Normierung. Bedeutung, Ziele und Methoden einer Kodifizierung der gesprochenen deutschen Sprache


Hausarbeit, 2012
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Norm und Normierung

3. Geschichte der gesprochenen deutschen Sprache

4. Aussprachewörterbücher
4.1 Siebs
4.2 Duden-Aussprachewörterbuch
4.3 WDA/GWDA
4.4 DAWB

5. Bedeutung, Ziele und Methoden

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Norm und Normierung der gesprochenen deutschen Sprache: Haben Sie sich schon mal mit diesem Thema beschäftigt? Hat dieses Thema eine Bedeutung für Sie? Viel­leicht ist es ihnen gar nicht bewusst. Wir beschäftigen uns eher implizit mit diesem Thema. Schließlich werden die wenigsten schon mal in ein Aussprachewörterbuch geschaut, aber bestimmt schon mal über einen Gesprächspartner auf Grund seiner Aussprache geurteilt haben.

Ich kann mich noch gut an meine Zeit in der Oberstufe erinnern. In unserer Klasse war ein Junge, den konnte mit Ausnahme unseres Deutschlehrers niemand verstehen. Seine Aussprache war schlicht katastrophal. Und wir haben uns immer gefragt, wie er es in der Schule so weit geschafft hatte. Und niemand von uns hat sich gewundert, als es mit dem Abitur nicht so richtig funktionieren wollte.

Ein ähnlicher Fall erweckte sogar die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Denn auf dem Zeugnis des Zweitklässlers Florian aus dem oberbayerischen Ort Otterfing wur­de 1999 vermerkt, dass er Probleme habe, sich verständlich auszudrücken, weil da­heim nur Dialekt gesprochen werde.[1]

Diese Urteile konnten nur gefällt werden, weil wir ein Gefühl für eine „richtige“ bzw. „falsche“ Aussprache haben.

In dieser Arbeit wollen wir uns nun etwas genauer mit dem Thema Norm und Nor­mierung der gesprochenen deutschen Sprache beschäftigen. Im zweiten Kapitel die­ser Arbeit soll geklärt werden, was Norm und Normierung überhaupt heißt. Im drit­ten Kapitel soll ein Überblick über die Geschichte der gesprochenen Sprache gege­ben werden, schließlich musste sich Deutsch als Sprache erstmal durchsetzen, bevor es zu einer Normierung kommen konnte. Im vierten Kapitel sollen dann die wichtigs­ten Aussprachewörterbücher vorgestellt werden. Der Siebs, das Duden-Aussprache­wörterbuch, das „Wörterbuch der deutschen Aussprache“ (WDA) bzw. das „Große Wörterbuch der deutschen Aussprache“ (GWDA) und das „Deutsche Aussprache­wörterbuch“ (DAWB). Im fünften Kapitel soll dann nochmal allgemein auf die Be­deutung, Ziele und Methoden einer Kodifizierung der gesprochenen deutschen Aus­sprache eingegangen werden.

2. Norm und Normierung

Jede sprachliche Aktivität, wie jegliches Handeln, wird durch Normen gesteuert, die­se sind gesellschaftliche Setzungen über das Verhalten in einer bestimmten Gemein­schaft. Das Wesentliche solcher Normen ist, dass sie anerkannt und im täglichen Um­gang befolgt werden, sowie zu Konsequenzen verschiedenster Art und Schwere den­jenigen gegenüber führen, die versuchen aus den Normen auszubrechen oder diese nur unvollständig beherrschen oder befolgen können.[2] Dass Normen nicht eingehal­ten werden, kann aber auch daran liegen, dass auf die Normunterschiede ganz andere Unterschiede, als die zunächst vermutete Funktion der Regelung verbalen Austau­sches, projiziert werden. Wie bereits erwähnt wirken Normen nicht durch ihre bloße Existenz oder weil sich die Befolger immer ihrer Zweckmäßigkeit bewusst wären, sondern vor allem deshalb, weil die Befolgung oder Nicht-Befolgung positive bzw. negative Konsequenzen haben kann. In Bereichen, in denen diese Konsequenzen größeres Gewicht haben, werden sie als Sanktionen bezeichnet. Diese terminologi­sche Übernahme ist aber keine gute Wahl, da zu schnell an den Deutschlehrer ge­dacht wird, der Fehlerpunkte zu einer schlechten Note addiert, während die Konse­quenzen eigentlich viel eher darin bestehen, dass Leser und Hörer zu Urteilen über den Textproduzenten kommen könnten, die diesem nicht genehm sind,[3] was zu Iso­lierung und zum Verschließen von beruflichen Laufbahnen führen kann.[4]

Aussprachenormen existieren zunächst als innere Normvorstellungen und sind dem Einzelnen nicht bewusst. Diese Normvorstellungen funktionieren auf allen Ebenen des Sprechgebrauchs, d.h. sie funktionieren je nach kommunikativen Bedürfnissen oder Anforderungen im Rahmen von sozialen Gruppen, Dialekten, Umgangsspra­chen und bezogen auf die Standardsprache.[5] Aber Sprachnormen stellen immer Idea­lisierungen dar, sowohl in ihrer impliziten, als auch in ihrer expliziten Form, als All­tagswissen und als Kodifizierung.

Geklärt werden muss noch, wie Normen zustande kommen, wie sie gesetzt werden, wie sie beeinflussbar und veränderbar sind. Die beiden extremen Positionen verwei­sen auf die selbständige Regelung eines Normensystems durch seine innere Dynamik oder auf das Eingreifen des Menschen, d.h. ein äußeres Eingreifen. Lange Zeit wurde Sprache als etwas Naturhaftes angesehen und so ist es ein historischer Fortschritt ge­wesen, als Sprache ein Gegenstand menschlichen Eingreifens wurde. Ohne dieses menschliche Eingreifen könnten viele Sprachen ihre heutige Form und Leistungsfä­higkeit nicht haben. Damit hat sich die Frage Selbstentwicklung oder bewusstes menschliches Eingreifen geklärt. Ein ungelöstes Problem bleibt, wer in die Sprache eingreifen, wer Normen setzen und formulieren und wer über ihre Einhaltung wa­chen darf.[6] Denn es ist notwendig Normen und Kodifizierungen von Zeit zu Zeit zu überprüfen und durch neue zu ersetzen[7], allerdings können Normen Veränderungen nur sehr zögernd berücksichtigen, vor allem wenn sie kodifiziert sind.[8]

Normen können als gegenseitige Erwartungserwartung beschrieben werden, wird diese Erwartung nicht erfüllt, kann man zwei Verhaltensweisen unterscheiden: 1. An der bestehenden Norm wird auch nach wiederholter Enttäuschung unverändert fest­gehalten, außer die Norm wird offiziell verbindlich geändert. Hierbei handelt es sich um eine präskriptive Norm. 2. Abweichungen von der Norm werden festgestellt und bei wiederholter gleichartiger Abweichung wird die Abweichung als neue Norm an­erkannt. Hierbei handelt es sich um eine deskriptive Norm. Es gibt Regeln, die aus­schließlich zur präskriptiven bzw. deskriptiven Norm zu rechnen sind, es gibt aber auch einen Überschneidungsbereich von deskriptiver und präskriptiver Norm. Sozia­le Norm und soziale Regel beruhen auf expliziter und nicht-expliziter sozialer Ver­einbarung. Von Regel wird gesprochen, wenn eine einzelne sozial erwartbare Hand­lungsweise gemeint ist, von Norm, wenn von einem Komplex von Regeln, von sozial erwartbaren ineinandergreifenden und doch verschiedenartigen Regeln, die Rede ist.[9]

In der direkten mündlichen wechselseitigen Interaktion bilden sich Normen, aus dem Wunsch heraus, sich gegenseitig verständlich zu machen. Ist die Kommunikation nur indirekt auf schriftlichem Weg oder mündlich einseitig möglich, wie bei Radio und Fernsehen, dann ist eine Vereinheitlichung der Sprache notwendig, um eine gewisse Stabilisierung zu bewirken, welche die Möglichkeit der Kommunikation sichert. Eine kodifizierte Norm hat durch ihre stabilisierende Wirkung die Tendenz, zur prä­skriptiven Norm zu werden. Durch die Kodifizierung wird aber auch der Spielraum für kommunikatives Handeln erheblich erweitert.[10]

In der Normendiskussion sind nicht Gruppennormen sondern externe Standardnor­men angesprochen. Wird die Pädagogisierung durch Lehrer, Literatur und Massen­medien zum bestimmenden Element der Normen und tritt die Anpassung an das han­delnde Vorbild daneben zurück, dann liegen die eigentlichen normativen Setzungen, die Sprachnormierungen, vor. Hier ist die schriftliche Fixierung Grundvoraussetzung. Durch diese Fixierung ergibt sich einerseits eine stärkere Breitenwirkung, aber ande­rerseits auch die Gefahr der Versteinerung.[11] Norm als Verhalten gegenüber einem Sprachverhalten wird nicht mehr auf Zwänge von Vorschriften und Verboten redu­ziert, sondern im Verständnis einer Beschreibung des statistisch erfassbaren allgemei­nen Sprachgebrauchs gesehen.[12]

Gewöhnlich versteht man unter der Herausbildung einer Norm nichts anderes als die Herausbildung einer (normierten) Sprache. Indem Erfahrungen bzw. Folgerungen aus Erfahrungen formuliert werden, nehmen sie eine Existenzform an, die kollektiv merkbar und tradierbar ist und immer wieder auf kommunikative Erfahrungen zu­rück bezogen werden kann. Normen werden so gegenüber dem Individuum zu einer kollektiven Instanz. Normenformulierungen können verschiedene Arten des kollekti­ven Zugangs haben, welche von Verbalisierungen kollektiver Erfahrungen in Form von Sentenzen, Stereotypen, Merkformeln bis hin zu Hinweisen und Vorschriften in Regelwerken reichen.[13]

3. Geschichte der gesprochenen deutschen Sprache

Entwicklungen und Bestrebungen zu einer einheitlichen und allgemeingültigen deut­schen Sprachnorm gibt es seit der Wende zum 16. Jahrhundert. Sie wurden durch Äu­ßerungen und Reflexionen über diesen Prozess begleitet, zu Beginn gab es nur vage Andeutungen, aber seit der Mitte des 16. Jahrhunderts mehren sich die Hinwei­se auf angesehene und vorbildliche Sprachformen. Im 17. Jahrhundert ist dann eine differenzierende und zum Teil kontrovers geführte Normendiskussion in weiten Tei­len des deutschen Sprachgebiets anzutreffen.[14] In Deutschland gab es lange Zeit kein politisches Zentrum, wie es in England oder Frankreich existierte, und somit auch kein Zentrum gesprochener Hochsprache, wie London oder Paris[15]. Deshalb ergaben sich für die Argumentation zur sprachlichen Norm verschiedene Schwerpunkte. Die Qualität der Normaussagen differierte in verschiedener Hinsicht. Im 16. Jahrhundert standen knappe und vage Hinweise bei einem Großteil der Äußerungen, im 17. Jahr­hundert fanden sich kritisch reflektierte Normthesen. Grundsätzlich gab es eine Drei­gliederung für die Qualität der Aussagen, zum einen das Sprachvorbild nach persön­lichem Urteil, zum anderen das allgemeingültig gekennzeichnete und dann das situa­tionsbedingte Vorbild. Im 16. und 17. Jahrhundert gab es die Argumentationen, eine Sprachlandschaft als Sprachvorbild, Ansehen und Mustergültigkeit einzelner hervor­ragende Schriftsteller oder Redner der Zeit als personales Autoritätsprinzip, die ex­emplarische Qualität von Büchern, Drucken und „besten Autoren“ als soziales Auto­ritätsprinzip, das sprachliche Ansehen verschiedener Institutionen als institutionelles Autoritätsprinzip oder die Sprache als Maßstab ihrer Richtigkeit in sich selbst als sprachimmanente Argumentation anzunehmen. Bei der sprachlandschaftlichen Au­torität wurde am häufigsten das Meißnische hervorgehoben, als Sprachautorität wur­den vor allem Luther und Opitz genannt.[16] Ein Vorbild, das über einen längeren Zeit­raum einen guten Ruf genoss und immer weiter entwickelt wurde, war das auf der Bühne gesprochene Deutsch. Es genoss den Ruf einer besonders reinen Aussprache und schon Klopstock erhob 1780 in seinen Fragmenten über Sprache und Dichtkunst den Anspruch, die Bühnenlautung sei die deutsche Hochlautung. Die Bühnenausspra­che im Deutschen galt nicht nur als eine über den Mundarten stehende Aussprache, sondern schien auch nur einem begrenzten Situationskontext angemessen. Die Um­gangssprache stand nicht nur soziologisch zwischen Mundart und Bühnenlautung, sondern war auch vom Stil her von dieser unterschieden. Dieses Dilemma hat die Diskussion um die Bühnenaussprache von Anfang an begleitet. Die Bühnenausspra­che war weitestgehend einheitlich, aber am Ende des 19. Jahrhunderts trotzdem nicht uniform. Der Impuls zur Vereinheitlichung ging erst von Theodor Siebs aus, aber schon vorher veranlasste Graf Bolko von Hochberg eine Verordnung zur Vereinheitlichung, vor allem zur richtigen Aussprache des Konsonanten g auf den königlichen Bühnen.[17]

[...]


[1] Vgl. Besch, Werner; Norbert Richard Wolf: Geschichte der deutschen Sprache. Längsschnitte-Zeitstufen-Linguistische Studien. 16., durchgesehene und korrigierte Auflage. Berlin: Erich Schmidt 2009 (= Grundlagen der Germanistik 47), S. 32.

[2] Vgl. Kohler, Klaus J.: Einführung in die Phonetik des Deutschen. 2., neubearbeitete Auflage. Berlin: Erich Schmidt 1995 (= Grundlagen der Germanistik 20), S. 25.

[3] Vgl. Hartung, Wolfgang: Sprachnormen:Differenzierungen und kontroverse Bewertungen. In: Kontroversen, alte und neue, hg. von Albrecht Schöne, 4.Bd. Tübingen: Max Niemeyer 1986, S. 3-5.

[4] Vgl. Kohler, Klaus J. (1995), S. 25.

[5] Vgl. Krech, Eva-Maria: Untersuchungen der Sprechrealität – Grundlage für die Kodifizierung von Aussprachenormen. In: Norm und Variationen, hg. Von Klaus J. Mattheier. Frankfurt am Main: Peter Lang 1997. (= forum Angewandte Linguistik 32), S. 94.

[6] Vgl. Hartung, Wolfgang (1986), S. 6-8.

[7] Vgl. Juhász, János: Sollen, wollen, dürfen, können wir eine sprachliche Norm haben?. In: Kontroversen, alte und neue, hg. von Albrecht Schöne, 4.Bd. Tübingen: Max Niemeyer 1986, S. 12.

[8] Vgl. Hartung, Wolfgang (1986), S. 3.

[9] Vgl. Sandig, Barbara: Sprache und Norm, Sprachnorm, Sprachhandlungsnorm. am Beispiel der Tonbandumschrift einer Fußballreportage. In: Deutsche Gegenwartssprache. Entwicklungen. Entwürfe. Diskussionen., hg. von Peter Braun, München: Wilhelm Fink 1979, S. 110-111.

[10] Vgl. Sandig, Barbara (1979), S. 111-112.

[11] Vgl. Kohler, Klaus J. (1995), S. 25-27.

[12] Vgl. Braun, Peter: Beobachtungen zum Normverhalten bei Studenten und Lehrern. In: Deutsche Gegenwartssprache. Entwicklungen. Entwürfe. Diskussionen., hg. von Peter Braun, München Wilhelm Fink 1979, S. 149.

[13] Vgl. Hartung, Wolfgang (1986), S. 8-9.

[14] Vgl. Josten, Dirk: Sprachvorbild und Sprachnorm im Urteil des 16. und 17. Jahrhunderts. Sprachlandschaftliche Prioritäten. Sprachautoritäten. Sprachimmanente Argumentation. Frankfurt am Main: Peter Lang 1976 (= Deutsche Literatur und Germanistik 152), S. 10.

[15] Vgl. Sandig, Barbara (1979), S. 113.

[16] Vgl. Josten, Dirk (1976), S. 11-12.

[17] Vgl. Kohler, Klaus J. (1995), S. 28-29.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Normierung. Bedeutung, Ziele und Methoden einer Kodifizierung der gesprochenen deutschen Sprache
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Germanitische und Allgemeine Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Normierung der gesprochenen deutschen Sprache
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V267422
ISBN (eBook)
9783656578291
ISBN (Buch)
9783656578284
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Norm, Normierung, gesprochene deutsche Sprache
Arbeit zitieren
Sabrina Thorwesten (Autor), 2012, Normierung. Bedeutung, Ziele und Methoden einer Kodifizierung der gesprochenen deutschen Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267422

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