprachverwendung von Männern und Frauen als Resultate geschlechtsspezifischer Sozialisation deuteten, liegt der Fokus in den 1970er Jahren deutlich auf der Untersuchung von Sprachunterschieden und deren Verbindung mit Sexismus und gesellschaftlicher Benachteiligung. Sowohl Mary Ritchie Key (1975) als auch Robin Lakoff (1975) lieferten hierzu erwähnenswerte und gleichsam umstrittene Beiträge (vgl. Gräßel 1991: 17).

Key (1975) stellt in ihren Untersuchungen allgemeine, genderpräferentielle Unterschiede auf der phonologischen, der grammatikalischen und der semantischen Ebene fest (vgl. Key 1975: 61f, 71f). Besonders der häufige Gebrauch von schwachen Ausdrücken wie beispielsweise „irgendwie“ und „bestimmt“ und die Verwendung von Verstärkungswörtern und Superlativen werden in ihrer Arbeit dem typischen Sprachverhalten von Frauen zugeordnet (vgl. Key 1975: 26). Robin Lakoff (1975) formuliert einen allgemeinen Merkmalkatalog für das weibliche Sprach-und Kommunikationsverhalten. Wie auch bereits Key (1975), benennt sie die Verwendung von Abschwächungen und Verstärkungen als typisch für die Sprechweise der Frauen. Weiterhin werden unter anderem Höflichkeit, Mangel an Sprachwitz, die Verwendung von überkorrekten grammatischen Formen, ein höheres Maß an intonationaler Variation und der Gebrauch „leerer“ Adjektive („schön“, „nett“, etc.) als spezifische Charakteristika weiblicher Sprachverwendung aufgeführt (vgl. Lakoff 1975: 56f, Glück 2010: 209).

Sowohl Key (1975) als auch Lakoff (1975) schreiben der Frauensprache[5] eine gewisse Schwäche und Machtlosigkeit gegenüber der Männersprache zu, was ihrer Ansicht nach aus der ungleichen Machtverteilung und der in der Gesellschaft allgemein praktizierten Benachteiligung von Frauen resultiert (vgl. ebd. 59f). Da die Arbeiten beider Autorinnen größtenteils auf eigenen Erfahrungen und nicht auf empirischen Studien beruhen, erfahren sie auch heute noch häufig Kritik. Es wird ihnen auch eine zu strikte Trennung von Frauen- und Männersprache vorgeworfen, da es sich nicht um zwei separate Sprachen, sondern um Unterschiede im Sprechen handelt (vgl. Samel 2000: 37, Johnson 1983: 135).

Die deutsche Linguistin Senta Trömel-Plötz (1982) nahm sich dieser Problematik an. Sie ergänzt die Thesen der beiden amerikanischen Autorinnen, indem sie zum einen Beispiele aus der deutschen Sprache vorstellt und zudem nicht mehr von „Frauensprache“, sondern von einem „weiblichen Register“ spricht (vgl. Trömel-Plötz 1982: 51), da Frauen „[…] bestimmte Gesprächssituationen mit bestimmten Rollen verbinden und hier eine gesellschaftliche Hierarchie angenommen wird“ (ebd.).

Generell lässt sich zusammenfassend bemerken, dass sich zwei Forschungsrichtungen, welche sich mit dem Zusammenspiel von Sprache und Geschlecht beschäftigen, hervorheben: die feministische Sprachforschung, welche Sexismus in der Sprache als primäres Untersuchungsobjekt analysiert, und die Erforschung geschlechtsspezifischer Aspekte im Sprachverhalten von Frauen und Männern. Unter Berücksichtigung des textuellen Umfangs wird im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit Letzteres fokussiert. Zur Vollständigkeit sollen nun im folgenden Kapitel die drei Hypothesen kurz vorgestellt werden, welche sich in der gegenwärtigen Erforschung von Genderlekten gegenüberstehen.

2.2 Hypothesen zur Frauensprache

Die bereits im vorangegangenen Kapitel erwähnten Forschungsbeiträge von Key (1975) und Trömel-Plötz (1982) beinhalten Aspekte der sogenannten Defizithypothese. Diese basiert primär auf der Annahme, dass gesellschaftliche Rahmenbedingungen Frauen unterdrücken und den Männern unterordnen und dass diese Subordination zu einer defizitären Sprechweise führe. Der Fokus dieser Hypothese liegt demnach auf Aspekten der unterschiedlichen Sozialisation von Frauen und Männern (vgl. Samel 2000: 34, Key 1975: 76). Die zuvor erwähnte Negativbeschreibung des weiblichen Registers bleibt jedoch Teilaspekt der Defizithypothese.

Fern L. Johnson (1983) proponiert zwei Ansätze, welche die, unter anderem von Lakoff (1975), zuvor konstatierten Charakteristika aufnehmen und positiv konnotieren. Diese werden allgemein unter dem Begriff der Differenzhypothese subsummiert. Sie beschreibt zum einen die Kritik an einer von Geschlechterrollen abhängigen Sprachzuweisung bzw. Differenz in der Sprachverwendung, und zum anderen postuliert sie frauenspezifisches Sprechverhalten als vollwertig durchaus angemessen (vgl. Johnson 1983: 134, Samel 2000: 35).

Als dritte Hypothese, welche sich im Zuge der Forschungen herausgebildet hat, kann das Code-Switching gelten. Hierbei wird weder von einem Mangel, noch von einer Differenz im Sprachverhalten von Frauen ausgegangen. Vielmehr werden sprachliche Unterschiede als situationsbedingtes Wechseln von einer Varietät in eine andere charakterisiert (vgl. Samel 2000: 35, Gumperz 1982: 59). Hierbei passt sich die Sprecherin der kommunikativen Situation und den darin enthaltenen gesellschaftlichen Erwartungen an und „[…] entwickelt eine eigene kommunikative Kompetenz“ (Samel 2000: 38, vgl. Gumperz 1982: 4).

Bevor die exemplarische Analyse ausgewählter Texte aus der Internetwerbung folgt, scheint eine Konsolidierung geschlechtsspezifischer Sprachmerkmale nicht nur angebracht, sondern auch erforderlich, um von gleichen Ebenen ausgehend, frauen- und männerspezifische Charakteristika der jeweiligen Sprechweisen kontrastieren bzw. vergleichen zu können.

2.3 Merkmale des genderspezifischen Sprachgebrauchs

In Anlehnung an die von Ruth Römer (2001) vorgeschlagene Kategorisierung sprachlicher Merkmale in der Anzeigewerbung, werden im Folgenden geschlechtsspezifische Merkmale hinsichtlich der Morphologie, der Wortwahl, der Syntax und der Verwendung rhetorischer Mittel erläutert, wobei die einzelnen Ebenen nicht immer klar voneinander zu trennen sind (vgl. Römer 2001: 5f). Zur besseren Lesbarkeit werden geschlechtsspezifische Merkmale von Männer- und Frauensprache in zwei separaten, im Aufbau jedoch gleichen Unterkapiteln behandelt. Es soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass es sich bei den folgenden Kapiteln um einen generalisierten Merkmalskatalog männlicher und weiblicher Sprechweisen handelt, welcher auf den in Kapiteln 2.1 und 2.2 vorgestellten Forschungen basiert. Die aufgeführten Sprachcharakteristika können sicherlich nicht das individuelle Kommunikationsverhalten erfassen bzw. widerspiegeln. Vielmehr sollen sie Orientierungspunkte für die später folgende exemplarische Analyse darstellen.

2.3.1 Wie sprechen Frauen?

In den bereits vorgestellten Thesen und Forschungsbeiträgen von Lakoff (1975), Key (1975), Trömel-Plötz (1982) und Samel (2000) wird das weibliche Sprechverhalten im Vergleich zu dem der Männer als schöner, korrekter und höflicher deskribiert. Frauen orientieren sich demnach auf phonetischer und syntaktischer Ebene eher an der Standardsprache, also an der Varietät, welcher ein höherer Status und mehr Prestige zugesprochen werden (vgl. Trömel-Plötz 1982: 47, 103). Frauen verwenden vermehrt Formen der Verniedlichung, z.B. Diminutiva und Euphemismen („goldig“, „süß“ etc.), welche diverse Funktionen zu erfüllen scheinen. Zum einen wirken sie gefällig und verschönernd („ich bleibe nur ein Viertelstündchen zu einem Tässchen Tee“) sowie abschwächend und verharmlosend („Ein Gläschen Prosecco kann nicht schaden!“). In intimen Kommunikationssituationen wirken sie auch auf emotionaler Ebene (z.B. in Liebesbeziehungen, oder bei Liebkosungen für Babys; in bestimmten Situationen der Zweisamkeit, oder im Zusammenhang mit Babys beherrschen jedoch auch Männer die Sprache der Verniedlichung) (vgl. Hufeisen 1993: 187, Trömel-Plötz 1982: 45, Key 1975: 36). Hinsichtlich der Wortwahl lässt sich festhalten, dass Frauen den Gebrauch von Vulgärausdrücken, Flüchen, Zweideutigkeiten oder Derbheiten weitestgehend vermeiden. Dies könne laut Key (1975) auf die unterschiedlichen Interessen von Männern und Frauen zurückzuführen sein. Demnach verfügen Frauen über ein umfangreicheres Vokabular in semantischen Feldern wie Mode, Kosmetik und Kindererziehung. Auch differenzieren weibliche Sprecher Farben und Adjektive in feineren Bedeutungs- und Begriffsnuancen (vgl. Key 1975: 33f).

Trotz einer scheinbar überkorrekten Orientierung am Standard, besonders die Anwendung grammatischer Formen betreffend, kann ein relativ konzentrierter Gebrauch von abschwächenden und rückversichernden Mechanismen, wie Abtönungspartikeln („eben“, „doch“, „halt“ etc.), Unschärfemarker („Ich glaube…“, „Es scheint…“), Rückversicherungsfragen („…, oder?“, „…, nicht wahr?“), Konjunktivkonstruktionen („Könnest du…?“, „Ich hätte so gern…“ etc.) und das Ersetzen von Deklarativ- durch Interrogativsätze („Ist das nicht toll?“, „Bist du da nicht meiner Meinung?“ etc.) beobachtet werden (vgl. Samel 2000: 34f, Key 1975: 76, Trömel-Plötz 1982: 48f, Hufeisen 1993: 192, Gräßel 1991: 251 und 268). Ein Großteil der feministischen Linguisten glaubt genau hier einen wichtigen Grund für die „soziale Machtlosigkeit“ (Samel 2000: 36) der Frauen zu erkennen. Aufgrund wiederholter Abschwächungen der eigenen Aussagen, werden diese zu Vermutungen und Behauptungen reduziert und implizieren demnach Unwissenheit, Irrelevanz, Unglaubwürdigkeit und Unsicherheit (vgl. Trömel-Plötz 1982: 48f). Zudem sei anzuführen, dass, aufgrund der Voran- bzw. Nachstellung der obengenannten Konstruktionen, komplexere syntaktische Strukturen entstehen.

[...]


[1] Zit. n. Thimm 1995: 120.

[2] Das Zitat wurde der Homepage von John Gray entnommen. Das dazugehörige Hyperlink ist im Quellenverzeichnis aufgeführt.

[3] Es handelt sich hierbei um einen Onlineartikel, welcher keine Angaben zur Seitenzahl enthält. Das dazugehörige Hyperlink ist im Quellenverzeichnis aufgeführt.

[4] Richard Mulcaster (1531-1611) war Schulleiter und Verfasser zahlreicher pädagogischen Schriften (vgl. Encyclpaedia Britannica).

[5] Ist im weiteren Verlauf dieser Arbeit von „Frauensprache“ die Rede, so bezieht sich dies auf das geschlechtsspezifische bzw. geschlechtspräferentielle Sprachverhalten von Frauen, nicht auf ein eigenes, von der „Männersprache“ unabhängiges Sprachsystem.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Männersprache, Frauensprache? Geschlechtspräferentieller Sprachgebrauch in Online-Werbetexten
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
37
Katalognummer
V267176
ISBN (eBook)
9783656569817
ISBN (Buch)
9783656569787
Dateigröße
822 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Genderlekt, Sprache, Geschlecht, Werbesprache, Frauensprache Männersprache, Sondersprache, Werbetexte, soziales Geschlechte Kommunikation, Sprachbewusstsein, Kommunikationsverhalten
Arbeit zitieren
Janine Lacombe (Autor), 2012, Männersprache, Frauensprache? Geschlechtspräferentieller Sprachgebrauch in Online-Werbetexten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267176

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