Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft?

Ein Beitrag zur Debatte um die Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft im 19. Jh. im Kontext der Darstellung von Heinrich Rickert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Heinrich Rickert (* 25.5. 1863 Danzig, † 28.7. 1936 Heidelberg)
a. Zur vita Heinrich Rickerts
b. Die Südwestdeutsche Schule (Windelband und Rickert)
c. Grundzüge des Werkes Heinrich Rickerts

III. Analyse des Auszugs aus Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft (S. 10- 38)
a. Der Hauptgegensatz (S. 10- 17)
b. Natur und Kultur (S. 17- 28)
c. Begriff und Wirklichkeit (S. 28- 38)

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

VI. Lexikonartikel

I. Einleitung

Der Neukantianismus war zur Jahrhundertwende die führende philosophische Richtung in Deutschland. Die Leitformel: „Also muß auf Kant zurückgegangen werden!“, g eht auf Otto Liebmann (1865) zurück, der damit die Ohnmacht der Philosophie gegenüber den neuen Entwicklungen in Natur- und Geschichtswissenschaften beschrieb. Genau sagte er, dass als die NW auf der einen und Geschichtsforschung auf der anderen Seite solide nahrhafte Kost versprachen, es einen Moment lang so aus sah, als würde die Philosophie entweder ganz in den Boden der Spezialwissenschaften eingesickert oder nur noch als der Vergangenheit überlassenes Gut historiographischer Darstellung vorhanden sein.[1]

Kant schien die Mittel bereitzustellen, mit denen man diese Entwicklung philosophisch begreifen konnte, ohne sich den Vorwurf idealistischer Überschwänglichkeit einzuhandeln. In diesem Sinne ist der Neukantianismus eine Tradition des deutschen Idealismus mit einer spezifischen Brechung, die mit Hilfe auf die Rückbesinnung auf den erkenntnistheoretischen Ansatz von Kant und die Interpretation des kantischen a priori die neue wissenschaftliche Wirklichkeitserfahrung, die ungelösten sozialen Probleme, sowie eine Wegfindung zwischen Restauration und Revolution im Sinne einer Philosophie des philosophischen Reformismus finden wollte.[2]

Zwischen den Vertretern des frühen (physiologischen) Neukantianismus (Helmholtz, Zeller, Lange), stellten sich relativ schnell die beiden führenden Kantschulen des sogenannten transzendentallogischen Neukantianismus – die Marburger Schule (Cohen, Natorp, Cassierer) und die Südwestdeutsche (badener) Schule (Besonders Windelband und Rickert, später Lask, Cohn, Bauch).[3]

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im Besondern mit Heinrich Rickert und seiner Position im Kontext der Debatte um die Natur- und Geisteswissenschaften im Kreis des Neukantianismus. Chronologisch tritt Heinrich Rickert in den Kreis der „Debattierenden“ nach Dilthey und Windelband und möchte den Begriff Kulturwissenschaft als Gegenbegriff zur Naturwissenschaft instruieren und gerade nicht die Begriffe Geisteswissenschaften (Dilthey) oder Historische Wissenschaften (Windelband) übernehmen, weil beide Begriffe im Hinblick auf den Objektbereich der betreffenden Wissenschaften (materiale Gesichtspunkte) und die Methodologie (formale Gesichtspunkte) zu irreführenden Einteilungsmöglichkeiten der Einzelwissenschaften gelangen und diese unzureichend beschreiben.[4] Rickert bezieht sich bei seiner Kritik besonders auf die scheinbar unreflektierte Gegenüberstellung der Mechanik und der Psychologie und deren je „vorbildlichen“ Methoden für die Einzelwissenschaften als grundlegendste Vertreter der Körper- beziehungsweise Geisteswissenschaft.[5]

Im folgenden wird sich ein Kapitel direkt mit der Person Heinrich Rickert, der Verbindung mit dem Neukantianismus (besonders mit Windelband) und seinem Schaffen widmen. Daran anschließend wird ein Auszug aus Rickerts Werk „Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft“ ausführlich analysiert, bevor in Form eines Fazits Bezug darauf genommen wird.

II. Heinrich Rickert (* 25.5. 1863 Danzig, † 28.7. 1936 Heidelberg)

a. Zur vita Heinrich Rickerts

Heinrich Rickert wuchs in einem nationalliberalen Elternhaus auf. Sein Vater Heinrich († 1902) war seit 1874 Reichstagsabgeordneter (zuerst als Nationalliberaler, dann als Führer der Liberalen Vereinigung und der Deutsch-Freisinnigen Partei). Wie später sein Sohn zählte auch der Staatsmann Heinrich Rickert zu den Verehrern Max Webers, mit welchem beide auch Kontakt pflegten. Nach einem grundlegenden Studium der Literaturwissenschaften in Berlin ging Heinrich Rickert zur Philosophie über. Vor allem wurde er durch Scherers Positivismus in der literaturwissenschaftlichen Forschung abgestoßen. Durch eigene Studien über Marx und Nietzsche wurde er völlig desorientiert, so dass er schließlich in der Philosophie seines nun in Straßburg aufgesuchten Lehrers Wilhelm Windelband einen Ankerplatz fand.

Heinrich Rickert promovierte 1888 in Straßburg bei Windelband über den Begriff der Definition (»Zur Lehre von der Definition« [1888, 19152 ]). In dieser grundlegenden Schrift bekannte sich Rickert zu seinem Lehrer Windelband wie kritisch zu Georg Sigwart. Diese Untersuchung markiert auch den Wendepunkt vom Positivismus zum Neukantianismus und bildet die Basis für die spätere Wertphilosophie Rickerts. In diesem Werk ging es (in stark vereinfachter und verkürzter Weise) darum, den Denkakt als solchen herauszuarbeiten, dem die Bezeichnung „Definition“ zukommt. 1891 habilitierte er sich in Freiburg/Br. Dort wurde er 1894 zum außerordentlichen und 1896 zum ordentlichen Professor der Philosophie als Nachfolger von August Riehl berufen. 1916 schließlich kam die Berufung als Nachfolger Windelbands nach Heidelberg, wo er am Ende seines Lebens auch Jahre der Polemik gegen Karl Jaspers verbrachte.

b. Die Südwestdeutsche Schule (Windelband und Rickert)

Wie oben angesprochen gilt Rickert neben Windelband als Hauptvertreter der Südwestdeutschen Schule und ist dessen Schüler. Die oben angesprochene systematische Kantinterpretation dieser beiden Neukantianer im Hinblick auf die Abgrenzung der Naturwissenschaften von den historischen Wissenschaften (Windelband) beziehungsweise Kulturwissenschaften (Rickert) schlägt sich nieder im „Zeichen der Werte“, also einer Wertetheorie.[6]

Die Südwestdeutsche Schule hat sich von Anfang an mit dem Problem der Geisteswissenschaften beschäftigt, wie Windelbands berühmte Straßburger Rektoratsrede von 1894 bezeugt. Windelband sieht die Bedeutung Kants darin, dass dieser den Zusammenhang von Wissenschaft und Philosophie wieder hergestellt habe, aber der Entwicklung der historischen Wissenschaften nicht gerecht werde mit seiner einseitigen Orientierung an den mathematischen Naturwissenschaften. Sein Bestreben geht dahin, deren spezifische Struktur in Abhebung von den NW herauszuarbeiten und ihnen eine eigene wissenschaftstheoretische Grundlage zu ebnen, die bewusst über Kant hinausgeht. In seiner Rektoratsrede stellt Windelband zu diesem Zwecke ein umfangreiches Abgrenzungsschema dieser unterschiedlichen Wissenschaften vor.[7] Für die Begründung der historischen Wissenschaften erhebt Windelband (dessen Lehrer der Philosophiehistoriker Fischer und der Systematiker Lotze waren) in diesem Kontext den Wertgesichtspunkt, der die Auswahl des einzelnen historischen Gegenstands bedingt. Denn nicht alles, was geschieht, ist historische Tatsache, dazu gehört, dass diese eine Bedeutung besitzt. Der Maßstab für geschichtlich Bedeutungsvolles ergibt sich aus dem System allgemeingültiger Werte, welches die Philosophie zu erstellen hat.[8]

[...]


[1] Otto Liebmann: Kant und die Epigonen. Stuttgart 1865. Nachdr. Berlin 1912. S. 223. In: Ollig, Hans-Ludwig: Neukantianismus, Stuttgart 1982, S. 6.

[2] Ebenda.

[3] Ollig, S. 8.

[4] Rickert bezieht sich bei seiner Kritik besonders darauf, dass scheinbar unreflektiert neben die Mechanik (als allgemeinste und grundlegende Körperwissenschaft) die Psychologie als grundlegende Geisteswissenschaft gesetzt wird.

[5] Rickert, Heinrich: Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft. 6. Auflage Tübingen 1926. S. 11.

[6] Wilhelm Baumgartner: (Art.) Werttheorie. S. S. 658- 659. In: Metzler Philosophie Lexikon. 2. erweiterte und aktualisierte Auflage. Stuttgart 1999. Sandvoss, Ernst R.: Geschichte der Philosophie. Bd. 2: Mittelalter Neuzeit Gegenwart. München 1989. S. 422.

[7] Ollig, S. 16- 17. Das angesprochene Abgrenzungsschema ist dort verkürzt dargestellt.

[8] Peter Prechtel: (Art.) Wertephilosophie, Werteethik. S. 657- 658. In: Metzler Philosophie Lexikon. 2. erweiterte und aktualisierte Auflage. Stuttgart 1999.

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Details

Titel
Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft?
Untertitel
Ein Beitrag zur Debatte um die Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft im 19. Jh. im Kontext der Darstellung von Heinrich Rickert
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V267320
ISBN (eBook)
9783656583158
ISBN (Buch)
9783656583134
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rickert, Neukantianismus, Debatte, 19. Jahrhundert, Heinrich Rickert
Arbeit zitieren
Anna Block (Autor), 2012, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267320

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