Eine neue Spielart der filmischen Moderne? Von der unzuverlässigen Erzählung im Hollywood‐Kino


Hausarbeit, 2013
18 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vom zuverlässigen Erzählen – Classical Hollywood Cinema
Klassische Narration im Hollywood-Kino
Kausalität in der klassischen Narration
Techniken der klassischen Narration
Aspekte der klassischen Narration
Raum
Zeit
Charakter

3. Vom unzuverlässigen Erzählen – Forking Path, Multiple Draft, Puzzle und Mind-Game
Allgemeine Ausführungen und Definitionen
Aspekte der unzuverlässigen Erzählweise
Raum
Zeit
Charakter

Fazit

Literaturverzeichnis

Filme

1. Einleitung

Hollywood ist und bleibt das Leitbild für alle Filmschaffenden und das Symbol für das Kino schlechthin. Bereits seit mehr als einem Jahrhundert sind Hollywood und das Hollywood-Kino die größtenteils dominierenden und meist auch treibenden Kräfte der Entwicklung des Kinos in der ganzen Welt.

Vor allem in den letzten beiden Dekaden hat sich dabei eine, im Vergleich zur Zeit davor, mehr oder weniger grundsätzliche Veränderung in der Erzählstruktur ergeben. Diese Veränderung stellt sich, selbst oder viel mehr besonders im Vergleich und der Retrospektive zu den verschiedenen Restrukturierungen, Perspektivwechseln und Theoriebrüchen in der Phase der filmischen Moderne seit den 1960er Jahren, als vergleichsweise tiefgehend dar. Diese Veränderung der Erzählstruktur ist sehr grundlegend und bricht mit der herkömmlichen Erzählweise im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei setzt diese gestörte, unzuverlässige Narration auf das Wissen und die Gewöhnung des Zuschauers an die normale Erzählstruktur des klassischen oder typischen Hollywood-Kinos.

Zur Verdeutlichung der Veränderung und ihrer Ausgestaltung wird daher im Folgenden auf die als solche bezeichnete herkömmliche klassische Erzählweise und die veränderte, unzuverlässige Erzählweise und deren jeweiliger Spezifika eingegangen.

2. Vom zuverlässigen Erzählen – Classical Hollywood Cinema

In der langfristigen historischen Perspektive lässt sich konstatieren das es im sogenannten Classical Hollywood Cinema relativ feste Erzählstrukturen gibt. Die Narration in der großen Mehrzahl der Hollywood Filme ist bekannt und zuverlässig, dies vor allem auch aus der Perspektive der Zuschauer. Dieses zuverlässige Erzählen lässt sich an mehreren Aspekten festmachen. Doch zuerst ein Überblick über die klassische Narration im Hollywood-Kino.

Klassische Narration im Hollywood-Kino

Nach David Bordwell folgt ein klassischer Hollywood-Film in der Regel ein und demselben – quasi kanonischen – Aufbau:

“Nearly all story-comprehension researchers agree that the most common template structure can be articulated as a “canonical” story format, something like this: introduction of setting and characters – explanation of a state of affairs – complicating action – ensuing events – outcome – ending.”[1]

Dieser Aufbau gestaltet sich in der Art und Weise das der klar definierte Hauptcharakter, der eigentliche Protagonist des Films, entweder ein Ziel erreichen oder ein Problem lösen muss. Auf dem Weg zum Ziel oder der Lösung entsteht dabei ein Konflikt oder ein Hindernis muss überwunden werden, dies entweder in der Form einer oder mehrerer Personen oder der äußeren Umgebung. In der Regel endet die Erzählung mit der Lösung des Problems oder dem Erreichen des Ziels, oder mit dem verfehlten Versuch. In der verkürzten Darstellung folgt die klassische Narration vereinfacht dargestellt also dem Schema Protagonist, Konflikt, Lösung und in seinen organisatorischen Strukturen der Formel Exposition, Klimax, Happy Ending. Wobei letzteres nicht immer zwangsläufig ein wirkliches Happy End sein muss. Es handelt sich vielmehr um ein zur Erzählung und zum jeweiligen (Sub-) Genre passendes Happy End, oder besser für den Zuschauer schlüssiges Ende im Rahmen einfacher, vorhersehbarer und wiedererkennbarer Narrationsstrukturen.[2]

Kausalität in der klassischen Narration

In der klassischen Narration existieren zwei Ebenen der Kausalität. Einerseits die sogenannte figurenzentrierte Kausalität, bei dieser werden entsprechend des Ursache- /Wirkungsprinzip die Ereignisse durch den Hauptcharakter ausgelöst, was dessen Rolle im Zentrum der Erzählung nochmals unterstreicht. Hinzu kommen in der Regel zwei kausale Handlungsstränge. Einer von diesen behandelt ein romantisches Thema, zumeist eine wie auch immer geartete Liebesgeschichte, der andere Handlungsstrang hat einen realeren Hintergrund wie zum Beispiel Arbeit, Mission, Kampf, Katastrophe oder Krieg.

Techniken der klassischen Narration

David Bordwell erläutert in - seinem mittlerweile filmtheoretischen Klassiker - “The Classical Hollywood Cinema” aus dem Jahre 1985 die grundlegenden Techniken des klassischen Hollywood-Kinos wie folgt:

“The classical cinema’s dependence upon POV shots, eyeline matches, and SRS [shot/reverse shot] patterns reflects its general orientation toward character psychology. As Part One stressed, most classical narration arises from within the story itself, often by binding our knowledge to shifts in the characters’ attention: we notice or concentrate on elements to which the characters’ glances direct us. In the construction of contiguous spaces, POV, the eyeline match, and SRS do not work as isolated devices; rather, they operate together within the larger systems of logic, time, and space, guaranteeing that psychological motivation will govern even the mechanics of joining one shot to another. As a result, the system of logic remains dominant.“ [3]

Aspekte der klassischen Narration

Zur weiteren Erläuterung folgen nun die drei grundlegende und definierenden Aspekte eines typischen Filmes und ihre vornehmliche Gestalt in der zuverlässigen Erzählweise des klassischen Hollywood-Kinos.

Raum

Der Raum in der klassischen Hollywood Erzählung ist in der Regel einer, dessen Erscheinungsbild und Konstruktion bei den Zuschauern als bekannt vorausgesetzt werden kann. Dabei kann es sich um einen relativ typischen Ort wie ein Haus in einem Vorort, eine Wohnung in einem Hochhaus oder auch einen Gerichtssaal oder ähnliches handeln. Zudem sind bekannte Orte wie zum Beispiel der Times Square, Big Ben oder der Eiffelturm als Raum möglich. In jedem Fall gilt, dass der Zuschauer in der Lage sein sollte sich den Raum vergleichsweise leicht vorzustellen oder diesen wiederzuerkennen.

Zeit

Im klassischen Hollywood Film folgt die Erzählung in den meisten Fällen einem konstanten und für den Zuschauer nachvollziehbaren Zeitstrang. Allenfalls werden an geeigneter Stelle Flashbacks, Flashforwards oder Traumsequenzen eingesetzt, diese werden aber dann für den Zuschauer deutlich kenntlich gemacht, sei es durch andere Darstellungstechniken, das gesprochene Wort oder textuelle Referenzen, und zudem im Prinzip sofort in den zeitlichen Gesamtkontext eingegliedert. Dies geschieht um dem Zuschauer zu ermöglichen dem Film und seiner Erzählung leicht zu folgen, wie Edward Brannigan ausführt:

„The impetus for creating a story time does not derive in any simple way from the running time of the film – screen time – but rather from top-down processes seeking a new order which will be sensitive to other constraints on the data, e.g. presumed causality and event duration.”[4]

Die Gestaltung und Darstellung der Zeit im klassischen Hollywood-Kino zielt also nahezu immer auf das gute oder bessere Verständnis des Films durch den Zuschauer ab.

Charakter

Der Charakter ist mithin der wichtigste Aspekt in der Narration, stellt er nicht zuletzt in vielen Fällen das dominante Bindeglied zwischen Raum und Zeit innerhalb des Films, und zwischen Erzählung und Zuschauer außerhalb des Filmes, dar. Daher ist es wichtig das der Charakter, sein Auftreten und seine Handlungen für den Zuschauer nachvollziehbar sind, entsprechend gut und genau muss sich der Charakter entwickeln oder darstellen, unabhängig davon ob er Held, Anti-Held oder Bösewicht ist.

Zusammenfassend lässt sich daher konstatieren, das die klassische Narration in der Regel allwissend ist und einen hohen Grad an Kommunikativität bietet. Damit verrät sie dem Zuschauer normalerweise alles was dieser wissen muss oder soll um den Film zu verstehen, und dies vornehmlich im Rahmen und mit Hilfe der Aspekte Zeit, Raum und Charakter.

[...]


[1] (Bordwell, Staiger, & Thompson, The Classical Hollywood Cinema, 1985), S. 35

[2] Dies führt Knut Hickethier sehr gut folgendermaßen aus: „Was der Show-Down im Western ist, dass ist das Verhör im Kriminalfilm. Viele der Dialogelemente sind dabei zu 'Chiffren' geronnen, die der Zuschauer nicht nur rasch wiedererkennt, sondern sie auch schon erwartet. Die einfache Narrationsstruktur ist Voraussetzung dafür, dass die erzählten Geschichten in hohem Maße mit zusätzlichen Bedeutungen aufgeladen werden können." (Hickethier, 2002), S.82

[3] (Bordwell, Staiger, & Thompson, The Classical Hollywood Cinema, 1985), S.210

[4] (Branigan, 1992), S.45

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Eine neue Spielart der filmischen Moderne? Von der unzuverlässigen Erzählung im Hollywood‐Kino
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V267508
ISBN (eBook)
9783656935759
ISBN (Buch)
9783656935766
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hollywood, Film, Erzählen, Narration, unzuverlässig, klassisch, Cinema, Mindgame, Definitionen, Entwicklung
Arbeit zitieren
Timo Bouerdick (Autor), 2013, Eine neue Spielart der filmischen Moderne? Von der unzuverlässigen Erzählung im Hollywood‐Kino, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267508

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