Sind wir neuronal determiniert oder frei?

Thesen aus Michael S. Gazzaniga: „Who´s in Charge? Free Will and the Science of the Brain“ in Auseinandersetzung mit Bennett & Hacker: „Philosophical Foundations of Neuroscience“


Hausarbeit, 2013
18 Seiten, Note: good

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Der freie Wille des Menschen versus neuronaler Determiniertheit

2 Michael S. Gazzanigas neurowissenschaftliche Untersuchungen und Thesen zum freien Willen
2.1 Gazzanigas neurowissenschafliche Untersuchungen: „Split Brain“ und ihre Schlussfolgerungen
2.2 Gazzanigas aktuelle Thesen zum freien Willen in „Who´s in charge?“

3 M.R. Bennett & P.M.S Hacker: „Philosophical Foundations of Neuroscience“
3.1 Kritik durch Bennett & Hacker an Gazzingas Schlussfolgerungen
3.2 Analyse der aktuellen Thesen Gazzanigas im Sinne von Bennett & Hacker

4 Diskussion und Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung : Der freie Wille des Menschen versus neuronaler Determiniertheit

Die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte scheinen ein neues Licht auf die alte Frage der menschlichen Willensfreiheit zu werfen. Das Gehirn als Teil der empirisch zugänglichen wissenschaftlichen Welt mit seinen Kausalgesetzen und letztlich seiner Determiniertheit scheint in einer neuen Weltsicht an die Stelle des Menschen als intentional und frei handelndes Ich getreten zu sein. Die vordergründige Konsequenz, somit uns als Menschen nicht als frei sondern eben nach naturwissenschaftlichen Gesetzen determiniert zu sehen entspricht trotzdem nicht unserem alltäglichen Grundverständnis, unserer Grundintuition, unserem alltäglich Sprachgebrauch, in dem wir uns als frei handelnd empfinden. Die Frage also, ob wir (neuronal) determiniert oder frei sind und zum Zweiten es möglich ist vielleicht beide Sichtweisen zu vereinen führt zu verschieden Positionen, die Geert Keil recht anschaulich in seinem Buch ‚Willensfreiheit und Determinismus’ ausführt (wenn er auch später selbst die Position eines libertarischen Inkompatibilismus einnimmt, gibt er doch zu Beginn eine gute Zusammenfassung möglicher Positionen (vgl. Keil 2009/2012, 10-11)). Unterschieden werden zwei Formen von Inkompatiblismus, d.h. der Auffassung der freie Wille sei nicht mit Determinismus vereinbar. Zunächst der harte Determinismus, die den Mensch für determiniert in einer kausal determinierten Welt und nicht vereinbar mit dem Prinzip der Willensfreiheit sieht. Dazu im Gegensatz steht der Libertarismus, der den freien Willen annimmt und sich von Determinismus distanziert. Ferner gib aber auch kompatibilistische Ansätze, die trotz der Annahme einer deterministischen Weltsicht die Willensfreiheit quasi im Sinne einer Wahlfreiheit eines Entscheidungsprozesses annehmen.

Im Folgenden sollen die empirischen Untersuchungen eines der bekanntesten kognitiven Neurowissenschaftlers unserer Zeit (Michael S. Gazzaniga) kurz referiert und die daraus abgeleiteten Hypothesen untersucht werden. Zu Hilfe genommen wird das dabei Werk von Bennett & Hacker „Philosophical Foundations of Neuroscience“ (vgl. Bennett & Hacker 2003)

Es soll also primär eine Gegenüberstellung der Überlegungen Michael S. Gazzanigas mit Bennett & Hacker erfolgen, ohne eine weitreichende Analyse oder Einbeziehung der sonstigen zahlreichen Literatur zu dem Thema des freien Willen im Kontrast zur neuronalen Determiniertheit.

Dabei muss unterschieden werden, zwischen den Schlussfolgerungen die Gazzaniga in empirischen Originalarbeiten zieht (auf die Bennett und Hacker selbst Bezug nehmen) und den Thesen des aktuellen Buchs „Who´s in charge?“ (vgl. Gazzaniga 2011), welche sich einem kompatibilistischen Determinismus nähern. In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden im Sinne von Bennett & Hacker auch diese aktuelle Schrift zu analysieren.

2 Michael S. Gazzanigas neurowissenschaftliche Untersuchungen und Thesen zum freien Willen

2.1 Gazzanigas neurowissenschafliche Untersuchungen: „Split Brain“ und ihre Schlussfolgerungen

Zur Behandlung bestimmter Formen von schwerer Epilepsie kann eine neurochirurgische Durchtrennung der Nervenfasern, die die beiden Hirnhälften (Hemisphären) verbindet (Commissurektomie, Callosotomie), in Ausnahmefällen vorgenommen werden. Roger W. Sperry und Michael S. Gazzaniga gehörten zu den ersten, die damit verbundene neuropsychologische Phänomene beschrieben. Sogenannte Split-Brain Patienten dienten der neurowissenschaftlichen Welt der Erkenntnis über die funktionelle Spezialisierung der beiden Hemisphären. Roger W. Sperry erhielt für seine Arbeiten 1981 den Nobel Preis in Physiologie oder Medizin. Seit den 1960er Jahren findet sich ein Vielzahl von naturwissenschaftlichen Schriften zu Split-Brain Patienten. Besonders der Schüler Sperrys, Michael S. Gazzaniga hat sich in der Untersuchung des Phänomens hervorgetan. Für die vorliegende Arbeit zum Verstehen des Split-Brain Phänomens förderlich und dem neurowissenschaftlichen Laien zugänglich ist eine Illustration aus dem Spiegel, die einem Interview mit Gazzaniga (vgl. „Wir sind nur Maschinen“ 2011) beigefügt wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung „Spalt im Hirn“ modifiziert aus: „Wir sind nur Maschinen” In: Der Spiegel. Hamburg. SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein 50;2011,149-152

In der Legende und Beschriftung der Abbildung „Spalt im Hirn. Wie die linke Gehirnhälfte des Menschen die Welt interpretiert“ heißt es zur Erläuterung der Split-Brain Versuche:

Mit einen Split-Brain Patienten (einem Menschen, dessen Gehirnhälften voneinander getrennt wurden) wird ein Test vorgenommen: Er nimmt über das rechte Gesichtsfeld das Bild eine Hühnerfußes und über das linke Gesichtsfeld das einer Schneelandschaft wahr. Aus jeweils vier Bilder muss er eines auswählen, das dazu passt.

1) Das Bild des Hühnerfußes wird in der linken Gehirnhälfte verarbeitet. Dort befinden sich auf das Sprachzentrum und vermutlich ein Bereich, der Zusammenhänge herstellt („Interpret“). Der Patient ist in der Lage, den Hühnerfuß dem Huhn zuzuordnen.
2) Das Bild der Schneelandschaft wird in der rechten Hemisphäre verarbeitet. Der Patient kann zwar auf die Schneeschaufel zeigen, aber den Zusammenhang nicht benennen. Die linke Hemisphäre springt ein und interpretiert [Anmerkung: fälschlich] die Reaktion der linken Hand.

„Man braucht eine Schaufel, um den Hühnerstall sauberzumachen.“

(aus: „Wir sind nur Maschinen“ 2011)

Wichtige Berichte zu Untersuchengen und Zusammenfassungen zum Split-Brain Phänomen finden sich bei Gazzaniga, Bogen & Sperry 1962; Sidtis, Volpe, Wilson, Rayport & Gazzaniga 1981; Gazzaniga 1989 und Gazzaniga 2000 oder im von Gazzaniga herausgebrachten Standardwerk ,The [new] cognitive neurosciences’ (vgl. z.B. Auflage 1997). Im Folgenden wird aus den o.g. Werken sinngemäß ein kurzer Abriss gegeben:

Eine der zentralen Schlussfolgerungen Gazzanigas ist die der funktionellen Teilung kognitiver Prozesse auf eine Handlung und eine sprachliche post-hoc-Rationalisierung oder Interpretation einer Handlung (durch die Funktion der linken Hemisphäre). Im Falle der Split-Brain Patienten können Versuchsanordnungen gewählt werden, bei denen die Interpretation der Handlung nicht der tatsächlichen Ursache entspricht. Vordergründig lässt sich hieraus schlussfolgern, dass wir wie Maschinen einem Automatismus folgen, wir aber (durch die Funktion einer Hemisphäre) nachträglich einen anderen Zusammenhang konfabulieren. Dabei geht Gazzaniga so weit, dass er den Hemisphären Attribute wie Interpret, blind, sehend oder bewusst zuschreibt.

2.2 Gazzanigas aktuelle Thesen zum freien Willen in „Who´s in charge?“

Er beginnt mit der Darstellung des Problems des neuronalen Determinismus versus Willensfreiheit.

We all feel like unified conscious agents acting with self-purpose, and we are free to make choices of almost any kind. At the same time everyone realizes we are machines, albeit biological machines, and that the physical laws of the universe apply to both kinds of machines, artificial and human. Are both kinds of machine as completely determined as Einstein, who did not believe in free will, said, or are we free to choose as we wish? (Gazzaniga 2011, 7)

Obwohl er einen naturwissenschaftlichen Determinismus dem Gehirn unterstellt, möchte er intuitiv Raum für das Konzept des freien Willens lassen. Er vertritt also direkt zu Anfang einen Kompatibilismus. Gleichzeitig legt er das Programm des Buches vor:

[The brain] is also a determined system […]. And yet, these modern-day facts do not in the least convince us there is not a central “you”, a “self” calling the shots in each of us. Again, that is the puzzle, and our task is to try and understand how it all might work. (Gazzaniga 2011, 8)

Dabei betont er besonders, dass der durch Split-Brain Patienten offenkundig gewordene post-hoc Rationalisierungsprozess ein besonderes intuitives Hindernis für das Konzept des freien Willen darstellt.

This post-hoc interpreting process has implication for and an impact on the big questions of free will and determinism, personal responsibility and our moral compass [...](Gazzaniga 2011, 103)

Inwiefern die Beobachtung der Split-Brain Versuche aber eben nur vordergründig das Problem des freien Willens beeinflusst versucht er im Kapitel 4 („Abandoning the concept of free will“ (Gazzaniga 2011, 105-142)) darzulegen.

Wobei das Kapitel eher so verstanden werden muss, dass Gazzaniga das Konzept nicht aufgeben will, sondern von der neurowissenschaftlichen Ebene auf eine höhere soziale Ebene bringen möchte. Dabei erläutert er das Prinzip der Emergenz. Es könne nicht auf einem unteren organisatorischen Level der Neuronen und neuronalen Netzwerke auf Regeln des freien Willens und der sozialen Interaktion geschlossen werden, da jede organisatorische Ebene ihre eigenen Gesetze habe.

[...]

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Details

Titel
Sind wir neuronal determiniert oder frei?
Untertitel
Thesen aus Michael S. Gazzaniga: „Who´s in Charge? Free Will and the Science of the Brain“ in Auseinandersetzung mit Bennett & Hacker: „Philosophical Foundations of Neuroscience“
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
good
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V267654
ISBN (eBook)
9783656586968
ISBN (Buch)
9783656586951
Dateigröße
770 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freier Wille, Willensfreiheit, Free Will, Determinismus, Neuroscience
Arbeit zitieren
Dr Lars Wojtecki (Autor), 2013, Sind wir neuronal determiniert oder frei?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267654

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