Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“. Die Funktion des Essens


Hausarbeit, 1996

18 Seiten, Note: 2,0

Torsten Lager (Autor:in)


Leseprobe

1. Einleitung

In Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ berichtet ein Ich-Erzähler von seiner Ansicht, er kenne die Erfinderin der Currywurst. Diese These ist natürlich umstritten. Nach einer Erörterung, ob denn die Currywurst nicht wie die meisten Gerichte kollektive Erfindung sei, macht er sich nach Hamburg, der Stadt seiner Kindheit, auf, um die Erfinderin, Lena Brücker, eine ehemalige Besitzerin einer Imbißbude auf dem Großneumarkt in St. Pauli, nach der Geschichte ihrer Erfindung zu befragen. Er findet sie, erblindet, in einem Altersheim. Es zeigt sich, daß hinter dem einfachen Rezept eine längere und ungewöhnliche Geschichte steckt. Sieben mal besucht der Ich-Erzähler Lena Brücker zum Kaffee und läßt sich von ihr diese Geschichte erzählen.

Die Novelle zeigt schon in ihrem Titel, daß sie Essen thematisiert, es drängt sich allerdings die Frage auf, ob sich die Currywurst als literaturfähig erweisen kann, haftet ihr doch der Geruch einer äußerst schlichten Mahlzeit an, sie ist nicht einmal eine echte Mahlzeit, da sie gewöhnlicherweise an Imbißbuden verzehrt wird. Diese Arbeit soll der Frage nachgehen, inwieweit die Currywurst nur Aufhänger der Geschichte ist, oder ob dem Essen eine größere Bedeutung zugemessen wird. Die Arbeit wird sich auf diesen Aspekt konzentrieren, sie wird zeigen, daß Essen und Mahlzeiten ein gutes Beispiel für die Umsetzung der von Timm selbst formulierten „Alltagsästhetik“ sind. Diese hat er in seinen Münchner Poetik-Vorlesungen dargelegt, die 1993 -also im selben Jahr wie „Die Entdeckung der Currywurst“- unter dem Titel „Erzählen und kein Ende“ erschienen sind.

Der Hauptteil gliedert sich in drei Kapitel. Das erste wird den Text vorstellen und auf einige Stilmittel und Aspekte der Novelle aufmerksam machen, ein zweites Kapitel stellt zentrale Begriffe der erwähnten Ästhetik des Alltags vor, und das dritte Kapitel des Hauptteils wird den Aspekt des Essens in der Novelle unter diesem Blickwinkel näher betrachten. Auf Sekundärliteratur wurde weitgehend verzichtet, da sowohl zum Thema Essen in der Literatur als auch zum Autor Uwe Timm nur sehr wenig vorliegt, eine Untersuchung speziell zu dieser Novelle ist mir nicht bekannt.

2. Der Text

Die Novelle besteht im Groben aus einer Rahmenhandlung und der erzählten Geschichte der Lena Brücker. Die Rahmenhandlung spaltet sich jedoch nochmals auf in den Bericht von den Besuchen des Ich-Erzählers bei Lena Brücker und eigenen Kommentaren und Ergänzungen dazu auf, letztere teilweise im Präsens (z.B. Besuch bei Frau Eckleben, S.141), während sonst Imperfekt vorherrscht. Die innere Erzählung wird von der Rahmenhandlung immer wieder unterbrochen, die Übergänge sind oft sehr plötzlich, z.B. wenn Lena Brücker plötzlich ihre Erzählung unterbricht, um nachzufragen, wie sie jetzt gerade an ihrem Pullover weiterstricken soll (mehrmals, z.B. S.115), oder absichtsweise verwirrend für den Leser, wenn die Betrachtung von Lena Brückers Fotoalbums durch Bremer fließend in die durch den Ich-Erzähler übergeht (S.89). Nachträglich erscheint das Foto-Besehen dadurch parallel auf zwei Zeitebenen zu laufen.

So wie Rahmenhandlung und innere Erzählung sich gelegentlich vermischen, bleibt auch die Erzählperspektive nicht gleich, sie wechselt zwischen Erzähler, Lena Brücker und Bremer. Da Bremers Perspektive aber gar nicht bekannt sein kann, handelt es sich vielmehr um Spekulation. Man könnte die Frage untersuchen, ob Bremer seine Gedanken vom Erzähler oder von Lena Brücker (oder von beiden) untergeschoben werden. Ähnlich verhält es sich mit Lena Brücker. Diese tritt im Grunde zweimal auf, als die Lena Brücker von 1945 und die der Erzählzeit.

Der Text verwendet auch verschiedene Sprachebenen. Wörtliche Rede wird nicht durch Anführungsstriche gekennzeichnet, dennoch sind einige Passagen klar als solche erkennbar, da Vokabular, Stil und Schreibweise einiger Worte absichtlich an Umgangssprache erinnern. Wörtliche Rede verwendet mehr regionale Ausdrücke, die Sätze sind kürzer und entsprechen nicht immer der vorgeschriebenen Syntax, Wortteile, die typischerweise verschluckt werden, werden auch nicht geschrieben. (z.B.: „Kenn alle Knoten von meinem Vater, der is nämlich auf Ewern gefahren, also ich mach fest, bin naß, naß vom Regen, naß vom Wasser, kam die Gischt rüber, und Gary kurbelt, mußte mit der Barkasse immer sauber die Wellen schneiden, damit sie nicht vollschlägt.“, S.119)

Diese teilweise Verwendung von Umgangssprache wirkt etwas klischeeartig. Auch auf der inhaltlichen Ebene arbeitet Timm mit vielen Klischees. Die meisten wiedergegebenen politischen Ansichten kann man so einordnen, überhaupt erinnern viele Personen mehr an Typen als an ausgeprägte Individuen, z.B. Luftschutzwart Lammers, Frau Eckleben, Gauredner Grün u.a. Auch Bremers Auffassungen über den Krieg weisen ihn klar als eine Person aus, die in ihrer Zeit gefangen ist, daß z.B. auch nach der Niederlage des Krieges das Feindbild Russe nicht hinterfragt wird, ist für seine Generation typisch.

Auch viele Anekdoten des „kleinen Widerstands“, der gelegentlichen Zivilcourage im täglichen Leben, sie betreffen meistens Lena Brücker und den Koch Holzinger, haben etwas klischeeehaftes. Betrachtet man dies im Lichte der Timmschen Alltagsästhetik, wird aber deutlich, daß die Verwendung vieler Klischees Absicht ist und nicht unbedingt ein Manko, letztlich kommt es darauf an, welchen Stellenwert die Klischees haben und inwieweit sie zur Beschreibung oder zur Rechtfertigung benutzt werden.

Der Zivildienstleistende in Lena Brückers Altersheim, der „Zivi Hugo“, dient in zweierlei Hinsicht als klischeehaftes Gegenbeispiel zur inneren Handlung. Zum einen stellt Frau Brücker fest, daß die Menschen „heute“ gar keine Currywurst mehr essen, lieber Döner. „Nee, sagte Hugo, wenn schon was von der Faust, dann ne Pizza.“ (S.61) Die Currywurst ist also schon wieder veraltet, überholt, die ganze Geschichte wie auch das Interesse des Erzählers erhalten dadurch doch etwas Extravagantes. Der Zivi dient aber auch als Gegenbeispiel zum (wehrpflichtigen) Soldaten Bremer, der nicht seine Rolle im und seinen Anteil am Krieg reflektiert und sich, dies fast wieder ein Klischee, wie die meisten Teile der Bevölkerung als Opfer der Zeitläufte sieht. „Man muß Nein sagen können, sagte Frau Brücker: wie der Hugo. Der ist mutig. Wickelt die Alten auf der Pflegestation.“ (S.123) Hier scheint mir der Zivildienstleistende doch etwas hochstilisiert zu werden, wenn man dann noch mitbeachtet, daß Hugo immer freundlich ist, einen Pferdeschwanz hat usw., scheint er mir doch etwas stark ein Zivildienstleistender aus dem Musterbuch zu sein.

Die Novelle weist einige autobiographische Züge auf. Die Rahmenhandlung läßt durch die Wahl und Beschreibung der Orte bereits Authentizität vermuten, sämtliche Orte existieren in Hamburg tatsächlich. Der Ich-Erzähler bringt sich von Anfang an in die Handlung ein. Uwe Timm ist tatsächlich in Hamburg geboren, 1940, er ist Kürschnerssohn, wie im 7. Kapitel beschrieben, wenn der Vater den Feh-Mantel näht (vgl. Wilpert). Timm bestätigt diese Vermutungen in seinen noch zu behandelnden Poetik-Vorlesungen. Dort erwähnt er in anderem Zusammenhang, daß er glaubt, die Entdeckerin der Currywurst zu kennen (S.34). Auch eine eigene Tätigkeit als Kürschner wird mehrmals erwähnt.

Deutlich nicht zufällig, also nicht authentisch, ist die Wahl der meisten Namen. Der Koch, der so oft absichtlich den Leuten den Magen verdirbt, heißt Holzinger, der Personalchef der Lebensmittelbehörde Fröhlich, der Gauredner Grün usw. Es sind stets klingende Namen, sie wären eine eigene Untersuchung wert.

3. Timms Alltagsästhetik

Uwe Timms fünf Vorlesungen zur Poetik, die unter dem Titel „Erzählen und kein Ende“ erschienen sind, tragen den Untertitel „Versuche zu einer Ästhetik des Alltags“. Timms Hauptinteresse liegt beim Erzählen, er versucht eine Neubelebung des Erzählens, womit er deutlich einem Bedürfnis der Zeit entspricht, wie man am anhaltenden Erfolg der zeitgenössischen lateinamerikanischen Literatur sieht, auf welche er sich auch beruft.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“. Die Funktion des Essens
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Germanistik)
Veranstaltung
Essen in der Literatur des 20. Jahrhunderts
Note
2,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
18
Katalognummer
V267776
ISBN (eBook)
9783656578277
ISBN (Buch)
9783656578260
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eingereicht unter Geburtsnamen Torsten Hell.
Schlagworte
timms, novelle, entdeckung, currywurst, funktion, essens
Arbeit zitieren
Torsten Lager (Autor:in), 1996, Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“. Die Funktion des Essens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267776

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