In dieser Arbeit sollen die für die subkulturelle Identität innerhalb der Punksubkultur
wichtigen Faktoren heraus gearbeitet werden. Dafür ist es notwendig, die bisherigen
Forschungsansätze zu subkulturellen Phänomenen genauer zu betrachten.
Subkulturen wurden in Verbindung mit der jeweiligen Gesellschaft in der sie auftraten,
zumeist unter soziologischen und politischen Aspekten untersucht (Cohen, P. 1972, Clarke
1979, Hall & Jefferson 1983). Die verschiedenen Forschungsansätze entstanden zunächst
in den 20er Jahren innerhalb der von soziologischen Ansätzen geprägten Chicago School
und dem 40 Jahre später, 1964, gegründeten Centre for Contemporary Cultural Studies mit
Sitz in Birmingham. Mit Hilfe des dort entwickelten, interdisziplinären Projekts der
Cultural Studies sollten alternative Herangehensweisen zu bisherigen Vorstellungen von
Kultur entwickelt werden (Hörning & Winter 1999).
„Kultur ist für die Cultural Studies nicht stabil, homogen und fest gefügt, sondern
durch Offenheit, Widerspruch, Aushandlung, Konflikt, Innovation und Widerstand
gekennzeichnet. Kultur wird als Prozess sozialer Ungleichheit betrachtet, in dem
um Macht gekämpft und gerungen wird“ (Hörning & Winter 1999: 9).
Einige für diese Arbeit relevante Ansätze und Theorien der Chicago School und der
Cultural Studies sollen in Kapitel 3 zusammengefasst werden.
In der Ethnologie wird angenommen, dass die jeweilige Kultur, in welcher sich ein
Individuum bewegt, zentrale Bedeutung für die Konstitution sozialer Identitäten hat.
Diesem Punkt schließe ich mich an. In dieser Arbeit soll dargestellt werden, dass auch die Zugehörigkeit zu bestimmten Subkulturen eigene Identitätskonstruktionen aufweist. Die
Betrachtung von Subkultur wird in der vorliegenden Arbeit anhand eines dynamischen
Kulturbegriffes stattfinden. Als kulturell gelten diejenigen Prozesse, die die gleichzeitige
Produktion und Aneignung kultureller Werte, politischer, moralischer Auffassungen,
sozialer Formen und wirtschaftlicher Aktivitäten umfassen. Kultur wird gleichzeitig
produziert und konsumiert. Die Akteure sind somit aktiv in ihre jeweilige Kultur
eingebunden und gestalten diese mithilfe der jeweiligen kulturellen Praxis.
Kulturelle Identität wurde innerhalb der Cultural Studies nicht als feststehende Einheit
betrachtet, sondern als verhandelbarer Prozess, in welchen die Individuen durch aktive
Teilnahme eingebunden sind. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Rückblick auf die Entwicklung verschiedener subkultureller Phänomene bis hin zu Punk
2.1 Vorläufer
2.1.1 Teddyboys und Halbstarke
2.1.2 Mods
2.1.3 Skinheads
2.1.4 Punk
2.2 Geschichte des Punk
2.2.1 Garage-Punk
2.2.2 Vorläufer/Protopunk in den USA
2.2.3 The Sex Pistols und die Entwicklung des Punk in England
2.3 Weiterentwicklung des Punk weltweit
2.3.1 Punk in Deutschland
2.3.2 Punk’s Not Dead
2.3.3 Für immer Punk?
3. Überblick über verschiedene Subkulturtheorien im Rahmen der Chicago School und der Birmingham Tradition
3.1 Was ist Subkultur?
3.1.1 Der Subkulturbegriff
3.1.2 Subkultur und Gesellschaft
3.1.3 Das Problem einer Definition von Subkultur
3.1.4 Mögliche Alternativen zum Subkulturbegriff
3.2 Entwicklung und zentrale Inhalte verschiedener Subkulturtheorien
3.2.1 Ansätze der Chicago School
3.2.2 Ansätze der Cultural Studies
3.3 Subkulturelle Stile
3.3.1 Stil als bricolage
3.3.2 Die Kommerzialisierung subkultureller Stile
3.4 „Reworking Subculture“: Neuere Ansätze innerhalb der Cultural Studies
3.4.1 Kritik an älteren Ansätzen
3.4.2 Die Bedeutung subkulturellen Kapitals und die Rolle der Medien
3.4.3 Subkulturelle Substanz
3.4.4 Postmoderne Subkulturen ?
4. Stilelemente der Punksubkultur
4.1 Etymologie des Begriffes ‘Punk’
4.2 Musik
4.2.1 Allgemeine musikalische Merkmale
4.2.2 Texte
4.2.3 Verschiedene musikalische Strömungen des Punk-Rock
4.2.4 Verbreitung
4.3 Äußere Erscheinung
4.3.1 Kleidung
4.3.2 Accessoires und Make -Up
4.3.3 Frisuren
4.4 Ideologische Aspekte innerhalb des subkulturellen Phänomens Punk
4.4.1 Abgrenzung und Toleranz
4.4.2 Punk als Negation und Kritik
4.4.3 Politische Aspekte innerhalb des subkulturellen Phänomens Punk
4.4.4 D.I.Y.
5. Subkulturelle Identität als diskursive Praxis
5.1 Subkulturelle Identität und Differenz
5.1.1 Individualität als Ressource für subkulturelle Identität
5.1.2 Insider und Outsider
5.1.3 Individualität und Gruppenzugehörigkeit
5.2 Punk ist nicht gleich Punk
5.2.1 Interne Hierarchisierung
5.2.2 Verschiedene Auffassungen von Punk
5.2.3 Punk und Authentizität
5.3 Punk im öffentlichen Diskurs
5.3.1 Punk in den Medien
5.3.2 Punk und die Öffentlichkeit, Selbst- und Fremdzuschreibungen
5.3.3 Chaostage
5.4 Punk (vs.) Mode
5.4.1 Punk und Kommerz
5.4.2 Subkulturelle Unternehmen
5.5 Punk und Konsum
5.5.1 Konsumpräferenzen
5.5.2 Konsum und subkulturelles Kapital
5.6 Interner Diskurs
5.6.1 Selbstkritische Tendenzen
5.6.2 Punk und sellout
5.6.3 Punk im Fernsehen
6. Schluss
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen Punk als Subkultur, um zu analysieren, welche stilistischen, ideologischen und individuellen Faktoren subkulturelle Identitäten konstituieren und wie sich diese Identitäten durch Konsumpraktiken sowie interne und externe Diskurse verhandeln. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie trotz zunehmender Kommerzialisierung eine autonome Identität als Subkulturangehöriger geschaffen und aufrechterhalten werden kann.
- Historische Entwicklung und Einflüsse der Punkbewegung in England, den USA und Deutschland.
- Theoretische Verortung durch die Chicago School und die Birmingham Tradition (Cultural Studies).
- Analyse subkultureller Stilelemente als symbolische Kommunikations- und Distinktionsformen.
- Untersuchung von Konsumverhalten, subkulturellem Kapital und der Rolle der Medien.
- Diskussion von Authentizität, "Sellout"-Vorwürfen und internen Identitätskonstruktionen.
Auszug aus dem Buch
2.2.3 The Sex Pistols und die Entwicklung des Punk in England
In Großbritannien, allem voran London, wurde Punk schnell zu einem, neben der Musik auch Modeaspekte mit einschließenden subkulturelles Phänomen. Hierzu Hebdige:
„Although groups like London SS had prepared the way for punk throughout 1975, it wasn’t until the appearance of the Sex Pistols that punk began to emerge as a recognizable style”(Hebdige 1997: 142).
Dem subkulturellen Stil wurde derzeit nicht nur in Akademikerkreisen einiges Potential zugeschrieben. Auch die Jugendlichen selbst suchten nach neuen Ausdrucksformen. Die konservative politische Situation in Großbritannien in den 70er Jahren dürfte ebenfalls eine nicht unbedeutende Rolle innerhalb der Entstehungsgeschichte der Punk Bewegung gespielt haben.
Der Punkstil setzte sich zunächst aus verschiedenen Elementen vorangegangener Subkulturen zusammen und wurde nicht unmaßgeblich beeinflusst von Malcolm McLaren, der, zunächst während eines USA-Aufenthalts das Management für die New York Dolls übernahm, die ‚Punk-Idee’ importierte und nach seiner Rückkehr nach England zum selbst ernannten Manager der Sex Pistols avancierte. Zu Beginn der Punksubkultur wurden Stilelemente des Glitter Rock (Faulstich 1986) vermischt mit dem der Teds und des zuvor in New York entstandenen Avantgarde Punk.
„Strands from David Bowie and glitter-rock were woven together with elements from american proto-punk (the Ramones, the Heartbreakers, Iggy Pop, Richard Hell), from that faction within London pub-rock (the 101ers, the Gorillas, etc.) inspired by the mod subculture of the 60s,(...) from northern soul and from reggae” (Hebdige 1979: 25).
Wo der amerikanische Punkstil eher minimalistische Ästhetik aufwies (Jeans, Lederjacken und Chucks, einfache Turnschuhe aus Leinen, vgl. Abb. 1), wurde der Punkstil in England zu einer provokativen, bunten und zusammengeflickten bricolage (Levi-Strauss 1966), „(…) literally safety-pinned together, (…)“ (Hebdige 1979, S.26).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, das Phänomen Punk hinsichtlich seiner prägenden Elemente und Faktoren der Identitätsbildung zu untersuchen und theoretisch einzuordnen.
2. Historischer Rückblick auf die Entwicklung verschiedener subkultureller Phänomene bis hin zu Punk: Dieses Kapitel liefert den historischen Kontext der Entstehung von Punk, beginnend bei Vorläufern wie Teddyboys und Mods, bis hin zur Etablierung als globale Subkultur.
3. Überblick über verschiedene Subkulturtheorien im Rahmen der Chicago School und der Birmingham Tradition: Es werden theoretische Ansätze zur Subkulturforschung diskutiert, die als Grundlage für das Verständnis von Stilen, Widerstand und Identität dienen.
4. Stilelemente der Punksubkultur: Hier werden die materiellen und ästhetischen Merkmale wie Musik, Mode und die D.I.Y.-Ethik als Bestandteile der Punk-Identität analysiert.
5. Subkulturelle Identität als diskursive Praxis: Das Kapitel beleuchtet, wie subkulturelle Identität durch Konsum, öffentliche Diskurse und Abgrenzungsprozesse aktiv als diskursive Praxis konstruiert wird.
6. Schluss: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die Widerstandsfähigkeit sowie die interne Vielschichtigkeit des Punkphänomens trotz seiner medialen und kommerziellen Einbindung.
Schlüsselwörter
Punk, Subkultur, Identität, Cultural Studies, Chicago School, Stil, bricolage, D.I.Y., Kommerzialisierung, subkulturelles Kapital, Widerstand, Sex Pistols, Konsum, Authentizität, Jugendkultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das subkulturelle Phänomen Punk und analysiert, welche stilistischen, ideologischen und individuellen Faktoren für die Identitätsbildung in dieser Szene maßgeblich sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der historischen Genese des Punk, der theoretischen Subkulturforschung, der Bedeutung von Stil als Distinktionsmerkmal sowie der Wechselwirkung zwischen Subkultur, Konsum und kommerzieller Verwertung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, zu verstehen, wie Punks ihre subkulturelle Identität durch eigene Praktiken konstruieren und wie sie sich im Spannungsfeld zwischen Rebellion gegen den Mainstream und der Kommerzialisierung ihrer Kultur behaupten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein interdisziplinärer Ansatz gewählt, der wissenschaftliche Literatur zu Subkulturtheorien mit der Analyse von eigenen Recherchen, Fanzines, Songtexten und Interviews verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einordnung (Chicago School/Cultural Studies), die Analyse der Stilelemente (Musik, Mode, D.I.Y.) sowie die Untersuchung der Identitätsbildung als diskursive Praxis im Kontext von Medien und Konsum.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind subkulturelles Kapital, bricolage, Authentizität, Sellout, hegemoniale Strukturen und die Dynamik der Identitätskonstitution.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen "Berufspunks" und "Modepunks" eine Rolle für die interne Identität?
Diese Differenzierungen innerhalb der Szene verdeutlichen, dass Punk keine homogene Gruppe ist, sondern dass sich die Akteure durch unterschiedliche Grade des Engagements und der Kapitalaneignung intern hierarchisieren und abgrenzen.
Welche Rolle spielt das Internet bei der heutigen Organisation der Punk-Szene?
Das Internet fungiert als wichtiges Kommunikationsmedium, das einerseits zur Organisation der Szene und zur Verbreitung politischer Gegenöffentlichkeit genutzt wird, aber auch zur Verbreitung von Klischees und kommerziellen Einflüssen beitragen kann.
- Quote paper
- Carolin Segebrecht (Author), 2004, Subkulturelle Identität als diskursive Praxis- Betrachtungen zu Stil, Kommerz und Konsum als Aspekte subkultureller Identität am Beispiel Punk, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26718