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Das Umkippen des locus amoenus in einen locus terribilis. Offenlegung einer Bruchstelle zwischen Kirche, Welt und Individuum als Spiegel freier Handlungsmöglichkeiten

Title: Das Umkippen des locus amoenus in einen locus terribilis. Offenlegung einer Bruchstelle zwischen Kirche, Welt und Individuum als Spiegel freier Handlungsmöglichkeiten

Diploma Thesis , 2013 , 132 Pages , Grade: 2

Autor:in: Bettina Schwabl (Author)

German Studies - Older German Literature, Medieval Studies
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In der vorliegenden Arbeit soll die Besonderheit eines „kippenden“, also eines in seiner Stimmung umschlagenden locus amoenus betrachtet und Überlegungen zu ihrer Bedeutung und Entstehung angestellt werden. Zu diesem Zweck werden die Darstellungen des locus amoenus in Hartmanns „Erec“, in Gottfrieds „Tristan“, im „Nibelungenlied“ sowie in Hartmanns „Iwein“ auf ihre Gemeinsamkeiten gleichwie auf ihre Unterschiede untersucht und diese analysiert, um so eine werkübergreifende Struktur erfassen zu können. Zunächst werden die theoretischen Grundlagen vorgestellt und danach auf die jeweiligen Stellen der genannten Werke angewendet werden, um sie anschließend einem Vergleich zu unterziehen. Von Interesse werden dabei folgende Elemente sein:
- Aufbau und Darstellung des locus amoenus
- Schachtelung der Szenen
- Herbeiführen des Kippmoments des locus amoenus in einen locus terribilis
- Darstellung des locus terribilis sowie die
- Auflösung der Missverhältnisse
Dies geschieht mit dem Ziel, verwertbare Interpretationsansätze zum Kippen des locus amoenus in einen locus terribilis sichtbar zu machen. Das Umschlagen des locus amoenus in den ausgewählten Werken vollzieht sich inhaltlich und zeigt sich nicht durch die Umgestaltung des Motivs. Gerade dadurch entsteht eine Bruchstelle zur üblichen Norm, die zunächst zwischen literarischem Rahmen und inhaltlichem Handeln erzeugt wird. Dieser Besonderheit soll in der vorliegenden Arbeit interpretativ nachgegangen werden.
Da Kunst immer Ausdruck ihrer Zeit ist, könnte hier eine hintergründige Umstrukturierung gesellschaftlicher Normen zu Tage treten. Diese These steht in Zusammenhang mit kulturhistorischen Interpretationsansätzen , welche die Loslösung feudal strukturierter Gesellschaften aus religiösen Doktrinen und die allmähliche Fokussierung gesellschaftsinhärenter Werte auf weltliche Grundsätze mit der Konsequenz individualisierter Handlungsmöglichkeiten im behandelten Zeitfenster thematisiert.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

1.1. AUSWAHL DER UNTERSUCHTEN WERKE

2. INHALT

2.1. DER LOCUS AMOENUS UND ANDERE TOPOI

2.2. KONZEPTE DER TOPOSFORSCHUNG

2.3. DIE SOZIALE UMGEBUNG ALS AUSLÖSER INDIVIDUELLER ENTSCHEIDUNGEN?

2.3.1. Das Verhältnis kulturgeschichtlicher Forschung zur Literatur

2.4. DIE RÄUMLICHE UMGEBUNG ALS AUSLÖSER INDIVIDUELLER ENTSCHEIDUNGEN?

2.4.1. Gott – Mensch – Natur: Über das Verhältnis von Natur und Mensch im Mittelalter

2.5. DER AUTOR ALS BRÜCKE ZWISCHEN AUßEN‐ UND INNERLITERARISCHER WIRKLICHKEIT

3. STRUKTUR UND AUFBAU DES LOCUS AMOENUS

3.1. AUFBAU – MIRKO‐ UND MAKROSTRUKTUR DER ERZÄHLUNG

3.2. KIPPMOMENT

3.3. GESELLSCHAFTLICHE UMBRÜCHE UND VERÄNDERTE SELBSTWAHRNEHMUNG

3.4. DER EINZELNE IN DER MITTELALTERLICHEN GESELLSCHAFT

3.5. FORMULIERUNG EINER THEORIE ÜBER DIE FUNKTIONEN DES LOCUS AMOENUS ALS BRENNPUNKT GESELLSCHAFTLICHER ORGANISATION

4. HARTMANN VON AUE – „EREC“

4.1. DER LOCUS AMOENUS BEI HARTMANN

4.1.1. Verligen auf Karnant

4.2. DER BAUMGARTEN – EIN ANDER PARADISE

4.2.1 Das Zelt Mabonagrins – ein Ort im Ort

4.3. DER LOCUS TERRIBILIS BEI HARTMANN

4.3.1. Kippmoment im „Erec“

4.4. EREC – EIN HELD DER SELBSTREFLEKTION

4.4.1. Mabonagrin

4.4.2. Überlegungen zur Parallelisierung Mabonagrins mit dem jungen Erec

4.5. ZUSAMMENFASSUNG

4.6. INTERPRETATION

4.6.1. Minne‐ und Gesellschaftskonzeption

4.6.2. Die Verbindung zum Hof

4.6.3. Perspektivenwechsel beim Blick auf den Baumgarten

5. GOTTFRIED VON STRAßBURG – „TRISTAN“

5.1. DER LOCUS AMOENUS BEI GOTTFRIED – MEHR HOF ALS WILDNIS?

5.2. DIE MINNEGROTTE

5.2.1. Autor‐Werk‐Publikum. Die Minnegrotte als Höhepunkt einer dramatisch‐romantischen Handlung

5.3. DER LOCUS TERRIBILIS BEI GOTTFRIED

5.3.1. Das Kippen des locus amoenus im „Tristan“

5.4. PERSPEKTIVENWECHSEL BEIM BLICK AUF DIE MINNEGROTTE

5.4.1. Akzent des Perspektivenwechsels: Dreiecksbeziehung Marke‐Isolde‐Tristan und deren moralische Verstrickungen

5.4.2. Über die dichotome Darstellung der Minneproblematik im „Tristan“

5.5. ZUSAMMENFASSUNG

5.5.1. Die Verbindung zum Hof

5.5.2. Der Minnetrank als auslösender Problemfaktor der „Tristanminne“

5.6. INTERPRETATION

5.6.1. Eine Allegorie der„wahren“ Minne?

5.6.2. Generationenkonflikt

5.6.3. Ausgliederung aus der Gesellschaft

6. WEITERE BEISPIELE: „NIBELUNGENLIED“ UND „IWEIN“

6.1. DAS „NIBELUNGENLIED“

6.1.1. Der locus amoenus im „Nibelungenlied“

6.1.2. Kippmoment des „Nibelungenlieds“

6.1.3. Räumliche Trennungen und Exklusivitäten in der Sphäre des locus amoenus

6.1.4. Resümme über die Vergleichbarkeit des „Nibelungenliedes“ mit anderen Werken des kippenden locus amoenus

6.1.5. Interpretation

6.2. „IWEIN“

6.2.1. Der locus amoenus im „Iwein“

6.2.2. Das Kippen des locus amoenus im „Iwein“ Hartmanns

6.2.3. Interpretation

7. VERGLEICH DER ROMANE

7.1. GEMEINSAMKEITEN DER LOCUS AMOENUS‐DARSTELLUNGEN

7.1.1. Abgeschiedenheit des Naturortes I: Die Trennung vom Hof

7.1.2. Die multisensorische Kennzeichnung der Exklusivitätsaufhebung

7.1.3. Abgeschiedenheit des Naturortes II: Die Verbindung zum Hof

7.1.4. Aufbau des locus amoenus‐Motivs: Räumliche Verschachtelung

7.1.5. Exkurs: Die Schuld der Frauen

7.2. UNTERSCHIEDE DER DARSTELLUNGEN DES LOCUS AMOENUS

7.2.1. Inszenierungen des locus amoenus mit klassischem Inventar

7.2.2. Minneorte und Kampfplätze – is love a battlefield?

8. INTERPRETATION DES LOCUS AMOENUS ALS SCHLÜSSELSZENE DER MITTELALTERLICHEN GESELLSCHAFT

8.1. KULTURTHEORETISCHE ANSÄTZE

8.1.1. Neuverteilung des Mächteverhältnisses Kirche / Welt

8.1.2. Beeinflussung der Literatur um 1200 durch gesellschaftliche Verhältnisse

8.1.3. Die Rolle einer institutionell vermittelten Religion

8.2. RAUM UND ZEIT IM MITTELALTERLICHEN ERZÄHLEN

8.3. DER MENSCH ‐ EIN INDIVIDUUM ?

8.3.1. Perspektivenwechsel: Innen‐ und Außenperspektive als Erkenntnisgrundlagen gesellschaftlicher Verpflichtung

8.3.2. Die höfische Gemeinschaft als richtende Instanz

8.3.3. Exkurs: Minne als individueller Weg: Triebbeherrschung als Bedingung gemeinschaftlichen Lebens

8.3.4. Reintegrierung Ausgeschlossener in die Gemeinschaft

9. RESÜMME ÜBER DIE UNTERSUCHTEN FUNKTIONEN DES LOCUS AMOENUS

9.1. FORMAL‐STRUKTURELLES ELEMENT

9.2. INHALTLICH‐ABTRENNENDES ELEMENT

9.3. ÜBERLEGUNGEN ZUR LITERATURGESCHICHTLICHEN EINREIHUNG

9.3.1. Literarische Motive

9.3.2. Jüngste Forschung

9.3.3. Menschlicher Geist als Interpretationswerkzeug

9.4. ZUSAMMENFASSUNG

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Motiv des „kippenden“ locus amoenus, also eines Naturortes, dessen idyllische Stimmung in einen locus terribilis umschlägt, in zentralen Werken der höfischen Epik des Hochmittelalters. Ziel ist es, dieses Phänomen als Ausdruck gesellschaftlicher Umbrüche und individueller Selbstfindungsprozesse zu deuten, die in der Literatur dieser Epoche (ca. 1180–1220) reflektiert werden.

  • Analyse der Transformation vom locus amoenus zum locus terribilis in ausgewählten Epen wie „Erec“, „Tristan“, „Nibelungenlied“ und „Iwein“.
  • Untersuchung der räumlichen Gestaltung als Spiegelung gesellschaftlicher Normen und individueller Konflikte.
  • Interpretation der „Kippmomente“ als Schlüsselstellen für die Entwicklung des mittelalterlichen Individuums.
  • Vergleich der verschiedenen literarischen Gattungen hinsichtlich ihrer Nutzung und Bedeutung des Motivs.
  • Einbettung der literarischen Befunde in den kulturhistorischen Kontext des Wandels von feudalen Strukturen und der Rolle der Kirche.

Auszug aus dem Buch

4. HARTMANN VON AUE – „EREC“

Der locus amoenus – ein lieblicher Ort; ein Ort für die Liebe. Im „Erec“ bildet die Baumgartenszene den klassisch literarischen Topos in antikisierender Komposition. Doch inhaltlich bleibt das Motiv nicht erhalten; es kippt und verkehrt sich auf der Ebene der Figurenhandlung in sein Gegenteil. Die Personen verhalten und fühlen sich an diesem locus amoenus also nicht der literarischen Tradition entsprechend. Dennoch bleibt die Gestaltungform aller literarischer Requisiten des Topos erhalten. So entsteht ein Bruch zwischen Rahmen und Handlung; was aussieht wie ein locus amoenus, ist nicht deswegen auch inhaltlich ein solcher.

Der „Erec“ ist ein ebensolches Beispiel: der Baumgarten erfüllt die äußeren Kriterien eines locus amoenus, jedoch die inneren nicht. So ist der Baumgarten, welcher vom Ritter Mabonagrin und dessen Geliebter bewohnt wird, ist im Text durch verschiedene literarische Kennzeichen als klassische Darstellung eines locus amoenus zu erkennen: boume maneger slahte, die einhalp obez bâren und andersît wâren mit wünneclîcher blüete: ouche vreute im daz gemüete der vogele süezer dôz. ouch enstuont dâ diu erde nicht blôz gegen einer hande breit, diu enwӕre mit bluomen bespreit, die missevar wâren und süezen smac bâren. hie was der wâz alsô guot von dem obeze und von der bluot und der vogele widerstît den si uopten ze aller zît (V.8719 – 8733).

Zusammenfassung der Kapitel

4. HARTMANN VON AUE – „EREC“: Das Kapitel analysiert die Baumgartenszene im „Erec“, in der das klassische Motiv des locus amoenus durch den Kampf von Erec gegen Mabonagrin in sein Gegenteil verkehrt wird, um Erecs Reifung zu einem königlichen Herrscher darzustellen.

5. GOTTFRIED VON STRAßBURG – „TRISTAN“: Hier wird die Minnegrotte untersucht, die als abgeschlossener, sakralisierter Ort der Liebe fungiert, deren utopische Abgeschiedenheit jedoch an der Realität der gesellschaftlichen Verpflichtungen scheitert.

6. WEITERE BEISPIELE: „NIBELUNGENLIED“ UND „IWEIN“: Dieses Kapitel betrachtet weitere Fälle des Motivwechsels im „Nibelungenlied“ (Siegfrieds Tod) und „Iwein“, bei denen die Naturorte primär als Schauplätze für Gewalt und Kampf dienen.

7. VERGLEICH DER ROMANE: Der Vergleich synthetisiert die Gemeinsamkeiten, wie die stufenweise Absonderung vom Hof, und arbeitet die Unterschiede in der Nutzung des Motivs zwischen den verschiedenen Gattungen heraus.

8. INTERPRETATION DES LOCUS AMOENUS ALS SCHLÜSSELSZENE DER MITTELALTERLICHEN GESELLSCHAFT: Dieses Kapitel bettet die literarischen Befunde in den kulturtheoretischen Rahmen der Zeit um 1200 ein und diskutiert Individualisierungstendenzen sowie die Rolle der Kirche.

Schlüsselwörter

locus amoenus, locus terribilis, Mittelalter, Höfische Epik, Erec, Tristan, Nibelungenlied, Iwein, Toposforschung, Individuum, Minne, Gesellschaft, Raumdarstellung, Kippmoment, Literaturgeschichte

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Diplomarbeit untersucht die literarische Besonderheit des „kippenden“ locus amoenus, bei dem ein als idyllisch beschriebener Naturort in einen bedrohlichen locus terribilis umschlägt.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themen sind die literarische Toposforschung, die gesellschaftliche Stellung des Individuums im Hochmittelalter, die Darstellung von Minne und die höfische Ethik.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, Interpretationsansätze für das Umschlagen des locus amoenus in einen locus terribilis zu finden und dieses Motiv als Spiegel für den gesellschaftlichen Wandel und individuelle Selbstfindungsprozesse im Mittelalter zu deuten.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit basiert auf einer vergleichenden Literaturanalyse zentraler Epen (Erec, Tristan, Nibelungenlied, Iwein) im Kontext kulturhistorischer Theorien zur Identitäts- und Individualisierungsentwicklung.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Werke, deren räumliche Gestaltung, die Rolle der Erzählinstanz sowie die soziale Einbettung der Protagonisten.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind insbesondere locus amoenus, locus terribilis, Höfische Epik, Minne, Individualisierung, gesellschaftlicher Wandel und literarische Toposforschung.

Wie deutet die Autorin das Motiv des Zeltes im „Erec“?

Das Zelt wird als „Ort im Ort“ interpretiert, das eine exklusive Rückzugszone für das Liebespaar schafft, aber gleichzeitig die Abgeschiedenheit von der höfischen Gemeinschaft und deren Normen markiert.

Warum fungiert die Minnegrotte im „Tristan“ als utopischer Ort?

Die Grotte bietet den Liebenden einen Raum, der den Konventionen des Hoflebens entzogen ist, stellt jedoch aufgrund der fehlenden gesellschaftlichen Integration eine utopische, in der Realität nicht haltbare Idealform der Liebe dar.

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Details

Title
Das Umkippen des locus amoenus in einen locus terribilis. Offenlegung einer Bruchstelle zwischen Kirche, Welt und Individuum als Spiegel freier Handlungsmöglichkeiten
College
University of Vienna
Grade
2
Author
Bettina Schwabl (Author)
Publication Year
2013
Pages
132
Catalog Number
V267461
ISBN (eBook)
9783656574033
ISBN (Book)
9783656574019
Language
German
Tags
Mittelalter ´ locus amoenus locus terribilis mittelalterliche Literatur Erec Tristan Nibelungenlied Iwein
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Bettina Schwabl (Author), 2013, Das Umkippen des locus amoenus in einen locus terribilis. Offenlegung einer Bruchstelle zwischen Kirche, Welt und Individuum als Spiegel freier Handlungsmöglichkeiten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267461
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